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Full text of "Jenseits des Lustprinzips. [3., durchgesehene Auflage] / Massenpsychologie und Ich-Analyse. [2. Auflage] / Das Ich und das Es."

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Internationaler Psychoanalytischer Verlag 



Si^m. Freud 

Jenseits des Lustprinzips 

Dritte durchgesehene Auflage (5.-9. Tausend) 

Massenpsychologie 
und Ich-Analyse 

Zweite Auflage (6. - 1 0. Tausend) 

Das Ich und das Es 

(l.-ö. Tausend) 

in einem H a I b 1 e i n e n b a n d 



Diese drei letzten 

Schriften Freuds sind geniale Marksteine auf dem 
kühnen Vormarsche der Psychoanalyse in geistiges 



Neuland. 



ȧ 



Überaus weitgreifend, die ganze Sexual- 



problematik umspannend" (Zeitschrift für Sexual- 
wissenschaft). - ..Anregend, mehr noch: aufregend" 
(Vossische Zeitung). - ,,Von neuem verblüfft die 



Tief 



unerhörte Kühnheit" (Börsencourier). - 

wie ein schwarzes Gewässer" (Neue Freie Presse). 



n 



Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig» Hospitalstrasse 10 
Wien, VII. Andreas gasse 3 

TAGEBUCH 

EINES 

HALBWÜCHSIGEN MÄDCHENS 

HERAUSGEGEBEN VON 

Dr. HERMI^fE HUG-HELLMUTH 

Dritte Auflage 
(6. — 10. Tausend) 

Das Tagebuch ist ein Juwel. Noch niemals hat man 
in soldier Klarheit und Wahrhaftigkeit in die Seelen- 
regungen hineinblicken können, welche die Entwick- 
lung des Mädchens unserer Gcsellschafts- und Kul- 
turstufe in den Jahren der Vorpubertät kennzeichnen. 

(Prof. Freud) 

„Literarisches Edio" : Weibliche Wesen der bür- 

§erlichenWelt werden sich beim Tagebuch Seite um 
cite zurückversetzt fühlen in ihr Einst ; männliche 
Wesen wird es statt dessen manche Kleinigkeit 
mitteilen, die sie noch nicht wußten. 

(Lou Andreas-Salome) 

„Vossische Zeitung": Denkt euch Wedekinds 
kleine Wenda, die am „Friihlings-Erwachen" so tra- 
gisch zugrundegeht, habe ihre Erlebnisse aufge- 
zeichnet, denkt sie euch in Geheimratskrcise und 
auf Wiener Boden versetzt. (Monty JaCobs) 

„Frankfurter Zeitung": Der Londoner Zensor 
war sicher der Meinung, es komme ausschließlich in 
Wien, oder höchstens noch bei sonstigen Hunnen vor, 
daß das Denken und Fühlen junger Mädchen durch 
bevorstehende physiologische Erscheinungen lebhaft 
beschäftigt wird. In der Kontinentalrasse steckt die 
Schweinerei. 

„Neue Freie Presse" : Mir scheint dieses Budi 

eines der kostbarsten, das je die Wissenschaft Hand 
in Hand mit dem Zufall dargeboten. 

(Stefan Zweig) 
„Zeitschrift für Sexualwisse'^*'iiaft": Wir 

betrachten hier einmal wertvollerweise die seelischen 
Wirkungen des Erwachens und Erkennens geschlecht- 
liclier Dinge und Beziehungen vom Gesichtspunkte 
der Kinderseele aus. 

„The New Statesman" : Gretcl Lainer (the name 
xiiosen by the psycho-analytical society) belongs to 
the Casanova type of autobiographer rather than 
to that of Rousseau and Bashkirtsef f. She is 
singularly little troubled with her own personality. 
She writes from a breathless interest in the world 
around rather than from any morbid taste for intro- 
spection or seif explanation . . . But it is difficult 
to understand why any class of grown-up people 
should be warned off it. Nothing could be more 
healthy minded, less indecent or morbid than Greta's 
interest in sex qucstions. 



ii*! 







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p 



SIGM. FREUD 

JENSEITS DES 
LUSTPRINZIPS 



I 

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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



1 



:; 



1 



JENSEITS DES 

LUSTPRINZIPS 



VON 



SIGM. FREUD 



DRITTE, 

DURCHGESEHENE AUFLAGE 

(5-— 9- TAUSEND) 







1923 

INTERNA.TIONALER PSYCHOANALmSCHER VERLAG 
LEIPZIG WIEN ZÜRICH 



Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in alle Sprachen, 

vorbehalten 



Copyright 1923 
by >lntcrnationalcr Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H,, Wien« 



i 






Gädritcki liHi K. Liebel, Wien 



I. 



' "1 



In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir un- 
bedenklich an, daß der Ablauf der seelischen Vorgänge 
automatisch durch das Lustprinzip reguliert wird, das 
heißt, wir glauben, daß er jedesmal durch eine unlust- 
volle Spannung angeregt wird und dann eine solche 
Richtung einsclilägt, daß sein Endergebnis mit einer 
Herabsetzung dieser Spannung, also mit einer Vermei- 
dung von Unlust oder Er2eugung von Lust zusammen- 
fällt. Wenn wir die von uns studierten seelischen Pro- 
zesse mit Rücksicht auf diesen Ablauf betrachten, 
führen wir den ökonomischen Gesichtspunkt in unsere 
Arbeit ein. Wir meinen, eine Darstellung, die neben 
dem topischen und dem dynamischen Moment noch 
dies ökonomische zu würdigen versuche, sei die voll- 
ständigste, die wir uns derzeit vorstellen können, und 
verdiene es, durch den Namen einer metapsycho- 
logischen hervorgehoben zu werden. 

Es hat dabei für uns kein Interesse zu unter- 
suchen, inwieweit wir uns mit der Aufstellung des 

Freiid : Jenseits des Lastpriniips 1 



^ 



Sigin. Freud 



Lustprinzips einem bestimmten, historisch festgelegten, 
philosophischen System angenähert oder angesclilossen 
haben. Wir gelangen zu solchen spekulativen Annahmen 
bei dem Bemühen, von den Tatsachen der täglichen 
Beobachtung auf unserem Gebiete Beschreibung und 
Rechenschaft zu geben. J^riorität und Originalität ge- 
hören nicht zu den Zielen, die der psychoanal)'tischen 
Arbeit gesetzt sind, und die Eindrücke, welche der 
Aufstellung dieses Prinzips zugrunde liegen, sind so 
augenfällig, daß es kaum möglich ist, sie zu übersehen. 
Dagegen würden wir uns gerne zur Dankbarkeit gegen 
eine philosophische oder psychologische Theorie be- 
kennen, die uns zu sagen wüßte, Vi-as die Bedeutungen 
der für uns so imperativen Lust- und Unlustemiifin- 
dungen sind. Leider wird uns hier nichts Brauchbares 
geboten. Es ist das dunkelste und unzugänglichste 
Gebiet des Seelenlebens, und wenn wir unmöglich ver- 
meiden können, es zu berühren, so wird die lockerste 
Annahme darüber, meine ich, die beste sein. Wir 
haben uns entschlossen, Lust und Unlust mit der Quan- 
tität der im Seelenleben vorhandenen — und nicht 
irgendwie gebundenen — Erregung in Beziehung zu 
bringen, solcher Art, daß Unlust einer Steigerung, 
Lust einer Verringerung dieser Quantität entspricht. 
Wir denken dabei nicht an ein einfaches Verhältnis 
zwischen der Stärke der Empfindungen und den Ver- 
änderungen, auf die sie bezogen werden; am wenigsten 
— nach allen Erfahrungen der Psychophysiologie — 






'Jensens des Z.7istprinsips 



an direkte Proportionalität; wahrscheinlich ist das Maß 
der Ven'ingerung oder Vermehrung in der Zeit das für 
die Empfindung entscheidende Moment. Das Experiment 
fände hier möglicherweise Zutritt, für uns Analytiker 
ist weiteres Eingehen in diese Probleme nicht geraten, 
solange nicht ganz bestimmte Beobachtungen uns leiten 
können. 

Es kann uns aber nicht gleichgültig lassen, wenn 
wir finden, daß ein so tiel blickender Forscher wie 
G. Th. Fechner eine Auffassung von Lust und Unlust 
vertreten hat, welche im wesentlichen mit der zusammen- 
fällt, die uns von der psychoanalytischen Arbeit auf- 
gedrängt wird. Die Äußerung Fechner's ist in seiner 
kleinen Schrift: Einige Ideen zur Schöpfungs- und 
Entwicklungsgeschichte der Organismen, 1873 (Ab- 
schnitt XI, Zusatz, p. 94), enthalten und lautet wie 
folgt : , (Insofern bewußte Antriebe immer mit Lust 
oder Unlust in Beziehung stehen, kann auch Lust oder 
Unlust mit Stabilitäts- und Instabilitätsverhältnissen in 
psychophysischer Beziehung gedacht werden, und es 
läßt sich hierauf die anderwärts von mir näher zu ent- 
wickelnde Hypothese begründen, daß jede, die Schwelle 
des Bewußtseins übersteigende psychophysische Be- 
wegung nach Maßgabe mit Lust behaftet sei, als sie 
sich der vollen Stabilität über eine gewisse Grenze 
hinaus nähert, mit Unlust nach Maßgabe, als sie über 
eine gewisse Grenze davon abweicht, indes zwischen 
beiden, als qualitative Schwelle der Lust und Unlust 



üigm. Freud 



zu bezeichnenden Grenzen eine gewisse Breite ästhe- 
tischer hidifferenz besteht, ....*' 

Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die 
Herrschaft des Lustprinzips im Seelenleben zu glauben, 
finden auch ihren Ausdruck in der Annahme, daß es 
ein Bestreben des seeHschen Apparates sei, die in ihm 
vorhandene Quantität von Erregung möglichst niedrig 
oder wenigstens konstant zu erhalten. Es ist dasselbe, 
nur in andere Fassung gebracht, denn wenn die Arbeit 
des seelischen Apparates dahin geht, die Erregungs- 
quantität niedrig zu halten, so muß alles, was dieselbe 
zu steigern geeignet ist, als funktionswidrig, das heißt, 
als unlustvoll empfunden werden. Das Lustprinzip leitet 
sich aus dem Konstanzprinzip ab; in Wirklichkeit wurde 
das Konstanzprinzip aus den Tatsachen erschlossen die 
uns die Annahme des Lustprinzips aufnötigten. Bei 
eingehenderer Diskussion werden wir auch finden, daiS 
dies von uns angenommene Bestreben des seelischen 
Apparates sich als spezieller Fall dem Fechner'schen 
Prinzip der Tendenz zur Stabilität unterordnet, zu 
dem er die Lust-Unlustempfindungen in Beziehung 
gebracht hat. 

Dann müssen wir aber sagen, es sei eigentlich 
unrichtig, von einer Herrschaft des Lustprinzips über 
den Ablauf der seelischen I^rozesse zu reden. Wenn 
eine solche bestände, müßte die übergroße Mehrheit 
unserer Seelenvorgänge von Lust begleitet sein oder 
zur Lust führen, während doch die allgemeinste Er- 



V « 



yejiseits des L^ustprmzips 



fahrung dieser Folgerung energisch widerspricht. Es 
kann also nur so sein, daß eine starke Tendenz zum 
Lustprinzip in der Seele besteht, der sich aber gewisse 
andere Kräfte oder Verhältnisse widersetzen, so daß 
der Endausgang nicht immer der Lusttendenz ent- 
sprechen kann. Vgl. die Bemerkung Fechner's bei 
ähnlichem Anlasse (ebenda, p. 90): ,, Damit aber, daß 
die Tendenz zum Ziele noch nicht die Erreichung des \ 

Zieles bedeutet und das Ziel überhaupt nur in Ap- 
proximationen erreichbar ist, . . . .'' Wenn wir uns nun 
der Frage zuwenden, welche Umstände die Durch- j 

Setzung des Lustprinzips zu vereiteln vermögen, dann 
betreten wir wieder sicheren und bekannten Boden 
und können unsere analytischen Erfahrungen in reichem 
Ausmaße zur Beantwortung heranziehen. 

Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lust- 
prinzips ist uns als ein gesetzmäßiger vertraut. Wir | 
wissen, daß das Lustprinzip einer primären Arbeits- 
weise des seelischen Apparates eignet, und daß es 
für die Selbstbehauptung des Organismus unter den 
Schwierigkeiten der Außenwelt so recht von Anfang 
an unbrauchbar, ja in hohem Grade gefährlich ist. 
Unter dem Einflüsse der Selbsterhaltungstriebe des 
Ichs wird es vom Realitätsprinzip abgelöst, welches 
ohne die Absicht endlicher Lustgewinnung aufzugeben, 
doch den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht 
auf mancherlei Möglichkeiten einer solchen und die 
zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen Um- 



Sigj/i. I-'rcud 



wege zur Lust fordert und durchsetzt. Das Lustprinzip 
bleibt dann noch lange Zeit die Arbeitsweise der 
schwerer „erziehbaren" Sexualtriebe, und es kommt 
immer wieder vor, daß es, sei es von diesen letzteren 
aus, sei es im Ich selbst, das Realitätsprinzip zum 
Schaden des ganzen Organismus überwältigt. 

Es ist indes unzweifelhaft, dali die Ablösung des 
Lustprinzips durch das Realitätsprinzip nur für einen 
geringen und nicht für den intensivsten Teil der Unlust- 
erfahrungen verantwortlich gemacht werden kann. Eine 
andere, nicht weniger gesetzmäliige Quelle der Unlust- 
entbindung ergibt sich aus den Konflikten und Spal- 
tungen im seelischen Apparat, während das Ich seine 
Entwicklung zu höher zusammengesetzten Organisationen 
durchmacht. Fast alle Energie, die den Apparat er- 
füllt, stammt aus den mitgebrachten Triebregungen, 
aber diese werden nicht alle zu den gleichen Ent- 
wicklungsphasen zugelassen. Unterwegs geschieht es 
immer wieder, daß einzelne Triebe oder Triebanteile 
sich in ihren Zielen oder Ansprüchen als unverträglich 
mit den übrigen erweisen, die sich zu der umfassenden 
Einlieit des Ichs zusammenschließen können. Sie werden 
dann von dieser Einheit durch den Prozeß der Ver- 
drängung abgespalten, auf niedrigeren Stufen der psy- 
chischen Entwicklung zurückgehalten und zunächst von 
der jVIöglichkcit einer Befriedigung abgeschnitten. Ge- 
kngt es ihnen dann, was bei den verdrängten Sexual- 
trieben so leicht geschieht, sich auf Umwegen zu einer 



»a 



Jenseits des Liistprinzips 



direkten oder Ersatzbefriedigung durchzuringen, so wird 
dieser Erfolg, der sonst eine Lustmöglichkeit gewesen 
wäre, vom ich als Unlust empfunden. Infolge des alten, 
in die Verdrängung auslaufenden Konfliktes hat das 
Lustprinzip einen neuerlichen Durchbruch erfahren, ge- 
rade während gewisse Triebe am Werke waren, in 
Befolgung des Prinzips neue Lust zu gewinnen. Die 
Einzelheiten des Vorganges, durch welchen die Ver- 
drängung eine Lustmöglichkeit in eine Unlustquelle 
verwandelt, sind noch nicht gut verstanden oder nicht 
klar darstellbar, aber sicherlich ist alle neurotische Un- 
lust von solcher Art, ist Lust, die nicht als solche 
empfunden werden kann. 

Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust 
decken noch lange nicht die Mehrzahl unserer Unlust- 
erlebnisse, aber vom Rest wird man mit einem An- 
schein von gutem Recht behaupten, daß sein Vorhanden- 
sein der Herrschaft des Lustprinzips nicht widerspricht. 
Die meiste Unlust, die wir verspüren, ist ja Wahr- 
nehmungsunlust, entweder Wahrnehmung des Drängens 
unbefriedigter Triebe oder äußere Wahrnehmung, sei 
es, daß diese an sich peinlich ist, oder daß sie unlust- 
votle Erwartungen im seelischen Apparat erregt, von 
ihm als ,, Gefahr" erkannt wird. Die Reaktion auf diese 
Trieb ansprüche und Gefahrdrohungen, in der sich die 
eigentliche Tätigkeit des seelischen Apparates äußert, 
kann dann in korrekter Weise vom Lustprinzip oder 
dem es modifizierenden Realitätsprinzip geleitet w^erden. 



8 



Sigm. 



Freud 



Somit scheint es nicht notwendig, eine weitergehende 
Einschränkung des Lustprinzips anzuerkennen, und doch 
kann gerade die Untersuchüug der seelischen Reaktion 
auf die äußerUche Gefahr neuen Stoff und neue Frage- 
stellungen zu dem hier behandelten Problem liefern. 



IL 

Nach schweren mechanischen Erschütterungen, 
Eisenbahnzusammenstößen und anderen, mit Lebens- 
gefahr verbundenen, Unfällen ist seit langem ein Zustand 
beschrieben worden, dem dann der Name „trauma- 
tische Neurose" verbUeben ist. Der schreckliche, eben 
jetzt abgelaufene Krieg hat eine große Anzahl solcher 
Erkrankungen entstehen lassen und wenigstens der 
Versuchung ein Ende gesetzt, sie auf organische Schädi- 
gung des Nervensystems durch Einwirkung mechanischer 
Gewalt zurückzuführen.' Das Zustandsbild der trauma- 
tischen Neurose nähert sich der Hysterie durch seinen 
Reichtum an ähnlichen motorischen Symptomen, über- 
trifft diese aber in der Regel durch die stark aus- 
gebildeten Anzeichen subjektiven Leidens, etwa wie 
bei einer Hypochondrie oder Melancholie, und durch 
die Beweise einer weit umfassenderen allgemeinen 

l) Vgl. Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Mit Beiträgen 
von Ferenczi, Abraham, Simmel und E. Jones. Band I der 
Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek, 1919. 



TT- 



lO Sigm. Freud 



Schwächung und Zerrüttung der seelischen Leistungen. 
Ein volles Verständnis ist bisher weder für die Kriegs- 
neurosen noch für die traumatischen Neurosen des 
Friedens erzielt worden. Bei den Kriegsneurosen wirkte 
es einerseits aufklärend, aber doch wiederum ver- 
wirrend, daß dasselbe Krankheitsbild gelegentlich ohne 
Mithilfe einer groben mechanischen Gewalt zustande 
kam; an der gemeinen traumatischen Neurose heben 
sich zwei Züge hervor, an welche die Überlegung an- 
knüpfen konnte, erstens, daß das Hauptgewicht der 
Verursachung auf das Moment der Überrascliung, auf 
den Schreck, zu fallen schien, und zweitens, daß eine 
gleichzeitig erlittene Verletzung oder Wunde zumeist 
der Entstehung der Neurose entgegenwirkte. Schreck, 
Furcht, Angst werden mit Unrecht wie synonyme Aus- 
drücke gebraucht; sie lassen sich in ihrer Beziehung 
zur Gefahr gut auseinanderhalten. Angst bezeichnet 
einen gewissen Zustand wie Erwartung der Gefahr 
und Vorbereitung auf dieselbe, mag sie auch eine un- 
bekannte sein; Furcht verlangt ein bestimmtes Objekt, 
vor dem man sich fürchtet; Schreck aber benennt 
den Zustand, in den man gerät, wenn man in Gefahr 
kommt, ohne auf sie vorbereitet zu sein, betont das 
Moment der Überraschung. Ich glaube nicht, daß die 
Angst eine traumatische Neurose erzeugen kann; an 
der Angst ist etwas, was gegen den Schreck und also 
auch gegen die Schreckneurose schützt. Wir werden 
auf diesen Satz später zurückkommen. 



~ im.--——' 






'Jciisciis des Lustprinzips \ i 






Das Studium des Traumes dürfen wir als den 
zuverlässigsten Weg zur Erforschung der seelischen 
Tiefenvorgänge betrachten. Nun zeigt das Traumleben 
der traumatischen Neurose den Charakter, daß es den 
Kranken immer wieder in die Situation seines Unfalles 
zurückführt, aus der er mit neuem Schreck erwacht. 
Darüber verwundert man sich viel zu wenig. Man 
meint, es sei eben ein Beweis für die Stärke des Em- 
druckes, den das traumatische Erlebnis gemacht hat, 
daß es sich dem Kranken sogar im Schlaf immer 
wieder aufdrängt. Der Kranke sei an das Trauma so- 
zusagen psychisch fixiert. Solche Fixierungen an das 
Erlebnis, welches die Erkrankung ausgelöst hat, sind J 

uns seit langem bei der Hysterie bekannt. Breuer .^ 

und Freud äußerten 1893: Die Hysterischen leiden jj 

großenteils an Reminiszenzen. Auch bei den Kriegs- 
neurosen haben Beobachter wie Ferenczi und Simmel 
manche motorische Symptome durch Fixierung an den 
Moment des Traumas erklären können. 

Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an trauma- 
tischer Neurose Krankenden sich im Wachleben viel 
mit der Erinnerung an ihren Unfall beschäftigen. Viel- %^ 

leicht bemühen sie sich eher, nicht an ihn zu denken. 
Wenn man es als selbstverständlich hinnimmt, daß der 
nächtliche Traum sie wieder in die krankmachende 
Situation versetzt, so verkennt man die Natur des 
Traumes. Dieser würde es eher entsprechen, dem 
Kranken Bilder aus der Zeit der Gesundheit oder der 



.3 



12 



Sig??i. Freud 



erhofften Genesung vorzuführen. Sollen wir durch die 
Träume der Unfall sneurotiker nicht an der wunsch- 
erfüUenden Tendenz des Traumes irre werden, so 
bleibt uns etwa noch die Auskunft, bei diesem Zu- 
stand sei wie so vieles andere auch die Traumfunktion 
erschüttert und von ihren Absichten abgelenkt worden, 
oder wir müßten der rätselhaften masochistischen Ten- 
denzen des Ichs gedenken. 

Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und 
düstere Thema der traumatischen Neurose zu ver- 
lassen und die Arbeitsweise des seelischen Apparates 
an einer seiner frühzeitigsten normalen Betätigungen 
zu studieren. Ich meine das Kinderspiel. 

Die verschiedenen Theorien des Kinderspiels sind 
erst kürzlich von S. Pfeifer in der „Imago" (V/4) 
zusammengestellt und analytisch gewürdigt worden; 
ich kann hier auf diese Arbeit verweisen. Diese 
Theorien bemühen sich, die Motive des Spielens 
der Kinder zu erraten, ohne daß dabei der ökonomi- 
sche Gesichtspunkt, die Rücksicht auf Lustgewinn, 
in den Vordergrund gerückt würde. Ich habe, ohne 
das Ganze dieser Erscheinungen umfassen zu wollen, 
eine Gelegenheit ausgenützt, die sich mir bot, um 
das erste selbstgeschaffene Spiel eines Knaben im 
Alter von i'/^ Jahren aufzuklären. Es war mehr als 
eine flüchtige Beobachtung, denn ich lebte durch 
einige Wochen mit dem Kinde und dessen Eltern 
unter einem Dach, und es dauerte ziemlich lange, 



Jenseits des Lustp^-mzips 13 



bis das rätselhafte und andauernd wiederholte Tun 
mir seinen Sinn verriet. 

Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung 
keineswegs voreilig, es sprach mit i'/, Jahren erst 
wenige verständliche Worte und verfügte außerdem 
über mehrere bedeutungsvolle Laute, die von der Um- 
gebung verstanden wurden. Aber es war in gutem 
Rapport mit den Eltern und dem einzigen Dienst- 
mädchen und wurde wegen seines „anständigen" Charak- 
ters gelobt. Es störte die Eltern nicht zur Nachtzeit, 
befolgte gewissenhaft die Verbote, manche Gegen- 
stände zu berühren und in gewisse Räume zu gehen, 
und vor allem anderen, es weinte nie, wenn die Mutter 
es für Stunden verließ, obwohl es dieser Mutter zärtlich 
anhing, die das Kind nicht nur selbst genährt, sondern 
auch ohne jede fremde Beihilfe gepflegt und betreut 
hatte. Dieses brave Kind zeigte nun die gelegentlich 
störende Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände, deren 
es habhaft wurde, weit weg von sich in eine Zimmer- 
ecke unter ein Bett usw. zu schleudern, so daß das 
Zusammensuchen seines Spielzeugs oft keine leichte 
Arbeit war. Dabei brachte es mit dem Ausdruck von 
Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes 

Q o — o — hervor, das nach dem übereinstimmenden 

Urteil der Mutter und des Beobachters keine Inter- 
jektion war, sondern ,,Fort" bedeutete. Ich merkte 
endlich, daß das ein Spiel sei, und daß das Kind alle 
seine Spielsachen nur dazu benütze, mit ihnen ,,fort- 



14 



Signi. Flenid 



sein" zu spielen. Eines Tages machte ich dann die 
Beobachtung, die meine Auffassung bestätigte. Das 
Kind hatte eine Holzspule, die mit einem Bindfaden 
umwickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie z. B. am 
Boden hinter sich herzuziehen, also Wagen mit ihr zu 
spielen, sondern es warf die am Faden gehaltene 
Spule mit großem Geschick über den Rand seines 
verhängten Bettchens, so daß sie darin verschwand, 
sagte dazu sein bedeutungsvolles o — o — o — o und 
zog dann die Spule am Faden wieder aus dem Bett 
heraus, begrüßte aber deren Erscheinen jetzt mit einem 
freudigen ,,Da". Das war also das komplette Spiel, 
Verschwinden und Wiederkommen, wovon man zu- 
meist nur den ersten Akt zu sehen bekam, und dieser 
wurde für sich allein unermüdlich als Spiel wiederholt, 
obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten 
Akt anhing." 

Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war 
im Zusammenhang mit der großen kulturellen Leistung 
des Kindes, mit dem von ihm zustande gebrachten 

i) Diese Deutung wurde dann durch eine weitere Beob- 
achtung völlig gesichert. Als eines Tages die Mutter über viele 
Stunden abwesend gewesen war, wurde sie beim Wiederkommen 
mit der Mitteilung begrüßt: Bebi o~o— o— o!, die zunächst un- 
verständlich blieb. Es ergab sich aber bald, daß das Kind wahrend 
dieses langen Alleinseins ein Mitte! gefunden hatte, sich selbst 
verschwinden zu lassen. Es hatte sein Bild in dem fast bis zum 
Boden reichenden Standspiegel entdeckt und sich dann nieder- 
gekauert, so daß das Spiegelbild „fort" war. 



V 

\ 



Jenseits des Lustprinzips 15 



I ■ Triebverzicht (Verzicht auf Triebbefriedigung.), das Fort- 
^' gehen der Mutter ohne Sträuben zu gestatten. Es 

!. entschädigte sich gleichsam dafür, indem es dasselbe 

t Verschwinden und Wiederkommen mit den ihm er- 

r reichbaren Gegenständen selbst in Szene setzte. Für 

\_ die affektive Einschätzung dieses Spieles ist es natürlich 

\ gleichgültig, ob das Kind es selbst erfunden oder sich 

infolge einer Anregung zu eigen gemacht, hatte. Unser 
[ Interesse wird sich einem anderen Punkte zuwenden. 

Das Fortgehen der Mutter kann dem Kinde unmöglich 
■ angenehm oder auch nur gleichgültig gewesen sein. 

'. Wie stimmt es also zum Lustprinzip, daß es dieses 

ihm peinliche Erlebnis als Spiel wiederholt? Man wird 
vielleicht antworten wollen, das Fortgehen müßte als 
Vorbedingung des erfreulichen Wiedererscheinens ge- 
\- spielt w^erden, im letzteren sei die eigentliche Spiel- 

r absieht gelegen. Dem würde die Beobachtung \vider- 

sprechen, daß der erste Akt, das Fortgehen, für sich 
allein als Spiel inszeniert wurde, und zwar ungleich 
häufi<Ter als das zum lustvollen Ende fortgeführte Ganze. 
Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt 
keine sichere Entscheidung; bei unbefangener Betrach- 
tung gewinnt man den Eindruck, daß das Kind das 
Erlebnis aus einem anderen Motiv zum Spiel gemacht 
hat. Es war dabei passiv, wurde vom Erlebnis be- 
troffen und bringt sich nun in eine aktive Rolle, 
indem es dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, als 
Spiel wiederholt. Dieses Bestreben könnte man einem 



i6 Sig'w. Freud 



% 

■ '3 



Bemächtigungstrieb zurechnen, der sich davon un- 
abhängig macht, ob die Erinnerung an sich lustvoll 
war oder nicht. Man kann aber auch eine andere 
Deutung versuchen. Das Wegwerfen des Gegenstandes, 
so daß er fort ist, könnte die Befriedigung eines im 
Leben unterdrückten Racheimpulses gegen die Mutter 
sein, weil sie vom Kinde fortgegangen ist, und dann 
die trotzige Bedeutung haben: ja, geh' nur fort, ich 
brauch' dich nicht, ich schick' dich selber weg. Das- 
selbe Kind, das ich mit iV, Jahren bei seinem ersten 
Spiel beobachtete, pflegte ein Jahr später ein Spiel- 
zeug, über das es sich geärgert hatte, auf den Boden 
zu werfen und dabei zu sagen; Geh' in K(r)iegl 
Man hatte ihm damals erzählt, der abwesende Vater 
befinde sich im Krieg, und es vermißte den Vater 
gar nicht, sondern gab die deutlichsten Anzeichen von 
sich, daß es im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört 
werden wolle \ V^ir wissen auch von anderen Kindern, 
daß sie ähnliche feindselige Regungen durch das Weg- 
schleudern von Gegenständen an Stelle der Personen 
auszudrücken vermögen ^ Man gerät so in Zweifel, ob 
der Drang, etwas Eindrucksvolles psychisch zu ver- 

1) Als das Kind 5'/. Jahre ait war, starb die~Mmte7. >tel, 
da sie wirklich „fort" (0-0-0) war, zeigte der Knabe keine 
irauer um sie. Allerdings war inzwischen ein zweites Kind ge- 
boren worden, das seine stärkste Eifersucht erweckt hatle. 

2) Vgl. Eine Kijidheitserinnening aus „Dichtung und Wahr- 
heit". Imago, V/4, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 
IV. Folge. 



■^syr-. 



yeriseits des Lusiprinzips 17 

arbeiten, sich seiner voll zu bemächtigen, sich primär 
und unabhängig vom Lustprinzip äußern kann. Im hier 
diskutierten Falle könnte er einen unangenehmen Ein- 
druck doch nur darum im Spiel wiederholen, weil 
mit dieser Wiederholung ein andersartiger, aber direkter 
Lustgewinn verbunden ist. 

Auch die weitere Verfolgung des Kinderspiels hilft 
diesem unserem Schwanken zwischen zwei Auffassungen 
nicht ab. Man sieht, daß die Kinder alles im Spiele 
wiederholen, was ihnen im Leben großen Eindruck 
gemacht hat, daß sie dabei die Stärke des Eindruckes 
abreagieren und sich sozusagen zu Herren der Situation 
machen. Aber anderseits ist es klar genug, daß all 
ihr Spielen unter dem Einflüsse des Wunsches steht, 
der diese ihre Zeit dominiert, des Wunsches : groß zu 
sein und so tun zu können wie die Großen. Man macht 
auch die Beobachtung, daß der Unlustcharakter des Erleb- 
nisses es nicht immer für das Spiel unbrauchbar macht. 
Wenn der Doktor dem Kinde in den Hals geschaut oder 
eine kleine Operation an ihm ausgeführt hat, so wird 
dies erschreckende Erlebnis ganz gewiß zum Inhalt des 
nächsten Spieles werden, aber der Lustgewinn aus 
anderer Quelle ist dabei nicht zu übersehen. Indem das 
Kind aus der Passivität des Erlebens in die Aktivität 
des Spielens übergeht, fügt es einem Spielgefährten 
das Unangenehme zu, das ihm selbst widerfahren 
war, und rächt sich so an der Person dieses Stellver- 
treters. 

Freud : JcDselts des Lustprimips 2 



ib Sij^'w. [''rcud 



Aus diesen Erörterungen ^^eht immerhin hervor, 
daß die Annahme eines besonderen Nachahmungs- 
triebes als Motiv des Spielens überflüssig ist. Schließen 
wir noch die Mahnungen an, daß das künstlerische 
Spielen und Nachahmen der Erwachsenen, das zum 
Unterschied vom Verhalten des Kindes auf die Person 
des Zuschauers zielt, diesem die schmerzlichsten Ein- 
drücke z. B. in der Tragödie nicht erspart und doch 
von ihm als hoher Genuß empfunden werden kann. 
Wir werden so davon überzeugt, daß es auch unter 
der Herrschaft des Lustprinzips Mittel und Wege genug 
gibt, um das an sich Unlustvolle zum Gegenstand der 
Erinnerung und seelischen Bearbeitung zu machen. Mag 
sich mit diesen, in endlichen Lustgewinn auslaufenden 
Fällen und Situationen eine ökonomisch gerichtete 
Aesthetik befassen ; für unsere Absichten leisten sie 
nichts, denn sie setzen Existenz und Herrschaft des 
Lustprinzips voraus und zeugen nicht für die Wirk- 
samkeit von Tendenzen jenseits des Lustprinzips, das 
heißt solcher, die ursprünglicher als dies und von ihm 
unabhängig wären. 






III. 

Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es 
mit sich gebracht, daß die nächsten Ziele der psycho- 
analytischen Technik heute ganz andere sind als zu 
Anfang. Zuerst konnte der analysierende Arzt nichts 
anderes anstreben, als das dem Kranken verborgene 
Unbewußte zu erraten, zusammenzusetzen und zur 
rechten Zeit mitzuteHen. Die Psychoanalyse war vor 
allem eine Deutungskunst. Da die therapeutische Auf- 
gabe dadurch nicht gelöst war, trat sofort die nächste 
Absicht auf, den Kranken zur Bestätigung der Kon- 
struktion durch seine eigene Erinnerung zu nötigen. 
Bei diesem Bemühen fiel das Hauptgewicht auf die 
Widerstände des Kranken; die Kunst war jetzt, diese 
baldigst aufzudecken, dem Kranken zu zeigen und ihn 
durch menschliche Beeinflussung (hier die Stelle für 
die als „Uebertragung" wirkende Suggestion) zum 
Aufgeben der Widerstände zu bewegen. 

Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das 
gesteckte Ziel, die Bewußtwerdung des Unbewußten, 



"S^"^ 



*.0 Signi. Freud 



auch auf diesem Wege nicht voll erreichbar ist. Der 
Kranke kann von dem in ihm Verdrängten nicht alles 
erinnern, vielleicht gerade das Wesentliche nicht, und 
erwirbt so keine Überzeugung von der Richtigkeit 
der ihm mitgeteilten Konstruktion. Er ist vielmehr 
genötigt, das Verdrängte als gegenwärtiges Erlebnis zu 
wiederholen, anstatt es, wie der Arzt es lieber 
sähe, als ein Stück der Vergangenheit zu erinnern." 
Diese mit unerwünschter Treue auftretende Reproduk- 
tion hat immer ein Stück des infantilen Sexuallebens, 
also des Ödipuskomplexes und seiner Ausläufer, zum 
Inhalt und spieh sich regelmäßig auf dem Gebiete der 
Übertragung, d. h. der Beziehung zum Arzt ab. Hat 
man es in der Behandlung so weit gebracht, so kann 
man sagen, die frühere Neurose sei nun durch eine 
frische Übertragungsneurose ei-setzt. Der Arzt hat sich 
bemüht, den Bereich dieser Übertragungsneurose mög- 
lichst einzuschränken, möglichst viel in die Erinnerung 
zu drängen und möglichst wenig zur Wiederholung 
zuzulassen. Das Verhältnis, das sich zwischen Erinnerung 
und Reproduktion herstellt, ist für jeden Fall ein 
anderes, hi der Regel kann der Arzt dem Analysierten 
diese Phase der Kur nicht ersparen; er muß ihn ein 
gewisses Stück seines vergessenen Lebens wieder- 
erlcben lassen und hat dafür zu sorgen, daß ein Maß 

l) S. Zur Technik der Psychoanalyse 11, Erinnern, Wieder- 
holen und Durcharbeiten. Sammlung kleiner Schriften zur Neu- 
rosenlehre, IV. Folge, S. 441, 1918. 



von Überlegenheit erhalten bleibt, kraft dessen die 
ansclieinende Realität doch immer wieder als Spiegelung 
einer vergessenen Vergangenheit erkannt wird. Gelingt 
dies, so ist die Überzeugung des Kranken und der 
von ihr 'abhängige therapeutische Erfolg gewonnen. 

Um diesen „Wiederholungszwang", der sich 
während der psychoanalytischen Behandlung der Neu- 
rotiker äußert, begreiflicher zu finden, muß man sich 
vor allem von dem Irrtum frei machen, man habe es 
bei der Bekämpfung der Widerstände mit dem Wider- 
stand des „Unbewußten" zu tun. Das Unbewußte, d. h. 
das „Verdrängte", leistet den Bemühungen der Kur 
tiberhaupt keinen Widerstand, es strebt ja selbst 
nichts anderes an, als gegen den auf ihm lastenden 
Druck zum Bewußtsein oder zur Abfuhr durch die 
reale Tat durchzudringen. Der Widerstand in der Kur 
geht von denselben höheren Schichten und Systemen 
des Seelenlebens aus, die seinerzeit die Verdrängung 
durchgeführt haben. Da aber die Motive der Wider- 
stände, ja diese selbst erfahrungsmäßig in der Kur 
zunächst unbewußt sind, werden wir gemahnt, eine 
Unzweckmäßigkeit unserer Ausdrucks\veise zu verbes- 
sern. Wir entgehen der Unklarheit, wenn wir nicht das 
Bewußte und das Unbewufke, sondern das zusammen- 
hängende Ich und das Verdrängte in Gegensatz 
zueinander bringen. Vieles am Ich ist sicherlich selbst 
unbewußt, gerade das, was man den Kern des Ichs 
nennen darf ; nur einen geringen Teil davon decken 



22 



Sigm, Freud 



wir mit dem Namen des V o r b e w u ß t e n. Nach dieser 
Ersetzung einer bloß deskriptiven Ausdrucksweise durch 
eine systematische oder dynamische können wir sagen, 
der Widerstand der Analysierten gehe von ihrem Ich 
aus, und dann erfassen wir sofort, der Wiederholungs- 
zwang ist dem unbcwufken Verdrängten zuzuschreiben. 
Er konnte sich wahrscheinlich nicht eher äußern, als bis 
die entgegenkommende Arbeit der Kur die Verdrängung 
gelockert hatte". 

Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des 
bewußten und vorbewußten Ichs im Dienste des Lust- 
prinzips steht, er will ja die Unlust ersparen, die durch 
das Freiwerden des Verdrängten erregt würde, und 
unsere Bemühung geht dahin, solcher Unlust unter 
Berufung auf das Realitätsprinzip Zulassung zu erwirken. 
In welcher Beziehung zum Lustprinzip steht aber der 
Wiederholungszwang, die Kraftäußcrung des Ver- 
drängten? Es ist klar, daß das meiste, was der Wieder- 
holungszwang wiedererlebcn läßt, dem Ich Unlust 
bnngen muß, denn er fördert ja Leistungen verdrängter 
fnebregungen zutage, aber das ist Unlust, die wir 
schon gewürdigt haben, die dem Lustprinzip nicht 
widerspricht, Unlust für das eine System und gleich- 
ze^ Befriedigung für das andere. Die neue und merk- 

Sna.'v^"' 'T'" """ '"''^'''' ^"^'""^ auseina„d^da7 es die 
fanf ; ITnr "^ '" ''"^ "^•"'^"^'■^ ^*^^ ^^- Wicderholungs- 

bLrld.t r r T'' '■" '" '■'^'"" -bewußten EUernkomplex 
begründete Gefügigkeit gcfren den Arzt. 



-m 



Jenseits des Lusiprmzlps 23 

würdige Tatsache aber, die wir jetzt zu beschreiben 
haben, ist, daß der WiederhoUingszwang auch solche 
Mrlebnisse der \'ergangenheit wiederbringt, die kerne 
LustmögHchkcit enthalten, die auch damals nicht Be- 
friedigungen, selbst nicht von seither verdrängten Trieb- 
regungen, gewesen sein können. 

Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war 
infolge der Unverträglichkeit ihrer Wünsche mit der 
Realität und der Unzulänglichkeit der kindlichen Ent- 
wicklungsstufe zum Untergang bestimmt. Sie ging bei 
den peinlichsten Anlässen unter tief schmerzlichen 
Empfindungen zugrunde. Der Liebesverlust und das 
Ahßlingen hinterließen eine dauernde Beeinträchtigung 
des Selbstgefühls als narzistische Narbe, nach meinen 
Itrfahrungcn wie nach denAusführungen Marcinowski's' 
den stärksten Beitrag zu dem häufigen ,, Minderwertig- 
keitsgefühl" der N'eurotiker. Die Sexualforschung, der 
durch die körperliche Entwicklung des Kmdes Schranken 
gesetzt waren, brachte es zu keinem befriedigendem 
Abschluß; daher die spätere Klage: Ich kann nichts 
fertig bringen, mir kann nichts geHngen. Die zärtliche 
Bindung, meist an den gegengeschlechthchen Eltern- 
teil, erlag der Enttäuschung, dem vergeblichen Warten 
auf Befriedigung, der Eifersucht bei der Geburt eines 
neuen Kindes, die unzweideutig die Untreue des oder 
der Geliebten erwies; der eigene mit tragischem Ernst 

1) Marcinowski, Die erotischen Quellen der Minderwertig- 
keitsgefühle. Zeitschrift für Sexualwissenschaft, IV., 1918. 



5 



1 



24 



S/o'J'i- Freud 






f 



unternommene Versuch, selbst ein solches Kind zu 
schaffen, mißlang in beschämender Weise; die Abnahme 
der dem Kleinen gespendeten Zärtlichkeit, der gesteigerte 
Anspruch der Erziehung, ernste Worte und eine ge- 
legentliche Bestrafung hatten endlich den ganzen Umfang 
der ihm zugefallenen Verschmähung enthüllt. Es gibt 
hier einige wenige Typen, die regelmäßig wiederkehren» 
wie der typischen Liebe dieser Kinderzeit ein Ende 
gesetzt wird. 

Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerz- 
lichen Aftektlagen werden nun vom Neurotiker in der 
Übertragung wiederholt und mit großem Geschick neu 
belebt. Sie streben den Abbruch der unvollendeten 
Kur an, sie wissen sich den Eindruck der Verschmähung 
wieder zu verschaften, den Arzt zu harten Worten 
und kühlem Benehmen ^Qg(ix\ sie zu nötigen, sie finden 
die geeigneten Objekte für ihre Eifersucht, sie ersetzen 
das heiß begehrte Kind der Urzeit durch den Vorsatz 
oder das Versprechen eines großen Geschenks, das meist 
ebensowenig real wird wie jenes. Nichts von alledem 
konnte damals lustbringend sein; man sollte meinen, es 
müßte heute die geringere Unlust bringen, \^'enn es als 
Erinnerung oder in Träumen auftauclitc, als wenn es sich 
zum neuen Erlebnis gestaltete. Es handelt sich natürlich 
um die Aktion von Trieben, die zur Befriedigung führen 
sollten, allein die Erfahrung, daß sie anstatt dessen auch 
damals nur Unlust brachten, hat nichts gefruchtet. Sie 
wird trotzdem wiederholt; ein Zwang drängt dazu. 



yenseits des JLustprinsipa 25 

Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Über- 
tragungsphänomenen der Neiirotiker aufzeigt, kann man 
auch im Leben nicht neurotischer Personen wieder- 
finden. Es macht bei diesen den Eindruck eines sie 
verfolgenden Schicksals, eines dämonischen Zuges in 
ihrem Erleben, und die Psychoanalyse hat von Anfang 
an solches Schicksal für zum großen Teil selbstbereitet 
und durch frtlhinfantile Einflüsse determiniert gehalten. 
Der Zwang, der sich dabei äußert, ist vom Wieder- 
holungszwang der Neurotiker nicht verschieden, wenn- 
gleich diese Personen niemals die Zeichen eines durch 
Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts ge- 
boten haben. So kennt man Personen, bei denen jede 
menschliche Beziehung den gleichen Ausgang nimmt: 
Wohltäter, die von jedem ihrer Schützlinge nach einiger 
Zeit im Groll verlassen werden, so verschieden diese 
sonst auch sein mögen, denen also bestimmt scheint, 
alle Bitterkeit des Undanks auszukosten; Männer, bei 
denen jede Freundschaft den Ausgang nimmt, daß der 
Freund sie verrät; andere, die es unbestimmt oft in 
ihrem Leben wiederholen, eine andere Person zur 
großen Autorität für sich oder auch für die Öffent- 
lichkeit zu erheben, und diese Autorität dann nach 
abgemessener Zeit selbst stürzen, um sie durch eine 
neue zu ersetzen; Liebende, bei denen jedes zärtliche 
Verhältnis zum Weibe dieselben Phasen durchmacht 
und zum gleichen Ende führt usw. Wir verwundern 
uns über diese ,, ewige Wiederkehr des Gleichen" nur 



2 6 SJg7// . I-'rciid 



wenig, wenn es sich um ein aktives \'crhalten des 
Betreffenden handelt, und wenn wir den sich gleicli- 
bleibenden Charakterzug seines Wesens aiiflinden, der 
sich in der Wiederholung der nämlichen Erlebnisse 
äußern muß. Weit stärker wirken jene l''älle auf uns, 
bei denen die Person etwas passiv zu erleben scheint, 
worauf ihr ein KinflulS nicht zusteht, wäiirend sie doch 
immer nur die Wiederholung desselben Schicksals 
erlebt. Man denke z. B. an die Geschiclite jener Frau, 
die dreimal nacheinander Männer lieiratctc, die nach 
kurzer Zeit erkrankten und von ihr zu Tode gepflegt 
werden mußten.' Die ergreifendste poetische Darstellung 
eines solchen Schicksalszuges hat Tasso im lomanti- 
schen Epos ,,Gcrusalemvif liberata" gegeben. Held 
Tankred hat unwissentlich die von ihm geliebte Clorinda 
getötet, als sie in der Rüstung eines feindlichen Ritters 
mit ihm kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in 
den unlieimlichen Zaubcrwald ein, der das Heer der 
Kreuzfahrer schreckt. Dort zerhaut er einen hohen 
Baum mit seinem Schwerte, aber aus der Wunde des 
Baumes strömt Blut und die Stimme Clorindas, deren 
Seele in diesen Baum gebannt war, klagt ihn an, daß 
er wiederum die Geliebte geschädigt habe. 

Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Ver- 
halten in der Übertragung und aus dem Schicksal der 

l) Vgl. hiezu die treffenden Bemerkungen in dem Aufzat2 
von C. G. Jung. Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des 
Einzelnen. Jahrbuch für Psychoanalyse, 1, 1909. 



yiusc'i/s des L. usipriiizips 



27 



Menschen werden wir den Mut zur Annahme finden, 
daß es im Seelenleben wirklich einen Wiederholungs- 
zwang gibt, der sich über das Lustprinzip hinaussetzt. 
Wir werden auch jetzt geneigt sein, die Träume der 
Unfallsneurot iker und den Antrieb zum Spiel des Kindes 
auf diesen Zwang zu beziehen. Allerdings müssen wir 
uns sagen, daß wir die Wirkungen des Wiederholungs- 
zwanges nur in seltenen Fällen rein, ohne Mithilfe 
anderer Motive, erfassen können. Beim Kinderspiel 
haben wir bereits hervorgehoben, welche andere 
Deutungen seine Entstehung zuläßt. Wiederholungs- 
zwang und direkte lustvollc Triebbefriedigung scheinen 
sich dabei zu intimer Gemeinsamkeit zu verschränken. 
Die Phänomene der Übertragung stehen offenkundig 
im Dienste des Widerstandes von Seiten des auf der 
Verdrängung beharrenden Ichs; der Wiederholungs- 
zwang, den sich die Kur dienstbar machen wollte, 
wird gleichsam vom Ich, das am Lustprinzip fest- 
halten will, auf seine Seite gezogen. An dem, was 
man den Schicksalszwang nennen könnte, scheint uns 
vieles durch die rationelle Erwägung verständlich, so 
daß man ein Bedürfnis nach der Aufstellung eines 
neuen geheimnisvollen Motivs nicht verspürt. Am un- 
verdächtigsten ist vielleicht der Fall der Unfallsträume, 
aber bei näherer Überlegung muß man doch zuge- 
stehen, daß auch in den anderen Beispielen der Sach- 
verhalt durch die Leistung der uns bekannten Motive 
nicht gedeckt wird. Es bleibt genug übrig, was die 



28 



Sigw. Freud 



Annahme des Wiederholungszwanges rechtfertigt, und 
dieser erscheint uns ursprünglicher, elementarer, trieb- 
hafter als das von ihm zur Seite geschobene Lust- 
prinzip, Wenn es aber einen solchen Wiederholungs- 
zwang im Seelischen gibt, so möchten wir gerne etwas 
darüber wissen, welcher Funktion er entspricht, unter 
welchen Bedingungen er hervortreten kann, und in 
welcher Beziehung er zum L.ustprini;ip steht, dem wir 
doch bisher die Herrschaft über den Ablauf der Er- 
regungsvorgänge im Seelenleben zugetraut haben. 



IV. 



Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende 
Spekulation, die ein jeder nach seiner besonderen Ein- 
stellung würdigen oder vernachlässigen wird. Im weiteren 
ein Versuch zur konsequenten Ausbeutung einer Idee, 
aus Neugierde, wohin dies führen wird. 

Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den 
bei der Untersuchung unbewußter Vorgänge empfangenen 
Eindruck an, daß das Bewußtsein nicht der allgemeinste 
Charakter der seelischen Vorgänge, sondern nur eine 
besondere Funktion derselben sein könne. In meta- 
psychologischer Ausdrucksweise behauptet sie, das 
Bewußtsein sei die Leistung eines besonderen Systems, 
das sie Bw. benennt. Da das Bewußtsein im wesent- 
lichen Wahrnehmungen von Erregungen liefert, die aus 
der Außenwelt kommen, und Empfindungen von Lust 
und Unlust, die nur aus dem Inneren des seelischen 
Apparates stammen können, kann dem System W-Bw. 
eine räumliche Stellung zugewiesen werden. Es muß 
an der Grenze von außen und innen liegen, der Außen- 
welt zugekehrt sein und die anderen psychischen Systeme 



i 



3Q Sii^/j/. Freud 



umlnillcn. Wir bemerken dann, daß wir mit diesen 
Annalimcn nichts Neues s<^wagt, sondern uns der lokali- 
sierenden Hirnanatomic an,t,^c.schtos.scn haben, welche 
den ,,Sitz" des Bewußtseins in die Hirnrinde, in die 
äußerste, umhüllende Schiebt des Zentralorgans verlegt. 
Die Hirnanatomie braucht sich keine Gedanken darüber 
zu machen, warum — anatomisch gesprochen ~ das 
Bewußtsein gerade an der Oberfläche des Gehirns 
untergebracht ist, anstatt wohlverwahrt irgendwo im 
innersten hmern desselben zu hausen. Vielleicht bringen 
wir CS in der Ableitung einer solchen Lage für unser 
System W-Bw. weiter. 

Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentüm- 
lichkeit, die wir den Vorgängen in diesem System 
zuschreiben. Wir stützen uns auf die Eindrücke unserer 
psychoanalytischen Erfahrung, wenn wir annehmen, 
daß alle Erregungsvorgänge in den anderen Systemen 
Dauerspuren als Grundlage des Gedächtnisses in diesen 
hinterlassen, Erinnerungsreste also, die nichts mit dem 
Bewufkwerden zu tun haben. Sie sind oft am stärksten 
und haltbarsten, wenn der sie zurücklassende Vorgang 
niemals zum Bewußtsein gekommen ist. Wir finden 
es aber beschwerlich zu glauben, daß solche Dauer- 
spuren der Erregung auch im System W-Bw. zustande 
kommen. Sie \^ürden die Eignung des Systems zur 
AulnaW neuer Erregungen sehr bald einschränken,' 

Dies durchaus nach J. Breuer's Auseinandersetzung im 

theoretischen AbschniU der „Sludien über Hysterie", 1895. 



JeuicUs des Lnstprinzips 3 i 

wenn sie immer bewußt blieben; im anderen Falle, 
wenn sie unbewußt würden, stellten sie uns vor die 
Aufgabe, die Existenz unbewußter Vorgänge in einem 
System zu erklären, dessen Funktionieren sonst vom 
Phänomen des Bewußtseins begleitet wird. X^'^ir liätten 
sozusagen durch unsere Annahme, welche das Bewußt- 
werden in ein besonderes System verweist, nichts 
verändert und nichts gewonnen. \\^enn dies auch keine 
absolut verbindliche Erwägung sein mag, so kann sie 
uns doch zur Vermutung bewegen, daß Rewußtwerden 
und Hinterlassung einer Gedächtnis.spur für dasselbe 
System miteinander unverträglich sind. Wir \\'iirden so 
sagen können, im System Bw, werde der Erregungs- 
vorgang bewußt, hinterlasse aber keine Dauerspur; 
alle die Spuren desselben, auf welche sich die Erinnerung 
stützt, kämen bei der Fortpflanzung der Erregung auf 
die nächsten inneren Systeme in diesen zustande. Tn 
diesem Sinne ist auch das Schema entworfen, welches 
ich dem spekulativen Abschnitt meiner ,, Traumdeutung" 
1900 eingefügt habe. Wenn man bedenkt, wie wenig '^ 

wir aus anderen Quellen über die Entstehung des 
Bewußtseins wissen, wird man dem Satze, das Be- 
wußtsein entstehe an Stelle der Erinnerungs- 
spur, wenigstens die Bedeutung einer irgendwie be- 
stimmten Behauptung einräumen müssen. 

Das System Bw. wäre also durch die Besonderheit , 

ausgezeichnet, daß der Erremmasvorcran!? in ihm nicht r 

wie in allen anderen psychischen S^'Stemen eine dauernde 



3- Sig}/!. i'rcuii 



Veränderung seiner Elemente hinterläßt, sondern gleich- 
sam im Phänomen des Bewußtwerdens verpufft. Eine 
solche Abweichung von der allgemeinen Regel fordert v 

eine Erklärung durch ein Moment, welches ausschließ- 
lich bei diesem einen System in Betracht kommt, und ; 
dies den anderen Systemen abzusprechende Moment 
könnte leicht die exponierte Lage des Systems Bw. ' 
sein, sein unmittelbares Anstoßen an die Außenwelt. 

Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner ^' ^ 

größtmöglichen Vereinfachung als undifferenziertes ^ \ 

Bläschen reizbarer Substanz vor- dann ist seine der ' \ 

Außenwelt zugekehrte Oberfläche durch ihre Lage ^ ' 

selbst differenziert und dient als reizaufnehmendes Organ. 
Die Embryologie als Wiederholung der Entwicklungs- 
geschichte zeigt audi wirklich, daß das Zentralnerven- 
system aus dem Ektoderm hervorgeht, und die graue 
Hirnrinde ist noch immer ein Abkömmling der primitiven 
Oberfläche und könnte wesentliche Eigenschaften der- 
selben durch Erbschaft übernommen haben. Es wäre 
dann leicht denkbar, daß durch unausgesetzten Anprall 
der äußeren Reize an die Oberfläche des Bläschens 
dessen Substanz bis in eine gewisse Tiefe dauernd 
verändert wird, so daß ihr Erregimgs Vorgang anders 
abläuft als in tieferen Schichten. Es bildete sich so 
eine Rinde, die endlich durch die Reizwirkung so durch- 
gebrannt ist, daß sie der Reizaufnahme die günstigsten 
Verhältnisse entgegenbringt und einer weiteren Modifika- 
tion nicht fähig ist. Auf das System Rw. übertragen, 



yenseits des Lustp7-insips 33 



f 



würde dies meinen, daß dessen Elemente keine Dauer- 
veränderung beim Durchgang der Erregung mehr an- 
nehmen können, weil sie bereits aufs äußerste im 
Sinne dieser Wirkung modifiziert sind. Dann sind sie 
aber befähigt, das Bewußtsein entstehen zu lassen. 
Worin diese Modifikation der Substanz und des Er- 
regungsvorganges in ihr bestehtj darüber kann man 
sich mancherlei Vorstellungen machen, die sich der 
Prüfung derzeit entziehen. Man kann annehmen, die 
Erregung habe bei ihrem Fortgang von einem Element 
zum anderen einen Widerstand zu überwinden und 
diese Verringerung des Widerstandes setze eben die 
Dauerspur der Erregung (Bahnung) j im System Bw. 
bestünde also ein solcher Übergangs widerstand von 
einem Element zum anderen nicht mehr. Man kann 
mit dieser Vorstellung die Breuer'sche Unterscheidung 
von ruhender (gebundener) und frei beweglicher Be- 
setzungsenergie in den Elementen der psychischen 
Systeme zusammenbringen;* die Elemente des Systems 
Bw. würden dann keine gebundene und nur frei 
abfuhrfähige Energie führen. Aber ich meine, vor- 
läufig ist es besser, wenn man sich über diese Ver- 
hältnisse möglichst unbestimmt äußert. Immerhin hätten 
wir durch diese Spekulationen die Entstehung des 
Bewußtseins in einen gewissen Zusammenhang mit 
der Lage des Systems Bw. und den ihm zuzu- 

i) Studien über Hysterie von J. Breuer und Freud, 4. un- 
veränderte Auflage, 1922. 

' Fiead: Jenseits des Lust]iT)iMii>s 3 



p 



34 -^iK'^'- r'reud 



schreibenden Besonderhcilcn des Erregungsvorganges 
verflochten. 

An dem lebenden Bläschen mit seiner reizauf- 
nehmenden Rindenschichte haben wir noch anderes zu 
erörtern. Dieses Stückchen lebender Substanz schwebt 
inmitten einer mit den stärksten Energien geladenen 
Außcnw^elt und würde von den Reizwirkungen der- 
selben erschlagen werden, wenn es nicht mit einem 
Reizschutz versehen wäre. Es bekommt ihn dadurch, 
daß seine äußerste Oberfläche die dem Lebenden zu- 
kommende Struktur aufgibt, gewissermaßen anorganisch 
wird und nun als eine besondere Hülle oder I\icmbran 
reizabhaltend wirkt, das heißt, veranlaßt, daß die 
Energien der Außenwelt sich nur mit einem Hnichteil 
ihrer Intensität auf die nächsten lebend gebliebenen 
Schiclrten fortsetzen können. Diese können nun hinter 
dem Reizschutz sich der Aufnahme der durchgelassenen 
Reizmengen widmen. Die Außenschicht hat aber durch 
ihr Absterben alle tieferen vor dem gleichen Schicksal 
bewahrt, wenigstens so lange, bis nicht Reize von 
solcher Stärke herankommen, daß sie den Reizschutz 
durchbrechen. Für den lebenden Organismus ist der 
Reizschutz eine beinahe wichtigere Aufgabe als die 
Reizaufnahme j er ist mit einem eigenen Energievorrat 
ausgestattet und muß vor allem bestrebt sein, die 
besonderen Formen der Energieumsetzung, die in ihm 
spielen, vor dem gleichmachenden, also zerstörenden 
Einfluß der übergroßen, draußen arbeitenden Energien 



Jenseits des Ltistp?-mzips 



35 



zu bewahren. Die Reizaufnahme dient vor allem der 
Absicht, Richtung und Art der äußeren Reize zu er- 
fahren, und dazu muß es genügen, der Außenwelt 
kleine Proben zu entnehmen, sie in geringen Quantitäten 
zu verkosten. Bei den hochentwickelten Organismen 
hat sich die reiz aufnehmen de Rindenschicht des einstigen 
Bläschens längst in die Tiefe des Körperinnern zurück- 
gezogen, aber Anteile von ihr sind an der Oberfläche 
unmittelbar unter dem allgemeinen Reizschutz zurück- 
gelassen. Dies sind die Sinnesorgane, die im wesent- 
lichen Einrichtungen zur Aufnahme spezifischer Reiz- 
einwirkungen enthalten, aber außerdem besondere 
Vorrichtungen zu neuerlichem Schutz gegen übergroße 
Reizmengen und zur Abhaltung unangemessener Reiz- 
arten. Es ist für sie charakteristisch, daß sie nur sehr 
geringe Quantitäten des äußeren Reizes verarbeiten, 
sie nehmen nur Stichproben der Außenwelt vor; viel- 
leicht darf man sie Fühlern vergleichen, die sich an 
die Außenwelt herantasten und dann immer wieder 
von ihr zurückziehen. 

. Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig 
zu berühren, welches die gründlichste Behandlung 
verdienen würde. Der Kant'sche Satz, daß Zeit und 
Raum notwendige Formen unseres Denkens sind, kann 
heute infolge gewisser psychoanalytischer Erkenntnisse 
einer Diskussion unterzogen werden. Wir haben erfahren, 
daß die unbewußten Seelenvorgänge an sich ,, zeitlos" 
sind. Das heißt, zunächst, daß sie nicht zeitlich geordnet 



36 Sigm. Freud 



werden, daß die Zeit nichts an ihnen verändert, daß 
man die Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann. 
Es sind dies negative Charaktere, die man sich nur 
durch Vergleichung mit den bewußten seelischen Pro- 
zessen deutlich machen kann. Unsere abstrakte Zeit- 
vorstellung scheint vielmehr durchaus von der Arbeits- 
weise des Systems W-Bw. hergeholt üu sein und einer 
Selbstwahrnehmung derselben zu entsprechen. Bei dieser 
Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer Weg 
des Reizschutzes beschritten werden. Ich weiß, daß 
diese Behauptungen sehr dunkel klingen, muß mich 
aber auf solche Andeutungen beschränken. 

Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende 
Bläschen mit einem Reizschutz gegen die Außenwelt 
ausgestattet ist. Vorhin hatten wir festgelegt, daß die 
nächste Rindenschicht desselben als Organ zur Reiz- 
aufnahme von außen differenziert sein muß. Diese 
empfindliche Rindenschicht, das spätere System Bw. 
empfängt aber auch Erregungen von innen her- die 
Stellung des Systems zwischen außen und innen und 
die Verschiedenheit der Bedingungen für die Einwirkung 
von der einen und der anderen Seite werden maß- 
gebend für die Leistung des Systems und des ganzen 
seelischen A]3parates. Gegen außen gibt es einen Reiz- 
schutz, die ankommenden Erregungsgrößen werden nur 
in verkleinertem Maßstab wirken ; nach innen zu ist 
ein Reizschutz unmöglich, die Erregungen der tieferen 
Schichten setzen sich direkt und in unverringertem 



jenseits des Lustprinsips 37 

Maße auf das System fort, indem gewisse Charaktere 
ihres Ablaufes die Reihe der Lust-Unlustempfindungen 
erzeugen. Allerdings werden die von innen kommenden 
Erregungen nach ihrer Intensität und nach anderen 
qualitativen Charakteren (eventuell nach ihrer Amplitude) 
der Arbeitsweise des Systems adaequater sein als die 
von der Außenwelt zuströmenden Reize. Aber zweierlei 
ist durch diese Verhältnisse entscheidend bestimmt, 
erstens die Praevalenz der Lust- und Unlustempfin- 
dungen, die ein Index für Vorgänge im Innern des 
Apparates sind, über alle äußeren Reize, und zweitens 
eine Richtung des Verhaltens gegen solche innere Er- 
regungen, welche allzu große Unlustvermehrung herbei- 
führen. Es wird sich die Neigung ergeben, sie so zu 
behandeln, als ob sie nicht von innen, sondern von 
außen her einwirkten, um die Abwehrmittel des Reiz- 
schutzes gegen sie in Anwendung bringen zu können. 
Dies ist die Herkunft der Projektion, der eine so 
große Rolle bei der Verursachung pathologischer Pro- 
zesse vorbehalten ist. 

Ich habe den Eindruck, daß wir durch die letzten 
Überlegungen die Herrschaft des Lustprinzips unserem 
Verständnis angenähert haben; eine Aufklärung jener 
Fälle, die sich ihm widersetzen, haben wir aber nicht 
erreicht. Gehen wir darum einen Schritt weiter. Solche 
Erregungen von außen, die stark genug sind, den 
Reizschutz zu durchbrechen, heißen wir traumatische. 
Ich glaube, daß der Begriff des Traumas eine solche 



j 



38 S/gM. Freud 



Beziehung auf eine sonst wirksame Reizabhaltung er- 
fordert. Ein Vorkommnis wie das äußere Trauma wird 
gewiß eine großartige Störung im Energiebetrieb des 
Organismus hervorrufen und alle Abwchrmittel in Be- 
wegung setzen. Aber das Lustpriuzip ist dabei zunächst 
außer Kraft gesetzt. Die Überschwemmung des seeli- 
schen Apparates mit großen Reizmengen ist nicht mehr 
hintanzuhalten; es ergibt sich vielmehr eine andere 
Aufgabe, den Reiz zu bewältigen, die hereingebrochenen 
Reizmengen psychisch zu binden, um sie dann der 
Erledigung zuzufahren. 

Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des 
köiperlichcn Schmerzes der Erfolg davon, daß der 
Reizschutz in beschränktem Umfange durchbrochen 
wurde. Von dieser Stelle der Peripherie strömen dann 
dem seelischen Zentralapparat kontinuierliche Erre- 
gungen zu, wie sie sonst nur aus dem Innern des 
Apparates kommen konnten'. Und was können wir als 
die Reaktion des Seelenlebens auf diesen Einbruch 
erwarten? Von allen Seiten her wird die Besetzungs- 
energie aufgeboten, um in der Umgebung der Ein- 
bruchstelle entsprechend hohe Energiebesetzungen zu 
schaffen. Es wird eine großartige „Gegenbesetzung" 
hergestellt, zu deren Gunsten alle anderen psychischen 
Systeme verarmen, so daß eine ausgedehnte Lähmung 
oder Herabset zung der sonstigen psychischen Leistung 

Vgl. Triebe und Triebschicksale. Sammlung kleiner 
Schriften zur Neusosenlehre, IV, 191 8. 



l 



'yc7iseits des LMstprmsips 39 

erfolgt. Wir suchen aus solchen Beispielen zu lernen, 
unsere metapsychologischen Vermutungen an solche 
Vorbilder anzulehnen. Wir ziehen also aus diesem 
Verhalten den Schluß, daß ein selbst hochbesetztes 
System imstande ist, neu hinzukommende strömende 
Energie aufzunehmen, sie in ruhende Besetzung um- 
zuwandeln, also sie psychisch zu „binden". Je höher 
die eigene ruhende Besetzung ist, desto größer wäre 
auch ihre bindende Kraft; umgekehrt also, je niedriger 
seine Besetzung ist, desto weniger wird das System 
für die Aufnahme zuströmender Energie befähigt sein, 
desto gewaltsamer müssen dann die Folgen eines 
solchen Durchbruches des Reizschutzes sein. Man wird 
gegen diese Auffassung nicht mit Recht einwenden, 
daß die Erhöhung der Besetzungen um die Einbruchs- 
stelle sich weit einfacher aus der direkten Fortleitung 
der ankommenden Erregungsmengen erkläre. Wenn 
dem so wäre, so würde der seelische Apparat ja nur 
eine Vermehrung seiner Energiebesetzungen erfahren, 
und der lähmende Charakter des Schmerzes, die Ver- 
armung aller anderen Systeme bliebe unaufgeklärt. 
Auch die sehr heftigen Abfuhi-wirkungen des Schmerzes 
stören unsere Erklärung nicht, denn sie gehen reflek- 
torisch vor sich, das heißt, sie erfolgen ohne Ver- 
mittlung des seelischen Apparats. Die Unbestimmtheit 
all unserer Erörterungen, die wir metapsychologische 
heißen, mhrt natürlich daher, daß wir nichts über die 
Natur des Erregimgsvorganges in den Elementen der 




4^ Sigiu. Freud 



psychischen Systeme wissen und uns 7a\ keiner An- 
nahme darüber berechtigt fühlen. So oi>erieren wir 
also stets mit einem großen X, welches wir in jede 
neue Forme] mit hinübernehmen. Daß dieser Vorgang 
sich mit quantitativ verschiedenen Energien vollzieht, 
ist eine leicht zulässige Forderung, daß er aucli mehr 
als eine Qualität (z. B. in der Art einer Amplitude) 
hat, mag uns wahrscheinlich sein; als neu haben wir 
die Aufstellung Breuer's in Betracht gezogen, daß 
es sich um zweierlei Formen der Energicerfüilung 
handelt, so daß eine frei strömende, nach Abfuhr * 

drängende, und eine ruhende Besetzung der psychischen * 

Systeme (oder ihrer Elemente) zu unterscheiden ist. 
Vielleicht geben wir der Vermutung Raum, daß die 
,, Bindung'* der in den seelischen Apparat einströmenden 
Energie in einer Überführung aus dem frei strömenden 
in den ruhenden Zustand besteht. 

Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die 
gemeine traumatische Neurose als die Folge eines aus- 
giebigen Durchbruchs des Reizschutzes aufzufassen. 
Damit wäre die alte, naive Lehre vom Schock in ihre 
Rechte eingesetzt, anscheinend im Gegensatz zu einer 
späteren und psychologisch anspruchsvolleren, welche 
nicht der mechanischen Gewalteinwirkung, sondern dem 
Schreck und der Lebensbedrohung die ätiologische 
Bedeutung zuspricht. Allein diese Gegensätze sind 
nicht unversöhnlich, und die psychoanalytische Auf- 
fassung der traumatischen Neurose ist mit der rohesten 



Jenseits des Litstp^-insips 4 r 

Form der Schocktheorie nicht identisch. Versetzt 
letztere das Wesen des Schocks in die direkte Schädigung 
der molekularen Struktur, oder selbst der histologischen 
Struktur der nen^ösen Elemente, so suchen wir dessen 
Wirkung aus der Durchbrechung des Reizschutzes für 
das Seelenorgan und aus den daraus sich ergebenden 
Aufgaben zu verstehen. Der Schreck behält seine Be- 
deutung auch für uns. Seine Bedingung ist das Fehlen 
der Angstbereitschaft, welche die Überbesetzung der den 
Reiz zunächt aufnehmenden Systeme mit einschließt. In- 
folge dieser niedrigeren Besetzung sind die Systeme 
dann nicht gut imstande, die ankommenden Erregungs- 
mengen zu binden, die Folgen der Durchbrechung 
des Reizschutzes stellen sich um so vieles leichter ein. 
Wir finden so, daß die Angstbereitschaft mit der 
Überbesetzung der aufnehmenden Systeme die letzte 
Linie des Reizschutzes darstellt. Für eine ganze Anzahl 
von Traumen mag der Unterschied zwischen den un- 
vorbereiteten und den durch Überbesetzvmg vor- 
bereiteten Systemen das für den Ausgang entschei- ' \ 
dende Moment sein; von einer gewissen Stärke des 
Traumas an wird er wohl nicht mehr ins Gewicht 
fallen. Wenn die Träume der Unfallsneurotiker die 
Kranken so regelmäßig in die Situation des Unfalles 
zurückführen, so dienen sie damit allerdings nicht der 
Wunscherfüllung, deren halluzinatorische Herbeiführung 
ihnen unter der Herrschaft des Lustprinzips zur Funktion 
geworden ist. Aber wir dürfen annehmen, daß sie sich 



V 



42 Sii^m. Freud 



dadurch einer anderen Aufgabe zur Verfügung stellen, 
deren Lösung vorangehen inuß, ehe das Lustprinzip .r 

seine Herrschaft beginnen kann. Diese Träume suchen ' f 

die Reizbewältigung unter Angstentwicklung nachzu- |f 

holen, deren Unterlassung die Ursache der traumatischen - 

Neurose geworden ist. Sie geben uns so einen Aus- 
blick auf eine Funktion des seelischen Apparats, welche, '^- 
ohne dem Lustprinzip zu widersprechen, doch unab- 
hängig von ihm ist und ursprünglicher scheint als die ■- 
Absicht des Lustgewinns und der Unlustvermeidung. i 
Hier wäre also die Stelle, zuerst eine Ausnalime | 
von dem Satze, der Traum ist eine .Wunscherfiillung, ? 
zuzugestehen. Die Angstträume sind keine solche Aus- j 
nähme, wie ich wiederholt und eingehend gezeigt habe, 
auch die ,, Strafträume" nicht, denn diese setzen nur 
an die Stelle der verpönten Wunscherfiillung die dafür 
gebührende Strafe, sind also die Wunscherfülhing des 
auf den verworfenen Trieb reagierenden Sciiuldbewußt- k 
seins. Aber die obenerwähnten Träume der Unfalls- * 
neurotiker lassen sich nicht mehr unter den Gesichts- 
punkt der Wunscherfüllung bringen, und ebensowenig 
die in den Psychoanalysen vorfallenden Träume, die'uns 
die Erinnerung der psychischen Traumen der Kindheit 
wiederbringen. Sie gehorchen vielmehr dem Wieder- 
holungszwang, der in der Analyse allerdings durch den 
von der „Suggestion" geförderten Wunsch, das Ver- 
gessene und Verdrängte heraufzubeschwören, unterstützt 
wird. So wäre also aucli die Funktion des Traumes, 



Jenseits des Lustprinzips 



43 



Motive zur Unterbrechung des Schlafes durch Wunsch- 
erfüllung der störenden Regungen zu beseitigen, nicht 
seine ursprüngliche; er konnte sich ihrer erst bemächtigen, 
nachdem das gesamte Seelenleben die Herrschaft des 
Lustprinzips angenommen hatte. Gibt es ein „jenseits 
des Lustprinzips", so ist es folgerichtig, auch für die 
wunscherfüllende Tendenz des Traumes eine Vorzeit 
zuzulassen. Damit wird seiner späteren Funktion nicht 
widersprochen. Nur erhebt sich, wenn diese Tendenz 
einmal durchbrochen ist, die weitere Frage : Sind solche 
Träume, welche im. Interesse der psychischen Bindung 
traumatischer Eindrücke dem Wiederholungszwange 
folgen, nicht auch außerhalb der Analyse möglich? 
Dies ist durchaus zu bejahen. 

Von den ,, Kriegsneurosen", soweit diese Bezeich- 
nung mehr als die Beziehung zur Veranlassung des 
Leidens bedeutet, habe ich an anderer Stelle ausgeführt, 
daß sie sehr wohl traumatische Neurosen sein könnten, 
die durch einen Ichkonflikt erleichtert worden sind.' 
Die auf Seite lO erwähnte Tatsache, daß eine gleich- 
zeitige grobe Verletzung durch das Trauma die Chance 
für die Entstehung einer Neurose verringert, ist nicht 
mehr unverständlich, wenn man zweier von der psycho- 
analytischen Forschung betonten Verhältnisse gedenkt. 
Erstens, daß mechanische Erschütterung als eine der 
Quellen der Sexualerregung anerkannt werden muß 

i) Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Einleitung. Inter- 
nationale Psychoanalytische Bibliothek, Nr. i, 1919. 



44 



Sigfu. Freud 



(vgl. die Bemerkungen, „Die Wirkung des Schaukeins 
und Eisenbahnfahrcns" in „Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie", 4. Auilage, 1920), und zweitens, daß 
dem schmerzharten und fieberhaften Kranksein während 
seiner Dauer ein mächtiger Einfluß auf die Verteilung 
der Libido zukommt. So würde also die mechanische 
Gewalt des Traumas das Quantum Sexualerregung frei 
machen, welches infolge der mangelnden Angstvor- 
bereitung traumatisch wirkt, die gleichzeitige Körper- 
verletzung würde aber durch die Anspruchnahme einer 
narzistischen Überbesetzung des leidenden Organs den 
Überschuß an Erregung binden (s. „Zur Einführung 
des Narzifimus", Kleine Schriften zur Neurosenlehre, 
4. Folge, 19 18). Es ist auch bekannt, aber für die 
Libidotheorie nicht genügend verwertet worden, daß 
so schwere Störungen in der Libidoverteihmg wie die 
einer Melancholie durch eine interkurrente organische 
Erkrankung zeitweilig aufgehoben werden, ja daß sogar 
der Zustand einer voll entwickelten Dementia praecox 
unter der nämlichen Bedingung einer vorübergehenden 
Rückbildung fähig ist. 



V. 

Der Mangel eines Reizschutzes für die reizauf- 
nehmende Rindenschicht gegen Erregungen von innen 
her wird die Folge haben müssen, daß diese Reiz- 
übertragungen die größere ökonomische Bedeutung 
gewinnen und häufig zu ökonomischen Störungen Anlaß 
geben, die den traumatischen Neurosen gleichzustellen 
sind. Die ausgiebigsten Quellen solch innerer Erregung 
sind die sogenannten Triebe des Organismus, die 
Repräsentanten aller aus dem Körperinnern stammenden» 
auf den seelischen Apparat übertragenen Kraftwirkungen, 
selbst das wichtigste wie das dunkelste Element der 
psychologischen Forschung. 

Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, 
daß die von den Trieben ausgehenden Regungen nicht 
den Typus des gebundenen, sondern den des frei beweg- 
lichen, nach Abfuhr drängenden Nervenvorganges ein- 
halten. Das Beste, was wir über diese Vorgänge 
wissen, rührt aus dem Studium der Traumarbeit her. 
Dabei fanden wir. daß die Prozesse In den unbewußten 



46 Sigm. Freud 



Systemen von denen in den (vor-) bewußten gründlich 
verschieden sind, tlaß im Unbewußten Besetzungen 
leicht vollständig übertragen, verschoben, verdichtet 
werden können, was nur fehlerhafte Resultate ergeben 
könnte, wenn es an vorbewußtem Material geschähe, 
und was darum auch die bekannten Sonderbarkeiten 
des manifesten Traumes ei"gibt, nachdem die vor- 
bewußten Tagesreste die Bearbeitung nach den Ge- 
setzen des Unbewußten erfahren haben. Ich nannte 
die Art dieser Prozesse im Unbewußten den psychischen 
„Primärvorgang" zum Unterschied von dem für unser 
normales Wachleben gültigen Sekundärvorgang. Da 
die Triebregungen alle an den unbewußten Systemen 
angreifen, ist es kaum eine Neuerung zu sagen, daß 
sie dem Primärvorgang folgen, und andererseits gehört 
wenig dazu, um den psychischen Primärvorgang mit 
der frei beweglichen Besetzung, den Sekundärvorgang 
mit den Veränderungen an der gebundenen oder 
tonischen Besetzung Breuer's zu identifizieren.' Es 
wäre dann die Aufgabe der höheren Schichten des 
seelischen Apparates, die im Primärvorgang anlangende 
Erregung der Triebe zu binden. Das Mißglücken dieser 
Bindung würde eine der traumatischen Neurose analoge 
Störung hervorrufen; erst nach erfolgter Bindung könnte 
sich die Herrschaft des Lustprinzips (und seiner Modi- 
fikation zum Realitätsprinzip) ungehemmt durchsetzen. 

^gl- den Abschnitt VII, Psychologie der Traumvorgänge 

in meiner „Traumdeutung". 



Jenseits des Lustpriiisips ^y 

Bis daliin aber würde die andere Aufgabe des Seelen- 
apparates, die Erregung zu bewältigen oder zu binden, 
voraiistehen, zwar nicht im Gegensatz zum Lustprinzip, 
aber unabhängig von ihm und zum Teil ohne Rücksicht 
auf dieses. 

Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die 
wir an den frühen Tätigkeiten des kindlichen Seelen- 
lebens wie an den Erlebnissen der psychoanalytischen 
Kur beschrieben haben, zeigen im hohen Grade den 
triebhaften, und wo sie sich im Gegensatz zum Lust- 
prinzip befinden, den dämonischen Charakter. Beim 
Kinderspiel glauben wir es zu begreifen, daß das Kind 
auch das unlustvolle Erlebnis darum wiederholt, weil 
es sich durch seine Aktivität eine weit giündlichere 
Bewältigung des starken Eindruckes erwirbt, als beim 
bloß passiven Erleben möglich war. Jede neuerliche 
Wiederholung scheint diese angestrebte Beherrschung 
zu verbessern, und auch bei lustvollen Erlebnissen 
kann sich das Kind an Wiederholungen nicht genug 
tun und wird unerbittlich auf der Identität des Ein- 
druckes bestehen. Dieser Charakterzug ist dazu be- 
stimmt, späterhin zu verschwinden. Ein zum zweiten- 
mal angehörter Witz wird fast wirkungslos bleiben, 
eine Theateraufführung wird nie mehr zum zweiten- 
mal den Eindruck erreichen, den sie das erstemal 
hinterließ- ja, der Erwachsene wird schwer zu bewegen 
sein, ein Buch, das ihm sehr gefallen hat, sobald noch- 
mals durchzulesen. Immer wird die Neuheit die Be- 



i 

! 

48 Sigw. F'^eud ^ \ 

dingung des Genusses sein. Das Kind aber wird nicht ^■ 

müde werden, vom Erwachyenen die Wiederholung ; 

eines ihm gezeigten oder mit ihm angestellten Spieles 
zu verlangen, bis dieser erschöpft es venveigert, und \- 

wenn man ihm eine schöne Geschichte erzählt hat, -' 

will es immer wieder die nämliche Geschichte anstatt 
einer neuen hören, besteht unerbittlich auf der Iden- 
tität der Wiederholung und verbessert jede Abänderung, 
die sich der Erzähler zuschulden kommen läßt, mit . | 

der er sich vielleicht sogar ein neues Verdienst er- ;, ; 

werben wollte. Dem Lustprinzip wird dabei nicht i- ■ 

widersprochen; es ist sinnfällig, daß die Wiederholung, ''^ • 

das Wiederfinden der Identität, selbst eine Lustquelle 
bedeutet. Beim Analysierten hingegen wird es klar, 
daß der Zwang, die Begebenheiten seiner infantilen 
Lebensperiode in der Übertragung zu wiederholen, 
sich in jeder Weise über das Lustprinzip hinaussetzt. i .' 

Der Kranke benimmt sich dabei völlig wie infantil 
und zeigt uns so, daß die verdrängten Erinncrungs- 
spuren seiner urzeitlichen Erlebnisse nicht im gebundenen 
Zustande in ihm vorhanden, ja gewißermassen des 
Sekundärvorganges nicht fähig sind. Dieser Ungebunden- 
heit verdanken sie auch ihr Vermögen, durch An- 
heftung an die Tagesreste eine im Traum darzustellende 
Wunschphantasie zu bilden. Derselbe Wiederholungs- 
zwang tritt uns so oft als therapeutisches Hindernis 
entgegen, we'nn wir zu Ende der Kur die völlige Ab- ; 

lösung vom Arzte durchsetzen wollen, und es ist an- 



jenseits des Lzistprhizips ^g 

zunehmen, daß die dunkle Angst der mit der Analyse 
nicht Vertrauten, die sich scheuen irgend etwas auf- 
zuwecken, was man nach ihrer Meinung besser schlafen 
ließe, im Grunde das Auftreten dieses dämonischen 
Zwanges fürchtet. 

Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit 
dem Zwang zur Wiederholung zusammen? Hier muß 
sich uns die Idee aufdrängen, daß wir einem allgemeinen, 
bisher nicht klar erkannten — oder wenigstens nicht 
ausdrücklich betonten — Charakter der Triebe, viel- 
leicht alles organischen Lebens überhaupt, auf die 
Spur gekommen sind. Ein Trieb wäre also ein 
dem belebten Organischen innewohnender 
Drang zur Wiederherstellung eines früheren 
Zustandes, welchen dies Belebte unter dem Ein- 
flüsse äußerer Störungskräfte aufgeben mußte, eine 
Art von organischer Elastizität, oder wenn man will, 
die Äußerung der Trägheit im organischen Leben.' 
Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, 
denn wir haben uns daran gewöhnt, im Triebe das 
zur Veränderung und Entwicklung drängende Moment 
zu sehen, und sollen nun das gerade Gegenteil in ihm 
erkennen, den Ausdruck der konservativen Natur des 
Lebenden. Anderseits fallen uns sehr bald jene Beispiele 
aus dem Tierleben ein, welche die historische Bedingt- 
heit der Triebe zu bestätigen scheinen. Wenn gewisse 

i) Ich bezweifle nicht, daß ähnliche Vermutungen über die 
Natur der „Triebe" bereits wiederholt geäußert worden sind. 

Treud : Jenseits des LusipTiQilQi 4 



50 Sigm. Freud 



Fische um die Laichzeit beschwerliche Wanderungen 
unternehmen, um den Laicli in bestimmten Gewässern, 
weit entfernt von ihren sonstigen Wohnorten abzu- 
legen, so haben sie nach der Deutung vieler Biologen 
nur die früheren Wohnstätten ihrer Art aufgesucht, 
die sie im Laufe der Zeit gegen andere vertauscht 
hatten. Dasselbe soll für die Wanderflüge der Zug- 
vögel gelten, aber der Suche nach weiteren Beispielen 
enthebt uns bald die Mahnung, daß wir in den Phäno- 
menen der Erblichkeit iind in den Tatsachen der 
Embryologie die großartigsten Beweise für den orga- 
nischen Wiederhülungszwang haben. Wir sehen, der 
Keim eines lebenden Tieres ist genötigt, in ' seiner 
Entwicklung die Strukturen all der Formen, von denen 
das Tier abstammt, — wenn auch in flüchtiger Ab- 
kürzung — zu wiederholen, anstatt auf dem kürzesten 
Wege zu seiner deiinitivcn Gestaltung zu eilen, und 
können dies Verhalten nur zum geringsten Teile 
mechanisch erklären, dürfen die historische Erldärung 
nicht beiseite lassen. Und ebenso erstreckt sich weit 
in die Tierreihe hinauf ein Reproduktionsvermögen, 
welches ein verlorenes Organ durch die Neubildung 
eines ihm durchaus gleichen ersetzt. 

Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wohl 
so, daß es außer den konservativen Trieben, die zur ^ I 

Wiederholung nötigen, auch andere gibt, die zur Neu- 
gestaltung und zum Fortschritt drängen, darf gewiß 
nicht unberücksichtigt bleiben; er soll auch späterhin 



i 



t 



yenseits des Lusipt-inzips c i 



in unsere Erwägungen einbezogen werden. Aber vor- 
her mag es uns verlocken, die Annahme, daß alle 
Triebe Früheres wiederherstellen wollen, in ihre letzten 
Konsequenzen zu verfolgen. Mag, was dabei heraus- 
kommt, den Anschein des „Tiefsinnigen*' erwecken 
oder an Mystisches anklingen, so wissen wir uns doch 
von dem Vorwurf frei, etwas derartiges angestrebt zu 
haben. Wir suchen nüchterne Resultate der Forschung 
oder der auf sie gegründeten Überlegung, und unser 
Wunsch möchte diesen keinen anderen Charakter als 
den der Sicherheit verleihen. 

Wenn also alle organischen jTriebe konservativ, 
historisch erworben und auf Regression, Wiederher- 
stellung von Früherem, gerichtet sind, so müssen wir 
die Erfolge der organischen Entwicklung auf die 
Rechnung äußerer, störender und ablenkender Einflüsse 
setzen. Das elementare Lebewesen würde sich von 
seinem Anfang an nicht haben ändern wollen, hätte 
unter sich gleichbleibenden Verhältnissen stets nur den 
nämlichen Lebenslauf wiederholt. Aber im letzten 
Grunde müßte es die Entwicklungsgeschichte unserer 
Erde und ihres Verhältnisses zur Sonne sein, die uns 
in der Entwicklung der Organismen ihren Abdruck 
hinterlassen hat. Die konservativen organischen Triebe 
haben jede dieser aufgezwungenen Abänderungen des 
Lebenslaufes aufgenommen und zur Wiederholung 
aufbewahrt und müssen so den täuschenden Ein- 
druck von Kräften machen, die nach Veränderung und 



52 



Siem. Fi'eud 



Fortschritt streben,- während sie bloß ein altes Ziel auf 
alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. Auch 
dieses Endziel alles organischen Strebens ließe sich 
angeben. Der konservativen Natur der Triebe wider- 
spräche es, wenn das Ziel des Lebens ein noch nie 
zuvor erreichter Zustand wäre. Es muß vielmehr ein 
alter, ein Ausgangszustand, sein, den das Lebende 
einmal verlassen hat, und zu dem es über alle Um- 
wege der Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als 
ausnahmslose Erfahrung annehmen dürfen, daß alles 
Lebende aus inneren Gründen stirbt, ins Anorganische 
zurückkehrt, so können wir nur sagen : Das Ziel 
alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend : 
Das Leblose war früher da als das Lebende, 
Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch 
eine noch ganz unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigen- 
schaften des Lebenden erweckt, Vielleicht war es ein 
Vorgang vorbildlich ähnlich jenem anderen, der in einer 
gewissen Schicht der lebenden Materie später das 
Bewußtsein entstehen ließ. Die damals entstandene 
Spannung in dem vorhin unbelebten Stoff trachtete 
darnach sich abzugleichen; es war der erste Trieb 
gegeben, der, zum Leblosen zurückzukehren. Die 
damals lebende Substanz hatte das Sterben noch 
leicht, es war wahrscheinlich nur ein kurzer Lebens- 
weg zu durchlaufen, dessen Richtung durch die 
chemische Struktur des jungen Lebens bestimmt war. 
Eine lange Zeit hindurch mag so die lebende Substanz 



yenseits des Lustprinzips 53 



immer wieder neu geschaffen worden und leicht ge- 
storben sein, bis sich maßgebende äußere Einflüsse 
so änderten, daß sie die noch überlebende Substanz 
zu immer größeren Ablenlcungen vom ursprünglichen 
Lebensweg und zu immer komplizierteren Umwegen \ 

bis zur Erreichung des Todeszieles nötigten. Diese 
Umwege zum Tode, von den konservativen Trieben 
getreulich festgehalten, böten uns heute das Bild 
der Lebenserscheinungen, Wenn man an der aus- 
schließlich kpnsei-\'ativen Natur der Triebe festhält, 
kann man zu anderen Vermutungen über Herkunft 
und Ziel des Lebens nicht gelangen. 

Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt 
dann, was sich für die großen Gruppen von Trieben 
ergibt, die wir hinter den Lebenserscheinungen der 
Organismen statuieren. Die Aufstellung der Selbst- 
erhaltungstriebe, die wir jedem lebenden Wesen 
zugestehen, steht in merkwürdigem Gegensatz zur 
Voraussetzung, daß das gesamte Triebleben der 
Herbeiführung des Todes dient. Die theoretische Be- 
deutung der Selbsterhaltungs-, Macht- und Geltungs- 
triebe schrumpft, in diesem Licht gesehen, ein; es 
sind Partialtriebe, dazu bestimmt, den eigenen Todes- 
weg des Organismus zu sichern und andere Möglich- 
keiten der Rückkehr zum Anorganischen als die 
immanenten fernzuhalten, aber das rätselliafte, in keinen 
Zusammenhang einfügbare Bestreben des Organismus, 
sich aller Welt zum Trotz zu behaupten, entfällt. Es 



54 Sigm. Freud 



erübrigt, daß der Organismus nur auf seine Weise 
sterben will; auch diese Lebenswächtcr sind ursprünglich 
Trabanten des Todes gewesen. Dabei kommt das 
Paradoxe zustande, daß der lebende Organismus sich 
auf das energischeste gegen Einwirkungen (Gefahren) 
sträubt, die ihm dazu verhelfen könnten, sein Lebens- 
ziel auf kurzem Wege (durch Kurzschhiß sozusagen) 
zu erreichen, aber dies Verhalten charakterisiert eben 
ein rein triebhaftes im Gegensatz zu einem intelligenten 
Streben.' , 

Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein! 
In ein ganz anderes Licht rücken die Sexualtriebe, 
für welche die Neurosenlehre eine Sonderstellung in 
Anspruch genommen hat. Nicht alle Organismen sind 
dem äußeren Zwang unterlegen, der sie zu immer 
weiter gehender Entwicklung antrieb. Vielen ist es 
gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf die 
Gegenwart zu bewahren; es leben ja noch heute, 
wenn nicht alle, so doch viele Lebewesen, die den 
Vorstufen der höheren Tiere und Pflanzen ähnlich sein 
müssen. Und ebenso machen nicht alle Elementar- 
organismen, welche den komplizierten Leib eines 
höheren Lebewesens zusammensetzen, den ganzen Ent- 
wicklungsweg bis zum natürlichen Tode mit. Einige 
unter ihnen, die Keimzellen, bewahren wahrscheinlich 
die ursprüngliche Struktur der lebenden Substanz und 

i) Vgl. übrigens die später lolgende Korrektur dieser 
extremen Auffassung der Selbsterhaltungstriebe. 



w 



'Jenseits des Lustprinüps 5 5 

lösen sich, mit allen ererbten und neu erworbenen 
Triebanlagen beladen, nach einer gewissen Zeit vom 
ganzen Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese 
beiden Eigenschaften, die ihnen ihre selbständige 
Existenz ermöglichen. Unter günstige Bedingungen ge- 
bracht, beginnen sie sich zu entwickeln, das heißt, 
das Spiel, dem sie ihre Entstehung verdanl<:enj zu 
wiederholen, und dies endet damit, daß wieder ein 
Anteil ihrer Substanz die Entwicklung bis zum Ende 
fortführt, während ein anderer als neuer Keimrest von 
neuem auf den Anfang der Entwicklung zurückgreift. So 
arbeiten diese Keimzellen dem Sterben der lebenden 
Substanz entgegen und wissen für sie zu erringen, was 
uns als potentielle Unsterblichkeit erscheinen muß, 
wenngleich es vielleicht nur eine Verlängerung des 
Todesweges bedeutet. Im höchsten Grade bedeutungs- 
voll ist uns die Tatsache, daß die Keimzelle für diese 
Leistung durch die Verschmelzung mit einer anderen, 
ihr ähnlichen und doch von ihr verschiedenen, ge- 
kräftigt oder überhaupt erst befähigt wird. 

Die Triebe, welche die Schicksale dieser das 
Einzelwesen überlebenden Elementarorganismen in acht 
nehmen, für ihre sichere Unterbringung sorgen, so 
lange sie wehrlos gegen die Reize der Außenwelt 
sind, ihr Zusammentreffen mit den anderen Keimzellen 
herbeiführen usw., bilden die Gruppe der Sexualtriebe. 
Sie sind in demselben Sinne konser\''ativ wie die 
anderen, indem sie frühere Zustände der lebenden 






56 Si^vi. Freud 



Substanz wiederbringen, aber sie sind es in stärkcrem 
Maße, indem sie sich als besonders resistent gegen 
äußere Einwirkungen erweisen, und dann noch in 
einem weiteren Sinne, da sie das Leben selbst für 
längere Zeiten erhalten.' Sie sind die eigentlichen Lebens- 
triebe; dadurch, daß sie der Absicht der anderen 
Triebe, welche durch die Funktion zum Tode führt, 
entgegenwirken, deutet sich ein Gegensatz zwischen 
ihnen und den übrigen an, den die Neurosenlehre früh- 
zeitig als bedeutungsvoll erkannt hat. Es ist wie ein 
Zauderrhythmus im Leben der Organismen; die eine 
Triebgruppe stürmt nach vorwärts, um das Endziel 
des Lebens möglichst bald zu erreichen, die andere 
schnellt an einer gewissen Stelle dieses Weges zurück, 
um ihn von einem bestimmten Punkt an nochmals zu 
machen und so die Dauer des Weges zu verlängern. 
Aber wenn auch Sexualität und Unterschied der Ge- 
schlechter zu Beginn des Lebens gewiß nicht vor- 
handen waren, so bleibt es doch möglich, daß die 
später als sexuell zu bezeichnenden Triebe von allem j 

Anfang an in Tätigkeit getreten sind und ihre Gegen- 
ärbeit gegen das Spiel der ,, Ichtriebe" nicht erst zu 
einem späteren Zeitpunkte aufgenommen haben. 

Greifen wir nun selbst ein erstes Mal zurück, um 1 

zu fragen, ob nicht alle diese Spekulationen der Be- \ 

gründung entbehren. Gibt es wirklich, abgesehen j 

1) Und doch sind sie es, die wir allein für „Fortschriu" und J 

renhVIPlcluntT in Anonm/^li nnliiviBn l-i'lnrior. [ (C ,,"1 'A 



\ 



Höherentwicklung in AnspiTicli nehmen können! (S. u.) 



5 



Jenseits des Lusiprinsips 57 

von den Sexualtrieben, keine anderen Triebe als 
solche, die einen früheren Zustand wiederherstellen 
wollen, nicht auch andere, die nach einem noch nie 
erreichten streben? Ich weiß in der organischen Welt 
kein sicheres Beispiel, das unserer vorgeschlagenen 
Charakteristik widerspräche. Ein allgemeiner Trieb zur 
Höherentwicklung in der Tier- und Pflanzenwelt läßt 
sich gewiß nicht feststellen, wemi auch eine solche 
Entwicklungsrichtung tatsächlich unbestritten bleibt. 
Aber einerseits ist es vielfach nur Sache unserer Ein- 
schätzung, wenn wir eine Entwicklungsstufe für höher 
als eine andere erklären, und andererseits zeigt uns die 
Wissenschaft des Lebenden, daß Höherentwicklung in 
einem Punkte sehr häufig durch Rückbildung in einem 
anderen erkauft oder wettgemacht wird. Auch gibt es Tier- 
formen genug, deren Jugendzustände uns erkennen lassen, 
daß ihre Entwicklung vielmehr einen rückschreitenden 
Charakter genommen hat. Höherentwicklung wie Rück- 
bildung könnten beide Folgen der zur Anpassung drän- 
genden äußeren Kräfte sein und die Rolle der Triebe 
könnte sich für beide Fälle darauf beschränken, die aufge- 
zwungene Veränderung als innere Lustquelle festzuhalten.' 
Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf 
den Glauben zu verzichten, daß im Menschen selbst 

i) Auf anderem Wege ist Ferenczi zur Möglichkeit der- 
selben Auffassung gelangt (Entwicklungsstufen des Wirklichkeits- 
sinnes, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1913): „Bei 
konsequenter Durchfühnmg dieses Gedankenganges muß man sich 



58 S/gffi. Freud 



ein Trieb zur Vcrvollkominnung wohnt, der ilin auf 
seine gegenwärtige Höhe geistiger Leistung und ethischer 
Sublimierung gebracht hat, und von dem man erwai'ten 
darf, daß er seine Entwicklung zum Übermenschen 
besorgen wird. Allein ich glaube nicht an einen solchen 
inneren Trieb und sehe keinen Weg, diese wohltuende 
Illusion zu schonen. Die bisherige Entwicklung des 
Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu 
bedürfen als die der Tiere, und was man an einer 
Minderzahl von menschlichen Individuen als rastlosen 
Drang zu weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt 
sich ungezwungen als Eolge der Triebverdrängung 
verstehen, auf welche das Wertvollste an der mensch- 
lichen Kultur aufgebaut ist. Der verdrängte Trieb gibt 
es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, 
die in der Wiederholung eines primären Bcfriedigungs- 
erlebnisses bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildungen 
und Subtimierungen sind ungenügend, um seine an- 
haltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz 
zwischen der gefundenen und der geforderten Be- 
friedigungslust ergibt sich das treibende Moment, 
welches bei keiner der hergestellten Situationen zu 
verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten 
,,ungebändigt immer vorwärts dringt" (Mephisto im 

mit der Idee einer auch das organische Leben beherrschenden 
Beharrnngs- rcsp. Repressionstendenz vertraut machen, während 
die Tendenz nach Fortentwickhing, Anpassung etc. nur auf äußere 
Reize hin lebendig wird." (S. 137.) 



yenseits des Lustpriyizips 5 g 

„Faust", I, Studierzimmer). Der Weg nach rückwärts, 
zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die 
Widerstände, welche die Verdrängungen aufrecht 
halten, verlegt, und somit bleibt nichts anderes übrig, 
als in der anderen, noch freien Entwicklungsrichtung 
fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß 
abschließen und das Ziel erreichen zu können. Die 
Vorgänge bei der Ausbildung einer neurotischen 
Phobie, die ja nichts anderes als ein Fluchtversuch 
vor einer Triebbefriedigung ist, geben uns das Vor- : 

bild für die Entstehung dieses anscheinenden ,,Ver- , \ 

vollkommnungstriebes", den wir aber unmöglich allen | 

menschlichen Individuen zuschreiben können. Die dyna- , 

mischen Bedingungen dafür sind zwar ganz allgemein 
vorhanden, aber die ökonomischen Verhältnisse scheinen _^- 

das Phänomen nur in seltenen Fällen zu begünstigen. -/g 

Nur mit einem Wort sei aber auf die Möglichkeit -^ 

hinf^ewiesen, daß das Bestreben des Eros, das Organische j 

zu immer größeren Einheiten zusammenzufassen, einen 1 

Ersatz für den nicht anzuerkennenden ,, Vervollkomm- 
nungstrieb" leisten kann. Im Verein mit den Wirkungen 
der Verdrängung würde es die dem letzteren zuge- ^ 

schriebenen Phänomene erklären können. . '\ 



VI. 



Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen 
Gegensatz zwischen den „Ichtrieben" und den Sexual- 
trieben aufstellt, die ersteren zum Tode und die letzteren 
zur Lebensfortsetzung drängen läßt, wird uns gewiß 
nach vielen Richtungen selbst nicht befriedigen. Dazu 
kommt, daß wir eigentlich nur für die ersteren den 
konservativen oder besser regredierenden, einem Wieder- 
holungszwang entsprechenden Charakter des Triebes 
in Anspruch nehmen konnten. Denn nach unserer An- 
nahme rühren die Ichtriebe von der Belebung der un- 
belebten Materie her und wollen die Unbelebtheit 
wieder herstellen. Die Sexualtriebe hingegen — es ist 
augenfällig, daß sie primitive Zustände des Lebewesens 
reproduzieren, aber ihr mit allen Mitteln angestrebtes 
Ziel ist die Verschmelzung zweier in bestimmter Weise 
differenzierter Keimzellen. Wenn diese Vereinigung 
nicht zustande kommt, dann stirbt die Keimzelle wie 
alle anderen Elemente des vielzelligen Organismus. Nur 
unter dieser Bedingung kann die Geschleehtsfunktion 



>.. 



^ 



yenseits des Liistprinzips 



6i 



J. 



das Leben verlängern und ihm den Schein der Un- 
sterblichkeit verleihen. Welches wichtige Ereignis im 
Entwicklungsgang der lebenden Substanz wird aber' 
durch die geschlechtliche Fortpflanzung oder ihren 
Vorläufer, die Kopulation zweier Individuen unter 
den Protisten, wiederholt? Das wissen wir nicht zu 
sagen, und darum würden wir es als Erleichterung 
empfinden, wenn unser ganzer Gedankenaufbau sich 
als irrtümlich erkennen ließe. Der Gegensatz von 
Ich (Todes-) trieben und Sexual (Leb ens-)tri eben würde 
dann entfallen, damit auch der Wiederholungszwang 
die ihm zugeschriebene Bedeutung einbüßen. 

Kehren wir darum zu einer von uns eingefloch- 
tenen Annahme zurück, in der Erwartung, sie werde 
sich exakt widerlegen lassen. Wir haben auf Grund 
der Voraussetzung weitere Schlüsse aufgebaut, daß 
alles Lebende aus inneren Ursachen sterben müsse. 
Wir haben diese Amiahme so sorglos gemacht, weil 
sie uns nicht als solche erscheint. Wir sind gewohnt 
so zu denlvcn, unsere Dichter bestärken uns darin. 
Vielleicht haben wir uns dazu entschlossen, weil ein 
Trost in diesem Glauben liegt. Wenn man schon 
selbst sterben und vorher seine Liebsten durch den 
Tod verlieren soll, so will man Heber einem unerbitt- 
lichen Naturgesetz, der hehren 'A\-d.Yivi-i, erlegen sein, 
als einem Zufall, der sich etwa noch hätte vermeiden 
lassen. Aber vielleicht ist dieser Glaube an die innere 
Gesetzmäßigkeit des Sterbens auch nur eine der 






62 



Sigvi. Freud 



Illusionen, die wir uns geschaffen haben, „um die 
Schwere des Daseins zu ertragen". Ursprünglich ist 
er sicherlich nicht, den primitiven Völkern ist die Idee 
eines „natürlichen Todes" fi'emd; sie führen jedes 
Sterben unter ihnen auf den EinflulJ eines Feindes 
oder eines bösen Geistes zurück. Versäumen wir es 
darum nicht, uns zur Prüfung dieses Glaubens an die 
biologische Wissenschaft zu wenden. * 

Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie 
wenig die Biologen in der Frage des natürlichen Todes 
einig sind, ja daß ihnen der Begriff des Todes über- 
haupt unter den Händen zerrinnt. Die Tatsache einer 
bestimmten durchschnittlichen Lebensdauer wenigstens 
bei höheren Tieren spricht natürlich für den Tod aus 
inneren Ursachen, aber der Umstand, daß einzelne 
große Tiere und riesenhafte Baumgewächse ein sehr 
hohes und bisher nicht abschätzbai'es Alter erreichen, 
hebt diesen Eindruck wieder auf. Nach der groß- 
artigen Konzeption von W. Fließ sind alle Lebens- 
erscheinungen — und gewiß auch der Tod — der 
Organismen an die Erfüllung bestimmter Termine ge- 
bunden, in denen die Abhängigkeit zweier lebenden 
Substanzen, einer männlichen und einer weiblichen, 
vom Sonnenjahr zum Ausdruck kommt. Allein die 
Beobachtungen, wie leicht und bis zu welchem Aus- 
maß es dem Einflüsse äußerer Kräfte möglich ist, 
die Lebensäußenmgen insbesondere der Pflanzenwelt 
in ihrem zeitlichen Auftreten zu verändern, sie zu 



'i 



yenseits des Lustprinzips 63 

verfrühen oder hintanzuh alten , sträuben sich gegen die 
Starrheit der Fließ'schen Formeln und lassen zum 
mindesten an der Alleinherrschaft der von ihm auf- 
gestellten Gesetze zweifeln. 

Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Be- 
handlung, welche das Thema von der Lebensdauer und 
vom Tode der Organismen in den Arbeiten von A. Weis- 
mann gefunden hat." Von diesem Forscher rührt die 
Unterscheidung der lebenden Substanz in eine sterb- 
liche und unsterbliche Hälfte her; die sterbliche ist 
der Körper im engeren Sinne, das Soma, sie allein ist 
dem natürlichen Tode unterworfen, die Keimzellen aber 
sind potentia unsterblich, insofern sie imstande sind, 
unter gewissen günstigen Bedingungen sich zu einem 
neuen Individuum zu entwickeln, oder anders ausge- 
drückt, sich mit einem neuen Soma zu umgeben." 

Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete 
Analogie mit unserer eigenen, auf so verschiedenem 
Wege entwickelten Auffassung. Weismann, der die 
lebende Substanz morphologisch betrachtet, erkennt 
in ihr einen Bestandteil, der dem Tode verfallen ist, 
das Soma, den Körper abgesehen vom Geschlechts- 
und Vererbungsstoff, und einen unsterblichen, eben 
dieses Keimplasma, welches der Erhaltung der Art, 
der Fortpflanzung, dient. Wir haben nicht den lebenden 

i) Über die Dauer des Lebens. 18S2; Über Leben und Tod, 
1892; Das Keimplasma, 1893, u, a, 

2) Über Leben und Tod, 2. Aufl. 1892, S. 20. 



'^Ä 



64 Slgw. Freud 



Stoff, sondern die in ihm tätigen Kräfte eingestellt, und 
sind dazu geführt worden, zwei Arten von Trieben zu 
unterscheiden, jene, welche das Leben zum Tod führen 
wollen, die anderen, die Sexualtriebe, welche immer 
wieder die Erneuerung des Lebens anstreben und 
durchsetzen. Das klingt wie ein dynamisches Korollar 
zu Weismann's morphologischer Theorie. 

Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung 
verflüchtigt sich alsbald, wenn wir Weismann's Ent- 
scheidung über das Problem des Todes vernehmen. 
Denn Weismann läfit die Sonderung vom sterblichen 
Soma und unsterblichen Keimplasma erst bei den viel- 
zelligen Organismen gelten, bei den einzelligen Tieren 
sind Individuum und Fortpfianzungszelle noch ein- und 
dasselbe.' Die Einzelligen erklärt er also für potentiell 
unsterblich, der Tod tritt erst bei den Metazocn, den 
Vielzelligen, auf. Dieser Tod der höheren Lebewesen 
ist allerdings ein natürlicher, ein Tod aus inneren Ur- 
sachen, aber er beruht nicht auf einer Ureigenschaft 
der lebenden Substanz," kann nicht als eine absolute, 
im Wesen des Lebens begründete Notwendigkeit auf- 
gefaßt werden.' Der Tod ist vielmehr eine Zweck- 
mäßigkeitseinrichtung, eine Erscheinung der Anpassung 
an die äußeren Lebensbedingungen, weil von der 
Sonderung der Körperzcllen in Soma und Keimplasmen 

i) Dauer des Lebens, S. 38. 

2) Leben und Tod, 2. Aufl., S. 67. 

3) Dauer des Lebens, 5. 33. 



Jenseits des Lustprinsips 



65 






an die unbegrenzte Lebensdauer des Individuums ein 
ganz unzweckmäßiger Luxus geworden wäre. Mit dem 
Eintritt dieser Differenzierung bei den Vielzelligen 
wurde der Tod möglich und zweckmäßig. Seither stirbt 
das Soma der höheren Lebewesen aus inneren Gründen 
zu bestimmten Zeiten ab, die Protisten aber sind un- 
sterblich geblieben. Die Fortpflanzung hingegen ist nicht 
erst mit dem Tod eingeführt worden, sie ist vielmehr 
eine Ureigenschaft der lebenden Materie wie das Wachs- 
tum, aus welchem sie hervorging, und das Leben ist von 
seinem Beginn auf Erden an kontinuierlich geblieben.' 

Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis 
eines natürlichen Todes für die höheren Organismen 
unserer Sache wenig hilft. Wenn der Tod eine späte 
Erwerbung der Lebewesen ist, dann kommen Todes- 
triebe, die sich vom Beginn des Lebens auf Erden 
ableiten, weiter nicht in Betracht. Die Vielzelligen 
mögen dann immerhin aus inneren Gründen sterben, 
an den Mängeln ihrer Differenzierung oder an den UnvoU- 
kommcnheiten ilires Stoffwechsels; es hat für die Frage, 
die uns beschäftigt, kein Interesse. Eine solche Auf- 
fassung und Ableitung des Todes liegt dem gewohnten 
Denl^en der Menschen auch sicherlich viel näher als 
die befremdende Annahme von ,, Todestrieben". 

Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen 
von Weismann angeschlossen, hat nach meinem Urteil 



c 



i) Über Leben und Tod, Schluß. 

Freud: Jenseits (5m Lustpriniipe 



66 



Sigm. Freud 



in keiner Richtung Entscheidendes ergeben." Manche 
Autoren sind zum Standpunkt von Goette zurück- 
gekehrt (1883), der in dem Tod die direkte Folge 
der Fortpflanzung sah. Hartmann charakterisiert den 
Tod nicht durch Auftreten einer „Leiche", eines ab- 
gestorbenen Anteiles der lebenden Substanz, sondern 
definiert ihn als den ,, Abschluß der individuellen Ent- 
wicklung'*. In diesem Sinne sind auch die Protozoen 
sterblich, der Tod fallt bei ihnen immer mit der Fort- 
pflanzung zusammen, aber er wird durch diese gewisser- 
maßen verschleiert, indem die ganze Substanz des 
Elterntieres direkt in die jungen Kinderindividuen über- 
geführt werden kann. (1. c., S. 29) 

Das Interesse der Forschung hat sich bald dai-auf 
gerichtet, die behauptete Unsterblichkeit der lebenden 
Substanz an den Einzelligen experimentell zu erproben. 
Ein Amerikaner, Woodruff, hat ein bewimpertes 
Infusorium, ein ,, Fantoffeltierchen", das sich durch 
Teilung in zwei Individuen fortpflanzt, in Zucht ge- 
nommen und es bis zur 3029sten Generation, wo er 
den Versuch abbrach, verfolgt, indem er jedesmal das 
eine der Teilprodukte isolierte und in frisches Wasser 
brachte. Dieser späte Abkömmling des ersten Pantoffel- 
tierchens war ebenso frisch wie der Urahn, ohne alle 



i) V^l. Max Hartmann, Tod und Fortpflanzung, 1906! 
Alex. Lip schütz, Warum wir sterben, Kosmosbücher, 1914; 
Franz Döflein, Das Problem des Todes und der Unsterblichkeit 
bei den Pflanzen und Tieren, 1909. 



yenseits des L.ustprinzips 67 

Zeichen des Alterns oder der Degeneration; somit 
schien, wenn solchen Zahlen bereits Beweiskraft zu- 
kommt, die Unsterblichkeit der Protisten experimentell 
erweisbar.' 

Andere Forscher sind zu anderen Resultaten ge- 
kommen. Maupas, Calkins u. a. haben im Gegen- 
satz zu Woodruff gefunden, daß auch diese Infusorien 
nach einer gewissen Anzahl von Teilungen schwächer 
werden, an Größe abnehmen, einen Teil ihrer Organi- 
sation einbüßen und endlich sterben, wenn sie nicht 
gewisse auffrischende Einflüsse erfahren. Demnach 
stürben die Protozoen nach einer Phase des Alters- 
verfalls ganz wie die höheren Tiere, so recht im 
Widerspruch zu den Behauptungen Weismanns, der 
den Tod als eine späte Erwerbung der lebenden 
Organismen anerkennt. 

Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen 
heben wir zwei Tatsachen heraus, die uns einen festen '^ 

Anhalt zu bieten scheinen. Erstens : Wenn die Tierchen 
zu einem Zeitpunkt, da sie noch keine Altersverän- 
derung zeigen, miteinander zu zweit verschmelzen, 
„kopulieren" können — worauf sie nach einiger Zeit 
wieder auseinandergehen — , so bleiben sie vom Alter 
verschont, sie sind ,, verjüngt" worden. Diese Kopulation 
ist doch wohl der Vorläufer der geschlechtlichen Fort- 
pflanzung höherer Wesen; sie hat mit der Vermehrung 

i) Für dies und das Folgende vgl. Lipschütz I. c, S. 26 
und 52 ff. 

5* 



:33 



68 -S^g^i- Freud 



noch nichts zu tun, beschränkt sich auf die Ver- 
mischung der Substanzen beider Individuen (Weis- 
mann's Amphimixis). Der auffrischende Einfluß der 
Kopulation kann aber auch ersetzt werden durch be- ,^' 

stimmte Reizmittel, Veränderungen in der Zusammen- f- 

setzung der Nährflüssigkeit, Temperatursteigerung oder j 

Schütteln. Man erinnert sich an das berühmte Ex- - 

periment von J. Loeb, der Seeigeleier durch gewisse 
chemische Reize zu Teilungs vergangen zwang, die 
sonst nur nach der Befruchtung auftreten. .:^ 

Zweitens: Es ist doch wahrscheinlich, daß die "J' 

Infusorien durch ihren eigenen Lebensprozeß zu einem * 

natürlichen Tod geführt werden, denn der Wider- 
spruch zwischen den Ergebnissen von Woodruff und ^' 
von anderen rührt daher, daß Woodruff jede neue ''^ 
Generation in frische Nährflüssigkeit brachte. Unterließ 
er dies, so beobachtete er dieselben Altersveränderungen 
der Generationen wie die anderen Forscher. Er schloß, 
daß die Tierchen durch die Produkte des Stoffwechsels, * 
die sie an die umgebende Flüssigkeit abgeben, ge- 'j 
schädigt werden, und konnte dann überzeugend nach- 
weisen, daß nur die Produkte des eigenen Stoff- 
wechsels diese zum Tod der Generation führende " 
Wirkung haben. Denn in einer Lösung, die mit den 
Abfallsj^rodukten einer entfernter verwandten Art über- 
sättigt war, gediehen dieselben Tierchen ausgezeichnet, ^ 
die, in ihrer eigenen Nährflüssigkeit angehäuft, sicher p 
zugrunde gingen. Das hifusor stirbt also, sicli selbst { 



■t 

I 



. .( 



Jenseits des Liistprinzips 69 

überlassen, eines natürlichen Todes an der UnvoU- 
kommenheit der Beseitigung seiner eigenen Stoff- ' 

Wechselprodukte ; aber vielleicht sterben auch alle i 

höheren Tiere im Grunde an dem gleichen Unvermögen. 

Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es ; 

überhaupt zweckdienlich war, die Entscheidung der "\ 

Frage nach dem natürlichen Tod im Studium der ^ 

Protozoen zu suchen. Die primitive Organisation dieser *i 

Lebewesen mag uns wichtige Verhältnisse verschleiern, ''\ 

die auch bei ihnen statthaben, aber erst bei höheren \ 

Tieren erkannt werden können, wo sie sich einen ^ 

morphologischen Ausdruck verschafft haben. Wenn 
wir den morphologischen Standpunkt verlassen, um \ 

den dynamischen einzunehmen, so kann es uns über- '■ 

haupt gleichgültig sein, ob sich der natürliche Tod der 
Protozoen erweisen läßt oder nicht. Bei ihnen hat ■ ■ 7 -;; 

sich die später als unsterblich erkannte Substanz von 
der sterblichen noch in keiner Weise gesondert. Die 
Triebkräfte, die das Leben in den Tod überführen 
wollen, könnten auch in ihnen von Anfang an wirk- 
sam sein, und doch könnte ihr Effekt durch den der 
lebenserhaltenden Kräfte so gedeckt werden, daß ihr 
direkter Kachweis sehr schwierig wird. Wir haben 
allerdings gehört, daß die Beobachtungen der Biologen 
uns die Annahme solcher zum Tod führenden inneren 
Vorgänge auch für die Protisten gestatten. Aber selbst, 
wenn die Protisten sich als unsterblich im Sinne von 
Weismann erweisen, so gilt seine Behauptung, der 



70 Sigm. Freud 



i: 



Tod sei eine späte Erwerbung, nur für die manifesten 
Äußerungen des Todes und macht keine Annahme 
über die zum Tode drängenden Prozesse unmöglich. 
Unsere Erwartung, die IJiologie werde die Anerkennung 
der Todestriebe glatt beseitigen, hat sich nicht erfüllt. 
Wir können uns mit ihrer Möglichkeit weiter be- 
schäftigen, wenn wir sonst Gründe dafür haben. Die 
auffällige Ähnlichkeit der Weismann'schen Sondei"ung 
von Soma und Keimplasma mit unserer Scheidung 
der Todestriebe von den Lebenstrieben bleibt aber 
bestehen und erhält ihren Wert wieder. 

Verweilen wir kurz bei dieser exquisit dualisti- 
schen Auffassung des Trieblebens. Nach der Theorie 
E. Hering's von den Vorgängen in der lebenden 
Substanz laufen in ihr unausgesetzt zweierlei Prozesse 
entgegengesetzter Richtung ab, die einen aufbauend 
— assimilatorisch, die anderen abbauend — dissimila- 
torisch. Sollen wir es wagen, in diesen beiden Rich- 
tungen der Lebensprozesse die Betätigung unserer 
beiden Triebregungen, der Lebenstriebe und der 
Todestriebe, zu erkennen? Aber etwas anderes können 
wir uns nicht verhehlen: daß wir unversehens in den 
Hafen der Philosophie Schopenhaucr's eingelaufen 
sind, für den ja der Tod „das eigentliche Resultat" 
und insofern der Zweck des Lebens ist," der Sexual- 
trieb aber die Verkörperung des Willens zum Leben. 

i) „Über die anscheinende Absichllichkcit im Schicksale 
des Einzelnen", Grotiherzog Williclm Ernst-Ausgabe, IV. Bd, S. 268. 



Jenseits des Lustprinzips yi 

Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter zu gehen. 
Nach allgemeiner Einsicht ist die Vereinigung zalilreicher 
Zellen zu einem Lebensverband, die Vielzelligkeit der 
Organismen, ein Mittel zur Verlängerung ihrer Lebens- 
dauer geworden. Eine Zelle hilft dazu, das Leben der 
anderen zu erhalten, und der Zeilenstaat kann weiter 
leben, auch wenn einzelne Zellen absterben müssen. 
Wir haben bereits gehört, daß auch die Kopulation, 
die zeitweilige Verschmelzung zweier Einzelliger, lebens- 
erhaltend und verjüngend auf beide w-irkt. Somit könnte 
man den Versuch machen, die in der Psychoanalyse 
gewonnene Libidotheorie auf das Verhältnis der Zellen 
zu einander zu übertragen und sich vorzustellen, daß 
es die in jeder Zelle tätigen Lebens- oder Sexualtriebe 
sind welche die anderen Zellen zum Objekt nehmen, 
deren Todestriebe, d. i. die von diesen angeregten 
Prozesse, teilweise neutralisieren und sie so am Leben 
erhalten, während andere Zellen dasselbe für sie besorgen 
und noch andere in der Ausübung dieser libidinöserr 
Funktion sich selbst aufopfern. Die Keimzellen selbst 
würden sich absolut ,, narzißtisch" benehmen, wie wir 
es in der Neurosenlehre zu bezeichnen gewohnt sind, 
wenn ein ganzes Individuum seine Libido im Ich behält 
und nichts von ihr für Objektbesetzungen verausgabt. 
Die Keimzellen brauchen ihre Libido, die Tätigkeit 
ihrer Lebenstriebe, für sich selbst als Vorrat für ihre 
spätere, großartig aufbauende Tätigkeit. Vielleicht darf 
man auch die Zellen der bösartigen Neugebilde, die 



72 •Sigai. l'ifud 



den Organismus z(rstürcn, ftlr narzißtisch in demselben 
Sinne erklären. Die Tathologie ist ja bereit, ihre Keime 
für mitgeboren zu halten und ihnen embryonale Eigen- 
schaften zuzugestehen. So würde also die Libido unserer 
Sexualtriebe mit dem l^ros der Diehter und Thilosophen 
zusammenfallen, der alles Lebende zusammenhält. 

An dieser Stelle finden wir den Anlaß, die lang- 
same Entwicklung unserer Libidolheorie zu überschauen. 
Die Analyse der Übertragungsneurosen zwang uns zu- 
nächst den Gegensatz zwischen ,, Sexualtrieben'*, die 
auf das Objekt gerichtet sind, und anderen Trieben 
auf, die wir nur sehr ungenügend erkannten und vor- 
läufig als „Ichtriebe" bezeichneten. Unter ihnen mußten 
Triebe, die der Sclbsterhaltung des Individuums dienen, 
in erster Linie anerkannt werden. Was für andere 
Unterscheidungen da zu machen waren, konnte man 
nicht wissen. Keine Kenntnis wäre für die Begründung 
einer richtigen Psychologie so wichtig gewesen, wie 
eine ungefähre Einsicht in die gemeinsame Xatur und 
die etwaigen Besonderlieitcn der Triebe. Aber auf 
keinem Gebiete der Psychologie tappte man so sehr 
im Dunkeln. Jedermann stellte so viele Triebe oder 
,, Grundtriebe" auf, als ihm beliebte, und wirtschaftete 
mit ihnen, wie die alten griechischen NaUirphilosophen 
mit ihren vier Elementen; dem Wasser, der Erde, 
dem Feuer und der Luft. Die Psychoanalyse, die irgend 
einer Annalime über die Triebe nicht entraten konnte, 
hielt sich vorerst an die poi)uläre Triebunterscheidung, 



yenseits des Liistprinzips 7 3 

für die das Wort von ,, Hunger und Liebe" vorbildlich 
ist. Es war wenigstens kein neuer Willkürakt. Damit 
reichte man in der Analyse der Psychoneurosen ein 
ganzes Stück weit aus. Der Begriff der „Sexualität" 
— und damit der eines Sexualtriebes — mußte freilich 
erweitert werden, bis er vieles einschloß, was sich nicht 
der Fortpflanzungsfunktion einordnete, und darüber gab 
es Lärm genug in der strengen, vornehmen oder bloß 
heuchlerischen Welt. 

Der nächste Schritt erfolgte, als sich die Psycho- 
analyse näher an das psychologische Ich herantasten 
konnte, das ihr zunächst nur als verdrängende, zensu- 
rierende und zu Schutzbauten, Realctionsbüdungen be- 
fähigte Instanz bekannt geworden war. Kritische und 
andere weitblickende Geister hatten zwar längst gegen 
die Einschränkung des Libidobegriffes auf die Energie 
der dem Objekt zugewendeten Sexualtriebe Einspruch 
erhoben. Aber sie versäumten es mitzuteilen, woher ( V'^ 

ihnen die bessere Einsicht gekommen war, und ver- 
standen nicht, etwas für die Analyse Brauchbai-es aus ihr 
abzuleiten. In bedächtigerem Fortschreiten fiel es mm 
der psychoanalytischen Beobachtung auf, wie regel- 
mäßig^ Libido vom Objekt abgezogen und aufs Ich 
gerichtet wird (Introversion), und indem sie die Libido- 
entwicklung des Kindes in ihren frühesten Phasen 
studierte, kam sie zur Einsicht, daß das Ich das eigent- 
liche und ursprüngliche Reservoir der Libido sei, die 
erst von da aus auf das Objekt erstreckt werde. Das 



■15 -.'" 



74 Sig}fi. Freud 



Ich trat unter die Sexualobjekte und wurde gleich als 
das vornehmste unter ihnen erkannt. Wenn die Libido 
so im Ich verweilte, wurde sie narzißtisch genannt'. 
Diese narzißtische Libido war natürlich auch die Kraft- 
äußerung von Sexualtrieben im analytischen Sinne, die 
man mit den von Anfang an zugestandenen „Selbst- 
erhaltungstrieben" identiliziercn mußte. Somit war der 
ursprüngliche Gegensatz von Ichtrieben und Sexual- 
trieben unzureichend geworden. Ein Teil der Ichtriebe 
war als libidinös erkannt; im Ich waren — neben 
anderen wahrscheinlich — auch Sexualtriebe wirksam, 
doch ist man berechtigt zu sagen, daß die alte Formel, 
die Psychoneurose beruhe auf einem Konflikt zwischen 
den Ichtrieben und den Sexualtrieben, nichts enthielt, 
was heute zu verwerfen wäre. Der Unterschied der 
beiden Triebarten, der ursprünglich irgendwie qualitativ 
gemeint war, ist jetzt nur anders, nämlich topisch 
zu bestimmen. Insbesondere die Übertragungsneurose, 
das eigentliche Studienobjekt der Psychoanalyse, bleibt 
das Ergebnis eines Konflikts zwischen dem Ich und 
der libidinösen Objektbesetzung. 

Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter 
der Selbsterhaltungstriebe jetzt betonen, da wir den 
weiteren Schritt wagen, den Sexualtrieb als den alles 
erhaltenden Eros zu erkennen und die narzißtische 

i) Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch der Psycho- 
analyse, VI, 1914, und Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre, IV. Folge, 1918. 



T* 



f. 



Jenseits des Lustprinzips 75 

Libido des Ichs aus den Libidobeiträgen ableiten, mit 
denen die Somazellen aneinander haften. Nun aber 
finden wir uns plötzlich folgender Frage ■ gegenüber: 
Wenn auch die Selbsterhaltungstriebe libidinöser Natur 
sind, dann haben >vir vielleicht überhaupt keine anderen 
Triebe als libidinöse. Es sind wenigstens keine anderen 
zu sehen. Dann muß man aber doch den Kritikern 
Recht geben, die von Anfang an geahnt haben, die 
Psychoanalyse erkläre alles aus der Sexualität, oder 
den Neuerern wie Jnng, die, kurz entschlossen, Libido 
für „Triebkraft" überhaupt gebraucht haben. Ist dem 

nicht so? 

In unserer Absicht läge dies Resultat allerdings 
nicht. Wir sind ja vielmehr von einer scharfen Scheidung 
zwischen Ichtrieben ^ Todestrieben und Sexualtrieben 
=■ Lebenstrieben ausgegangen. Wir waren ja bereit, 
auch die angeblichen Selbsterhaltungstriebe des Ichs 
zu den Todestrieben zu rechnen, was wir seither be- 
richtigend zurückgezogen haben. Unsere Auffassung 
war von Anfang eine dualistische und sie ist es 
heute schärfer denn zuvor, seitdem wir die Gegensätze 
nicht mehr Ich- und Sexaltriebe, sondern Lebens- und 
Todestriebe benennen. Jung's Libidotheorie ist dagegen 
eine monistische; daß er seine einzige Triebkraft Libido 
geheißen hat, mußte Verwirrung stiften, soll uns aber 
weiter nicht beeinflussen. Wir vermuten, daß im Ich 
noch andere als die libidinösen Selbsterhaltungstriebe 
tätig sind, wir sollten nur imstande sein, sie aufzuzeigen. 



- ■?-■ 






76 Sii^m, Freud 



Es ist zu bedauern, daß die Analyse des Ichs so wenig 
fortgesciiritten ist, daß dieser Nachweis uns recht 
schwer wird. Die hbidinösen Triebe des Ichs mögen 
allerdings in besonderer Weise mit den anderen, uns 
noch fremden Ichtrieben verknüpft sein. Noch ehe wir 
den Narzißmus klar erkannt hatten, bestand bereits in 
der Psychoanalyse die Vermutung, daß die ,,Iclitriebe" 
libidinöse Komponenten an sich gezogen haben. Aber 
das sind recht unsichere Möglichkeiten, denen die 
Gegner kaum Rechnung tragen werden. Es bleibt 
mißlich, daß uns die Analyse bisher immer nur in den 
Stand gesetzt hat, libidinöse Triebe naclizuweisen. Den 
Schluß, daß es andere nicht gibt, möchten wir darum 
doch nicht mitmachen. 

Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun 
wir wohl nicht gut, irgend einen Einfall, der uns Auf- 
klärung verspricht, zurückzuweisen. Wir sind von der 
großen Gegensätzlichkeit von Lebens- und Todestrieben 
ausgegangen. Die ObjektÜcbe selbst zeigt uns eine 
zweite solche Polarität, die von Liebe (Zärtlichkeit) 
und Haß (Aggression). Wenn es uns gelänge, diese 
beiden Polaritäten in Beziehung zu einander zu bringen, 
die eine auf die andere zurückzuführen! Wir haben 
von jeher eine sadistische Komponente des Sexualtriebes 
anerkannt;' sie kann sich, wie wir wissen, selbständig 
machen und als Perversion das gesamte Sexualstreben 

i) „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", von der i. Auf- 
lage, 1905, an. 



Jenseits des Luslprinsips 77 

der Person beherrschen. Sie tritt auch in einer der 
von mir sogenannten , ,prägemtalen Organisationen" als 
dominierender Partialtrieb hervor. Wie soll man aber 
den sadistischen Trieb, der auf die Schädigung des 
Objekts zielt, vom lebenserhaltenden Eros ableiten 
können? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß dieser 
Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den 
Einfluß der narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt 
wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein 
kommt? Er tritt dann in den Dienst der Sexualfunktion; 
im oralen Organisationsstadium der Libido fällt die 
Liebesbemächtigung noch mit der Vernichtung des 
Objekts zusammen, später trennt sich der sadistische 
Trieb ab und endlich übernimmt er auf der Stufe des 
Genitalprimats zum Zwecke der Fortpflanzung die 
Funktion, das Sexualobjekt so weit zu bewältigen, als 
es die Ausführung des Geschlechtsaktes erfordert. Ja, 
man könnte sagen, der aus dem Ich herausgedrängte 
Sadismus habe den libidinösen Komponenten des Sexual- 
triebes den Weg gezeigt; späterhin drängen diese zum 
Objekt nach. Wo der ursprüngliche Sadismus keine 
Ermäßigung und Verschmelzung erfährt, ist die be- 
kannte Liebe-Haß- Ambivalenz des Liebeslebens her- 
gestellt. 

Wenn es "erlaubt ist, eine solche Annahme zu 
machen, so wäre die Forderung erfüllt, ein Beispiel 
eines — allerdings verschobenen — Todestriebes auf- 
zuzeigen. Nur daß diese Auffassung von jeder Anschau- 



^8 Sigm. Freud 



lichkeit weit entfernt ist und einen geradezu mystischen 
Eindruck macht. Wir kommen in den Verdacht, um 
jeden Preis eine Auskunft aus einer großen Verlegen- 
heit gesucht zu haben. Dann dürfen wir uns darauf 
berufen, daß eine solche Annahme nicht neu ist, daß 
wir sie bereits früher einmal gemacht haben, als von 
einer Verlegenheit noch keine Rede war. Klinische 
Beobachtungen haben uns seinerzeit zur Auffassung 
genötigt, daß der dem Sadismus komplementäre Partial- 
trieb des Masochismus als eine Rückwendung des 
Sadismus gegen das eigene Ich zu verstehen sei." Eine 
Wendung des Triebes vom Objekt zum Ich ist aber 
prinzipiell nichts anderes als die Wendung vom Ich 
zum Objekt, die hier als neu in Frage steht. Der 
Masochismus, die Wendung des Triebes gegen das 
eigene Ich, wäre dann in Wirklichkeit eine Rückkehr 
zu einer früheren Phase desselben, eine Regression. 
In einem Punkte bedürfte die damals vom Masochismus 
gegebene Darstellung einer Berichtigung als allzu aus- 
schließlich; der Masochismus könnte auch, was ich 
dort bestreiten wollte, ein primärer sein." 

i) Vgl. Sexualthcorie, 4. Aufl., 1920, und „Triebe und Trieb- 
schicksale" in Sammlung kleiner Schriften, IV. Folgte. 

3) In einer Inhalts- und gedankenreichen, für mich leider 
nicht ganz durchsichtigen Arbeit hat Sabina Spielrein ein ganzes 
Stück dieser Spekulation vorweggenommen. Sie bezeichnet die 
sadistische Komponente des Sexnaltriebes als die „destruktive". 
(Die Destruktion als Ursache des Wcidcns. Jahrbuch für Psycho- 
analyse, IV, 1913.) In noch anderer Weise suchte A. Slärcke 



yenseits des Lnstpi-inzips p-g 

Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexual- 
trieben zurück. Schon aus der Protistenforschung haben 
wir erfahren, daß die Verschmelzung zweier Individuen 
ohne nachfolgende Teilung, die Kopulation, auf beide 
Individuen, die sich dann bald von einander lösen, 
stärkend und verjüngend wirkt. (S. o. Lipschütz.) 
Sie zeigen in weiteren Generationen keine Degene- 
rationserscheinungen und scheinen befähigt, den Schäd- 
lichkeiten ihres eigenen Stoffwechsels länger zu wider- 
stehen. Ich meine, daß diese eine Beobachtung als 
vorbildlich für den Effekt auch der geschlechtlichen 
Vereinigung genommen werden darf. Aber auf welche 
Weise bringt die Verschmelzung zweier wenig ver- 
schiedener Zellen eine solche Erneuerung des Lebens 
zustande ? Der Versuch, der die Kopulation bei den 
Protozoen durch die Einwirkung chemischer, ja selbst 
mechanischer Reize (1. c.) ersetzt, gestattet wohl eine 
sichere Antwort zu geben: Es geschieht durch die 
Zufuhr neuer Reizgrößen. Das stimmt nun aber gut 
zur Annahme, daß der Lebensprozeß des Individuums 
aus inneren Gründen zur Abgleichung chemischer 
Spannungen, das heißt zum Tode führt, während die 

(Inleiding by de vertaling von S. Freud, De sexuele beschavings- 
moral etc., 1914) den Libidobegriff selbst mit dem theoretisch zu 
supponierenden biologischen Begriff eines Antriebes zum Tode 
zu identifizieren. (Vg!. auch Rank, Der Künstler.) Alle diese Be- 
mühungen zeigen, wie die im Texte, von dem Drang nach einer 
noch nicht erreichten Klärung in der Trieblehre. 



8o Sigm. Freud 



Vereinigung mit einer individuell verschiedenen lebenden 
Substanz diese Spannungen vergrößert, sozusagen neue 
Vitaldifferenzen einführt, die dann abgelebt 
werden müssen. Für diese Verschiedenheit muß es 
natürlich ein oder mehrere Optima geben. Daß wir als 
die herrschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht 
des Nervenlebens überhaupt, das Streben nach Herab- 
setzung, Konstantcrhaltung, Aufhebung der inneren Reiz- 
spannung erkannten (das Nirwanaprinzip nach einem 
Ausdruck von Barbara Low), wie es im Lustprinzip 
zum Ausdruck kommt, das ist ja eines unserer stärksten 
Motive, an die Existenz von Todestrieben zu glauben. 

Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges 
verspüren wir es aber noch immer, daß wir gerade 
für den Sexualtrieb jenen Charakter eines Wieder- 
holungszwanges nicht nachweisen können, der uns zu- 
erst zur Aufspürung der Todestriebe führte. Das Gebiet 
der embryonalen Entwicklungsvorgänge ist zwar über- 
reich an solchen Wiederholungserscheinungen, die beiden 
Keimzellen der geschlechtlichen Fortpflanzung und ihre 
Lebensgeschichte sind selbst nur Wiederholungen der 
Anfänge des organischen Lebens; aber das Wesent- 
liche an den vom Sexualtrieb intendierten Vorgängen 
ist doch die Verschmelzung zweier Zellcibcr. Erst 
durch diese wird bei den höheren Lebewesen die Un- 
sterblichkeit der lebenden Substanz gesichert. 

Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft schaffen 
über die Entstehung der geschlechtlichen Fortpflanzung 



.1- 

V 



i 

I 



yenseits des J^usiprinsips 8 1 

und die Herkunft der Sexualtriebe überhaupt, eine 
Aufgabe, vor der ein Außenstehender zurückschrecken 
muß, und die von den Spezial forschem selbst bisher 
noch nicht gelöst werden konnte. In knappster Zu- 
sammendrängung sei darum aus all den widerstreitenden 
Angaben und Meinungen hervorgehoben, was einen 
Anschluß an unseren Gedankengang zuläßt. 

Die eine Auffassung benimmt dem Problem der 
Fortpflanzung seinen geheimnisvollen Reiz, indem sie 
die Fortpflanzung als eine Teilerscheinung des Wachs- 
tums darstellt (Vermehrung durch Teilung, Sprossmig, 
Knospung). Die Entstehung der Fortpflanzung durch 
geschlechtlich differenzierte Keimzellen könnte man 
sich nach nüchterner Darwin'scher Denkungsart so 
vorstellen, daß der Vorteil der Amphimixis, der sich 
dereinst bei der zufälligen Kopulation zweier Protisten 
ergab, in der ferneren Entwicklung festgehalten und 
weiter ausgenützt wurde.' Das „Geschlecht" wäre - .; 

also nicht sehr alt, und die außerordentlich heftigen ■ 

Triebe, welche die geschlechtliche Vereinigung herbei- \ 

führen wollen, wiederholten dabei etwas, was sich ] 



l) Obwohl Weismann (Das Keimplasma, 1892) auch diesen 
Vorteil leugnet: „Die Befruchtung- bedeutet keinesfalls eine Ver- 
jüngung oder Erneuerung des Lebens, sie wäre durchaus nicht 
notwendig zur Fortdauer des Lebens, sie ist nichts als eine Ein- 
richtung, um die Vermischung zweier verschiedener Ver- 
erbungstendenzen möglich zu machen." Als die Wirkung einer 
solchen Vermischung betrachtet er aber doch eine Steigerung der 
Variabilität der Lebewesen. 

Freud: Jenseils des LuMpriniipa 6 



^2 Sig»i- Freud 

zufällig einmal ereignet und seither als vorteilhaft be- 
festigt hat. 

Es ist hier wiederum wie beim Tod die Frage, 
ob man bei den Protisten nichts anderes gelten lassen 
soll als was sie zeigen, und ob man annehmen darf, 
daß Kräfte und Vorgänge, die erst bei höheren Lebe- 
wesen sichtbar werden, auch bei diesen zuerst ent- 
standen sind. Für unsere Absichten leistet die er- 
wähnte Auffassung der Sexualität sehr wenig. Man 
wird gegen sie einwenden dürfen, daß sie die Existenz 
von Lebenstrieben, die schon im einfachsten Lebe- 
wesen wirken, voraussetzt, denn sonst wäre ja die 
Kopulation, die dem Lebenslauf entgegenwirkt und 
die Aufgabe des Ablebens erschwert, nicht festgehalten 
und ausgearbeitet, sondern vermieden worden. Wenn 
man also die Annahme von 'l'odeatrieben nicht fahren 
lassen will, muß man ihnen von aHem Anfang an 
Lebenstriebe zugesellen. Aber man muß es zugestehen, 
wir arbeiten da an einer Gleichung mit zwei Unbe- 
kannten. Was wir sonst in der Wissenschaft über die 
Entstehung der Geschlechtlichkeit finden, ist so wenig, 
daß man dies Problem einem Dunkel vergleichen kann, 
in welches auch nicht der Lichtstrahl einer ll)pothese 
gedrungen ist. An ganz anderer Stelle begegnen wir 
allerdings einer solchen Hypothese, die aber von so 
phantastischer Art ist — gewiß eher ein Mythus als 
eine wissenscliaftliche h:rk]Urung — , daß ich nicht 
wagen würde, sie hier anzuführen, wenn sie nicht 



1 



y€7iseits des Lustprifizips 85 

*■ gerade die eine Bedingung erfüllen würde, nach deren 

Erfüllung wir streben. Sie leitet nämlich einen Trieb 
ab von dem Bedürfnis nach Wiederherstellung 
eines früheren Zustandes. 

Ich meine natürlich die Tlieorie, die Plato im 
Symposion durch Aristophanes entwickeln läßt, 
und die nicht nur die Herkunft des Geschlechtstriebes, 

f sondern auch seiner wichtigsten Variation in Bezug 

auf das Objekt behandelt.' 

- ,, Unser Leib war nämlich zuerst gar nicht ebenso 

gebildet wie jetzt; er war ganz anders. Erstens gab 
es di'ci Geschlechter, nicht bloß wie jetzt männlich und 
weiblich, sondern noch ein drittes, das die beiden ver- 
einigte .... das Mannweibliche . . . ." Alles an diesen 
Menschen wai' aber doppelt, sie hatten also vier Hände 
und vier Füße, zwei Gesichter, doppelte Schamteile 
usw. Da ließ sich Zeus bewegen, jeden Menschen in 

■■ zwei Teile zu teilen, ,,wie man die Quitten zum Ein- 

machen durchschneidet .... W'eil nun das ganze 
Wesen entzweigeschnitten war, trieb die Sehnsucht 
die beiden Hälften zusammen: sie umschlangen sich 

.*- mit den Händen, verflochten sich ineinander im Ver- 

\ langen, zusammenzuwachsen . . . ."'' 

i) Übersetzung von U. v. Wllamowitz-Moellendorff. 
(Piaton 1, S. 366 f.) 

2) Prof. Heinrich Gomperz (Wien) verdanke ich die nach- 
stehenden Andeutungen über die Herkunft des Platonischen 
Mythus, die ich zum Teil in seinen Worten wiedergebe; Ich 

6* 



-i 



' 



84 Signi. Freud 



Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen 
folgend, die Annahme wagen, daß die lebende Substanz 
bei ihrer Belebung in kleine Partikel zerrissen wurde, 
die seither durch die Sexualtriebe ihre Wieder- 
vereinigung anstreben? Daß diese Triebe, in denen 
sich die chemische Affinität der unbelebten Materie 
fortsetzt, durch das Reich der Protisten hindurch all- 
mählich die Schwierigkeiten überwinden, welche eine 
mit lebensgefährlichen Reizen geladene Umgebung 
diesem Streben entgegensetzt, die sie zur Bildung 
einer schützenden Rindenschicht nötigt ? Daß diese 
zersprengten Teilchen lebender Substanz so die Viel- 
zelligkeit erreichen und endlich den Keimzellen den 
Trieb zur Wiedervereinigung in höchster Konzentration 

möchte darauf aufmerksam machen, daß sich wesentlich dieselbe. 
Theorie aucli schon in den L'panishaden findet, Denn Briliad- 
AraiiyaUa-Upiinishad, I, 4, 3 (]">eussen, öo Upaiiishads des 
Veda, S. 393), wo das Hervorgehen der Well aus dem Alman (dem 
Selbst oder Ich) geschildert wird, heißt es: „ . . . . Aber er (der 
Atman, das Selbst oder das Ich) hatte auch keine Freude; darum 
hat einer keine Freude, wenn er aüein ist. Da begehrte er nach 
einem Zweiten. ISämhch er war so groß wie ein Weil) und ein 
Mann, wenn sie sich umKchhingen hallen. Dieses sein Selbst zcr- 
fällte er in zwei Teile: daraus entstanden Gatte und Gattin. Darum 
ist dieser Leib an dem Selbst gleichsam eine Ilalbschcid, so 
nämlich hat es Väjriavatkya erklärt. Darum wird dieser leere 
Raum liier durch das Weib ausgcrülU." 

Die lirihad-Aranyaka-Upanishad ist die älteste aller 
Upanishaden und wird wohl von keinem urteilsfähigen Korscher 
später angesetzt als etwa um das Jahr 800 v. Chr. Die Frage, ob 
eine, wenn auch nur niitlelbare Abhängigkeit Plato's von diesen 



yenseits des Lustprinzips 8 g 



indischen Gedanken möglich wäre, möchte ich im Gegensatz zur 
herrschenden Meinung nicht unbedingt verneinen, da eine solche 
Möglichkeit wohl auch für die Seelenwanderungslehre nicht gerade- 
zu in Abrede gestellt werden kann. Eine solche, zunächst durch 
Pythagoreer vermittelte Abhängigkeit würde dem gedanklichen 
Zusammentreffen kaum etwas von seiner Bedeutsamkeit nehmen, 
da Plato eine derartige ihm irgendwie aus orientalischer Über- 
lieferung zugetragene Geschichte sich nicht zu eigen gemacht, 
geschweige denn ihr eine so bedeutsame Stellung angewiesen 
hätte, hätte sie ihm nicht selbst als wahrheitshältig eingeleuchtet. 
In einem Aufsatz von K. Ziegler, Menschen- und Welten- 
werden (Neue Jahrbücher fiir das klassische Altertum, Bd. 31, 
S. 529 ff., 1913,) der sich planmäßig mit der Erforschung des frag- 
lichen Gedankens vor Plato beschäftigt, wird dieser auf baby- 
lonische Vorstellungen zurückgeführt. ' 



übertragen? Ich glaube, es ist hier die Stelle, abzu- 
brechen. 

Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Be- 
sinnung anzuschließen. Man könnte mich fragen, ob 
und inwieweit ich selbst von den hier entwickelten 
Annahmen überzeugt bin. Meine Antwort würde lauten, 
daß ich weder selbst überzeugt bin, noch bei anderen 
um Glauben für sie werbe. Richtiger : ich weiß nicht, 
wie weit ich an sie glaube. Es scheint mir, daß das 
affektive Moment der Überzeugung hier gar nicht in 
Betracht zu kommen braucht. Man kann sich doch 
einem Gedankengang hingeben, ihn verfolgen, soweit 
er führt, nur aus wissenschaftlicher Neugierde oder, 
wenn man will, als advocatus diaboli, der sich darum 
doch nicht dem Teufel selbst verschreibt. Ich verkenne 






1 



86 Sig?n. Fnuiä 



nicht, daß der dritte Schritt in der Trieblehre, den 
ich hier unternehme, nicht dieselbe Sicherheit bean- 
spruchen kann wie die beiden früheren, die Er- *V 
Weiterung des Begriffes der Sexualität und die Auf- 
stellung des Narzißmus. Diese Neuerungen waren 
direkte Übersetzungen der Beobachtung in Theorie, 
mit nicht größeren Fehlercjuellen behaftet, als in all 
solchen Fällen unvermeidlich ist. Die Behauptung des 
regressiven Charakters der Triebe ruht allerdings 
auch auf beobachtetem Material, nämlich auf den Tat- 
sachen des Wiederhokingszwanges. Allein vielleicht ' 
habe ich deren Bedeutung überschätzt. Die Durch- 
führung dieser Idee ist jedenfalls nicht anders möglich, 
als daß man mehrmals nacheinander Tatsächliches mit 
bloß Erdaclitem kombiniert und sich dabei weit von ,, 
der Beobachtung entfernt. Man weiß, daß das End- % 
ergebnis um so unverliißlichcr wird, je öfter man dies ^■ 
während des Aufbaues einer Theorie tut, aber der 
Grad der Unsicherheit ist nicht angebbar. Man kann 
dabei glücklich geraten haben oder schmählich in die 
Irre gegangen sein. Der sogenannten hituition traue '< 
ich. bei solchen Arbeiten wenig zu ; was ich von ihr 
gesehen habe, schien mir eher der Erfolg einer ge- 
wissen Unparteilichkeit des Intellekts. Nur daß man 
leider selten unparteiisch ist, wo es sich um die letzten ■} 
Dinge, die großen Probleme der Wissenschaft und jt. 
des Lebens handelt. Ich glaube, ein jeder wird da J 
von innerlich tief begründeten Vorlieben beherrscht, 



Je^iscits des LnstprtJizips 87 



denen er mit seiner Spekulation unwissentlich in die 
Hände arbeitet. Bei so guten Gründen zunn Mißtrauen 
bleibt wohl nichts anderes als ein kühles Wohhvolien 
für die Ergebnisse der eigenen Denkbemühung möglich. 
Ich beeile mich nur hinzuzufügen, daß solche Selbst- 
kritik durchaus nicht zu besonderer Toleranz gegen 
abweichende Meinungen verpflichtet. Man darf uner- 
bittlich Theorien abweisen, denen schon die ersten 
Schritte in der Analyse der Beobachtung widersprechen, 
und kann dabei doch wissen, daß die Richtigkeit 
derer, die man vertritt, doch nur eine vorläufige ist. 
In der Beurteilung unserer Spekulation über die Lebens- 
und Todestriebe würde es uns wenig stören, daß so 
viel befremdende und unanschauliche Vorgänge darin 
vorkommen, wie ein Trieb werde von anderen heraus- 
gedrängt, oder er wende sich vom Ich zum Objekt 
yx. dgl. Dies rührt nur daher, daß wir genötigt sind, 
mit den wissenschaftlichen Terminis, das heißt, mit der 
eigenen Bildersprache der Psychologie (richtig: der 
Tiefenpsychologie) zu arbeiten. Sonst könnten w'vc die 
entsprechenden Vorgänge überhaupt nicht beschreiben, 
ja würden sie gar nicht wahrgenommen haben. Die 
IMängel unserer Beschreibung würden wahrscheinlich 
verschwinden, wenn wir anstatt der psychologischen 
Termini schon die physiologischen oder chemischen 
einsetzen könnten. Diese gehören zwar auch nur einer 
Bildersprache an, aber einer uns seit längerer Zeit 
vertrauten und vielleicht aucli einfacheren. 



88 Sigin. Freud 



Hingegen wollen wir uns recht klar machen, daß 
die Unsicherheit unserer Spekulation zu einem hohen 
Grade durch die Nötigung gesteigert wurde, Anleihen 
bei der biologischen Wissenschaft zu machen. Die 
Biologie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten 
Möglichkeiten, wir haben die überraschendsten Auf- 
klärungen von ihr zu erwarten und können nicht er- 
raten, welche Antworten sie auf die von uns an sie 
gestellten Fragen einige Jahrzehnte später geben würde. 
Vielleicht gerade solche, durch die unser ganzer künst- 
licher Bau von Hypothesen umgeblasen wird. Wenn 
dem so ist, könnte jemand fragen, wozu unternimmt 
man also solche Arbeiten wie die in diesem Abschnitt 
niedergelegte, und warum bringt man sie doch zur 
Mitteilung? Nun, ich kann nicht in Abrede stellen, 
daß einige der Analogien, Verknüpfungen und Zu- 
sammenhänge darin mir der ISeachtung würdig er- | 



schienen sind.' 



l) Anscliließend hier einige Worte zur Klärung unserer 
NamengehiinfT, die im Laufe dieser Erortennigen eine gewisse 
EntwicldunfT durchgemacht liat. Was „Sexual Iriobe" sind, wußten * 

wir aus ilirer Beziehung zu den GeBchlcchteni und zur Fort- 
pflanzungsfunktion. Wir behielten dann diesen Namen bei, als 
wir durch die Ergebnisse der Psychoanalyse genötigt waren, j 

deren Beziehung zur Fortpflanzung zu lockern. Mil der Aufstellung v 

der narzißtischen Libido und der Ausdehnung des Libidobegriffes 
auf die einzelne Zelle wandelte sich uns der SexnaUrieb zum 
Eros, der die Teile der lebenden Substanz zu einander zu drängen 
und zusammenzuhalten sucht, niid die gcmeinliin so genannten 
Sexualtriebe erschienen als der dem Objekt zugewandte Anteil 



i 



yenseiis des Lustprmzips 89 

dieses Eros. Die Spekulation läßt dann diesen Eros vom Anfang- 
des Lebens an wirken und als „Lebenstrieb" im Gegensatz zum 
„Todestrieb" treten, der durch die Belebung des Anorganischen 
entstanden ist. Sie versucht das Rätsel des Lebens durch die 
Annahme dieser beiden von Uranfang an miteinander ringenden 
Triebe zu losen. Unübersichtlicher ist vielleicht die Wandlung, 
die der Begriff der „Ichtriebe" erfahren hat Ursprünglich nannten 
wir so alle jene von uns nicht näher gekannten Trieb richtungen, 
die sich von den auf das Objekt gerichteten Sexualtrieben ab- 
scheiden lassen, und brachten die Ichtriebe in Gegensatz zu den 
Sexualtrieben, deren Ausdruck die Libido ist. Späterhin näherten 
wir uns der Analyse des Ichs und erkannten, daß auch ein Teil 
der „Ichtriebe" libidinöser Natur ist, das eigene Ich zum Objekt 
genommen hat. Diese narzißtischen Selbsterhaltungstriebe mußten 
also jetzt den libidinösen Sexualtrieben zugerechnet werden. Der 
Gegensatz zwischen Ich- und Sexualtrieben wandelte sich in den 
zwischen Ich- und Objekttrieben, beide libidinöser Natur. An seine 
Stelle trat aber ein neuer Gegensatz zwischen libidinösen (Ich- 
und Objekt-) Trieben und anderen, die im Ich zu statuieren und 
vielleicht in den Destruktionstrieben aufzuzeigen sind. Die Speku- 
lation wandelt diesen Gegensatz in den von Lebenstrieben (Eros) 
imd von Todestrieben um. 






VII. 



Wenn es wirklich ein so allgemeiner Charakter 
der Triebe ist, daß sie einen früheren Zustand wieder- 
herstellen wollen, so dürfen wir uns nicht darüber ver- 
wundern, daß im Seelenleben so viele Vorgänge sich 
unabhängig vom Lustprinzip vollziehen. Dieser Charakter 
würde sich jedem Partialtricb mitteilen und sich in 
seinem Falle auf die W^iedererreichung einer bestimmten 
Station des Entwicklungsweges bezichen. Aber all 
dies, worüber das Lustprinzip noch keine Macht be- 
kommen hat, brauchte darum noch nicht im Gegen- 
satz zu ihm zu stehen, und die Aufgabe ist noch 
ungelöst, das Verhältnis der triebhaften Wieder- 
holungsvorgänge zur I lerrschaft des L,ust]-)rinzips zu 
bestimmen. 

Wir haben es als eine der frühesten und wichtigsten 
Funktionen des seelischen Apparates erkannt, die an- 
langenden Triebregungen zu „binden", den in iimen 
herrschenden Primärvorgang durch den Sekundärvorgang 
zu ersetzen, ihre frei bewegliche Besetzungsenergie 



I 



^ 

■•'■■'X 



ycnseits des Lustprinzips gi 

in vorwiegend ruhende (tonische) Besetzung umzu- 
wandeln. Während dieser Umsetzung kann auf die 
Entwicklung von Unlust nicht Rücksicht genommen 
werden, allein das Lustprinzip wird dadurch nicht auf- 
gehoben. Die Umsetzung geschieht vielmehr im Dienste 
des Lustprinzips; die Bindung ist ein vorbereitender 
Akt, der die Herrschaft des Lustprinzips einleitet 
und sichert, 

Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer von- 
einander, als wir es bisher getan haben. Das Lust- 
prinzip ist dann eine Tendenz, welche im Dienste 
einer Funktion steht, der es zufällt, den seelischen 
Apparat überhaupt erregungslos zu machen, oder den 
Betrag der Erregung in ihm konstant oder möglichst 
niedrig zu erhalten. Wir können uns noch für keine 
dieser Fassungen sicher entscheiden, aber wir mer- 
ken, daß die so bestimmte Funktion Anteil hätte 
an dem allgemeinsten Streben alles Lebenden, zur 
Ruhe der anorganischen Welt zurückzukehren. Wir 
haben alle erfahren, daß die größte uns erreich- 
bare Lust, die des Sexualaktes, mit dem momen- 
tanen Erlöschen einer hochgesteigerten Erregung 
verbunden ist. Die Bindung der Triebregung wäre 
aber eine vorbereitende Funktion, welche die Erre- 
gung für ihre endgültige Erledigung in der Abfuhr- 
lust zurichten soll. 

Aus demselben Zusammenhang erhebt sich die 
Frage, ob die Lust- und Unlastemptindungen von den 



-g 



Sigm. Freud 



gebundenen wie von den ungebundenen Erregungs- 
vorgängen in gleicher Weise erzeugt werden können. 
Da erscheint es denn ganz unzweifelliaft. daß die 
ungebundenen, die Primärvorgänge, weit intensivere 
Empfindungen nach beiden Richtungen ergeben als 
die gebundenen, die des Sekundärvorganges. Die 
Primärvorgänge sind auch die zeitlich früheren, zu 
Anfang des Seelenlebens gibt es keine anderen, und 
wir können schließen, wenn das Lustprinzip nicht 
schon bei ihnen in Wirksamkeit wäre, könnte es sich 
überhaupt für die späteren nicht herstellen. Wir kommen 
so zu dem im Grunde nicht einfachen Ergebnis, daß 
das Luststreben zu Anfang des seelischen Lebens sich 
weit intensiver äußert als späterhin, aber nicht so un- 
eingescliränkt; es muß sich häufige Durchbrüche ge- 
fallen lassen. In reiferen Zeiten ist die lieiTschaft des 
Lustprinzips sehr viel mehr gesichert, aber dieses 
selbst ist der Bändigung so wenig entgangen, wie 
die anderen Triebe Oberhaupt. Jedenfalls muß das, 
was am Erregungs vorgange die Empfindungen von 
Lust und Unlust entstehen läßt, beim Sekundär- 
vorgang ebenso vorhanden sein, wie beim Primär- 
vorgang. 

Hier wäre die Stelle, mit weiteren Studien ein- 
zusetzen. Unser Bewußtsein vermittelt uns von innen 
her nicht nur die Empfindungen von Lust und Un- 
lust, sondern auch von einer eigentümlichen Spannung, 
die selbst wieder eine lustvolle oder unlustvollc sein 



-— ■ ■" "• •-' 



yenseits des Lustprmzips 93 

kann. Sind es nun die gebundenen und die unge- 
bundenen Energievorgänge, die wir mittels dieser 
Empfindungen von einander unterscheiden sollen, oder 
ist die Spannungsempfindung auf die absolute Größe, 
eventuell das Niveau der Besetzung zu beziehen, 
während die Lust-Unlustreihe auf die Änderung der 
Besetzungsgröße in der Zeiteinheit hindeutet ? Es muß 
uns auch auffallen, daß die Lebenstriebe so viel mehr 
mit unserer inneren Wahrnehmung zu tun haben, da 
sie als Störenfriede auftreten, unausgesetzt Spannungen 
mit sich bringen, deren Erledigung als Lust empfunden 
wird, während die Todestriebe ihre Arbeit unauffällig 
zu leisten scheinen. Das Lustprinzip scheint geradezu 
im Dienste der Todestriebe zu stehen; es wacht aller- 
dings auch über die Reize von außen, die von beiderlei 
Triebarten als Gefahren eingeschätzt werden, aber 
ganz besonders über die Reizsteigerungen von innen 
her, die eine Erschwerung der Lebensaufgabe erzielen. 
Hieran knüpfen sich ungezählte andere Fragen, deren 
Beantvi'ortung jetzt nicht möglich ist. Man muß geduldig 
sein und auf weitere Mittel und Anlässe zur Forschung 
warten. Auch bereit bleiben, einen Weg wieder zu 
verlassen, den man eine Weile verfolgt hat, wenn er 
zu nichts Gutem zu führen scheint. Nur solche 
Gläubige, die von der Wissenschaft einen Ersatz für 
den aufgegebenen Katechismus fordern, werden dem 
Forscher die Fortbildung oder selbst die Umbildung 
seiner Ansichten verübeln dürfen. Im übrigen mag 



.-=-1 



94 



Sigm. Fraid 



uns ein Dichter ( R ü c k e r t in den Makamen des 
Hariri) über die lanj^samen P^'ortscli ritte unserer wissen- 
schaftlichen Erkenntnis trösten : 

„Was man nicht erfliegcn kant), muß man erhiiiken. 
Die Scln-ift sagt, es ist keine Sünde zu hinken." 



— '■ ■- -■ — - 



i 



•■■} 



WERKE VON PROF. S I G M. FREUD 

Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, (Fehllei stunden, 
Traum, Aüg-emeine Neurosentehre.) Drei Teile in einem Band. , 
Großoktavausgabe, 4. Auflage (5.— 11. Tausend) 1922. 
Tasc/tenausgabe. 2. Auflage (3.-7. Tausend) 1923. 

Die Traumdeutung-. 7. Auflage, mit Beiträgen von Dr. Otto Rank. 1922. 

Über den Traum. 3. Auflage. München 1921. 

'Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Ver- 
sprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. 9. Auflage. 1923, 

Totem und Tabu. Über einige Übereinstimmmigeu im Seelenleben der 
Wilden und der Neurotiker. 3. Auflage. 1922. 

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 3. Auflage- 
Leipzig und Wien 1921, 

Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20 jähr. Gründungs- 
feier der Clark University in Worcester, Mass. 6. Auflage. 1922, 

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 5. Auftage. 1922, 

Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Erste Folge. 
4. Auflage. 1922. — Zweite Folge. 3. Auflage. 1921. — Driife Folge. 
2. Auflage. 1921 . - Visrle Folge. 2. Auflage, 1922. - Fünfte Folge. 1922. 
' (Inhalt der 5 Bände s. amseilig) 

Studien über Hysterie (mit Dr. Josef Breuer). 3. Auftage. 1922. 

Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva". (Schriften 
zur angewandten Seelenkunde, 1, Heft.) 2. Auflag-e, 1912. , 

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. (Schriften zur 
angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) 3. Auflage. 1923. 

Jenseits des Lustprinzips. 3. Auflage. 1923. 

Massenpsycholögie und Ich-Analyse. 2. Auflage. 1923, 

Das Ich und das Es. 1923. 

Zu beziehen durch den INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VERLAG. Wien. VII. Audreasgasse 3 



SAMMLUNG KLEINER SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE 
Von Prof. SIGM. FREUD 

Erste Folac. -1. Anflöge ]922. — Inlipll: Chnrcol. — Übrr den pnydiischen 
Media niainus hystcrlüdicr Phänomene (mll Dr. J. Breuer). — Quolquiii cOiiHldtrnliona pour 
une ^tude coni|isralive den pamlysicH niütrlvts ort{anlqiieE cl liysteriqucs. — Die Abwchr- 
Neuropsydioicn. — Über die ßcrcdlli|[ultg, von der Neuroslhciiic einen btBUnimtcn Symptomen- 
kompIcK ala „Anjratneuross" abiutroiincn. — ObscMNioiis et pliubic». Lcur mccuniiinie psyehique 
et lcur ^lioloKie. ~ Zur Kritik der „AimstneiiroHe". — Weitere BenicrkiinKcn über die Abwehr- 
Neu rop*yclio9cn. — L'hi^redite et l'üliiiliijjio lies iirivroscH. — Zur Ätioloüic der Hyitorie. — Die 
Scsunlitöt iii der Ätiologie der Neuronen. — ÜbcrPaychollicrniiic. — Die Frcudsclie paydioaiiiilyliseh« 
MelboJe. — Meine Ansiditeii über die Rolle der Sewialiliil in der Aliulosiic der Neurosen. 

Zweite Folec. 3. Anfluge 1921. - Inhnlt: lir.irfatück einer Hysterienimlyse. - 

TatbeslandsdiasnoHtik und Paydio;>nnlyi,c. - ■ ZwniigsUandliiiiiren und ReÜKionsÜbung,- Cliarakter 
und Analerotik. - HyKterisrJie Pl.unlasien und ilire Beiieliuna 7-ur Bise<unlilfil. - Ober den 
hyiterischen Anfflll. - Zur »e.uellen AufklHrui.B der Kinder. Ober infnnlile Se.unlU.eorien 
- Die „kulturelle" Sexualmorul und die Nervo.itll. - Der Did.lcr und du Phontaaioren. 

Dritte Folge. Z Auflotro 1921. - Inl.nit: Analyse der Phobie eine« Sjähr^jen 
Knaben. - über ein^n Füll von ZwnnKSuou™«. - Psydionnolyliscl.e BrmerkunKen Über einen 
-utobiograpbisd. bcad.riebenen [-all von Rirnnoi». Kormulierungen über die «wri Prinzipien 
de- psydiischeo Gcsdiebena. - Über den Ges^nsinn der Urworle, Die fciinftii(cn Cl.aneen 

der psyd.oannlytisdie,.Tbero|>lc. - Über „wilde" pByd,ommly,e. - Über neuroti«*e Erkrankun?.- 
typon. — Die psyehogeno Sehalörung in paydioanolytiBdier AutfnsHung. 

Vierte Folge. 2. Auflngo 1922. - Inhalt. Zur Go-ndii,*.,. der psyd.o.-in-lytisdiw, 
Bewegung. - Zur F.inful.rung des NaritiÖrnua. - Die Di«po«ilion .ur Zwang-neuro«. - Mit- 
teilung eiiir» der psydioaiialylisdien Theorie wider«prediiiiden Fnllcs von PHranoii. Ober 
Triebumsetzungco, insbesondere der Analerolik. - Über fau.ae reeonnaissunec (^ih r.eontrf") 
wahrend der psydioonulytisdien Arbeit. - Einige Bemerkungen übi-r den lleKrilf .le» Unbewußten 
in der Psydioanalysc. - MSrd>cn«loffü in Trünmcn. ~ Kin Traum nl» Reweii.initlcl. - Ay» dem 
infantilen Seelenteben. ■ Zwei Kinilerlügen. - Mythoh.ai.dio l'wntlelB xx, einer plnstisdieu 
Zwangsvorstellung. - Eine Be/Iebung iixvi«d,en einem .Sy,„bu| und einem Symptom. - Beiträge 
«ur Psydiologie de» Liebesk-ben» (Über einen besonderen Typus der (Jbj^ktwdd heim Manne.) 
— über die üllgemcin-ite Erniedrigung de* l.iebesleben., ■ Dn» Tabu der Virginilnt - Triebe 
undTricbsd.id.sale. - Die Verdrängung. - Das Unbewußte. - Mctnp»ya.ob^i,.ehe KrgÄnzunj 
xurTraumlehre. - Trauer und Molandiolie. - ZurTcd.nik der Payehoanaly,e. (Die Handhabung 
der Tr.„mdeutui,a in der Psydioanalys*.) - Zur Dynamik der Obertrflgui.g. - Ratsddige Kr 
den Ar.l be. der p.ydioanalylis.hen Behandlung. - Zur Einleitung .l.r Behandlung. - Die Frage 
der ersten Mideduiigen. - Die Dynamik der Heilung. ~ Erin,>ern, Wiederholen und Durd>- 
«rbeiten. ~ Bemerkungen über die Üherlrugungslicbe. - Da- Motiv der KKsld,enwshl - - Zeit- 
gemuße. über Krieg und Tod. - Einige Cl.nrnkterlypen aus der p.ydioanalylisdieu Arbeil. - Eine 
Sdiwiengkeit der Psydioanalyse. - Eine Kindheitserinnerung .u. „Didilung und Wahrheit." 

Fünft« Folge. 1W2. - Inhult; Aus der C.rsdiiet.le einer infantilen Neurose. - 
Zur Vorgesdiidite der nnalytisdien Tedinik. Wege der psydicnnalytisd.en Therapie. - Ober 
die Psydiogenese eines Falles von weiblicher HomoiteinstitHt. — „Ein Kind wird gradilagen." 
— Das Unheimliche. 






Zu beziehen durch den INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VERLAG, Wien. Vll. Andrensga.se 3 



SIGM. FREUD 

Massenpsychologie 
und Ich-Analyse 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



^^-""— - -r" 



Massenpsychologie 



und 



Ich-Analyse 



von 



Sigm. Freud 



Zweite Auflage 
(6. — lo. Tausend) 



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1925 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig Wien Zürich 



Massejipsychologic und Ick--A?ialyse 



geworden sind, können den Anspruch erheben, als 
soziale Phänomene gewürdigt zu werden, und stellen 
sich dann in Gegensatz zu gewissen anderen, von uns 
narzißtisch genannten Vorgängen, bei denen die 
Triebbefriedigung sich dem Einfluß anderer Personen 
entzieht oder auf sie verzichtet. Der Gegensatz zwischen 
sozialen und narzißtischen — Bleuler würde vielleicht 
sagen: autistischen — seelischen Akten fällt also 
durchaus innerhalb des Bereichs der Individualpsycho- 
logie und eignet sich nicht dazu, sie von einer Sozial- 
oder Massenpsychologie abzutrennen. 

In den erwähnten Verhältnissen zu Eltern und 
Geschwistern, zur Geliebten, zum Freunde und zum 
Arzt erfährt der Einzelne immer nur den Einfluß einer 
einzigen oder einer sehr geringen Anzahl von Personen, 
von denen eine jede eine großartige Bedeutung für 
ihn erworben hat. Man hat sich nun gewöhnt, wenn 
man von Sozial- oder Massenpsychologie spricht, von 
diesen Beziehungen abzusehen und die gleichzeitige 
Beeinflussung des Einzelnen durch eine große Anzahl 
von Personen, mit denen er durch irgend etwas ver- 
bunden ist, während sie ihm sonst in vielen Hinsichten 
fremd sein mögen, als Gegenstand der Untersuchung 
abzusondern. Die Massenpsychologie behandelt also 
den einzelnen Menschen als Mitglied eines Stammes, 
eines Volkes, einer Kaste, eines Standes, einer Institu- 
tion oder als Bestandteil eines Menschenhaufens, der 
sich zu einer gewissen Zeit für einen bestimmten Zweck 



/. Einleitung 



zur Masse organisiert. Nach dieser Zerreißung eines 
natürlichen Zusanamenhanges lag es dann nahe, die 
Erscheinungen, die sich unter diesen besonderen Be- 
dingungen zeigen, als Äußerungen eines besonderen, 
weiter nicht zurückführbaren Triebes anzusehen, des 
sozialen Triebes — herd instinct, group mind — der 
in anderen Situationen nicht zum Ausdruck kommt. 
Wir dürfen aber wohl den Einwand erheben, es falle 
uns schwer, dem Moment der Zahl eine so große 
Bedeutung einzuräumen, daß es ihm allein möglich . 
sein sollte, im menschlichen Seelenleben einen neuen 
und sonst nicht betätigten Trieb zu wecken. Unsere 
Erwartung wird somit auf zwei andere Möglichl^eiten 
hingelenkt: daß der soziale Trieb kein ursprünglicher 
und unzerlegbarer sein mag, und daß die Anfänge 
seiner Bildung in einem engeren Kreis, wie etwa in 
dem der Familie, gefunden werden können. 

Die Massenpsychologie, obwohl erst in ihren An- 
fängen befindlich, umfaßt eine noch unübersehbare 
Fülle von Einzelproblemen und stellt dem Untersucher 
ungezählte, derzeit noch nicht einmal gut gesonderte 
Aufgaben. Die bloße Gruppierung der verschiedenen 
Formen von Massenbildung und die Beschreibung der 
von ihnen geäußerten psychischen Phänomene erfordern 
einen großen Aufwand von Beobachtung und Dar- 
stellung und haben bereits eine reichhaltige Literatur 
entstehen lassen. Wer dies schmale Büchlein an dem 
Umfang der Massenpsychologie mißt, wird ohneweiters 



4 



Massenpsychologic und Ich-Analyse 



vermuten dürfen, daß hier nur wenige Punkte des 
ganzen Stoffes behandelt werden sollen. Es werden 
wirklich auch nur einige Fragen sein, an denen die 
Tiefenforschung der Psychoanalyse ein besonderes 
Interesse nimmt. 



II 

LE BON'S SCHILDERUNG DER MASSENSEELE 

Zweckmäßiger als eine Definition voranzustellen 
scheint es, mit einem Hinweis auf das Erscheinungs- 
gebiet zu beginnen und aus diesem einige besonders 
auffällige und charakteristische Tatsachen herauszu- 
greifen, an welche die Untersuchung anknüpfen kann. 
Wir erreichen beides durch einen Auszug aus dem 
mit Recht berühmt gewordenen Buch von Le Bon, 
Psychologie der Massen/ 

Machen wir uns den Sachverhalt nochmals klar: 
Wenn die Psychologie, welche die Anlagen, Trieb- 
regungen, Motive, Absichten eines einzelnen Menschen 
bis zu seinen Handlungen und in die Beziehungen zu 
seinen Nächsten verfolgt, ihre Aufgabe restlos gelöst 
und alle diese Zusammenhänge durchsichtig gemacht 
hätte, dann fände sie sich plötzlich vor einer neuen 
Aufgabe, die sich ungelöst vor ihr erhebt. Sie müßte 
die überraschende Tatsache erklären, daß dies ihr 
verständlich gewordene Individuum unter einer be- 
stimmten Bedingung ganz anders fühlt, denkt und 

i) Übersetzt von Dr. Rudolf Eisler, zweite Auflage 1912. 



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Massenpsyckologie und Ich-Analyse 



handelt, als von ihm zu erwarten stand, und diese 
Bedingung ist die Einreihung in eine Menschenmenge, 
welche die Eigenschaft einer „ps3'cho]ogischen Masse" 
erworben hat. Was ist nun eine „Masse", wodurch 
erwirbt sie die Fähigkeit, das Seelenleben des Ein- 
zelnen so entscheidend zu beeinflussen, und worin be- 
steht die seelische Veränderung, die sie dem Ein- 
zeken aufnötigt? 

Diese drei Fragen zu beantworten, ist die Auf- 
gabe einer theoretischen Massenpsychologie. Man greift 
sie offenbar am besten an, wenn man von der dritten 
ausgeht. Es ist die Beobachtung der veränderten 
Reaktion des Einzelnen, welche der Massenpsycho- 
logie den Stoff liefert; jedem Erklärungsversuch muß 
ja die Beschreibung des zu Erklärenden vorausgehen. 

Ich lasse nun Le Bon zu Worte, kommen. Er 
sagt (S. 13): „An einer psychologischen Masse ist 
das Sonderbarste dies: welcher Art auch die sie 
zusammensetzenden Individuen sein mögen, wie ähn- 
lich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigung, 
ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den 
bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen 
sie eme Kollektivseele, vermöge deren sie in ganz 
anderer Weise fühlen, denken und handeln, als jedes 
von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde. 
Es gibt Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen 
verbundenen Individuen auftreten oder sich in Hand- 
lungen umsetzen. Die psychologische Masse ist ein 



//. Le Bon's SchilderiiJig der Älassenseele 7 

provisorisches Wesen, das aus heterogenen Elementen 

besteht, die für einen Augenblick sich miteinander 

verbunden haben, genau so wie die Zellen des Orga- 

'Y nismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit 

'■ ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen 

[ Zellen bilden." 

Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Darstellung 
Le Bon's durch unsere Glossen zu unterbrechen, 
geben wir hier der Bemerkung Raum : Wenn die 
',- Individuen in der Masse zu einer Einheit verbunden 

'- sind, so muß es wohl etwas geben, was sie aneinander 

bindet, und dies Bindemittel könnte gerade das sein, 
was für die Masse charakteristisch ist. Allein Le Bon 
1 beantwortet diese Frage nicht, er geht auf die Ver- 

änderung des Individuums in der Masse ein und be- 
r. • schreibt sie in Ausdrücken, welche mit den Grund- 
l Voraussetzungen unserer Tiefenpsychologie in guter 

I Übereinstimmung stehen. 

\" " (S. 14.) „Leicht ist die Feststellung des Maßes 

\' von Verschiedenheit des einer Masse angehörenden 

*. vom isolierten Individuum, weniger leicht ist aber die 

\ Entdeckung der Ursachen dieser Verschiedenheit, 

» Um diese Ursachen wenigstens einigermaßen zu 

I; finden, muß man sich zunächst der von der modernen 

Psychologie gemachten Feststellung erinnern, daß nicht 
:: bloß im organischen Leben, sondern auch in den intellek- 

tuellen Funktionen die unbewußten Phänomene eine 
r überwiegende Rolle spielen. Das bewußte Geistesleben 



l- 



8 



Massenpsychologie und Ick~Analyse 



Stellt nur einen recht geringen Teil neben dem un- 
bewußten Seelenleben dar. Die feinste Analyse, die 
schärfste Beobachtung gelangt nur zu einer kleinen 
Anzahl bewußter IVIotive des Seelenlebens. Unsere be- 
wußten Akte leiten sich aus einem, besonders durch 
Vererbungseinflüsse geschaffenen, unbewußten Substrat 
her. Dieses enthält die zahllosen Ahnenspuren, ans 
denen sich die Rassenseele konstituiert. Hinter den 
eingestandenen Motiven unserer Handlungen gibt es 
zweifellos die geheimen Gründe, die wir nicht ein- 
gestehen, hinter diesen liegen aber noch geheimere, 
die wir nicht einmal kennen. Die Mehrzahl unserer 
alltäglichen Handlungen ist nur die Wirkung ver- 
borgener, uns entgehender Motive." 

In der Masse, meint Le. Bon, vei-wischen sich 
die individuellen Erwerbungen der Einzelnen, und da- 
mit verschwindet deren Eigenart. Das rassenmäßige 
Unbewußte tritt hervor, das Heterogene versinkt im 
Homogenen. Wir würden sagen, der psychische Ober- 
bau, der sich bei den Einzelnen so verschiedenartig 
entwickelt hat, wird abgetragen, entkräftet und das 
bei allen gleichartige unbewußte Fundament wird 
bloßgelegt (wirksam gemacht). 

Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher 
Charakter der Massenindividuen zustande. Allein L e B o n 
findet, sie zeigen auch neue Eigenschaften, die sie vor- 
her nicht besessen haben, und sucht den Grund dafür 
in drei verschiedenen Momenten. 



r 



II: Le Boris Schilderung der Masse7iseele g 

(S. 15O „Die erste dieser Ursachen besteht darin, 
daß das Individuum in der Masse schon durch die 
Tatsache der Menge ein Gefühl unüben\nndlicher Macht 
erlangt, welches ihm gestattet, Trieben zu fröhnen, 
die es allein notwendig gezügelt hätte. Es wird dies 
nun umso weniger Anlaß haben, als bei der Anonymität 
und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse 
das Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Individuen 
stets zurückhält, völlig schwindet." 

Wir brauchten von unserem Standpunkt weniger 
Wert auf das Auftauchen neuer Eigenschaften zu legen. 
Es genügte uns zu sagen, das Individuum komme in 
der Masse unter Bedingungen, die ihm gestatten, die 
Verdrängungen seiner unbewußten Triebregungen ab- 
zuwerfen. Die anscheinend neuen Eigenschaften, die 
es dann zeigt, sind eben die Äußerungen dieses Un- 
bewußten, in dem ja alles Böse der Menschenseele in 
der Anlage enthalten ist; das Schwinden des Gewissens 
oder Verantwortlichkeitsgefühls unter diesen Umständen 
macht unserem Verständnis keine Schwierigkeit. Wir 
hatten längst behauptet, der Kern des sogenannten 
Gewissens sei „soziale Angst".' 



i) Eine gewisse Differenz zwischen der Anschauung Le Bon's 
und der unserigen stellt sich dadurch her, daß sein Begriff 
des Unbewußten nicht ganz mit dem von der Psychoanalyse 
angenommenen zusammenfällt. Das Unbewußte Le Bon's enthält 
vor allem die tiefsten Merkmale der Rassenseele, welche für die 
individuelle Psychoanalyse eigentlich außer Betracht kommt. Wir 






lO 



Mässe7ipsychologic U7id Ich-Analyse 



(S. i6.) „Eine zweite Ursache, die Ansteckung, 
trägt ebenso dazu bei, bei den Massen die Äußerung 
spezieller Merkmale und zugleich deren Richtung zu 
bewerkstelligen. Die Ansteckung ist ein leicht zu kon- 
statierendes, aber unerklärliches Phänomen, das man 
den von uns sogleich zu studierenden Phänomenen 
, hypnotischer Art zurechnen muß. In der Menge ist 
jedes Gefühl, jede Handlung ansteckend, und zwar 
in so hohem Grade, daß das Individuum sehr leicht 
sejn persönliches Interesse dem Gesamtinteresse opfert. 
Es ist dies eine seiner Natur durchaus entgegenge- 
setzte Fähigkeit, deren der Mensch nur als Massen- 
bestandteil fähig ist.'' 

Wir werden auf diesen letzten Satz später eine 
wichtige Vermutung begründen. 

(S. i6.) „Eine dritte, und zwar die wichtigste 
Ursache bedingt in den zur Masse vereinigten Indi- 
viduen besondere Eigenschaften, welche denen des 
isoherten Individuums völlig entgegengesetzt sind. 
Ich rede hier von der Suggestibilität, von der 
die erwähnte Ansteckung übrigens nur eine Wir- 
kung ist. 



verkennen zwar nicht, daß der Kern des Ichs, (das Es, wie ich 
es spater genannt habe), dem die „archaische Erbschaft" der 
Menschenseele angehört, u^be^^'ußt ist, aber wir sondern außer- 
dem das „unbewußte Verdrängte" ab, welches aus einem Anteil 
dieser Erbschaft hervorgegangen ist. Dieser Begriff des Ver- 
drängten fehlt bei Le Bon. 



//, Le Bon's Schilderung der Massenseele 1 1 

Zum Verständnis dieser Erscheinung gehört die 
Vergegenwärtigung gewisser neuer Entdeckungen der 
Physiologie. Wir wissen jetzt, daß ein Mensch mittels 
mannigfacher Prozeduren in einen solchen Zustand 
versetzt werden kann, daß er nach Verlust seiner 
ganzen bewußten Persönlichkeit allen Suggestionen 
desjenigen gehorcht, der ihn seines Persönlichkeits- 
bewußtseins beraubt hat, und daß er die zu seinem 
Charakter und seinen Gewohnheiten in schärfstem 
Gegensatz stehenden Handlungen begeht. Nun scheinen 
sehr sorgfältige Beobachtungen darzutun, daß ein, eine 
Zeitlang im Schöße einer tätigen Masse eingebettetes 
Individuum in Bälde — , durch Ausströmungen, die 
von ihr ausgehen oder sonst eine unbekannte Ursache 
— sich in einem Sonderzustand befindet, der sich 
sehr der Faszination nähert, die den Hypnotisierten 

unter dem Einfluß des Hypnotisators befällt 

Die bewußte Persönlichkeit ist völlig geschwunden, 
V^ille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Ge- 
fühle und Gedanken sind nach der durch den Hypnoti- 
sator hergestellten Richtung orientiert. 

So ungefähr verhält sich auch der Zustand des 
einer psychologischen Masse angehörenden Individuums. 
Es ist sich seiner Handlungen nicht mehr bewußt. Wie 
beim Hypnotisierten können bei ihm, während zugleich 
gewisse Fähigkeiten aufgehoben sind, andere auf einen 
Grad höchster Stärke gebracht werden. Unter dem 
Einflüsse einer Suggestion wird es sich mit einem 






1 2 



Massenpsychologie und Ick-Atialyse 



) 



unwiderstehlichen Triebe an die Ausführung bestimmter 
Handlungen machen. Und dieses Ungestüm ist bei 
den Massen noch unwiderstehlicher als beim Hypnoti- 
sierten, weil die für alle Individuen gleiche Suggestion 
durch Gegenseitigkeit anwächst." 

(S. 17.) „Die Hauptmerkmale des in der Masse 
befindlichen Individuums sind demnach: Schwund der 
bewußten Persönlichkeit, Vorherrschaft der unbewußten 
Persönlichkeit, Orientierung der Gedanken und Gefühle 
in derselben Richtung durch Suggestion und An- 
steckung, Tendenz zur unverzüglichen Verwirklichung 
der suggerierten Ideen. Das Individuum ist nicht mehr 
es selbst, es ist ein willenloser Automat geworden." 

Ich habe dieses Zitat so ausführlich wiedergegeben, 
um zu bekräftigen, daß Le Bon den Zustand des 
Individuums in der Masse wirklich für einen hypnoti- 
schen erklärt, nicht etwa ihn bloß mit einem solchen 
vergleicht. Wir beabsichtigen hier keinen Widerspruch, 
wollen nur hervorheben, daß die beiden letzten Ur- 
sachen der Veränderung des Einzelnen in der Masse, 
die Ansteckung und die höhere Suggerierbarkeit, offen- 
bar mcht gleichartig sind, da ja die Ansteckung auch 
eine Äußerung der Suggerierb:u-keit sein soll. Auch 
die Wirkungen der beiden Momente scheinen uns im 
Text Le Bon 's nicht scharf geschieden. Vielleicht 
deuten wir seine Äußerung am besten aus, wenn wir 
die Ansteckung auf die Wirkung der einzelnen Mit- 
glieder der Masse aufeinander beziehen, während die 



»1 



■?: 



//. Le Bo7i's Schilderung der Massenseele 15 

mit den Phänomenen der hypnotischen Beeinflussung 
gleichgestellten Suggestionserscheinungen in der Masse 
auf eine andere Quelle hinweisen. Auf welche aber? 
Es muß uns als eine empfindliche Unvoilständigkeit 
berühren, daß eines der Hauptstücke dieser An- 
gleichung, nämlich die Person, welche für die Masse 
den Hypnotisem- ersetzt, in der Darstellung Le Bon's 
nicht erwähnt wird. Immerhin unterscheidet er von 
diesem im Dunkeln gelassenen faszinierenden Einfluß 
die ansteckende Wirkung, die die Einzelnen auf ein- 
ander ausüben, durch welche die urspi-üngliche Sug- 
gestion verstärkt wird. 

Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für die Beur- 
teilung des Massenindividuums : (S. 17.) „Femer steigt 
durch die bloße Zugehörigkeit zu einer organisierten 
Masse der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter der 
Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung war er viel- 
leicht ein gebildetes Individuum, jn der Masse ist er 
ein Barbar, d. h. ein Triebwesen. Er besitzt die 
Spontaneität, die Heftigkeit, die Wildheit und auch 
den Enthusiasmus und Heroismus primitiver Wesen." 
Er verweilt dann noch besonders bei der Herabsetzung 
der intellektuellen Leistung , die der Einzelne durch 
sein Aufgehen in der Masse erfährt.' 



1) Vergleiche das Schiller'Hche Distichon: 
Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig; 
Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus. 



14 Massenpsychologie tmd Ick- Analyse 



Verlassen wir nun den Einzelnen und wenden wir 
uns zur Beschreibung der Massenseele, wie Le Bon 
sie entwirft. Es ist kein Zug darin, dessen Ableitung 
und Unterbringung dem Psychoanalytiker Scliwierig- 
keiten bereiten würde. Le Bon weist uns selbst den 
Weg, indem er auf die Übereinstimmung mit dem 
Seelenleben der Primitiven und der Kinder hinweist. 
(S. 19.) 

Die Masse ist impulsiv, wandelbar und rei2bar. 
Sie wird fast ausschließlich vom Unbewußten geleitet.^ 
Die Impulse, denen die Masse gehorcht, können je 
nach Umständen edel oder grausam, heroisch oder 
feige sein, jedenfalls aber sind sie so gebieterisch, 
daß niclit das persönliche, nicht einmal das Interesse 
der Selbsterhaltung zur Geltung kommt. (S. 20.) 
Nichts ist bei ihr vorbedacht. Wenn sie auch die 
Dinge leidenschaftlich begehrt, so doch nie für lange, 
sie ist unfähig zu einem Dauerwillen. Sie verträgt 
keinen Aufschub zwischen ihrem Begehren und der 
Verwirklichung des Begehrten. Sie hat das Gefühl der 
Allmacht, für das Individuum in der Masse schwindet 
der Begriff des Unmöglichen." 

Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leicht- '^ 

gläubig, sie ist kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert 

i) Unbewußt wird von Le Bon richtig im Sinne der Des- 
kription gebraucht, wo es nicht allein das „Verdrängte" bedeutet. ; 

2) Vergleiche Totem und Tabu HL, Animismus, Magie und 
Allmacht der Gedanken. 



I 



//. Le Bon's Sckildcnmg der Adassensecle 15 

für sie nicht. Sie denkt in Bildern, die einander assoziativ 
hervorrufen, wie sie sich beim Einzelnen in Zuständen 
des freien Phantasierens einstellen, und die von keiner 
verständigen Instanz an der Übereinstimmung mit der 
Wirkliclikeit gemessen werden. Die Gefühle der Masse 
sind stets sehr einfach und sehr überschwenglich. Die 
Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewißheit.' 
Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene 
Verdacht wandelt sich bei ihr sogleich in unumstöß- 
liche Gewißheit, ein Keim von Antipathie wird zum 
wilden Haß. (S. 32.)" 



i) In der Deutung der Träume, denen wir ja unsere beste 
Kenntnis vom unbewußten Seelenleben verdanken, befolgen wir 
die technische Regel, daß von Zweifei und Unsicherheit in der 
Traumerzählung abgesehen und jedes Element des manifesten 
Traumes als gleich gesichert behandelt wird. Wir leiten Zweifel 
und Unsicherheit von der Einwirkung der Zensur ab, welcher die 
Traumarbeit unterliegt, und nehmen an, daß die primären Traum- 
gedanken Zweifel und Unsicherheit als kritische Leistung nicht 
kennen. Ais Inhalte mögen sie natürlich, wie alles andere, in den 
zum Traum führenden Tagesresten vorkommen. (S. Traumdeutung, 
5. Aufl. 191g, S. 386.) 

2) Die nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Ex- 
tremen und Maßlosen gehört auch der Affektivitat des Kindes an 
und findet sich im Traumleben wieder, wo dank der im Unbe- 
wußten vorherrschenden Isolierung der einzelnen Gefühlsregungen 
ein leiser Ärger vom Tage sich als Todeswunsch gegen die 
schuldige Person zum Ausdruck bringt oder ein Anflug irgend 
einer Versuchung zum Anstoß einer im Traum dargestellten ver- 
brecherischen Handlung wird. Zu dieser Tatsache hat Dr. Hanns 
Sachs die hübsche Bemerkung gemacht: „Was der Traum uns 



I 



\ 



i6 Massefipsychologie und Ich-Analyse 

Selbst zu allen Extremen geneigt, wird die Masse 
auch nur durch übermäßige Reize erregt. Wer auf 
sie wirken will, bedarf keiner logischen Abmessung 
seiner Argumente, er muß in den kräftigsten Bildern 
malen, übertreiben und immer das Gleiche wieder- 
holen. 

Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen 
nicht im Zweifel ist und dabei das Bewußtsein ihrer 
großen Kraft hat, ist sie ebenso intolerant wie auto- 
ritätsgläubig. Sie respektiert die Kraft und läßt sich 
von der Güte, die für sie nur eine Art von Schwäche 
bedeutet, nur mäßig beeinflussen. Was sie von ihren 
Helden verlangt, ist Stärke, selbst Gewalttätigkeit. Sie 
will beherrscht und unterdrückt werden und ihren 
Herrn fürchten. Im Grunde durchaus konservativ, hat 
sie tiefen Abscheu vor allen Neuerungen und Fort- 
schritten und unbegrenzte Ehrfurcht vor der Tradidon. 

(S. 37.) 

Um die Sittlichkeit der Massen richtig zu beur- 
teilen, muß man in Betracht ziehen, daß im Beisammen- 
sein der Massenindividuen alle individuellen Hemmungen 
entfallen und alle grausamen, brutalen, destruktiven 
Instinkte, die als Überbleibsel der Urzeit im Einzelnen 



an Beziehungen zur Gegenwart (Realität) kundgetan hat, wollen 
wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht 
wundern, wenn wir das Ungeheuer, das wir unter dem Ver- 
größerungsglas der Analyse gesehen haben, als Infusionstierchen 
wiederfinden." (Traumdeutung, S. 457.) 



i 



//■ Le Bon's Schilderung der Massenseele 17 

schlummern, zur freien Triebbefriedigung geweckt 
werden. Aber die Massen sind auch unter dem Ein- 
fluß der Suggestion hoher Leistungen von Entsagung, 
Uneigennützigkeit, Hingebung an ein Ideal fähig. 
Während der persönliche Vorteil beim isolierten Indi- 
viduum so ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er 
bei den Massen sehr selten vorherrschend. Man kann 
von einer Versittlich ung des Einzelnen durch die Masse 
sprechen (S. 39). Während die intellektuelle Leistung 
der Masse immer tief unter der des Einzelnen steht, 
kann ihr ethisches Verhalten dies Niveau ebenso hoch 
überragen, wie tief darunter herabgehen. 

Ein helles Licht auf die Berechtigung, die Massen- 
seele mit der Seele der Primitiven zu identifizieren, 
werfen einige andere Züge der Le Bon'schen Charak- 
teristik. Bei den Massen können die entgegengesetztesten 
Ideen nebeneinander bestehen und sich miteinander 
vertragen, ohne daß sich aus deren logischem Wider- 
spruch ein Konflikt ergäbe. Dasselbe ist aber im un- 
bewußten Seelenleben der Einzelnen, der Kinder und 
der Neurotiker der Fall, wie die Psychoanalyse längst 
nachgewiesen hat.' 



l) Beim kleinen Kinde bestehen z. B. ambivalente Gefiihls- 
einstelliingen geg^en die ihm nächsten Personen lange Zeit neben- 
einander, ohne daß die eine die ihr entgegengesetzte in ihrem 
Ausdruck stört. Kommt es dann endlich zum Konflikt zwischen 
den beiden, so wird er oft dadurch erledigt, daß das Kind das 
Objekt wechselt, die eine der ambivalenten Regungen auf ein 

Freud: Masaenpsychologi« und Ich-Analyae 2 









5i 



i8 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Femer unterliegt die Masse der wahrhaft magischen 
Macht von Worten, die in der Massenseele die furcht- 
barsten Stürme hervorrufen und sie auch besänftigen 
können (S. 74). ,,Mit Vernunft und Argumenten kann 
man gegen gewisse Worte und Formeln nicht an- 
kämpfen. Man spricht sie mit Andacht vor den Massen 
aus, und sogleich werden die Mienen respektvoll und 
die Köpfe neigen sich. Von vielen werden sie als 
Naturkräfte oder als übernatürliche Mächte betrachtet." 

Ersatzobjekt verschiebt. Auch aus der Entwicklungsgeschichte 
einer Neurose beim Erwachsenen kann man erfahren, daß eine 
unterdrückte Regimg sich häufig lange Zeit in unbewußten oder 
selbst bewußten Phantasien fortsetzt, deren Inhalt natürlich einer 
herrschenden Strebung direkt zuwiderläuft, ohne daß sich aus 
diesem Gegensatz ein Einschreiten des Ichs gegen das von ihm 
Verworfene ergäbe. Die Phantasie wird eine ganze Weile über 
toleriert, bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich infolge einer Steige- 
rung der affektiven Besetzung derselben, der Konflikt zwischen 
ihr und dem Ich mit alten seinen Folgen herstellt. 

Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Er- 
wachsenen kommt es überhaupt zu einer immer weiter greifenden 
Integration der Persönlichkeit, zu einer Zusammenfassung der 
einzelnen, unabhängig voneinander in ihr gewachsenen Trieb- 
regungen und Zielstrebungen. Der analoge Vorgang auf dem 
Gebiet des Sexuallebens ist uns als Zusammenfassung aller Sexual- 
triebe zur definitiven Genital Organisation lange bekannt. (Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905.) Daß die Vereinheitlichung 
des Ichs übrigens dieselben Störungen erfahren kann wie die der 
Libido, zeigen vielfache, sehr bekannte Beispiele, wie das der 
Naturforscher, die bibelgläubig geblieben sind u. a. Die ver- 
schiedenen Möglichkeiten eines späteren Zetfalls des Ichs bilden 
ein besonderes Kapitel der Psychopathologie. 



V 

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'T'-T^ 



IL Le Bon's Schilderung der Massenseele 19 



(S. 75.) Man braucht sich dabei nur an die Tabu 
der Namen bei den Primitiven, an die magischen 
Kräfte, die sich ihnen an Namen und Worte knüpfen, 
2U erinnern.' 

Und endlich: Die Massen haben nie den Wahr- 
heitsdurst gekannt. Sie fordern Illusionen, auf die sie 
nicht verzichten können. Das Irreale hat bei ihnen 
stets den Vorrang vor dem Realen, das Unwirkliche 
beeinflußt sie fast ebenso stark wie das Wirkhche. 
Sie haben die sichtliche Tendenz, zwischen beiden, 
keinen Unterschied zu machen (S. 47). 

Diese Vorherrschaft des Phantasielebens und der 
vom unerfüllten Wunsch getragenen Illusion haben 
wir als bestimmend für die Psychologie der Neurosen 
aufgezeigt. Wir fanden, für die Neurotiker gelte nicht 
die gemeine objektive, sondern die psychische Realität. 
Ein hysterisches Symptom gründe sich auf Phantasie 
anstatt auf die Wiederholung wirklichen Erlebens, ein 
zwangsneurotisches Schuldbewußtsein auf die Tatsache 
eines bösen Vorsatzes, der nie zur Ausführung ge- 
kommen. Ja wie im Traum und in der Hypnose, tritt 
in der Seelentätigkeit der Masse die Realitätsprüfung 
zurück gegen die Stärke der affektiv besetzten Wunsch- 
regungen. 

Was Le Bon über die Führer der Massen sagt, 
ist weniger erschöpfend und läßt das Gesetzmäßige 



( .1 



l) Siehe Totem und Tabu. 



20 



Massenpsychologie und Jch-Analyse 



nicht so deutlich durchschimmern. Er meint, sobald 
lebende Wesen in einer gewissen Anzahl vereinigt 
sind, einerlei ob eine Herde Tiere oder eine Menschen- 
menge, stellen sie sich instinktiv unter die Autorität 
eines Oberhauptes (S. 86). Die Masse ist eine folg- 
same Herde, die nie ohne Herrn zu leben vermag. 
Sie hat einen solchen Durst zu gehorchen, daß sie 
sich jedem, der sich zu ihrem Herrn ernennt, instinktiv 
unterordnet. 

Kommt so das Bedürfnis der Masse dem Führer 
entgegen, so muß er ihm doch durch persönliche 
Eigenschaften entsprechen. Er muß selbst durch einen 
starken Glauben (an eine Idee) fasziniert sein, um 
Glauben in der Masse zu erwecken, er muß einen 
starken, imponierenden Willen besitzen, den die willen- 
lose Masse von ihm annimmt. Le Bon bespricht dann 
die verschiedenen Arten von Führern und die Mittel, 
durch welche sie auf die Masse wirken. Im ganzen 
läßt er die Führer durch die Ideen zur Bedeutung 
kommen, für die sie selbst fanatisiert sind. 

Diesen Ideen wie den Führern schreibt er über- 
dies eine geheimnisvolle, unwiderstehliche Macht zu, 
die er „Prestige" benennt. Das Prestige ist eine Art 
Herrschaft, die ein Individuum, ein Werk oder eine 
Idee über uns übt. Sie lähmt all unsere Fähigkeit 
zur Kritik und erfüllt uns mit Staunen und Achtung. 
Sie dürfte ein Gefühl hervorrufen, ähnlich wie das 
der Faszination der Hypnose (S. 96). 



//. L e Bo n's Schilderung der Masseriseele 2 1 

Er unterscheidet erworbenes oder künstliches und 
persönliches Prestige. Das erstere wird bei Personen 
durch Name, Reichtum, Ansehen verliehen, bei An- 
schauungen, Kunstwerken u. dgl. durch Tradition. 
Da es in allen Fällen auf die Vergangenheit zurück- 
greift, wird es für das Verständnis dieses rätselhaften 
Einflusses wenig leisten. Das persönliche Prestige 
haftet an wenigen Personen, die durch dasselbe zu 
Führern werden, und macht, daß ihnen alles wie unter 
der Wirkung eines magnetischen Zaubers gehorcht. 
Doch ist jedes Prestige auch vom Erfolg abhängig 
und geht durch Mißerfolge verloren (S. 105). 

Man gewinnt nicht den Eindruck, daß bei Le Bon 
die Rolle der Führer und die Betonung des Prestige 
in richtigen Einklang mit der so glänzend vorgetragenen 
Schilderung der Massenseele gebracht worden ist. 



III 

ANDERE WÜRDIGUNGEN 
DES KOLLEKTIVEN SEELENLEBENS 

Wir haben uns der Darstellung von Le Bon als 
Einführung bedient, weil sie in der Betonung des 
unbewußten Seelenlebens so sehr mit unserer eigenen 
Psychologie zusammentrifft. Nun mtissen wir aber hin- 
zufügen, daß eigentlich keine der Behauptungen dieses 
Autors etwas Neues bringt. Alles, was er Abträgliches 
und Herabsetzendes über die Äußerungen der Massen- 
seele sagt, ist schon vor ihm ebenso bestimmt und 
ebenso feindselig von anderen gesagt worden, wird 
seit den ältesten Zeiten der Literatur von Denkern, 
Staatsmännern und Dichtern gleichlautend so wieder- 
holt.' Die beiden Sätze, welche die wichtigsten An- 
sichten Le Bon's enthalten, der von der kollektiven 
Hemmung der intellektuellen Leistung und der von 
der Steigerung der Affektivität in der Masse waren 

l) Verg^leiche den Text und das Literaturverzeichnis in B. Kras- 
kovic jun., Die Psychologie der Kollektivitäten. Aus dem 
Kroatischen übersetzt vonSiegmund von Posavec. Vukovar 1915. 









i 



1 



///. Andere Würdigungen des kollekt. Seelenlebens 23 



kurz vorher von Sighelc formuliert worden.' Im 
Grunde erübrigen als Le Bon eigentümlich nur die 
beiden Gesichtspunkte des Unbewußten und des Ver- 
gleichs mit dem Seelenleben der Primitiven, auch 
diese natürlich oftmals vor ihm berührt. 

Aber noch mehr, die Beschreibung und Würdigung 
der Massenseele, wie Le Bon und die anderen sie 
geben, ist auch keineswegs unangefochten geblieben. 
Kein Zweifel, daß alle die vorhin beschriebenen Phä- 
nomene der Massenseele richtig beobachtet worden 
sind, aber es lassen sich auch andere, geradezu ent- 
gegengesetzt wirkende Äußerungen der Massenbildung 
erkennen, aus denen man dann eine weit höhere Ein- 
schätzung der Massenseele ableiten muß. 

Auch Le Bon war bereit zuzugestehen, daß die 
Sittlichkeit der Masse unter Umständen höher sein 
kann als die der sie zusammensetzenden Einzelnen, 
und daß nur die Gesamtheiten hoher Uneigennützig- 
keit und Hingebung fähig sind, 

(S. 38) „Während der persönliche Vorteil beim 
isolierten Individuum so ziemlich die einzige Triebfeder 
ist, ist er bei den Massen sehr selten vorherrschend." 

Andere machen geltend, daß es überhaupt erst 
die Gesellschaft ist, welche dem Einzelnen die Normen 

l) Siehe Walter Moede, Die Massen- und Sozialpsychologie 
im kritischen Überblick. Zeitschrift für pädagogische Psychologie 
und experimentelle Pädagogik von Meumann und Scheibner, 
XVI, 1915. 






24 



Afassenpsychologie und Jch-Analyse 



der Sittlichkeit vorschreibt, während der Einzelne in 
der Regel irgendwie hinter diesen hohen Ansprüchen 
zurückbleibt. Oder daß in Ausnahmszuständen in einer 
Kollektivität das Phänomen der Begc ister unir zustande 
kommt, welches die großartigsten Massenlcistungcn er- 
möglicht hat. 

In Betreff der intellektuellen Leistung bleibt zwar 
\^ bestehen, daß die großen Entscheidungen der Denk- 
arbeit, die folgenschweren Entdeckungen und Problem- 
lösungen nur dem Einzelnen, der in der Einsamkeit 
arbeitet, möglich sind. Aber auch die Massenseele ist 
genialer geistiger Schüi^fungcn fähig, wie vor allem 
die Sprache selbst beweist, sodann das Volkslied, 
Folklore und anderes. Und überdies bleibt es dahin- 
gestellt, wieviel der einzelne Denker oder Dichter den 
Anregungen der Masse, in welcher er lebt, verdankt, 
ob er mehr als der Vollender einer seelischen Arbeit 
ist, an der gleichzeitig die anderen mitgetan haben. 
Angesichts dieser vollkommenen Widersprüche 
scheint es ja, daß die Arbeit der Massenpsychologie 
ergebnislos verlaufen müsse. Allein es ist leicht, einen 
hoffnungsvolleren Ausweg zu finden. Man hat wahr- 
scheinlich als ,, Massen" sehr verschiedene Bildungen 
zusammengefaßt, die einer Sonderling bedürfen. Die 
Angaben von Sighele, Le Bon und anderen beziehen 
sich auf Massen kurzlebiger Art, die rasch durch ein 
vorübergehendes Interesse ans verschiedenartigen Indi- 
viduen zusammengeballt werden. I'2s ist unverkennbar, 



///. Andere lVürdigunge7i des kollekt. Seelenlebens 25 

daß die Charaktere der revolutionären Massen, be- 
sonders der großen französischen Revolution, ihre 
Schilderungen beeinflußt haben. Die gegensätzlichen 
Behauptungen stammen aus der Würdigung jener 
stabilen Massen oder Vergesellschaftungen, in denen 
die Menschen ihr Leben zubringen, die sich in den 
Institutionen der Gesellschaft verkörpern. Die Massen 
der ersten Art sind den letzteren gleichsam aufgesetzt, 
wie die kurzen, aber hohen Wellen den langen 
Dünungen der See. 

MC Dougall, der in seinem Buch The Group 
Mind' von dem nämlichen, oben erwähnten Wider- 
spruch ausgeht, findet die Lösung desselben im Moment 
der Organisation. Im einfachsten Falle, sagt er, besitzt 
die Masse (grotipj überhaupt keine Organisation oder 
eine kaum nennenswerte. Er bezeichnet eine solche 
Masse als einen Haufen (crowd). Doch gesteht er zu, 
daß ein Haufen Menschen nicht leicht zusammen- 
kommt, ohne daß sich in ihm wenigstens die ersten 
Anfänge einer Organisation bildeten, und daß gerade 
an diesen einfachen Massen manche Grundtatsachen 
der Kollektivpsychologie besonders leicht zu erkennen 
sind (S. 22). Damit sich aus den zufällig zusammen- 
gewehten Mitgliedern eines Menschenhaufens etwas 
wie eine Masse im psychologischen Sinne bilde, wird 
als Bedingung erfordert, daß diese Einzelnen etwas 

1) Cambridge, 1920. 



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26 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



• 



miteinander gemein haben, ein gemeinsames Interesse 
an einem Objekt, eine gleichartige Gefdhlsrichtung in 
einer gewissen Situation und (ich würde einsetzen : 
infolgedessen) ein gewisses Maß von Fähigkeit, sich 
untereinander zu beeinflussen. (Some degree of reci- 
pi-ocal mfluence behveen thc ?Nc?nders of the group) 
(S. 23). Je stärker diese Gemeinsamkeiten (Uns mental 
homogeneity) sind, desto leichter bildet sich aus den , 

Einzelnen eine psychologische Masse und desto auf- F 

fälliger äußern sich die Kundgebungen einer „Massen- i 

seele". ' \ 

Das merkwürdigste und zugleich wichtigste Phä- \ 

nomen der Massenbildung ist nun die bei jedem 
Einzelnen hervorgerufene Steigerung der Affektivität 
(exaltation or intensificaiion of emotion) (S. 24). Man 
kann sagen, meint M<^Dougall, daß die Affekte der 
Menschen kaum unter anderen Bedingungen zu solcher 
Höhe anwachsen, wie es in einer Masse geschehen 
kann, und zwar ist es eine genußreiche Empfindung 
für die Beteiligten, sich so schrankenlos ihren Leiden- 
schaften hinzugeben und dabei in der Masse aufzu- 
gehen, das Gefühl ihrer individuellen Abgrenzung zu 
verlieren. Dies Mitfortgerissenwerden der Individuen 
erklärt M'^Dougall aus dem von ihm so genannten 
„principle of direct inductio7i of emotion by way of 
ihe primitive sympaihetic response" (S. 25), d. h. durch 
die uns bereits bekannte Gefühlsansteckung. Die Tat- 
sache ist die, daß die wahrgenommenen Zeichen eines 



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///. Andere Würdigunge?!. des kollekt. Seelenlebens 27 

Affektzustandes geeignet sind, bei dem Wahrnehmenden 
automatisch denselben Affekt hervorzurufen. Dieser 
automatische Zwang wird umso stärker, an je mehr 
Personen gleichzeitig [derselbe Affekt bemerkbar ist. 
Dann schweigt die Kritik des Einzelnen und er läßt 
sich in denselben Affekt gleiten. Dabei erhöht er aber 
die Erregung der anderen, die auf ihn gewirkt hatten, 
und so steigert sich die Affektladung der Einzelnen 
durch gegenseitige Induktion. Es ist unverkennbar etwas 
wie ein Zwang dabei wirksam, es den anderen gleich- 
zutun, im Einklang mit den Vielen zu bleiben. Die 
gröberen und einfacheren Gefühlsregungen haben die 
größere Aussicht, sich auf solche Weise in einer Masse 
zu verbreiten (S. 39). 

Dieser Mechanismus der Affektsteigerung wird noch 
durch einige andere, von der Masse ausgehende Ein- 
flüsse begünstigt. Die Masse macht dem Einzelnen den 
Eindruck einer unbeschränkten Macht und einer un- 
besiegbaren Gefahr. Sie hat sich für den Augenblick 
an die Stelle der gesamten menschlichen Gesellschaft 
gesetzt, welche die Trägerin der Autorität ist, deren 
Strafen man gefürchtet, der zuliebe man sich so viele 
Hemmungen auferlegt hat. Es ist offenbar gefährlich, 
sich in Widerspruch mit ihr zu setzen, und man ist 
sicher, wenn man dem ringsumher sich zeigenden Bei-' 
spiel folgt, also eventuell sogar „mit den Wölfen heult". 
Im Gehorsam gegen die neue Autorität darf man sein 
früheres „Gewissen" außer Tätigkeit setzen und dabei 



^ 



28 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

der Lockung des l^ustgewinns nachgeben, den man 
sicherlich durch die Aufhebung seiner Hemmungen 
erzielt. Es ist also im ganzen nicht so merkwürdig, 
wenn wir den Einzelnen \n der Masse Dinge tun oder 
gutheißen sehen, von denen er sich unter seinen ge- ^ 

wohnten Lebensbedingungen abgewendet hätte, und 
wir können selbst die Hoffnung fassen, auf diese Weise 
ein Stück der Dunkelheit zu lichten, die man mit dem 
Rätselwort der ,, Suggestion'* zu decken pflegt. * 

Dem Satz von der kollektiven Intelligenzhemmung f 

in der Masse widerspricht auch M'^ Dougall nicht 
(S. 41). Er sagt, die geringeren Intelligenzen ziehen 
die größeren auf ihr Niveau herab. Die letzteren werden 
in ihrer Betätigung gehemmt, weil die Steigerung der 
Affektivität überhaupt ungünstige Bedingungen für j 

korrekte geistige Arbeit schafft, ferner weil die Ein- 1 

zelnen durch die Masse eingeschüchtert sind und ihre 
Denl^arbeit nicht -frei ist, und weil bei jedem Iiinzelnen 
das Bewußtsein der Verantwortlichkeit für seine Leistung 
herabgesetzt wird. , . 

Das Gesamturteil über die psychische Leistung 
einer einfachen, ,, unorganisierten" Masse lautet bei 
M*^ Dougall nicht freundlicher als bei Le Bon. Eine 
solche Masse ist (S. 45): überaus erregbar, impulsiv, \ 

leidenschaftlich, wankelmütig, inkonsequent, unent- ; 

schlössen und dabei zum Äußersten bereit in ihren 
Handlungen, zugänglich nur für die gröberen Leiden- i 

Schäften und einfacheren Gefühle, außerordentlich 



V 



■ 

1 



///. Andere IVürdigimgen des kollekt. Seelenlebens 29 

suggestibel, leichtsinnig in ihren Überlegungen, heftig in 

ihren Urteilen, aufnahmsfähig nur für die einfachsten ji 

und unvollkommensten Schlüsse und Argumente, leicht 
zu lenken und zu erschüttern, ohne Selbstbewußtsein, 
Selbstachtung und Verantwortlichkeitsgefühl, aber bereit, 
sich von ihrem Kraftbewußtsein zu allen Untaten fort- 
reißen zu lassen, die wir nur von einer absoluten und 
unverantwortlichen Macht erwarten können. Sie be- 
nimmt sich also eher wie ein ungezogenes Kind oder 
wie ein leidenschaftlicher, nicht beaufsichtigter Wilder 
in einer ihm fremden Situation; in den schlimmsten 
Fällen ist ihr Benehmen eher das eines Rudels von 
wilden Tieren als von menschlichen Wesen. 

Da M*= Dougall das Verhalten der hoch organi- 
sierten Massen in Gegensatz zu dem hier Geschilderten 
bringt, werden wir besonders gespannt sein zu er- j| 

fahren, worin diese Organisation besteht und durch f| 

welche Momente sie hergestellt wird. Der Autor ff^ 

zählt fünf dieser „principal condiüo7is' für die Hebung 
des seelischen Lebens der Masse auf ein höheres 
Niveau auf. 

Die erste grundlegende Bedingung ist ein gewisses 
Maß von Kontinuität im Bestand der Masse. Diese 
kann eine materielle oder eine formale sein, das erste, 
wenn dieselben Personen längere Zeit in der Masse 
verbleiben, das andere, wenn innerhalb der Masse be- 
stimmte Stellungen entwickelt sind, die den einander 
ablösenden Personen angewiesen werden. 



30 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Die zweite, daß sich in dem Einzelnen der Masse 
eine bestimmte Vorstellung von der Natur, der Funktion, 
den Leistungen und Ansprüchen der Masse gebildet 
hat, so daß sich daraus für ihn ein Gefühlsverhältnis 
zum Ganzen der Masse ergeben kann. 

Die dritte, daß die Masse in Beziehung zu anderen, 
ihr ähnlichen, aber doch von ihr in vielen Punkten 
abweichenden Massenbildungen gebracht wird, etwa 
daß sie mit diesen rivalisiert. 

Die vierte, daß die Masse Traditionen, Gebräuche 
und Einrichtungen besitzt, besonders solche, die sich 
auf das Verhältnis ihrer Mitglieder zueinander beziehen. 

Die fünfte, daß es in der Masse eine Gliederung 
gibt, die sich in der Spezialisierung und Differenzie- 
rung der dem Einzelnen zufallenden Leistung ausdrückt. 

Durch die Erfüllung dieser Bedingungen werden 
nach Mc Dougall die psychischen Nachteile der Massen- 
bildung aufgehoben. Gegen die kollektive Herabsetzung 
der Intelligenzleistung schützt man sich dadurch, daß 
man die Lösung der intellektuellen Aufgaben der 
Masse entzieht und sie Einzelnen in ihr vorbehält. 

Es scheint uns, daß man die Bedingung, die 
MC Dougall als ,, Organisation" der Masse bezeichnet 
hat, mit mehr Berechtigung anders beschreiben kann. 
Die Aufgabe besteht darin, der Masse gerade jene 
Eigenschaften zu verschaffen, die für das Individuum 
charakteristisch waren und die bei ihm durch die Massen- 
bildung ausgelöscht wurden. Denn das Individuum 



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///, Andere Würdigungen des kollekt. Seelenlebens 3 1 

hatte — außerhalb der primitiven Masse — seine 
Kontinuität, sein Selbstbewußtsein, seine Traditionen 
und Gewohnheiten, seine besondere Arbeitsleistung 
und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert, 
mit denen es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch 
seinen Eintritt in die nicht ,, organisierte" Masse für 
eine Zeit verloren. Erkennt man so als Ziel, die 
Masse mit den Attributen des Individuums auszu- 
statten, so wird man an eine gehaltreiche Bemerkung 
von W. Trotter' gemahnt, der in der Neigung zur 
Massenbildung eine biologische Fortführung der Viel- 
zelligkeit aller höheren Organismen erblickt.' 



1) Instincts of the Herd in Peace and War. London 1916. 

2) Ich kann im Gegensatz zu einer sonst verständnisvollen 
und scharfsinnigen Kritik von Hans Kelsen (Image VIII/2, 1922) 
nicht zugeben daß eine solche Ausstattung der „Massenseele" 
mit Organisation eine Hypostasierung derselben, d. h. die Zu- 
erkennung einer Unabhängigkeit von den seelischen Vorgängen 
im Individuum bedeute. 



I. 



i: 



- ' - 



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SUGGESTION UND LIBIDO 

I , Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, 

^ daß ein Einzelner innerhalb einer Masse durch den 

Einfluß derselben eine oft tiefgreifende Veränderung 
seiner seelischen Tätigkeit erfährt. Seine Afiektivität 
wird außerordentlich gesteigert, seine intellektuelle 
Leistung merklich eingeschränkt, beide Vorgänge offen- 
bar in der Richtung einer Anglcichung an die anderen 

I , Massenindividuen; ein Erfolg, der nur durch die Auf- 

hebung der jedem Einzelnen eigentümlichen Trieb- 

\ hemmungen und durch den Verzicht auf die ihm be- 

sonderen Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht 
werden kann. Wir haben gehört, daß diese oft un- 
erwünschten Wirkungen durch eine höhere ,, Organi- 
sation*' der Massen wenigstens teilweise hintangehalten 
werden, aber der Grundtatsache der Massenpsycho- 
logie, den beiden Sätzen von der Affektsteigerung 
und der Denkhemmung in der primitiven Masse ist da- 
durch nicht widersprochen worden. Unser Interesse geht 

: nun dahin, für diese seelische Wandlung des Einzelnen in 

der Masse die psychologische Erklärung zu finden. 



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IV. Suggestion und Libido 33 

Rationelle Momente, wie die vorhin erwähnte Ein- 
schüchterung des Einzelnen, also die Aktion seines 
Selbsterhaltungstriebes, decken offenbar die zu be- 
obachtenden Phänomene nicht. Was uns sonst als 
Erklärung von den Autoren über Soziologie und 
Massenpsychologie geboten wird, ist immer das näm- 
liche, wenn auch unter wechselnden Namen: das 
Zauberwort der Suggestion. Bei Tarde hieß sie 
Nachahmung, aber wir müssen einem Autor recht 
geben, der uns vorhält, die Nachahmung falle unter 
den Begriff der Suggestion, sei eben eine Folge der- 
selben. ' Bei Le Bon wurde alles Befremdende der 
sozialen Erscheinungen auf zwei Faktoren zurück- 
geführt, auf die gegenseitige Suggestion der Einzelnen 
und das Prestige der Führer. Aber das Prestige äußert 
sich wiederum nur in der Wirkung, Suggestion hervor- 
zurufen. Bei W- Dougall konnten wir einen Moment 
lang den Eindruck empfangen, daß sein Prinzip der 
, »primären Affektinduktion" die Annahme der Suggestion 
entbehrlich mache. Aber bei weiterer Überlegung 
müssen wir doch einsehen, daß dies Prinzip nichts 
anderes aussagt, als die bekannten Behauptungen der 
„Nachahmung" oder „Ansteckung", nur unter ent- 
schiedener Betonung des affektiven Moments. Daß 
eine derartige Tendenz in uns besteht, wenn wir ein 



i)Brug^eilles, L'essence du phenomene social: La Suggestion. 
Revue philosophique XXV. 1913. 

Fieud: Massen psychDlogie and Icb-Aoiüyse % 



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34 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Zeichen eines AfFektzustandes bei einem anderen ge- 
wahren, in denselben Affekt zu verfallen, ist unzweifel- 
haft, aber wie oft widerstehen wir ihr erfolgreich, 
weisen den Affekt ab, reagieren oft in ganz gegen- 
sätzlicher Weise? Warum also geben wir dieser An- 
steckung in der Masse regelmäßig nach? Man wird 
wiederum sagen müssen, es sei der suggestive Ein- 
fluß der Masse, der uns nötigt, dieser Nachahmungs- 
tendenz zu gehorchen, der den Affekt in uns induziert. 
Übrigens kommen wir auch sonst bei M^ Dougall 
nicht um die Suggestion herum- wir hören von ihm 
wie von anderen : die Massen zeichnen sich durch 
, . besondere Suggestibilität aus. 

Man wird so für die Aussage vorb ereitet, die 
Suggestion (richtiger die Suggerierbarkeit) sei eben 
ein weiter nicht reduzierbares Urphänomen, eine Grund- 
tatsache des menschlichen Seelenlebens. So hielt es 
auch Bernheim, von dessen erstaunlichen Künsten 
ich im Jahre 1889 Zeuge war. Ich weiß mich aber 
auch damals an eine dumpfe Gegnerschaft gegen diese 
Tyrannei der Suggestion zu erinnern. Wenn ein Kranker, 
>' der sich nicht gefügig zeigte, angeschrieen wurde: Was 

tun Sie denn? Vous vous contresuggestionnez ! so 
sagte ich mir, das sei offenbares Unrecht und Gewalt- 
tat. Der Mann habe zu Gegensuggestionen gewiß 
ein Recht, wenn man ihn mit Suggestionen zu unter- 
^ werfen versuche. Mein Widerstand nahm dann später 

die Richtung einer Auflehnung dagegen, daß die 



I 



IV. Suggestion und Libido 35 

Suggestion, die alles erklärte, selbst der Erklärung 
entzogen sein sollte. Ich wiederholte mit Bezug auf sie 
die alte Scherzfrage:' 

Christoph trug Christum, 
Christus trug die ganze Welt, 
Sag', wo hat Christoph 
Damals hin den Fuß gestellt? 

Christophorus Christum, sed Christus sustullt orbem: 
Constiterit pedibus die ubi Christophorus? 

Wenn ich nun nach etwa 30jähriger Femhaltung 
wieder an das Rätsel der Suggestion herantrete, finde 
ich, daß sich nichts daran geändert hat. Von einer 
einzigen Ausnahme, die eben den Einfluß der Psycho- 
analyse bezeugt, darf ich ja bei dieser Behauptung 
absehen. Ich sehe, daß man sich besonders darum 
bemüht, den Begriff der Suggestion korrekt zu formu- 
Ueren, also den Gebrauch des Namens konventionell 
festzulegen, ° und dies ist nicht überflüssig, denn das 
Wort geht einer immer weiteren Verwendung mit 
aufgelockerter Bedeutung entgegen und wird bald jede 
beliebige Beeinflussung bezeichnen wie im Englischen, 
wo Jo suggest, Suggestion' unserem ,, nahelegen", 
unserer „Anregung" entspricht. Aber über das Wesen 
der Suggestion, d. h. über die Bedingungen, unter 



i) Konrad Richter, Der deutsche St. Christoph. Berlin 1896. 
Acta Germanica V, i. 

2) So M= Dougall im ,Journal of Neurology and Psycho- 
pathology", Vol. I, No. i, May 1920: A note on Suggestion. 



3* 



• 



36 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

denen sich Beeinflussungen oiine zureichende logische 
Begründung herstellen, hat sich eine Aufklärung nicht 
ergeben. Ich würde mich der Aufgabe nicht entziehen, 
diese Behauptung durch die Analyse der Literatur 
dieser letzten 30 Jahre zu erhärten, allein ich unter- 
lasse es, weil mir bekannt ist, daß in meiner Nähe 
eine ausführliche Untersuchung vorbereitet wird, welche 
sich eben diese Aufgabe gestellt hat. 

Anstatt dessen werde ich den Versuch machen, 
zur Aufklärung der Massenpsychologie den Begrift 
der Libido zu verwenden, der uns im Studium der 
Psychoneurosen so gute Dienste geleistet hat. 

Libido ist ein Ausdruck aus der Affektivitätslehre. 
Wir heißen so die als quantitative Größe betrachtete 
— wenn auch derzeit nicht meßbare — Energie 
solcher Triebe, welche mit alldem zu tun haben, was 
man als Liebe zusammenfassen kann. Den Kern des 
von uns Liebe Geheißenen bildet natürlich, was man 
gemeinhin Liebe nennt und was die Dichter besingen, 
die Geschlechtsliebe mit dem Ziel der geschlechtlichen 
Vereinigung. Aber wir ■ trennen davon nicht ab, was 
auch sonst an dem Namen Liebe Anteil hat, einerseits die 
Selbstliebe, andererseits die Eltern- und Kindesliebe, 
die Freundschaft und die allgemeine Menschenliebe, 
auch nicht die Hingebung an konkrete Gegenstände 
und an abstrakte Ideen. Unsere Rechtfertigung liegt 
darin, daß die psychoanalytische Untersuchung uns 
gelehrt hat, alle diese Strebungen seien der Ausdruck 



=^m 



IV. Suggestion und Libido 37 

der nämlichen Triebregungen, die zwischen den Ge- 
schlechtern zur geschlechtlichen Vereinigung hindrängen, 
in anderen Verhältnissen zwar von diesem sexuellen 
Ziel abgedrängt oder in der Erreichung desselben auf- 
gehalten werden, dabei aber doch immer genug von 
ihrem ursprünglichen Wesen bewahren, um ihre Iden- 
tität kenntlich zu erhalten (Selbstaufopferung, Streben 
nach Annäherung). 

Wir meinen also, daß die Sprache mit dem Wort 
,, Liebe" in seinen vielfältigen Anwendungen eine durch- 
aus berechtigte Zusammenfassung geschaffen hat, und 
daß wir nichts Besseres tun können, als dieselbe auch 
unseren wissenschaftlichen Erörterungen und Dar- 
stellungen zugrunde zu legen. Durch diesen Entschluß 
hat die Psychoanalyse einen Sturm von Entrüstung 
entfesselt, als ob sie sich einer frevelliaften Neuerung 
schuldig gemacht hätte. Und doch hat die Psycho- 
analyse mit dieser „erweiterten" Auffassung der Liebe 
nichts Originelles geschaffen. Der „Eros" des Philo- 
sophen Piato zeigt in seiner Herkunft, Leistung und Be- 
ziehung zur Geschlechtsliebe eine vollkommene Deckung 
mit der Liebeskraft, der Libido der Psychoanalyse, wie 
Nachmansohn und Pfister im Einzelnen dargelegt 
haben,' und wenn der Apostel Paulus in dem berühmten 
Brief an die Korinther die Liebe über alles andere 

i) Nachmansohn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der 
Eroslehre Piatos. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, III, 1915; Pfister, 
ebd. VII, 1921. 



38 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

preist, hat er sie gewiß im nämlichen „erweiterten" 
Sinn verstanden,' woraus nur zu lernen ist, daß die 
Menschen ihre großen Denker nicht immer ernst nehmen, 
auch wenn sie sie angeblich sehr bewundem. 

Diese Liebestriebe werden nun in der Psychoanalyse 
a potiori und von ihrer Herkunft her Sexualtriebe 
geheißen. Die Mehrzahl der „Gebildeten" hat diese 
Namengebung als Beleidigung empfunden und sich für 
sie gerächt, indem sie der Psychoanalyse den Vorwurf 
des „Pansexualismus" entgegenschleuderte. Wer die I 

Sexualität für etwas die menschliche Natur Beschä- 
mendes und Erniedrigendes hält, dem steht es ja frei, 
sich der vornehmeren Ausdrücke Eros und Erotik zu 
bedienen. Ich hätte es auch selbst von Anfang an so 
tun können und hätte mir dadurch viel Widerspruch 
erspart. Aber ich mochte es nicht, denn ich vermeide 
gern Konzessionen, an die Schwachmütigkeit. Man kann 
nicht wissen, wohin man auf diesem Wege gerät; man : 

gibt zuerst in Worten nach und dann allmählich auch 
in der Sache. Ich kann nicht finden, daß ürgend ein 
Verdienst daran ist, sich der Sexualität zu schämen; 
das griechische Wort Eros, das den Schimpf lindem 
soll, ist doch schließlich nichts anderes als die Über- \ 

Setzung unseres deutschen Wortes Liebe, und endlich, 
wer warten kann, braucht keine Konzessionen zu machen. 

i) „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, 
und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine 
klingende Schelle," u. ff. .1 



IV. Suggestion und Libido 39 



Wir werden es also mit der Voraussetzung ver- 
suchen, daß Liebesbeziehungen (indifferent ausgedrückt: 
Gefühlsbindungen) auch das Wesen der Massenseele 
ausmachen. Erinnern wir uns daran, daß von solchen 
bei den Autoren nicht die Rede ist. Was ihnen ent- 
sprechen würde, ist offenbar hinter dem Schirm, der 
spanischen Wand, der Suggestion verborgen. Auf zwei 
flüchtige Gedanken stützen wir zunächst unsere Er- 
wartung. Erstens, daß die Masse offenbar durch irgend 
eine Macht zusammengehalten wird. Welcher Macht 
könnte man aber diese Leistung eher zuschreiben als 
dem Eros, der alles in der Welt zusammenhält? 
Zweitens, daß man den Eindruck empfängt, wenn der 
Einzelne in der Masse seine Eigenart aufgibt und sich 
von den Anderen suggerieren läßt, er tue es, weil 
ein Bedürfnis bei ihm besteht, eher im Einvernehmen 
mit ihnen als im Gegensatz zu ihnen zu sein, also 
vielleicht doch „ihnen zuliebe". 



i i" ^T- — 



V 
ZWEI KÜNSTLICHE MASSEN : KIRCHE UND HEER 

Aus der Morphologie der Massen rufen wir uns 
ins Gedächtnis, daß man sehr verschiedene Arten von 
Massen und gegensätzliche Richtungen in ihrer Aus- 
bildung unterscheiden kann. Es gibt sehr flüchtige 
Massen und höchst dauerhafte; homogene, die aus 
gleichartigen Individuen bestehen, und nicht homogene; 
natürliche Massen und künstliche, die zu ihrem Zu- 
sammenhalt auch einen äußeren Zwang erfordern; 
primitive Massen und gegliederte, hoch organisierte. 
Aus Gründen aber, in welche die Einsicht noch verhüllt 
ist, möchten wir auf eine Unterscheidung besonderen 
Wert legen, die bei den Autoren eher zu wenig 
beachtet wird; ich meine die von führerlosen Massen 
und von solchen mit Führern. Und recht im Gegensatz 
zur gewohnten Übung soll unsere Untersuchung nicht 
eine relativ einfache Massenbildung zum Ausgangspunkt 
wählen, sondern an hoch organisierten, dauerhaften, 
künstlichen Massen beginnen. Die interessantesten Bei- 
spiele solcher Gebilde sind die Kirche, die Gemeinschaft 
der Gläubigen, und die Armee, das Heer. 






V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 41 



Kirche und Heer sind künstliche Massen, das heißt, 
es wird ein gewisser äußerer Zwang aufgewendet, 
um sie vor der Auflösung zu bewahren" und Ver- 
änderungen in ihrer Struktur hintanzuhalten. Man wird 
i in der Regel nicht befragt oder es wird einem nicht 

1 freigestellt, ob man in eine solche Masse eintreten 

: will- der Versuch des Austritts wird gewöhnlich verfolgt 

oder strenge bestraft oder ist an ganz bestimmte Be- 
; dingungen geknüpft. Warum diese Vergesellschaftungen 

so besonderer Sicherungen bedürfen, liegt unserem 
Interesse gegenwärtig ganz ferne. Uns zieht nur der 
^ eine Umstand an, daß man an diesen hochorganisierten, 

1 in solcher Weise vor dem Zerfall geschützten Massen 

mit großer Deutlichkeit gewisse Verhältnisse erkennt, 
* die anderswo weit mehr verdeckt sind. 

[- In der Kirche — wir können mit Vorteil die 

\ katholische Kirche zum Muster nehmen — gilt wie im 

' Heer, so verschieden beide sonst sein mögen, die 

j nämliche Vorspiegelung (Illusion), daß ein Oberhaupt 

da ist — in der katholischen Kirche Christus, in der 
Armee der Feldherr — das alle Einzelnen der Masse 
' . mit der gleichen Liebe liebt. An dieser Illusion hängt 

{ alles; ließe man sie fallen, so zerfielen sofort, soweit 

der äußere Zwang es gestattete, Kirche wie Heer. 
; Von Christus wird diese gleiche Liebe ausdrücklich 

I. l) Die Eigenschaften „stabil" und „künstlich" scheinen bei 

t den Massen zusammenzufallen oder wenigsteus intim zusammen- 

I ■ zuhängen. 



F' 1- 



42 Massenpsychologie u?id Ich-Analyse \ 

ausgesagt : Was ihr getan habt einem unter diesen meinen 
geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Er steht ; 

zu den Einzelnen der gläubigen Masse im Verhältnis ! 

eines gütigen älteren Bruders, ist ihnen ein Vaterersatz. 
Alle Anforderungen an die Einzelnen leiten sich von 
dieser Liebe Christi ab. Ein demokratischer Zug geht, 
durch die Kirche, eben weil vor Christus alle gleich 
sind, alle den gleichen Anteil an seiner Liebe haben. 
Nicht ohne tiefen Grund wird die Gleichartigkeit der . , 

christlichen Gemeinde mit einer Familie heraufbe- 5^ 
schworen und nennen sich die Gläubigen Brüder in 
Christo, d. h. Brüder durch die Liebe, die Christus 
für sie hat. Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Bindung 
jedes Einzelnen an Christus auch die Ursache ihrer 
Bindung unter einander ist. Ähnliches gilt für das Heer; 
der Feldherr ist der Vater, der alle seine Soldaten 
gleich liebt, und darum sind sie Kameraden unter- 
einander. Das Heer unterscheidet sich strukturell von 
der Kirche darin, daß es aus einem Stufenbau von 
solchen Massen besteht. Jeder Hauptmann ist gleichsam 
der Feldherr und Vater seiner Abteilung, jeder Unter-" 
offizier der seines Zuges, Eine ähnliche Hierarchie ist 
zwar auch in der Kirche ausgebildet, spielt aber in 
ihr nicht dieselbe ökonomische Rolle, da man Christus 
mehr Wissen und Bekümmern um die Einzelnen zu- 
schreiben darf als dem menschlichen Feldherrn. 

Gegen diese Auffassung der libidinösen Struktur 
einer Armee wird man mit Recht einwenden, daß die 






V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 43 

Ideen des Vaterlandes, des nationalen Ruhms u. a., 
die für den Zusammenhalt der Armee so bedeutsam 
sind, hier keine Stelle gefunden haben. Die Antwort 
darauf lautet, dies sei ein anderer, nicht mehr so 
einfacher Fall von Massenbindung, und wie die Beispiele 
großer Heerführer, Caesar, Wallenstein, Napoleon, 
zeigen, sind solche Ideen für den Bestand einer Armee 
nicht unentbehrlich. Von dem möglichen Ersatz des 
Führers durch eine führende Idee und den Beziehungen 
zwischen beiden wird später kurz die Rede sein. Die 
Vernachlässigung dieses libidinösen Faktors in der 
Armee, auch dann, wenn er nicht der einzig wirksame 
ist, scheint nicht nur ein theoretischer Mangel, sondern 
auch eine praktische Gefahr. Derpreußische Militarismus, 
der ebenso unpsychologisch war wie die deutsche 
Wissenschaft, hat dies vielleicht im großen Weltkrieg 
erfahren müssen. Die Kriegsneurosen, welche die deutsche 
Armee zersetzten, sind ja großenteils als Protest des 
Einzelnen gegen die ihm in der Armee zugemutete 
Rolle erkannt worden, und nach den Mitteilungen von 
E. Simmel' darf man behaupten, daß die lieblose 
Behandlung des gemeinen Mannes durch seine Vor- 
gesetzten obenan unter den Motiven der Erkrankung 
stand. Bei besserer Würdigung dieses Libidoanspruches 
hätten wahrscheinlich die phantastischen Versprechungen 
der 1 4 Punkte des amerikanischen Präsidenten nicht so 

i) Kriegsneurosen und ,^sychisches Trauma", München 191S. 



M.M' ÜJ-J I ■ i l"" Ü J 



44 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

leicht Glauben gefunden und das großartige Instrument 
wäre den deutschen Kriegskünstlern nicht in der Hand 
zerbrochen. 

Merken wir an, daß in diesen beiden künstlichen 
Massen jeder Einzelne einerseits an den Führer (Christus, ! ■ 

Feldherrn), andererseits an die anderen Massenindivi- 
duen libidinös gebunden ist. Wie sich diese beiden 
Bindungen zueinander verhalten, ob sie gleichartig und \ 

gleichwertig sind und wie sie psychologisch zu be- 
schreiben wären, das müssen wir einer späteren Unter- 
suchung vorbehalten. Wir getrauen uns aber jetzt j 
schon eines leisen Vorwurfes gegen die Autoren, daß 
sie die Bedeutung des Führers für die Psychologie 
der Masse nicht genügend gewürdigt haben, während 
uns die Wahl des ersten Untersuchungsobjekts in 
eine günstigere Lage gebracht hat. Es will uns scheinen, 
als befänden wir uns auf dem richtigen Weg, der 
die Haupterscheinung der Massenpsychologie, die Un- 
freiheit des Einzelnen in der Masse, aufklären kann. 
Wenn für jeden Einzelnen eine so ausgiebige Gefühis- 
bindung nach zwei Richtungen besteht, so wird es 
uns nicht schwer werden, aus diesem Verhältnis die 
beobachtete Veränderung und Einschränkung seiner 
Persönlichkeit abzuleiten. 

Einen Wink ebendahin, das Wesen einer Masse 
bestehe in den in ihr vorhandenen libidinösen Bin- 
dungen, erhalten wir auch in dem Phänomen der 
Panik, welches am besten an mÜitärischen Massen zu 



■ V. Zwei künstliche Massen: Kirche 7ind Meer 45 

studieren ist. Eine Panik entsteht, wenn eine solche 
Masse sich zersetzt. Ihr Charakter ist, daß kein Befehl 
" des Vorgesetzten mehr angehört wird, und daß jeder 

■ für sich selbst sorgt ohne Rücksicht auf die anderen. 

i Die gegenseitigen Bindungen haben aufgehört und eine 

* riesengroße, sinnlose Angst wird frei. Natürlich wird 

f auch hier wieder der Einwand naheliegen, es sei viel- 

mehr umgekehrt, indem die Angst so groß gewachsen 
sei, daß sie sich über alle Rücksichten und Bindungen 
hinaussetzen konnte. M'= Dougall hat sogar (S. 24) 
den Fall der Panik (allerdings der nicht militärischen) 
als Musterbeispiel für die von ihm betonte Affekt- 
steigening durch Ansteckung (primary ijtduction) ver- 
wertet. Allein diese rationelle Erklärungs weise geht 
hier doch ganz fehl. Es steht eben zur Erklärung, 
'. warum die Angst so riesengroß geworden ist. Die 

\ Größe der Gefahr kann nicht beschuldigt werden, denn 

dieselbe Armee, die jetzt der Panik verfällt, kann 
ähnlich große und größere Gefahren tadellos bestanden 
haben, und es gehört geradezu zum Wesen der Panik, 
daß sie nicht im Verhältnis zur drohenden Gefahr 
steht, oft bei den nichtigsten Anlässen ausbricht. 
Wenn der Einzelne in panischer Angst für sich selbst 
zu sorgen unternimmt, so bezeugt er damit die Ein- 
i sieht, daß die affektiven Bindungen aufgehört haben, 

die bis dahin die Gefahr für ihn herabsetzten. Nun, 
da er der Gefahr allein entgegensteht , darf er sie 
allerdings höher einschätzen. Es verhält sich also so, 



* 



4.6 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

daß die panische Angst die Lockerung in der libidi- 
nösen Struktur der Masse voraussetzt und in berech- 
tigter Weise auf sie reagiert, nicht umgekehrt, daß 
die Libidobindungen der Masse an der Angst vor 
der Gefahr zugrunde gegangen wären. ''S' 

Mit diesen Bemerkungen wird der Behauptung, 
daß die Angst in der Masse durch Induktion (An- 
steckung) ins Ungeheure wachse, keineswegs wider- 
sprochen. Die MC Dougall'sche Auffassung ist durch- 
aus zutreffend für den Fall, daß die Gefahr eine real 
große ist und daß in der Masse keine starken Ge- 
fühlsbindungen bestehen, Bedingungen, die verwirklicht 
werden, wenn z. B. in einem Theater oder Vergnügungs- 
lokal Feuer ausbricht. Der lehrreiche und für unsere 
Zwecke verwertete Fall ist der oben erwähnte, daß 
ein Heereskörper in Panik gerät, wenn die Gefahr 
nicht über das gewohnte und oftmals gut vertragene 
Maß hinaus gesteigert ist. Man wird nicht erwarten 
dürfen, daß der Gebrauch des Wortes „Panik" scharf 
und eindeutig bestimmt sei. Manchmal bezeichnet man 
so jede Massenangst, andere Male auch die Angst 
eines Einzelnen, wenn sie über jedes Maß hinausgeht, 
häufig scheint der Name für den Fall reserviert, daß ' 

der Angstausbruch durch den Anlaß nicht gerecht- 
fertigt wird. Nehmen wir das Wort ,, Panik" im Sinne :^ 
der Massenangst, so können wir eine weitgehende ; 

Analogie behaupten. Die Angst des Individuums wird i 

hervorgerufen entweder durch die Größe der Gefahr ' 



f ■ 



V. Zwei kÜ7isUiclie Massen: Kirche und Heer 47 

oder durch das Auflassen von Gefühlsbindungen (Libido- 
besetzungen); der letztere Fall ist der der neurotischen 
Angst (S. Vorlesungen zur Einführung in die Psycho- 
analyse, XXV., 3. Aufl., 1920). Ebenso entsteht die 
Panik durch die Steigerung der Alle betreffenden Ge- 
fahr oder durch das Aufhören der die Masse zusammen- 
haltenden Gefühlsbindungen, und dieser letzte Fall 
ist der neurotischen Angst analog (Vgl. hiezu den 
gedankenreichen, etwas phantastischen Aufsatz von 
B^la V. Felszeghy : Panik und Pankomplex, ,,Imago", 

VI, 1920). 

Wenn man die Panik wie M^ Dougall (L c.) als 
eine der deutlichsten Leistungen des „group mind" 
beschreibt, gelangt man zum Paradoxon, daß sich 
diese Massenseele in einer ihrer auffälligsten Äußerungen 
selbst aufhebt. Es ist kein Zweifel möglich, daß die 
Panik die Zersetzung der Masse bedeutet, sie hat das 
Aufhören aller Rücksichten zur Folge, welche sonst 
die Einzelnen der Masse für einander zeigen. 

Der typische Anlaß für den Ausbruch einer Panik 
ist so ähnlich, wie er in der Nestroy'schen Parodie 
des Hebbel'schen Dramas von Judith und Holofernes 
dargestellt wird. Da schreit ein Krieger: „Der Feld- 
herr hat den Kopf verloren", und darauf ergreifen 
alle Assyrer die Flucht. Der Verlust des Führers in 
irgend einem Sinne, das Irrewerden an ihm bringt 
die Panik bei gleichbleibender Gefahr zum Ausbruch; 
mit der Bindung an den Führer schwinden — in der 



J, 



48 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Regel — auch die gegenseitigen Bindungen der 
Massenindividuen. Die Masse zerstiebt wie ein Bolog- 
neser Fläsclichen, dem man die Spitze abgebrochen hat. 
Die Zersetzung einer religiösen Masse ist nicht so 
leicht zu beobachten. Vor kurzem geriet mir ein von 
katholischer Seite stammender, vom Bischof von London 
empfohlener englischer Roman in die Hand mit dem 
Titel: „When it was dark" , der eine solche Möglich- 
keit und ihre Folgen in geschickter und, wie ich 
meine, zutreffender Weise ausmalte. Der Roman er- 
zählt wie aus der Gegenwart, daß es einer Verschwörung 
von Feinden der Person Christi und des christlichen 
Glaubens gelingt, eine Grabkammer in Jerusalem auf- 
finden zu lassen, in deren Inschrift Josef von Arimathäa 
bekennt, daß er aus Gründen der Pietät den Leich- 
nam Christi am dritten Tag nach seiner Beisetzung 
heimlich aus seinem Grab entfernt und hier bestattet 
habe. Damit ist die Auferstehung Christi und seine 
göttliche Natur abgetan und die Folge dieser archäo- 
logischen Entdeckung ist eine Erschütterung der euro- 
päischen Kultur und eine außerordentliche Zunahme 
aller Gewalttaten und Verbrechen, die erst schwindet, 
nachdem das Komplott der Fälscher enthüllt werden 
kann. 

Was bei der hier angenommenen Zersetzung der 
religiösen Masse zum Vorschein kommt, ist nicht Angst, 
für welche der Anlaß fehlt, sondern rücksichtslose 
und feindselige Impulse gegen andere Personen, die 



-.r 




V. Zwei künstli che Massen : Kirche und Heer 49 

sich bis dahin dank der gleichen Liebe Christi nicht 
äußern konnten.' Außerhalb dieser Bindung stehen 
aber auch während des Reiches Christi jene Indivi- 
duen, die nicht zur Glaubensgemeinschaft gehören, 
die ihn nicht lieben und die er nicht liebt; darum 
muß eine Religion, auch wenn sie sich die Religion 
der Liebe heißt, hart und lieblos gegen diejenigen 
sein, die ihr nicht angehören. Im Grunde ist ja jede 
Religion eine solche Religion der Liebe für alle, die 
sie umfaßt, und jeder liegt Grausamkeit und Intoleranz 
gegen die nicht dazugehörigen nahe. Man darf, so 
schwer es einem auch persönlich fällt, den Gläubigen 
daraus keinen zu argen Vorwurf machen; Ungläubige 
und Indifferente haben es in diesem Punkte psycho- 
logisch um so viel leichter. Wenn diese Intoleranz sich 
heute nicht mehr so gewalttätig und grausam kund- 
gibt wie in früheren Jahrhunderten, so wu-d man dar- 
aus kaum auf eine Milderung in den Sitten der Men- 
schen schließen dürfen. Weit eher ist die Ursache 
davon in der unleugbaren Abschwächung der reli- 
giösen Gefühle und der von ihnen abhängigen libi- 
dinösen Bindungen zu suchen. Wenn eine andere 
Massenbindung an die Stelle der religiösen tritt, wie 
es jetzt der sozialistischen zu gelingen scheint, so wird 
sich dieselbe Intoleranz gegen die Außenstehenden 

i) Vgl. hiezu die Erklärung ähnlicher Phänomene nach dem 
Wegfall der landesväterlichen Autorität bei P. Federn, Die vater- 
lose Gesellschaft, Wien, 191g.' 

Fieud: Mastonpsycbologie nnd Ich-Analyao 4 



50 Massenpsychologie mid Ich-Analyse 

ergeben wie im Zeitalter der Religionskämpfe, und wenn 
die Differenzen wissenschaftlicher Anschauungen je 
eine ähnliche Bedeutung für die Massen gewinnen 
könnten, würde sich dasselbe Resultat auch für diese 
Motivierung wiederholen. 



1 



I 






v^ 



VI 

WEITERE AUFGABEN 
UND ARBEITSRICHTUNGEN 

Wir haben bisher zwei artifizielle Massen unter- 
sucht und gefunden, daß sie von zweierlei Gefühls- 
bindungen beherrscht werden, von denen die eine an 
den Führer — wenigstens für sie — bestimmender 
zu sein scheint als die andere, die der Massenindi- 
viduen aneinander. 

Nun gäbe es in der Morphologie der Massen noch 
viel zu untersuchen und zu beschreiben. Man hätte 
von der Feststellung auszugehen, daß eine bloße 
Menschenmenge noch keine Masse ist, so lange sich 
jene Bindungen in ihr nicht hergestellt haben, hätte 
aber das Zugeständnis zu machen, daß in einer be- 
hebigen Menschenmenge sehr leicht die Tendenz zur 
Bildung einer psychologischen Masse hervortritt. Man 
müßte den verschiedenartigen, mehr oder minder be- 
ständigen Massen, die spontan zustande kommen, Auf- 
merksamkeit schenken, die Bedingungen ihrer Ent- 
stehung und ihres Zerfalls studieren. Vor allem würde 
uns der Unterschied zwischen Massen, die einen Führer 



■ 



11 
I j' 



52 Massenpsychologie und Ich- Analyse 



haben und führerlosen Massen beschäftigen. Ob nicht 
die Massen mit Führer die ursprünglicheren und voll- 
ständigeren sind, ob in den anderen der Führer nicht 
durch eine Idee, ein Abstraktum ersetzt sein kann, 
wozu ja schon die religiösen Massen mit ihrem unauf- 
zeigbaren Oberhaupt die Überleitung bilden, ob nicht 
eine gemeinsame Tendenz, ein Wunsch, an dem eine 
Vielheit Anteil nehmen kann, den nämlichen Ersatz 
leistet. Dieses Abstrakte könnte sich wiederum mehr 
oder weniger vollkommen in der Person eines gleich-' 
sam sekundären Führers verkörpern, und aus der 
Beziehung zwischen Idee und Führer ergäben sich 
interessante Mannigfaltigkeiten. Der Führer oder die 
führende Idee könnten auch sozusagen negativ werden; 
der Haß gegen eine bestimmte Person oder Institution 
könnte ebenso einigend wirken und ähnliche Gefühls- 
bindungen hervorrufen wie die positive Anhänglich- 
keit. Es fr-agt sich dann auch, ob der Führer für das 
Wesen der Masse wirklich unerläßlich ist u. a. m. 

Aber all diese Fragen, die zum Teil auch in der 
Literatur der Massenpsychologie behandelt sein mögen, 
werden nicht imstande sein, unser Interesse von den 
psychologischen Grundproblemen abzulenken, die uns 
in der Struktur einer Masse geboten werden. Wir 
werden zunächst von einer Überlegung gefesselt, die 
uns auf dem kürzesten Weg den Nachweis verspricht, 
daß es Libidobindungen sind, welche eine Masse 
charakterisieren. 



VI. Weitere Auf gaben und Arbeitsrichtungen 53 

Wir halten uns vor, wie sich die Menschen im 
allgemeinen affektiv zueinander verhalten. Nach dem 
berühmten Schopenhauer'schen Gleichnis von den 
frierenden Stachelschweinen verträgt keiner eine allzu 
intime Annäherung des anderen.' 

Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse enthält fast 
jedes intime Gefühlsverhältnis zwischen zwei Personen 
von längerer Dauer — Ehebeziehung, Freundschaft, 
Eltern- und Kindschaft' — einen Bodensatz von ab- 
lehnenden, feindseligen Gefühlen, der nur infolge von 
Verdrängung der Wahrnehmung entgeht. Unverhüllter 
ist es, wenn jeder Kompagnon mit seinem Gesellschafter 
hadert, jeder Untergebene gegen seinen Vorgesetzten 
murrt. Dasselbe geschieht dann, wenn die Menschen 
zu größeren Einheiten zusammentreten. Jedesmal, wenn 
sich zwei Familien durch eine Eheschließung verbinden, 

1) „Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem 
kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um durch die gegen- 
seitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald 
empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder 
von einander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung 
sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite 
Übei, so daß sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen 
wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, 
in der sie es am besten aushalten konnten." (Parerga und Parali- 
pomena, ü. Teil, XXXI., Gleichnisse und Parabeln.) 

2) Vielleicht mit einziger Ausnahme der Beziehung der Mutter 
znm Sohn, die auf Narzißmus gegründet, durch spätere Rivalität 
nicht gestört und durch einen Ansatz zur sexuellen Objektwahl 
verstärkt wird. 



■ !•,-■ 



54 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

hält sich jede von ihnen für die bessere oder vornehmere 
auf Kosten der anderen. Von zwei benachbarten Städten 
wird jede zur mißgünstigen Konkurrentin der anderen; 
jedes Kantönli sieht geringschätzig auf das andere herab. 
Nächstverwandte Völkerstämme stoßen einander ab, 
der Süddeutsche mag den Norddeutschen nicht leiden, 
der Engländer sagt dem Schotten alles Böse nach, der 
Spanier verachtet den Portugiesen. Daß bei größeren 
Differenzen sich eine schwer zu überwindende Ab- \ 

neigung ergibt, des Galliers gegen den Germanen, des I 

Ariers gegen den Semiten, des Weißen gegen den 
Farbigen, hat aufgehört, uns zu verwundern. i' 

Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte 
Personen richtet, bezeichnen wir es als Gefühl ambivalenz 
und erklären uns diesen Fall in sicherlich allzu rationeller 
Weise durch die vielfachen Anlässe zu Interessen- 
konflikten, die sich gerade in so intimen Beziehungen 
ergeben. In den unverhüllt hervortretenden Abneigungen 
und Abstoßungen gegen nahestehende Fremde können 
wir den Ausdruck einer Selbstliebe, eines Narzißmus, 
erkennen, der seine Selbstbehauptung anstrebt und sich 
so benimmt, als ob das Vorkommen einer Abweichung - .! 

von seinen individuellen Ausbildungen eine Kritik der- i 

selben und eine Aufforderung, sie umzugestalten, mit j 

sich brächte. Warum sich eine so große Empfindlich- .1 

keit gerade auf diese Einzelheiten der Differenzierung 
geworfen haben sollte, wissen wir nicht; es ist aber un- I 

verkennbar, daß sich in diesem Verhalten der Menschen 

1 

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VI. Weitere Auf gaben und Arbeitsrichtungen 55 



eine Haßbereitschaft, eine Aggressivität kundgibt, deren 
Herkunft unbekannt ist, und der man einen elementaren 
Charakter zusprechen möchte/ 

Aber all diese Intoleranz schwindet, zeitweilig oder 
dauernd, durch die Massenbildung und in der Masse. 
Solange die Massenbildung anhält oder soweit sie reicht, 
benehmen sich die Individuen als wären sie gleichförmig, 
dulden sie die Eigenart des anderen, stellen sich ihm 
gleich und verspüren kein Gefühl der Abstoßung gegen 
ihn. Eine solche Einschränkung des Narzißmus kann 
nach unseren theoretischen Anschauungen nur durch 
ein Moment erzeugt werden, durch libidinöse Bindung 
an andere Personen. Die Selbstliebe findet nur an der 
Fremdliebe, Liebe zu Objekten, eine Schranke/ Man 
wird sofort die Frage ayfwerfen, ob nicht die Interessen- 
gemeinschaft an und für sich und ohne jeden libidi- 
nösen Beitrag zur Duldung des anderen und zur 
Rücksichtnahme auf ihn führen muß. Man wird diesem 
Einwand mit dem Bescheid begegnen, daß auf solche 
Weise eine bleibende Einschränkung des Narzißmus 
doch nicht zustande kommt, da diese Toleranz nicht 
länger anhält, als der unmittelbare Vorteü, den man 

i) In einer kürzlich (1920) veröffentlichten Schrift Jenseits 
des Lustprinzips" habe ich versucht, die Polarität vom Lieben 
und Hassen mit einem angenommenen Gegensatz von Lebens- 
und Todestrieben zu verknüpfen, und die Sexualtriebe als die 
reinsten Vertreter der ersteren, der Lebenstriebe, hinzustellen. 

2) S. Zur Einführung des Narzißmus 1914. Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre, vierte Folge 1918. 






56 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

aus der Mitarbeit des anderen zieht. Allein der prakti- 
sche Wert dieser Streitfrage ist geringer, als man 
meinen sollte, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß 
sich im Falle der Mitarbeiterschaft regelmäßig libidinöse 
Bindungen zwischen den Kameraden herstellen, welche 
die Beziehung zwischen ihnen über das Vorteilhafte 
hinaus verlängern und fixieren. Es geschieht in den 
sozialen Beziehungen der Menschen dasselbe, was der 
psychoanalytischen Forschung in dem Entwicklungsgang 
der individuellen Libido bekannt geworden ist. Die 
Libido lehnt sich an die Befriedigung der großen Lebens- 
bedürfnisse an und wählt die daran beteiligten Personen 
zu ihren ersten Objekten. Und wie beim Einzelnen, 
so hat auch in der Entwicklung der ganzen Menschheit 
nur die Liebe als Kulturfaktor ini Sinne einer Wendung 
vom Egoismus zum Altruismus gewirkt. Und zwar 
sowohl die geschlechtliche Liebe zum Weibe mit all 
den aus ihr fließenden Nötigungen, das zu verschonen, 
was dem Weibe lieb war, als auch die desexualisierte, 
sublimiert homosexuelle Liebe zum anderen Manne, 
die sich an die gemeinsame Arbeit knüpfte. 

Wenn also in der Masse Einschränkungen der narziß- 
tischen Eigenliebe auftreten, die außerhalb derselben 
nicht wirken, so ist dies ein zwingender Hinweis darauf, daß 
das Wesen der Massenbildung in neuartigen libidinösen 
Bindungen der Massenmitglieder aneinander besteht. 

Nun wurd aber unser Interesse dringend fragen, 
welcher Art diese Bindungen in der Masse sind. In der 



1 



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VI. Weitere Atif gaben und Arbeitsrichtungen 57 

psychoanalytischen Neurosenlehre haben wir uns bisher -' 

fast ausschließlich mit der Bindung solcher Liebestriebe 
an ihre Objekte beschäftigt, die noch direkte Sexualziele '! 

verfolgen. Um solche Sexualziele kann es sich in der ; 

Masse offenbar nicht handeln. Wir haben es hier mit ' ; 

Liebestrieben zu tun, die, ohne darum minder energisch 
zu wirken, doch von ihren ursprünglichen Zielen ab- j 

gelenkt sind. Nun haben wir bereits im Rahmen der 
gewöhnlichen sexuellen Objektbesetzung Erscheinungen ' \ 

bemerkt, die einer Ablenkung des Triebes von seinem ; 

Sexualziel entsprechen. Wir haben sie als Grade von ; 

Verliebtheit beschrieben und erkannt, daß sie eine 1 

gewisse Beeinträchtigung des Ichs mit sich bringen. ,1 

Diesen Erscheinungen der Verliebtheit werden wir jetzt j 

eingehendere Aufmerksamkeit zuwenden, in der be- 
gründeten Erwartung, an ihnen Verhältnisse zu finden, 
die sich auf die Bindungen in den Massen übertragen 
lassen. Außerdem möchten wir aber wissen, ob diese 
Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Ge- 
schlechtsleben kennen, die einzige Weise der Gefühls- 
bindung an eine andere Person darstellt, oder ob wir 
noch andere solche Mechanismen in Betracht zu ziehen 
haben. Wir erfahren tatsächlich aus der Psychoanalyse, 
daß es noch andere Mechanismen der Gefühlsbindung 
gibt, die sogenannten Identifizierungen, ungenügend 
bekannte, schwer darzustellende Vorgänge, deren Unter- 
suchung uns nun eine gute Weile vom Thema der . 
Massenps3^chologie fernhalten wird. 



I 
' ■ -1 



^^^^ 



^ 



VII 
DIE IDENTIFIZIERUNG 



Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als früheste 
Äußerung einer Gefühlsbindung an eine andere Person 
bekannt. Sie spielt in der Vorgeschichte des Ödipus- 
komplexes eine Rolle. Der kleine Knabe legt ein be- 
sonderes Interesse für seinen Vater an den Tag, er 
möchte so werden und so sein wie er, in allen Stücken 
an seine Stelle treten. Sagen wir ruhigt er nimmt den 
Vater zu seinem Ideal. Dies Verhalten hat nichts mit 
einer passiven oder femininen Einstellung zum Vater 
(und zum Manne überhaupt) zu tun, es ist vielmehr 
exquisit männlich. Es verträgt sich sehr wohl mit dem 
Ödipuskomplex, den es vorbereiten hilft. 

Gleichzeitig mit dieser Identifizierung mit dem Vater 
oder etwas später, hat der Knabe begonnen, eine 
richtige Objektbesetzung der Mutter nach dem An- 
lehnungstypus vorzunehmen. Er zeigt also dann zwei 
psychologisch verschiedene Bindungen, zur Mutter eine 
glatt sexuelle Objektbesetzung, zum Vater eine vor- 
bildliche Identifizierung. Die beiden bestehen eine Weile 
nebeneinander, ohne gegenseitige Beeinflussung oder 






1 



-TtV i.iL .• . ■ 



VII . Die Identifizierung 59 



Störung. Infolge der unaufhaltsam fortschreitenden Ver- 
einheitlichung des Seelenlebens treffen sie sich endlich 
und durch dies Zusammenströmen entsteht der normale 
Ödipuskomplex. Der Kleine merkt, daß ihm der Vater 
bei der Mutter im Wege steht; seine Identifizierung 
mit dem Vater nimmt jet:zt eine feindselige Tönung an 
und wird mit dem Wunsch identisch, den Vater auch 
bei der Mutter zu ersetzen. Die Identifizierung ist eben 
von Anfang an ambivalent, sie kann sich ebenso zum 
Ausdruck der Zärtlichkeit wie zum Wunsch der Be- 
seitigung wenden. Sie benimmt sich wie ein Abkömmling 
der ersten oralen Phase der Libidoorganisation, in 
■welcher man sich das begehrte und geschätzte Objekt 
durch Essen einverleibte und es dabei als solches 
vernichtete. Der Kannibale bleibt bekanntlich auf diesem 
Standpunkt stehen; er hat seine Feinde zum Fressen 
lieb, und er frißt die nicht, die er nicht irgend wie heb 

haben kann.' 

Das Schicksal dieser Vateridentifizierung veriiert 
man später leicht aus den Augen. Es kann dann 
geschehen, daß der Ödipuskomplex eine Umkeh- 
rung erfährt, daß der Vater in femininer Einstellung 
zum Objekte genommen wird, von dem die direkten 



l) S. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" und Abraham: 
„Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe 
der Libido." Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916, auch in 
dessen „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse". Intern. PsychoanalyL 
Bibliothek, Bd. 10, 1921. 



^ 



6o Massenpsychologie und Ich-Analyse 



Sexualtriebe ihre Befriedigung erwarten, und dann ist die 
Vateridentüizierung zum Vorläufer der Objektbindung 
an den Vater geworden. Dasselbe gilt mit den ent- 
sprechenden Ersetzungen auch für die kleine Tochter. 

Es ist leicht, den Unterschied einer solchen Vater- 
identifizierung von einer Vaterobjektwahl in einer Formel 
auszusprechen. Im ersten Falle ist der Vater das, was 
man sein, im zweiten das, was man haben möchte. 
Es ist also der Unterschied, ob die Bindung am Subjekt 
oder am Objekt des Ichs angreift. Die erstere ist darum 
bereits vor jeder sexuellen Objektwahl möglich. Es 
ist weit schwieriger, diese Verschiedenheit metapsycho- 
logisch anschaulich darzustellen. Man erkennt nur, die 
Identifizierung strebt danach, das eigene Ich ähnlich 
zu gestalten wie das andere zum „Vorbild" genommene. 

Aus einem verwick eiteren Zusammenliange lösen 
wir die Identifizierung bei einer neurotischen Symptom- 
bildung. Das kleine Mädchen, an das wir uns jetzt 
halten wollen, bekomme dasselbe Leidenssymptom wie 
seine Mutter, z. B. denselben quälenden Husten. Das 
kann nun auf verschiedenen Wegen zugehen. Entweder 
ist die Identifizierung dieselbe aus dem Ödipuskomplex, 
die ein feindseliges Ersetzenwollen der Mutter bedeutet, 
und das Symptom drückt die Objektliebe zum Vater 
aus; es realisiert die Ersetzung der Mutter unter dem 
Einfluß des Schuldbewußtseins: Du hast die Mutter 
sein wollen, jetzt bist du's wenigstens im Leiden. Das 
ist dann der komplette Mechanismus der hysterischen 






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VII. Die Identißziertmg 6i 



Symptombildung. Oder aber, das Symptom ist das- 
selbe wie das der geliebten Person (so wie z. B. - 
Dora im „Bruchstück einer Hysterieanalyse" den Husten 
des Vaters imitiert) ; dann können wir den Sachverhalt 
nur so beschreiben, die Identifizierung sei an 
Stelle der Objektwahl getreten, die Objekt- 
wahl sei zur Identifizierung regrediert. Wir 
haben gehört, daß die Identifizierung die früheste und 
ursprünglichste Form der Gefühlsbindung ist; unter 
den Verhältnissen der Symptombildung, also der Ver- 
; drängung, und der Herrschaft der Mechanismen des 

' Unbewußten kommt es oft vor, daß die Objektwahl 

wieder zur Identifizierung wird, also das .Ich die Eigen- 
schaften des Objekts an sich nimmt. Bemerkenswert 
ist es, daß das Ich bei diesen Identifizierungen das 
f eine Mal die ungeliebte, das andere Mal aber die 

geliebte Person kopiert. Es muß uns auch auffallen, 
daß beide Male die Identifizierung eine partielle, höchst 
beschränkte ist, nur einen einzigen Zug von der Objekt- 
I person entlehnt. 

f Es ist ein dritter, besonders häufiger und bedeut- 

samer Fall der Symptombildung, daß die Identifizierung 
vom Objektverhältnis zur kopierten Person ganz ab- 
sieht. Wenn z. B. eines der Mädchen im Pensionat 
''•' einen Brief vom geheim Geliebten bekommen hat, der 

■ ihre Eifersucht erregt, und auf den sie mit einem 

!" . hysterischen Anfall reagiert, so werden einige ihrer Freun- 

dinnen, die darum wissen, diesen Anfall übernehmen, 



mamm 



62 Plassenpsychologie und Ich-Analyse 



wie wir sagen, auf dem Wege der psychischen Infek- 
tion. Der Mechanismus ist der der Identifizierung auf 
Grund des sich in dieselbe Lage Versetzenkönnens 
oder Versetz enwollens. Die anderen möchten auch ein 
geheimes Liebesverhältnis haben und akzeptieren unter 
dem Einfluß des Schuldbewußtseins auch das damit 
verbundene Leid. Es wäre unrichtig, zu behaupten, sie 
eignen sich das Symptom aus Mitgefühl an. Im Gegen- 
teil, das Mitgefühl entsteht erst aus der Identifizierung, 
und der Beweis hiefür ist, daß sich solche Infektion 
oder Imitation auch unter Umständen herstellt, wo 
noch geringere vorgängige Sympathie zwischen beiden 
anzunehmen ist, als unter Pensionsfreundinnen zu be- 
stehen pflegt. Das eine Ich hat am anderen eine be- 
deutsame Analogie in einem Punkte wahrgenommen, 
in unserem Beispiel in der gleichen Gefühlsbereitschaft, 
es bildet sich daraufhin eine Identifizierung in diesem 
Punkte, und unter dem Einfluß der pathogenen Situation 
verschiebt sich diese Identifizierung zum Symptom, 
welches das eine Ich produziert hat. Die Identifizierung 
durch das Symptom wird so zum Anzeichen für eine 
Deckungsstelle der beiden Ich, die verdrängt gehalten 
werden soll. 

Das aus diesen drei Quellen Gelernte können wk 
dahin zusammenfassen, daß erstens die Identifizierung 
die ursprünglichste Form der Gefühlsbindung an ein 
Objekt ist, zweitens daß sie auf regressivem Wege 
zum Ersatz für eine libidinöse Objektbindung wird, 



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VIL Die Ideniißziertmg 63 



gleichsam durch Introjektion des Objekts ins Ich, und 
daß sie drittens bei jeder neu wahrgenommenen Ge- 
meinsamkeit mit einer Person, die nicht Objekt der 
Sexualtriebe ist, entstehen kann. Je bedeutsamer diese 
Gemeinsamkeit ist, desto erfolgreicher muß diese par- 
tielle Identifizierung werden können und so dem An- 
fang einer neuen Bindung entsprechen. 

Wir ahnen bereits, daß die gegenseitige Bindung 
der Massenindividuen von der Natur einer solchen Identi- 
fizierung durch eine wichtige affektive Gemeinsamkeit 
ist und können vermuten, diese Gemeinsamkeit liege 
in 'der Art der Bindung an den Führer. Eine andere 
Ahnung kann uns sagen, daß wir weit davon entfernt 
sind das Problem der Identifizierung erschöpft zu 
haben, daß wir vor dem Vorgang stehen, den die 
Psychologie „Einfühlung" heißt, und der den größten 
AnteU an unserem Verständnis für das Ichfremde an- 
derer Personen hat. Aber wir wollen uns hier auf die 
nächsten affektiven Wirkungen der Identifizierung be- 
schränken und ihre Bedeutung für unser intellektuelles 

Leben beiseite lassen. 

Die psychoanalytische Forschung, die gelegenthch 
auch schon die schwierigeren Probleme der Psychosen 
in Angriff genommen hat, komite uns auch die Identi- 
fizierung in einigen anderen Fällen aufzeigen, die 
unserem Verständnis nicht ohne weiteres zuganglich 
sind. Ich werde zwei dieser Fälle als Stoff für unsere 
weiteren Überlegungen ausführlich behandeln. 



64 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



Die Genese der männlichen Homosexualität ist in 
einer großen Reihe von Fällen die folgende : Der junge 
Mann ist ungewöhnlich lange und intensiv im Sinne 
des Ödipuskomplexes an seine Mutter fixiert gewesen. 
Endlich kommt doch nach vollendeter Pubertät die 
Zeit, die Mutter gegen ein anderes Sexualobjekt zu 
vertauschen. Da geschieht eine plötzliche Wendung; 
der Jüngling verläßt nicht seine Mutter, sondern identi- 
fiziert sich mit ihr, er wandelt sich in sie um und 
sucht jetzt nach Objekten, die ihm sein Ich ersetzen 
können, die er so lieben und pflegen kann, wie er es 
von der Mutter erfahren hatte. Dies ist ein häufiger 
Vorgang, der beliebig oft bestätigt werden kann und 
natürlich ganz unabhängig von jeder Annahme ist, die 
man über die organische Triebkraft und die Motive 
jener plötzlichen Wandlung macht. Auffällig an dieser 
Identifizierung ist ihre Ausgiebigkeit, sie wandelt das 
Ich in einem höchst wichtigen Stück, im Sexual- 
charakter, nach dem Vorbild des bisherigen Objekts 
um. Dabei wkd das Objekt selbst aufgegeben, ob 
durchaus oder nur in dem Sinne, daß es im Unbe- 
wußten erhalten bleibt, steht hier außer Diskussion. 
Die Identifizierung mit dem aufgegebenen oder ver- 
lorenen Objekt zum Ersatz desselben, die Introjektion 
dieses Objekts ins Ich, ist für uns allerdings keine 
Neuheit mehr. Ein solcher Vorgang läßt sich gelegent- 
lich am kleinen Kind unmittelbar beobachten. Kürzlich 
wurde in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse 



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VII. Die Identifizierung 65 



eine solche Beobachtung veröffentlicht, daß ein Kind, 
das unglücklich über den Verlust eines Kätzchens war, 
frischweg erklärte, es sei jetzt selbst das Kätzchen, 
dem entsprechend auf allen Vieren kroch, nicht am Tische 
essen wollte usw.' 

Ein anderes Beispiel von solcher Introjektion des 
Objekts hat uns die Analyse der Melancholie gegeben, 
welche Affektion ja den realen oder affektiven Ver- , 
lust des geliebten Objekts unter ihre auffälligsten Ver- 
anlassungen zählt. Ein Hauptcharakter dieser Fälle ist 
die grausame Selbstherabsetzung des Ichs in Verbindung 
mit schonungsloser Selbstkritik und bitteren Selbst- 
vorwürfen. Analysen haben ergeben, daß diese Ein- 
schätzung und diese Vorwürfe im Grunde dem Objekt 
gelten und die Rache des Ichs an diesem darstellen. 
Der Schatten des Objekts ist auf das Ich gefallen, 
sagte ich an anderer Stelle.' Die Introjektion des 
Objekts ist hier von unverkennbarer Deutlichkeit. 

Diese Melancholien zeigen uns aber noch etwas 
anderes, was für unsere späteren Betrachtungen wichtig 
werden kann. Sie zeigen uns das Ich geteilt, in zwei j 

Stücke zerfällt, von denen das eine gegen das andere 
wütet. Dies andere Stück ist das durch Introjektion 
veränderte, das das verlorene Objekt einschließt. Aber 



i) Markuszewicz, Beitrag zum autistischen Denken bei 
Kindern. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920. 

2) Trauer und Melancholie. Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre. IV. Folge, 1918. 

Freud; Masse npsychologie und Ich-Analyse 5 



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.66 Massenpsychologie und I ch-Analyse 

auch das Stück, das sich so grausam betätigt, ist 
uns nicht unbekannt. Es schließt das Gewissen ein, 
eine kritische Instanz im Ich, die sich auch in nor- 
malen Zeiten dem Ich kritisch gegenübergestellt hat, 
nur niemals so unerbittlich und so ungerecht. Wir .- 

haben schon bei früheren Anlässen die Annahme 
machen müssen (Narzißmus, Trauer und Melancholie), / 

daß sich in unserem Ich eine solche Instanz entwickelt, 
welche sich vom anderen Ich absondern und in Kon- % 

flikte mit ihm geraten kann. Wir nannten sie das ,, Ich- 
ideal" und schrieben ihr an Funktionen die Selbst- 
beobachtung, das moralische Gewissen, die Traumzensur 
und den Haupteinfluß bei der Verdrängung zu. Wir ; 

sagten, sie sei der Erbe des ursprünglichen Narziß- |j 

mus, in dem das kindliche Ich sich selbst genügte. 
Allmählich nehme sie aus den Einflüssen der Umgebung 
die Anforderungen auf, die diese an das Ich stelle, 
denen das Ich nicht immer nachkommen könne, sp 
daß der Mensch, wo er mit seinem Ich selbst nicht 
zufrieden sein kann, doch seine Befriedigung in dem 
aus dem Ich differenzierten Ichideal finden dürfe. Im 
Beobachtungswahn, stellten wir ferner fest, werde der 
Zerfall dieser Instanz offenkundig und dabei ihre 
Herkunft aus den Einflüssen der Autoritäten, voran 
der Eltern, aufgedeckt.'. Wir haben aber nicht ver- 
gessen anzuführen, daß das Maß der Entfernung dieses 



i) Zur Einführung des Narzißmus, 1. c. 



f 



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VII. Die Identifizierung 67 

Ichideals vom aktuellen Ich für das einzelne Individuum 
sehr variabel ist, und daß bei vielen diese Differenzierung 
innerhalb des Ichs nicht weiter reicht als beim Kinde. 
Ehe wir aber diesen Stoff zum Verständnis der 
libidinösen Organisation einer Masse verwenden können, 
müssen wir einige andere Wechselbeziehungen zwischen 
Objekt und Ich in Betracht ziehen/ 

i) Wir wissen sehr gut, daß wir mit diesen der Pathologie 
entnommenen Beispielen das Wesen der Identifizierung nicht er- 
schöpft haben und somit am Rätsel der Massenbildung ein Stück 
unangerührt lassen. Hier müßte eine viel gründlichere und mehr 
umfassende psychologische Analyse eingreifen. Von der Identi- 
fizierung führt ein Weg über die Nachahmung zur Einfühlung, 
d. h. zum Verständnis des Mechanismus, durch den uns überhaupt 
eine Stellungnahme zu einem anderen Seelenleben ermöglicht 
wird. Auch an den Äußerungen einer bestehenden Identifizierung 
ist noch vieles aufzuklären. Sie hat unter anderem die Folge, daß 

man die Aggression gegea die Person, mit der man sich identi- :>^ 

fiziert hat, einschränkt, sie verschont und ihr Hilfe leistet. Das ^ 

Studium solcher Identifizierungen, wie sie z. B. der Clangemein- 
schaft zugrunde liegen, ergab Robertson Smith das über- . ■ 
raschende Resultat, daß sie auf der Anerkennung einer gemein- 
samen Substanz beruhen (Kinship and Marriage, 1885), daher auch 
durch eine gemeinsam genommene Mahlzeit geschaffen werden 
können. Dieser Zug gestattet es, eine solche Identifizierung mit 
der von mir in „Totem und Tabu" konstruierten Urgeschichte 
der menschlichen Familie zu verknüpfen. 






VIII 
VERLIEBTHEIT UND HYPNOSE 

Der Sprachgebrauch bleibt selbst in seinen Launen 
irgend einer Wirklichkeit treu. So nennt er zwar sehr 
mannigfaltige Gefühlsbeziehungen „Liebe", die auch 
wir theoretisch als Liebe zusammenfassen, zweifelt aber 
dann wieder, ob diese Liebe die eigentliche, richtige, 
wahre sei, und deutet so auf eine ganze Stufenleiter 
von Möglichkeiten innerhalb der Liebesphänomene hin. 
Es wird uns auch nicht schwer, dieselbe in der 
Beobachtung aufzufinden. 

In einer Reihe von Fällen ist die Verliebtheit nichts 
anderes als Objektbesetzung von Seiten der Sexual- 
triebe zum Zweck der direkten Sexualbefriedigung, die 
auch mit der Erreichung dieses Zieles erlischt; das ist 
das, was man die gemeine, sinnliche Liebe heißt. Aber 
wie bekannt, bleibt die libidinöse Situation selten so 
einfach. Die Sicherheit, mit der man auf das Wieder- 
erwachen des eben erloschenen Bedürfnisses rechnen 
konnte, muß wohl das nächste Motiv gewesen sein, 
dem Sexualobjekt eine dauernde Besetzung zuzuwenden, 
es auch in den begierdefreien Zwischenzeiten zu ,, lieben". 



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VIII. Verliebtheit und Hypnose 69 

Aus der sehr merkwürdigen Entwicklungsgeschichte 
des menschlichen Liebeslebens kommt ein zweites 
Moment hinzu. Das Kind hatte in der ersten, mit fünf 
Jahren meist schon abgeschlossenen Phase in einem 
Elternteil ein erstes Liebesobjekt gefunden, auf welches 
sich alle seine Befriedigung heischenden Sexualtriebe 
vereinigt hatten. Die dann eintretende Verdrängung 
erzwang den Verzicht auf die meisten dieser kindlichen 
Sexualziele und hinterließ eine tiefgreifende Modifikation 
des Verhältnisses zu den Eltern. Das Kind blieb ferner- 
hin an die Eltern gebunden, aber mit Trieben, die man 
,, zielgehemmte" nennen muß. Die Gefühle, die es von 
nun an für diese geliebten Personen empfindet, werden 
als „zärtliche" bezeichnet. Es ist bekannt, daß im Un- 
bewußten die früheren „sinnlichen" Strebungen mehr 
oder minder stark erhalten bleiben, so daß die ursprüng- 
liche Vollströmung in gewissem Sinne weiterbesteht.' 

Mit der Pubertät setzen bekanntlich neue sehr 
intensive Strebungen nach den direkten Sexualzielen 
an. In ungünstigen Fällen bleiben sie als sinnliche 
Strömung von den fortdauernden „zärtlichen" Gefühls- 
richtungen geschieden. Man hat dann das Bild vor sich, 
dessen beide Ansichten von gewissen Richtungen der 
Literatur so gerne idealisiert werden. Der Mann zeigt 
schwärmerische Neigungen zu hochgeachteten Frauen, 
die ihn aber zum Liebesverkehr nicht reizen, und ist 



■;£s. 



i) S. Sexualtheorie 3. c. 



/O Massenpsychologie u?id Ich-Analyse 

nur potent gegen andere Frauen, die er nicht „liebt", 
geringschätzt oder selbst verachtet." Häufiger indes 
gelingt dem Heranwachsenden ein gewisses Maß von 
Synthese der unsinnlichen, himmlischen und der sinn- 
lichen, irdischen Liebe, und ist sein Verhältnis zum 
Sexualobjekt durch das Zusammenwirken von unge- 
hemmten mit ■ zielgehemmten Trieben gekennzeichnet. 
Nach dem Beitrag der zielgehemmten Zärtlichkeits triebe 
kann man die Höhe der Verliebtheit im Gegensatz 
zum bloß sinnlichen Begehren bemessen. 

Im Rahmen dieser Verliebtheit ist uns von Anfang 
an das Phänomen der Sexualüberschätzung aufgefallen, 
die Tatsache, daß das geliebte Objekt eine gewisse 
Freiheit von der Kritik genießt, daß alle seine Eigen- 
schaften höher eingeschätzt werden als die ungeliebter 
Personen oder als zu einer Zeit, da es nicht geliebt 
wurde. Bei einigermaßen wirksamer Verdrängung oder 
Zurücksetzung der sinnlichen Strebungen kommt die 
Täuschung zustande, daß das Objekt seiner seelischen 
Vorzüge wegen auch sinnlich geliebt wird, während 
umgekehrt erst das sinnliche Wohlgefallen ihm diese 
Vorzüge verliehen haben mag. 

Das Bestreben, welches hier das Urteil fälscht, ist 
das der Idealisierung. Damit ist uns aber die Orien- 
tierung erleichtert; wir erkennen, daß das Objekt so 
behandelt wird wie das eigene Ich, daß also in der 

l) Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. 
Sammlung, 4. Fol^e, 1918. 



* 



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VIIL Verliebtheil und Hypnose 71 



Verliebtheit ein größeres Maß narzißtischer Libido auf 
das Objekt überfließt. Bei manchen Formen der Liebes- 
wahl wird es selbst augenfällig, daß das Objekt dazu 
dient, ein eigenes, nicht erreichtes Ichideal zu ersetzen. 
Man liebt es wegen der Vollkommenheiten, die man 
fürs eigene Ich angestrebt hat und die man sich nun 
auf diesem Umweg zur Befriedigung seines Narzißmus 
verschaffen möchte. 

Nehmen Sexualüberschätzung und Verliebtheit noch 
weiter zu, so wird die Deutung des Bildes immer un- 
verkennbarer. Die auf direkte Sexualbefriedigung drän- 
genden Strebungen können nun ganz zurückgedrängt 
werden, wie es z. B. regelmäßig bei der schwärmerischen 
Liebe des Jünglings geschieht; das Ich wird immer an- 
spruchsloser, bescheidener, das Objekt immer groß- 
artiger, wertvoller; es gelangt schließlich in den Besitz 
der gesamten Selbstliebe des Ichs, so daß dessen Selbst- 
aufopferung zur natürlichen Konsequenz wird. Das Objekt 
hat das Ich sozusagen aufgezehrt. Züge von Demut, 
Einschränkung des Narzißmus, Selbstschädigung sind 
in jedem Falle von Verliebtheit vorhanden; im extremen 
Falle werden sie nur gesteigert und durch das Zurück- 
treten der sinnlichen Ansprüche bleiben sie allein- 
herrschend. 

Dies ist besonders leicht bei unglücklicher, unerfüll- 
barer Liebe der Fall, da bei jeder sexuellen Befrie- 
digung doch die Sexualüberschätzung immer wieder 
eine Herabsetzung erfährt. Gleichzeitig mit dieser 



72 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

„Hingabe" des Ichs an das Objekt, die sich von der subli- 
mierten Hingabe an eine abstrakte Idee schon nicht 
mehr unterscheidet, versagen die dem Ichideal zuge- 
teilten Funlitionen gänzlich. Es schweigt die Kritik» die 
von dieser Instanz ausgeübt wird; alles was das Objekt 
tut und fordert, ist recht und untadelhaft. Das Gewissen 
findet keine Anwendung auf alles, was zugunsten des ^' 

Objekts geschieht; in der Liebesverblendung wird man 
reuelos zum Verbrecher. Die ganze Situation läßt sich ;". 

restlos in eine Formel zusammenfassen: DasObjekt y 

hat sich an die Stelle des Ichideals gesetzt. J| 

Der Unterschied der Identifizierung von der Ver- 
liebtheit in ihren höchsten Ausbildungen, die man Faszi- 
nation, verliebte Hörigkeit heißt, ist nun leicht zu be- 
schreiben. Im ersteren Falle hat sich das Ich um die 
Eigenschaften des Objekts bereichert, sich dasselbe 
nach Ferenczi's Ausdruck j,introjiziert"; im zweiten 
Fall ist es verarmt, hat sich dem Objekt hingegeben, 
dasselbe an die Stelle seines wichtigsten Bestandteils 
gesetzt. Indes merkt man bei näherer Erwägung bald, 
daß eine solche Darstellung Gegensätze vorspiegelt, die 
nicht bestehen. Es handelt sich ökonomisch nicht um 
Verarmung oder Bereicherung, man kann auch die 
extreme Verliebtheit so beschreiben, daß das Ich sich 
das Objekt introjiziert habe. Vielleicht trifft eine andere 
Unterscheidung eher das Wesentliche. Im Falle der 
Identifizierung ist das Objekt verloren gegangen oder 
aufgegeb en worden ; es wird dann im Ich wieder 






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VIII. Verliebtheit und Hypnose 73 

aufgerichtet, das Ich verändert sich partiell nach dem 
Vorbild des verlorenen Objekts. Im anderen Falle ist 
das Objekt erhalten geblieben und wird als solches 
von Seiten und auf Kosten des Ichs überbesetzt. Aber 
auch hiegegen erhebt sich ein Bedenken. Steht es 
denn fest, daß die Identifizierung das Aufgeben 
der Objektbesetzung voraussetzt, kann es nicht Iden- 
tifizierung bei erhaltenem Objekt geben? Und ehe 
wir uns in die Diskussion dieser heiklen Frage ein- 
lassen, kann uns bereits die Einsicht aufdämmern, daß 
eine andere Alternative das Wesen dieses Sachver- 
halts in sich faßt, nämlich ob das Objekt an die 
Stelle des Ichs oder des Ichideals gesetzt 

wird. 

Von der Verliebtheit ist offenbar kein weiter Schritt 
zur Hypnose. Die Übereinstimmungen beider sind augen- 
fällig. Dieselbe demütige Unterwerfung, Gefügigkeit, 
Kritiklosigkeit gegen den Hypnotiseur wie gegen das 
geliebte Objekt. Dieselbe Aufsaugung der eigenen Ini- 
tiative; kein Zweifel, der Hypnotiseur ist an die Stelle 
des Ichideals getreten. Alle Verhältnisse sind in der 
Hypnose nur noch deutlicher und gesteigerter, so daß 
es zweckmäßiger wäre, die Verliebtheit durch die Hyp- 
nose zu erläutern als umgekehrt. Der Hypnotiseur ist 
das einzige Objekt, kein anderes wird neben ihm be- 
achtet. Daß das Ich traumhaft erlebt, was er fordert 
und behauptet, mahnt uns daran, daß wir verabsäumt 
haben, unter den Funktionen des Ichideals auch die 



'--% 



74 Massenpsychologie U7td Ich-Analyse 

Ausübung der Reaiitätsprüfung zu erwähnen.' Kein Wun- 
der, daß das Ich eine Wahrnehmung für real hält, wenn 
die sonst mit der Aufgabe der Realitätsprüfung betraute 
psychische Instanz sich für diese Realität einsetzt. Die 
völlige Abwesenheit von Strebungen mit ungehemmten 
Sexualzielen trägt zur extremen Reinheit der Erschei- 
nungen weiteres bei. Die hypnotische Beziehung ist eine 
uneingeschränkte verliebte Hingabe bei Ausschluß sexu- 
eller Befriedigung, während eine solche bei der Ver- 
liebtheit doch nur zeitweilig zurückgeschoben ist und 
als spätere Zielmöglichkeit im Hintergrunde verbleibt. 

Anderseits können wir aber auch sagen, die hyp- \ 

notische Beziehung sei — wenn dieser Ausdruck ge- 
stattet ist — eine Massenbildung zu zweien. Die Hyp- ]\ 
nose ist kein gutes Vergleichsobjekt mit der Massen- U 
bildung, weil sie vielmehr mit dieser identisch ist. Sie \ 
isoliert uns aus dem komplizierten Gefüge der Masse ■ j 
ein Element, das Verhalten des Massenindividuums zum 
Führer. Durch diese Einschränkung der Zahl scheidet \ I 
sich die Hypnose von der Massenbildung, wie durch 
den Wegfall der direkt sexuellen Strebungen von der 
Verliebtheit. Sie hält insoferne die Mitte zwischen beiden. 

Es ist interessant zu sehen, daß gerade die ziel- 
gehemmten Sexualstrebungen so dauerhafte Bindungen 

l) S. Metapsychologische Ergänzung- zur Traumlehre. Samm- 
lung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, Vierte Folge, 191 S. — 
Indes scheint ein Zweifel an der Berechtigung dieser Zuteilung, 
der eingehende Diskussion erfordert, zulässig. 






1 . 



VIJI. Verliebtheit uitd Hypnose 75 

der Menschen aneinander erzielen. Dies versteht sich 
aber leicht aus der Tatsache, daß sie einer vollen Be- 
friedigung nicht fähig sind, während ungehemmte Sexual- 
strebungen durch die Abfuhr bei der Erreichung des 
jedesmaligen Sexualziels eine außerordentliche Her- 
absetzung erfahren. Die sinnliche Liebe ist dazu be- 
stimmt, in der Befriedigung zu erlöschen; um andauern 
zu können, muß sie mit rein zärtlichen, d. h. zielge- 
hemmten Komponenten von Anfang an versetzt sein 
oder eine solche Umsetzung erfahren. 

Die Hypnose würde uns das Rätsel der libidinösen 
Konstitution einer Masse glatt lösen, wenn sie selbst 
nicht noch Züge enthielte, die sich der bisherigen ra- 
tionellen Aufklärung — als Verliebtheit bei Ausschluß 
direkt sexueller Strebungen — entziehen. Es ist noch- 
vieles an ihr als unverstanden, als mystisch anzuerkennen. 
Sie enthält einen Zusatz von Lähmung aus dem Ver- 
hältnis eines Übermächtigen zu einem Ohnmächtigen, 
Hilflosen, was etwa zur Schreckhypnose der Tiere über- 
leitet. Die Art, wie sie erzeugt wird, ihre Beziehung 
zum Schlaf, sind nicht durchsichtig, und die rätselhafte 
Auswahl von Personen, die sich für sie eignen, wähi'end 
andere sie gänzlich ablehnen, weist auf ein noch un- 
bekanntes Moment hin, welches in ihr verwirklicht wird, 
und das vielleicht erst die Reinheit derLibidoeinstellungen 
in ihr ermöglicht. Beachtenswert ist auch, daß häufig 
das moralische Gewissen der hypnotisierten Person sich 
selbst bei sonst voller suggestiver Gefügigkeit resistent 



^Äi^L. 



76 



Massenpsychologie und Ich-Analyse 



zeigen kann. Aber das mag daher kommen, daß bei 
der Hypnose, wie sie zumeist geübt wird, ein Wissen 
erhalten geblieben sein kann, es handle sich nur um 
ein Spiel, eine unwahre Reproduktion einer anderen, 
weit lebenswichtigeren Situation. 

Durch die bisherigen Erörterungen sind wir aber 
voll darauf vorbereitet, die Formel für die libidinöse 
Konstitution einer Masse anzugeben. Wenigstens einer 
solchen Masse, wie wir sie bisher betrachtet haben, 
die also einen Führer hat und nicht durch allzu viel 
„Organisation" sekundär die Eigenschaften eines In- 
dividuums erwerben konnte. Eine solche primäre 
Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein 
und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals 
gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich mit- 
einander identifiziert haben. Dies Verhältnis läßt 
eine graphische Darstellung zu: 



n 



Icliideal 



äußeres 
Objekt 




IX 
DER HERDENTRIEB 



Wir werden uns nur kurze Zeit der Illusion freuen, 
durch diese Formel das Rätsel der Masse gelöst zu 
haben. Alsbald muß uns die Mahnung beunruhigen, 
daß wir ja im wesentlichen die Verweisung auf das 
Rätsel der Hypnose angenommen haben, an dem so 
vieles noch unerledigt ist. Und nun zeigt uns ein an- 
derer Einwand den weiteren Weg. 

Wir dürfen uns sagen, die ausgiebigen affektiven 
Bindungen, die wir in der Masse erkennen, reichen 
voll aus, um einen ihrer Charaktere zu erklären, den 
Mangel an Selbständigkeit und Initiative beim Einzelnen, 
die Gleichartigkeit seiner Reaktion mit der aller an- 
deren, sein Herabsinken zum Massenindividuum sozu- 
sagen. Aber die Masse zeigt, wenn wir sie als Ganzes 
ins Auge fassen, mehr; die Züge von Schwächung der 
intellektuellen Leistung, von Ungehemmtheit der Affek- 
tivität, die Unfähigkeit zur Mäßigung und zum Aufschub, 
die Neigung zur Überschreitung aller Schranken m der 
Gefühlsäußerung und zur vollen Abfuhr derselben m 
Handlung, dies und alles ÄhnUche,'was wir bei Le Bon 



7S Masse7ipsychologie und Ich-Analyse 



so eindrucksvoll geschildert finden, ergibt ein unver- 
kennbares Bild von Regression der seelischen Tätigkeit 
auf eine frühere Stufe, wie wir sie bei Wilden oder 
bei Kindern zu finden nicht erstaunt sind. Eine solche 
Regression gehört insbesondere zum Wesen der ge- 
meinen Massen, während sie, wie wir gehört haben, 
bei hoch organisierten, künstlichen, weitgehend hintan- 
gehalten werden kann. 

Wir erhalten so den Eindruck eines Zustandes, in 
dem die vereinzelte Gefühlsregung und der persönliche 
intellektuelle Akt des Individuums zu schwach sind, 
um sich allein zur Geltung zu bringen, und durchaus 
auf Bekräftigung durch gleichartige Wiederholung von 
selten der anderen warten müssen. Wir werden daran 
erinnert, wieviel von diesen Phänomenen der Abhängig- 
keit zur normalen Konstitution der menschlichen Ge- 
sellschaft gehört, wie wenig Originalität und persön- 
licher Mut sich in ihr findet, wie sehr jeder Einzelne 
durch die Einstellungen einer Massenseele beherrscht 
wird, die sich als Rasseneigentümlichkeiten, Standes- 
vorurteUe, öffentliche Meinung u. dgl. kundgeben. Das 
Rätsel des suggestiven Einflusses vergrößert sich für 
uns, wenn wir zugeben, daß ein solcher nicht allein 
vom Führer, sondern auch von jedem Emzelnen aut 
jeden Einzelnen geübt wird, und wir machen uns den 
Vorwurf, daß wir die Beziehung zum Führer einseitig 
herausgehoben, den anderen Faktor der gegenseitigen 
Suggestion aber ungebührend zurückgedrängt haben. 



V 



j 



F 



IX. Der Herdentrieb 7 g 



Auf solche Weise zur Bescheidenheit gewiesen, 
werden wir geneigt sein, auf eine andere Stimme zu 
horchen, welche uns Erklärung auf einfacheren Grund- 
lagen verspricht. Ich entnehme eine solche dem klugen 
Buch von W. Trotter über den Herdentrieb, an dem 
ich nur bedauere, daß es sich den durch den letzten 
großen Krieg entfesselten Antipathien nicht ganz ent- 
zogen hat." 

Trotter leitet die an der Masse beschriebenen 
seelischen Phänomene von einem Herdeninstinkt (gre- 
gariousness) ab, der dem Menschen wie anderen Tier- 
arten angeboren zukommt. Diese Herdenhaftigkeit ist 
biologisch eine Analogie und gleichsam eine Fort- 
führung der Vielzelligkeit, im Sinne der Libidotheorie 
eine weitere Äußerung der von der Libido ausgehenden 
Neigung aller gleichartigen Lebewesen, sich zu immer 
umfassenderen Einheiten zu vereinigen.^" Der Einzelne 
fühlt sich unvollständig (incomplete), wenn er allein ist. 
Schon die Angst des kleinen Kindes sei eine Äußerung 
dieses Herdeninstinkts. Widerspruch gegen die Herde 
ist soviel wie Trennung von ihr und wird darum angst- 
voll vermieden. Die Herde lehnt aber alles Neue, Un- 
gewohnte ab. Der Herdeninstinkt sei etwas Primäres, 
nicht weiter Zerlegbares (which cannot be split up). 

1) W. Trotter, Instincts of the Herd in Peace and War. 
London 1916. Zweite Auflage. 

2) Siehe meinen Aufsatz : Jenseits des Lustprinzips. Beiheft H 
zur Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920. 



8o Masse7ipsyckologi€ und Ich-Analyse 



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Trotter gibt als die Reihe der von ihm als primär 
angenommenen Triebe (oder Instinkte): den Selbst- 
behauptungs-, Ernährungs-, Geschlechts- und Herden- 
trieb. Der letztere gerate oft in die Lage, sich 
den anderen gegenüberzustellen. Schuldbewußtsein und 
Pflichtgefühl seien die charakteristischen Besitztümer 
eines gregarious animal. Vom Herdeninstinkt läßt 
Tr o 1 1 e r auch die verdrängenden Kräfte ausgehen > 
welche die Psychoanalyse im Ich aufgezeigt hat, und 
folgerichtig gleicherweise die Widerstände, auf welche 
der Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung stößt. 
Die Sprache verdanke ihre Bedeutung ihrer Eignung 
zur gegenseitigen Verständigung in der Herde, auf 
ihr beruhe zum großen Teil die Identifizierung der 
Einzelnen miteinander. ■"; 

Wie Le Bon vorwiegend die charakteristischen || 

flüchtigen Massenbildungen und M^ Dougall die \ 

stabilen Vergesellschaftungen, so hat Trotter die | 

allgemeinsten Verbände, in denen der Mensch, dies \ 

Xß>ov jtoXiTiKÖv lebt, in den Mittelpunkt seines Inter- ^ 

esses gerückt und deren psychologische Begründung ;• 

angegeben. Für Trott er bedarf es aber keiner '; 

Ableitung des Herdentriebes, da er ihn als primär / 

und nicht weiter auflösbar bezeichnet. Seine Be- ■ 'i 
merkung, Boris Sidis leite den . Herdentrieb von , | 

der Suggestibilität ab, ist zum Glück für ilin über- ;, 

flüssig- es ist eine Erklärung nach bekanntem, unbe- ■ | 

friedigendem Muster, und die Umkehr dieses Satzes, ^ 

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IX. Der Herdentrieb g j 



also daß die Suggestibilität ein Abkömmling des Her- 
deninstinkts sei, erschiene mir bei weitem einleuch- 
tender. 

Aber gegen Trotters Darstellung läßt sich mit 
noch besserem Recht als gegen die anderen einwenden, 
daß sie auf die Rolle des Führers in der Masse zu 
wenig Rücksicht nimmt, während wir doch eher zum 
gegenteiligen Urteil neigen, daß das Wesen der Masse 
bei Vernachlässigung des Führers nicht zu begreifen 
sei. Der Herdeninstinkt läßt überhaupt für den Führer 
keinen Raum, dieser kommt nur so zufällig zur Herde 
hinzu, und im Zusammenhange damit steht, daß von 
diesem Trieb aus auch kein Weg zu einem Gottes- 
bedürfnis führt; es fehlt der Hirt zur Herde. Außer- 
dem aber kann man Trotters Darstellung psy- 
chologisch untergraben, d. h. man kann es zum 
mindesten wahrscheinlich machen, daß der Herden- 
trieb nicht unzerlegbar, nicht in dem Sinne primär 
ist wie der Selbsterhaltungstrieb und der Geschlechts- 
trieb. 

Es ist natürlich nicht leicht, die Ontogenese des 
Herdentriebes zu verfolgen. Die Angst des kleinen 
Kindes, wenn es allein gelassen wird, die Trotter be- 
reits als Äußerung des Triebes in Anspruch nehmen 
will, legt doch eine andere Deutung näher. Sie gilt 
der Mutter, später anderen vertrauten Personen, und 
ist der Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht, mit der 
das Kind noch nichts anderes anzufangen weiß, als sie 

"SwaA: Mass«np3ycIiolagie und Ich-Analyse 6 



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82 Massenpsychölogie und Ich- Analyse 

in Angst zu verwandeln." Die Angst des einsamen kleinen 
Kindes wird auch nicht durch den Anblick eines be- 
liebigen anderen „aus der Herde** beschwichtigt, sondern 
im Gegenteil durch das Hinzukommen eines solchen 
„Fremden*' erst hervorgerufen. Dann merkt man beim 
Kinde lange nichts von einem Herdeninstinkt oder 
Massengefühl. Ein solches bildet sich zuerst in der mehr- 
zähligen Kinderstube aus dem Verhältnis der Kinder 
zu den Eltern, und zwar als Reaktion auf den anfäng- 
lichen Neid, mit dem das ältere Kind das jüngere auf- 
nimmt. Das ältere Kind möchte gewiß das nachkom- 
mende eifersüchtig verdrängen, von den Eltern fern- 
halten und es aller Anrechte berauben, aber angesichts 
der Tatsache, daß auch dieses Kind — wie alle spä- 
teren — in gleicher Weise von den Eltern geliebt 
wird, und infolge der Unmöglichkeit, seine feindselige 
Einstellung ohne eigenen Schaden festzuhalten, wird 
es zur Identifizierung mit den anderen Kindern ge- 
zwungen, und es bildet sich in der Kinderschar eui 
Massen- oder Gemeinschaftsgefühl, welches dann in der 
Schule seine weitere Entwicklung erfährt. Die erste 
Forderung dieser Reaktionsbildung ist die nach Ge- 
rechtigkeit, gleicher Behandlung für alle. Es ist be- 
kannt, wie laut und unbestechlich sich dieser Anspruch 
in der Schule äußert. Wenn man schon selbst nicht 
der Bevorzugte sein kann, so soll doch wenigstens keiner 

i) Siehe Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 
über die Angst. 



IX, Der Herdentrieb g'^ 



von allen bevorzugt werden. Man könnte diese Um- 
wandlung und Ersetzung der Eifersucht durch ein 
Massengefühl in Kinderstube und Schulzimmer für un- 
wahrscheinlich halten, wenn man nicht den gleichen 
Vorgang später unter anderen Verhältnissen neuerlich 
beobachten würde. Man denke an die Schar von schwär- 
merisch verliebten Frauen und Mädchen, die den Sänger 
oder Pianisten nach seiner Produktion umdrängen. Ge- 
wiß läge es jeder von ihnen nahe, auf die andere 
eifersüchtig zu sein, allein angesichts ihrer Anzahl und 
der damit verbundenen Unmöglichkeit, das Ziel ihrer 
Verliebtheit zu erreichen, verzichten sie darauf, und 
anstatt sich gegenseitig die Haare auszuraufen, handeln 
sie wie eine einheitliche Masse, huldigen dem Gefeier- 
ten in gemeinsamen Aktionen und wären etwa froh, 
sich in seinen Lockenschmuck zu teilen. Sie haben 
sich, ursprünglich Rivalinnen, durch die gleiche Liebe 
zu dem nämlichen Objekt miteinander identifizieren 
können. Wenn eine Triebsituation, wie ja gewöhnlich, 
verschiedener Ausgänge fähig ist, so werden wir uns 
nicht verwundern, daß jener Ausgang zustande kommt, 
mit dem die Möglichkeit einer gewissen Befriedigung 
verbunden ist, während ein anderer, selbst ein näher 
liegender, unterbleibt, weil die realen Verhältnisse ihm 
die Erreichung dieses Zieles versagen. 

Was man dann später in der Gesellschaft als Ge- 
meingeist, esprit de corps usw, wirksam findet, ver- 
leugnet nicht seine Abkunft vom ursprünglichen Neid. 

6* 






84 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Keiner soll sich hervortun wollen, jeder das gleiche 
sein und haben. Soziale Gerechtigkeit will bedeuten, 
daß man sich selbst vieles versagt, damit auch die 
anderen darauf verzichten müssen, oder was dasselbe 
ist, es nicht fordern können. Diese Gleichheitsforderung fll 
ist die Wurzel des sozialen Gewissens und des Pflicht- 
gefühls. In unerwarteter Weise enthüllt sie sich in der 
Infektionsangst der Syphilitiker, die wir durch die Psycho- 
analyse verstehen gelernt haben. Die Angst dieser 
Armen entspricht ihrem heftigen Sträuben gegen den 
unbewußten Wunsch, ihre Infektion auf die anderen 
auszubreiten, denn warum sollten sie allein infiziert 
und von so vielem ausgeschlossen sein und die an- 
deren nicht? Auch die schöne Anekdote vom Urteil 
Salomonis hat denselben Kern. Wenn der einen Frau 
das Kind gestorben ist, soll auch die andere kein 
lebendes haben. An diesem Wunsch wird die Verlust- 
trägerin erkannt. 

Das soziale Gefühl ruht also auf der Umwendung 
eines erst feindseligen Gefühls in eine positiv betonte 
Bindung von der Natur einer Identifizierung. Soweit 
wir den Hergang bis jetzt durchschauen können, scheint 
sich diese Umwendung unter dem Einfluß einer ge- 
meinsamen zärtlichen Bindung an eine außer der 
Masse stehende Person zu vollziehen. Unsere Analyse 
der Identifizierung erscheint uns selbst nicht als er- 
schöpfend, aber unserer gegenwärtigen Absicht genügt 
es, wenn wir auf den einen Zug, daß die konsequente 



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IX. Der Herdentrieb 85 



Durchführung der Gleichstellung gefordert wird, zurück- 
kommen. Wir haben bereits bei der Erörterung der ■ 
beiden künstlichen Massen, Kirche und Armee, gehört, 
ihre Voraussetzung sei, daß alle von einem, dem Führer, 
in gleicher Weise geliebt werden. Nun vergessen wir 
aber nicht, daß die Gleichheitsforderung der Masse 
nur für die Einzelnen derselben, nicht für den Führer ^ 

gilt. Alle Einzelnen sollten einander gleich sein, aber 
alle wollen sie von einem beherrscht werden. Viele ; 

Gleiche, die sich miteinander identifizieren können, und ^: 

ein einziger, ihnen allen Überlegener, das ist die Situation, ] 

die wir in der lebensfähigen Masse verwirklicht finden. t] 

Getrauen wir uns also, die Aussage Trotters, der 
Mensch sei ein Herdentier, dahin zu korrigieren, er 
sei vielmehr ein Hordentier, ein Einzelwesen einer 
von einem Oberhaupt angeführten Horde. 



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DIE MASSE UND DIE URHORDE 

Imjahre 1 9 1 2 habe ich die Vermutung von Ch. D arwin 
aufgenommen, daß die Urform der menschlichen Gesell- 
schaft die von einem starken Männchen unumschränkt 
beherrschte Horde war. Ich habe darzulegen versucht, 
daß die Schicksale dieser Horde unzerstörbare Spuren 
in der menschlichen Erbgeschichte hinterlassen haben, 
speziell, daß die Entwicklung des Totemismus, der die 
Anfänge von Religion, Sittlichkeit und sozialer Gliederung 
in sich faßt, mit der gewaltsamen Tötung des Ober- 
hauptes und der Umwandlung der Vaterhorde in eine 
Brüdergemeinde zusammenhängt.' Es ist dies zwar nur 
eine Hypothese wie so viele andere, mit denen die 
Prähistoriker das Dunkel der Urzeit aufzuhellen ver- 
suchen — eine „just so story" nannte sie witzig ein 
nicht unliebenswürdiger englischer Kritiker — aber ich 
meine, es ist ehrenvoll für eine solche Hypothese, wenn 
sie sich geeignet zeigt, Zusammenhang und Verständ- 
nis auf immer neuen Gebieten zu schaffen. 



i) Totem und Tabu. 2. Auflage 1920. 



X. Die Masse und die Urhorde 87 

Die menschlichen Massen zeigen uns wiederum das 
vertraute Bild des überstarken Einzelnen inmitten einer 
Schar von gleichen Genossen, das auch in unserer Vor- 
stellung von der Urhorde enthalten ist. Die Psycho- 
logie dieser Masse, wie wir sie aus den oft erwähnten 
Beschreibungen kennen, — der Schwund der bewußten 
Einzelpersönlichkeit, die Orientierung von Gedanken und 
Gefühlen nach gleichen Richtungen, die Vorherrschaft 
der Affektivität und des unbewußten Seelischen, die 
Tendenz zur unverzüglichen Ausführung auftauchender 
Absichten, — das alles entspricht einem Zustand von 
Regression zu einer primitiven Seelentätigkeit, wie man 
sie gerade der Urhorde zuschreiben möchte.' 

i) Für die Urhorde muß insbesondere gelten, was wir vor- 
hin in der allgemeinen Charakteristik der Menschen beschrieben 
haben. Der Wille des Einzelnen war zu schwach, er getraute sich 
icht der Tat. Es kamen gar keine anderen Impulse zustande als 
kollektive, es gab nur einen Gemeinwillen, keinen singulären. Die 
Vorstellung wagte es nicht, sich in Willen umzusetzen, wenn sie 
sich nicht durch die Wahrnehmung ihrer allgemeinen Verbreitung 
gestärkt fand. Diese Schwäche der Vorstellung findet ihre Erklärung 
in der Stärke der allen gemeinsamen Gefühlsbindung, aber die 
Gleichartigkeit der Lebensumstände und das Fehlen eines privaten 
Eigentums kommen hinzu, um die Gleichförmigkeit der seelischen 
Akte bei den Einzelnen zu bestimmen. — Auch die exkrementellen 
Bedürfnisse schließen, wie man an Kindern und Soldaten merken 
kann, die Gemeinsamkeit nicht aus. Die einzige mächtige Aus- 
nahme macht der sexuelle Akt, bei dem der Dritte zumindest 
überflüssig, im äußersten Fall zu einem peinlichen Abwarten ver- 
urteilt ist. Über die Reaktion des Sexualbedürfnisses (der Genital- 
befriedigung) gegen das Herdenhafte siehe unten. 



88 Massenpsychologie und Ick~Analyse 



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Die Masse erscheint uns so als ein Wiederaufleben 
der Urhorde. So wie der Urmensch in jedem Einzelnen 
virtuell erhalten ist, so kann sich aus einem beliebigen 
Menschenhaufen die Urhorde wieder herstellen; soweit ^ 

die Massenbildung die Menschen habituell beherrscht, I 

erkennen wir den Fortbestand der Urhorde in ihr. Wir 
müssen schließen, die Psychologie der Masse sei die älteste 
Menschenpsychologie; was wir unter Vernachlässigung 
aller Massenreste als Individualpsychologie isoliert haben, 
hat sich erst später, allmählich und sozusagen immer 
noch nur partiell aus der alten Massenpsychologie her- 
ausgehoben. Wir werden noch den Versuch wagen, den 
Ausgangspunkt dieser Entwicklung anzugeben. 

Eine nächste Überlegung zeigt uns, in welchem 
Punkt diese Behauptung einer Berichtigung bedarf. Die 
Individualpsychologie muß vielmehr ebenso alt sein wie 
die Massenpsychologie, denn von Anfang gab es zweierlei 
Psychologien, die der Massenindividuen und die des 
Vaters, Oberhauptes, Führers. Die Einzelnen der Masse 
waren so gebunden, wie wir sie heute finden, aber der 
Vater der Urhorde war frei. Seine intellektuellen Akte 
waren auch in der Vereinzelung stark und unabhängig, 
sein Wille bedurfte nicht der Bekräftigung durch den 
anderer. Wir nehmen konsequenterweise an, daß sein 
Ich wenig libidinös gebunden war, er liebte niemand 
außer sich, und die anderen nur, insoweit sie seinen 
Bedürfnissen dienten. Sein Ich gab nichts Überschüssiges 
an die Objekte ab. 



X. Die Masse und die Urhorde 89 

Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war er der 
Übermensch, den Nietzsche erst von der Zukunft 
erwartete. Noch heute bedürfen die Massen Individuen 
der Vorspiegelung, daß sie in gleicher und gerechter 
Weise vom Führer geUebt werden, aber der Führer 
selbst braucht niemand anderen zu Heben, er darf von 
Herrennatur sein, absolut narzißtisch, aber selbstsicher 
und selbständig. Wir wissen, daß die Liebe den Narziß- 
mus eindämmt und könnten nachweisen, wie sie durch 
diese Wirkung Kulturfaktor geworden ist. 

Der Urvater der Horde war noch nicht unsterb- 
lich, wie er es später durch Vergottung wurde. Wenn 
er starb, mußte er ersetzt werden; an seine Stelle trat 
wahrscheinlich ein jüngster Sohn, der bis dahin Massen- 
individuum gewesen war wie ein anderer. Es muß also 
eine Möglichkeit geben, die Psychologie der Masse in 
Individualpsychologie umzuwandehi, es muß eine Be- 
dingung gefunden werden, unter der sich solche Um- 
wandlung leicht vollzieht, ähnlich wie es den Bienen 
möglich ist, aus einer Larve im Bedarfsfalle eine Königin 
anstatt einer Arbeiterin zu ziehen. Man kann sich da 
nur dies eine vorstellen : Der Urvater hatte seine Söhne 
an der Befriedigung ihrer direkten sexuellen Strebungen 
verhindert; er zwang sie zur Abstinenz und infolge- 
dessen zu den Gefühlsbindungen an ihn und aneinander, 
die aus den Strebungen mit gehemmtem Sexualziel 
hervorgehen konnten. Er zv^ang sie sozusagen in die 
Massenpsychologie. Seine sexuelle Eifersucht und 






90 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Intoleranz sind in letzter Linie die Ursache der Massen- 
psychologie geworden.' 

Für den, der sein Nachfolger wurde, war auch die 
Möglichkeit der sexuellen Befriedigung gegeben und damit 
der Austritt aus den Bedingungen der Massenpsycho- 
logie eröffnet. Die Fixierung der Libido an das Weib, 
die Möglichkeit der Befriedigung ohne Aufschub und Auf- 
speicherung machte derBedeutung zielgehemmterSexual- 
strebungen ein Ende und ließ den Narzißmus immer zur 
gleichen Höhe ansteigen. Auf diese Beziehung der Liebe 
zur Charakterbildung werden wir in einem Nachtrag 
z u rückkomm en . 

Heben wir noch als besonders lehrreich hervor, in 
welcher Beziehung zur Konstitution der Urhorde die 
Veranstaltung steht, mittels deren — abgesehen von - 
Zwangsmitteln — eine künstliche Masse zusammen- 
gehalten wird. Bei Heer und Kirche haben wir gesehen, 
es ist die Vorspiegelung, daß der Führer alle Einzelnen '; 

in gleicher und gerechter Weise liebt. Dies ist aber d 

geradezu die idealistische Umarbeitung der Verhältnisse 
der Urhorde, in der sich alle Söhne in gleicher Weise 
vom Urvater verfolgt wußten und ihn in gleicher Weise 
fürchteten. Schon die nächste Form der menschlichen 
Sozietät, der totemistische Clan, hat diese Umformung, 



i) Es läßt sich etwa auch annehmen, daß die vertriebenen 
Söhne, vom Vater getrennt, den Fortschritt von der Identifizierung- 
miteinander zur homosexuellen Objektliebe machten und so die 
Freiheit gewannen, den Vater zu töten. 



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JC. Die Masse und die Urhorde 91 

auf die alle sozialen Pflichten aufgebaut sind, zur Vor- 
aussetzung. Die unverwüstliche Stärke der Familie als 
einer natürlichen Massenbildung beruht darauf, daß 
diese notwendige Voraussetzung der gleichen Liebe 
des Vaters für sie wirklich zutreffen kann. 

Aber wir erwarten noch mehr von der Zurück- 
führung der Masse auf die Urhorde. Sie soll uns auch 
das noch Unverstandene, Geheimnisvolle an der Massen- 
bildung näher bringen, das sich hinter den Rätsel worten 
Hypnose und Suggestion verbirgt. Und ich meine, sie 
kann es auch leisten. Erinnern wir uns daran, daß die 
Hypnose etwas direkt Unheimliches an sich hat; der 
Charakter des Unheimlichen deutet aber auf etwas ^^ 

der Verdrängung verfallenes Altes und Wohlvertrautes -^ 

hin.' Denken wir daran, wie die Hypnose eingeleitet ^ 

wird. Der Hypnotiseur behauptet im Besitz einer ge- 
heimnisvollen Macht zu sein, die dem Subjekt den eigenen 
Willen raubt, oder, was dasselbe ist, das Subjekt glaubt 
es von ihm. Diese geheimnisvolle Macht — populär 
noch oft als tierischer Magnetismus bezeichnet — muß 
dieselbe sein, welche den Primitiven als Quelle des 
Tabu gilt, dieselbe, die von Königen und HäuptHngen 
ausgeht und die es gefährlich macht, sich ihnen zu 
nähern (Mana). Im Besitz dieser Macht will nun der 
Hypnotiseur sein und wie bringt er sie zur Erscheinung? 
Indem er die Person auffordert, ihm in die Augen zu 



l) Das Unheimliche. Imago, V, 1919. 



92 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

sehen; er hypnotisiert in typischer Weise durch seinen 
Blick. Gerade der Anblick des Häuptlings ist aber für 
den Primitiven gefährlich und unerträglich, wie später 
der der Gottheit für den Sterblichen. Noch Moses muß 
den Mittelsmann zwischen seinem Volke und Jehova 
machen, da das Volk den Anblick Gottes nicht ertrüge, 
und wenn er von der Gegenwart Gottes zurückkehrt, 
strahlt sein Antlitz, ein Teil des ,,Mana" hat sich wie 
beim Mittler' der Primitiven auf ihn übertragen. 

Man kann die Hypnose allerdings auch auf anderen 
Wegen hervorrufen, was irreführend ist und zu un- 
zulänglichen physiologischen Theorien Anlaß gegeben 
hat, z. B. durch das Fixieren eines glänzenden Gegen- 
standes oder durch das Horchen auf ein monotones 
Geräusch. In Wirklichkeit dienen diese Verfahren nur 
der Ablenkung und Fesselung der bewußten Aufmerk- 
samkeit. Die Situation ist die nämliche, als ob der 
Hypnotiseur der Person gesagt hätte: Nun beschäf- 
tigen Sie sich ausschließlich mit meiner Person, die übrige 
Welt ist ganz uninteressant. Gewiß wäre es technisch 
unzweckmäßig, wenn der Hypnotiseur eine solche Rede 
hielte; das Subjekt würde durch sie aus seiner unbe- 
wußten Einstellung gerissen und zum bewußten Wider- 
spruch aufgereizt werden. Aber während der Hypno- 
tiseur es vermeidet, das bewußte Denken des Subjekts 
auf seine Absichten zu richten, und die Versuchsperson 



i) S. Totem und Tabu, und die dort zitierten Quellen, 



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X. Die Masse tmd die Urhorde 93 



sich in eine Tätigkeit versenkt, bei der ihr die Welt 
uninteressant vorkommen muß, geschieht es, daß sie 
unbewußt wirklich ihre ganze Aufmerksamkeit auf den 
Hypnotiseur konzentriert, sich in die Einstellung des 
Rapports, der Übertragung, zum Hypnotiseur begibt. 
Die indirekten Methoden des Hypnotisierens haben also, 
ähnlich wie manche Techniken des Witzes, den Erfolg, 
gewisse Verteilungen der seelischen Energie, welche 
den Ablauf des unbewußten Vorgangs stören würden, 
hintanzuhalten, und sie führen schließlich zum gleichen 
Ziel wie die direkten Beeinflussungen diuch Anstarren 
oder Streichen." 

Ferenczi hat richtig herausgefunden, daß sich der 
Hypnotiseur mit dem Schlafgebot, welches oft zur 

1) Die Situation, daß die Person unbewußt auf den Hyp- 
notiseur eingestellt ist, während sie sich bewußt mit g-leich- 
bleibenden, uninteressanten Wahrnehmungen beschäftigt, findet 
ein Gegenstück in den Vorkommnissen der psychoanalytischen 
■ Behandlung, das hier erwähnt zu werden verdient In jeder Analyse 
ereignet es sich mindestens einmal, daß der Patient hartnäckig 
behauptet, jetzt fiele ihm aber ganz bestimmt nichts ein. Seine 
freien Assoziationen stocken und die gewöhnlichen Antriebe, sie 
in Gang zu bringen, schlagen fehl. Durch Drängen erreicht man 
endlich das Eingeständnis, der Patient denke an die Aussicht aus 
dem Fenster des Behandlungsraumes, an die Tapete der Wand, 
die er vor sich sieht, oder an die Gaslampe, die von der Zimmer- 
decke herabhängt. Man weiß dann sofort, daß er sich in die Über- 
tragung begeben hat, von noch unbewußten Gedanken in Anspruch 
genommen wird, die sich auf den Arzt beziehen, und sieht die 
Stockung in den Einfallen des Patienten schwinden, sobald man 
ihm diese Aufklärmig gegeben hat 



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94 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



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Einleitung der Hypnose gegeben wird, an die Stelle der 
Eltern setzt. Er meinte zwei Arten der Hypnose unter- \ ' 

scheiden zu sollen, eine schmeichlerisch begütigende, 
die er dem Muttervorbild, und eine drohende, die er 
dem Vater zuschrieb,' Nun bedeutet das Gebot zu 
schlafen in der Hypnose auch nichts anderes, als die 
Aufforderung, alles Interesse von der Welt abzuziehen 
und auf die Person des Hypnotiseurs zu konzentrieren; 
es wird auch vom Subjekt so verstanden, denn in dieser 
Abziehung des Interesses von der Außenwelt liegt die 
psychologische Charakteristik des Schlafes und auf ihr 
beruht die Verwandtschaft des Schlafes mit dem hyp- 
notischen Zustand. 

Durch seine Maßnahmen weckt also der Hypnotiseur 
beim Subjekt ein Stück von dessen archaischer Erbschaft, 
die auch den Eltern entgegenkam und im Verhältnis zum 
Vater eine individuelle Wiederbelebung erfuhr, die Vor- 
stellung von einer übermächtigen und gefährlichen Per- 
sönlichkeit, gegen die man sich nur passiv-masochistisch 
einstellen konnte, an die man seinen Willen verlieren' 
mußte, und mit der allein zu sein, ,,ihr unter die Augen 
zu treten** ein bedenkliches Wagnis schien. Nur so etwa 
können wir uns das Verhältnis eines Einzelnen der Ur- 
horde zum Urvater vorstellen. Wie wir aus anderen t 

Reaktionen wissen, hat der Einzelne ein variables Maß 
von persönlicher Eignung zur Wiederbelebung solch alter 

i) Ferenczi,Introjektion undÜbertragung.Jahrbuch der Psycho- 
analyse, I, 190g. 









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JC. Die Masse und die Urhorde 95 

Situationen bewahrt. Ein Wissen, daß die Hypnose doch 
nur ein Spiel, eine lügenhafte Erneuerung jener alten 
Eindrücke ist, kann aber erhalten bleiben und für den 
Widerstand gegen allzu ernsthafte Konsequenzen der 
hypnotischen Willensaufhebung sorgen. 

Der unheimliche, zwanghafte Charakter der Massen- 
bildung, der sich in ihren Suggestionserscheinungen zeigt, 
kann also wohl mit Recht auf ihre Abkunft von der 
Urhorde zurückgeführt werden. Der Führer der Masse 
ist noch immer der gefürchtete Urvater, die Masse will 
immer noch von unbeschränkter Gewalt beherrscht 
werden, sie ist im höchsten Grade autoritätssüchtig, 
hat nach Le Bon's Ausdruck den Durst nach Unter- 
werfung. Der Urvater ist das Massenideal, das an Stelle 
des Ichideals das Ich beherrscht. Die Hypnose hat ein 
gutes Anrecht auf die Bezeichnung: eine Masse zu zweit; 
für die Suggestion erübrigt die Definition einer Über- 
zeugung, die nicht auf Wahrnehmung und Denkarbeit, 
sondern auf erotische Bindung gegründet ist.' 



l) Es erscheint mir der Hervorhebung wert, daß wir durch 
die Erörterungen dieses Abschnittes veranlaßt werden, von der 
Bernheim'schen Auffassung der Hypnose auf die naive ältere 
derselben zurückzugreifen. Nach Bernheira sind alle hypnotischen 
Phänomene von dem weiter nicht aufzuklärenden Moment der 
Suggestion abzuleiten. Wir schließen, daß die Suggestion eine 
Teilerscheinung des hypnotischen Zustandes ist, der in einer un- 
bewußt erhaltenen Disposition aus der Urgeschichte der mensch- 
lichen Familie seine gute Begründung hat. 



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XI 

EINE STUFE IM ICH 

Wenn man, eingedenk der einander ergänzenden 
Beschreibungen der Autoren über Massenpsychologie, 
das Leben der heutigen Einzelmenschen überblickt, mag 
man vor den Komplikationen, die sich hier zeigen, den 
Mut zu einer zusammenfassenden Darstellung verlieren. 
Jeder Einzelne ist ein Bestandteil von vielen Massen, 
durch Identifizierung vielseitig gebunden, und hat sein 
Ichideal nach den verschiedensten Vorbildern aufgebaut. 
Jeder Einzelne hat so Anteil an vielen Massenseelen, 
an der seiner Rasse, des Standes, der Glaubensgemein- 
schaft, der Staatlichkeit usw. und kann sich darüber 
hinaus zu einem Stückchen Selbständigkeit und Origi- 
nalität erheben. Diese ständigen und dauerhaften Massen- 
bildungen fallen in ihren gleichmäßig anhaltenden Wir- 
kungen der Beobachtung weniger auf als die rasch 
gebildeten, vergänglichen Massen, nach denen Le Bon 
die glänzende psychologische Charakteristik der Massen- 
seele entworfen hat, und in diesen lärmenden, ephe- 
meren, den anderen gleichsam superponierten Massen 
begibt sich eben das Wunder, daß dasjenige, was wir 



X.I. Eine Stufe im Ich 97 

eben als die individuelle Ausbildung anerkannt haben, 
spurlos, wenn auch nur zeitweilig untergeht. 

Wir haben dies Wunder so verstanden, daß der 
Einzelne sein Ichideal aufgibt und es gegen das im 
Führer verkörperte Massenideal vertauscht. Das Wunder, 
dürfen wir berichtigend hinzufügen, ist nicht in allen 
Fällen gleich groß. Die Sonderung von Ich und Ich- 
ideal ist bei vielen Individuen nicht weit vorgeschritten, 
die beiden fallen noch leicht zusammen, das Ich hat 
sich oft die frühere narzißtische Selbstgefälligkeit be- 
wahrt. Die Wahl des Führers wird durch dies Verhältnis 
sehr erleichtert. Er braucht oft nur die typischen Eigen- 
schaften dieser Individuen in besonders scharfer und 
reiner Ausprägung zu besitzen und den Eindruck größerer 
Kraft und Ubidinöser Freiheit zu machen, so kommt 
ihm das Bedürfnis nach einem starken Oberhaupt ent- 
gegen und bekleidet ihn mit der Übermacht, auf die 
er sonst vielleicht keinen Anspruch hätte. Die anderen, 
deren Ichideal sich in seiner Person sonst nicht ohne 
Korrektur verkörpert hätte, werden dann ,, suggestiv", 
d. h. durch Identifizierung mitgerissen. 

Wir erkennen, was wir zur Aufklärung der libidi- 
nösen Struktur einer Masse beitragen konnten, führt 
sich auf die Unterscheidung des Ichs vom Ichideal und 
auf die dadurch ermöglichte doppelte Art der Bindung 
' — Identifizierung und Einsetzung des Objekts an die 
Stelle des Ichideals — zurück. Die Annahme einer 
solchen Stufe im Ich als erster Schritt einer Ichanalyse 

Frend: Massenpsychologie nad Ich-Analyse 7 



1 






98 Masscnpsyckologie und Ich-Analyse 



muß ihre Rechtfertigung allmählich auf den verschie- 
densten Gebieten der Psychologie erweisen. In meiner 
Schrift „Zur Einführung des Narzißmus"' habe ich zu- 
sammengetragen, was sich zunächst von pathologischem 
Material zur Stütze dieser Sonderung verwerten Heß. 
Aber man darf erwarten, daß sich ihre Bedeutung bei 
weiterer Vertiefung in die Psychologie der Psychosen 
als eine viel größere enthüllen wird. Denken wir daran, 
daß das Ich nun in die Beziehung eines Objekts zu 
dem aus ihm entwickelten Ichideal tritt, und daß mög- 
licherweise alle Wechselwirkungen, die wir zwischen 
äußerem Objekt und Gesamt-Ich in der Neurosenlehre 
kennen gelernt haben, auf diesem neuen Schauplatz 
innerhalb des Ichs zur Wiederholung kommen. 

Ich will hier nur einer der von diesem Standpunkt 
aus möglichen Folgerungen nachgehen und damit die 
Erörterung eines Problems fortsetzen, das ich an anderer 
Stelle ungelöst verlassen mußte/ Jede der seelischen 
Differenzierungen, die uns bekannt geworden sind, stellt 
eine neue Erschwerung der seelischen Funktion dar, 1 

steigert deren Labilität und kann der Ausgangspunkt 
eines Versagens der Funktion, einer Erkrankung werden. d| 
So haben wir mit dem Geborenwerden den Schritt vom ^ 



i) Jahrbuch für Psychoanalyse, VI, 1914. — Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge. 

2) Trauer und Melancholie. Internationale Zeitschrift für Psycho- 
analyse, IV, 1916/18. — Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre, 4. Folge. 



; 



1 




XL Eine Stufe im Ick 99 

absolut selbstgenügsamen Narzißmus zur Wahrnehmung 
; einer veränderlichen Außenwelt und zum Beginn der 
* Objektfindung gemacht, und damit ist verknüpft, daß 
wir den neuen Zustand nicht dauernd ertragen, daß 
wir ihn periodisch rückgängig machen und im Schlaf 
zum früheren Zustand der Reizlosigkeit und Objekt- 
vermeidung zurückkehren. Wir folgen dabei allerdings 
einem Wink der Außenwelt, die uns durch den perio- 
dischen Wechsel von Tag und Nacht zeitweilig den 
größten Anteil der auf uns wirkenden Reize entzieht. 
Keiner ähnlichen Einschränkung ist das zweite, für die 
Pathologie bedeutsamere Beispiel unterworfen. Im Laufe 
unserer Entwicklung haben wir eine Sonderung unseres 
seelischen Bestandes in ein kohärentes Ich und ein 
außerhalb dessen gelassenes, unbewußtes Verdrängtes 
vorgenommen, und wir wissen, daß die Stabilität dieser 
Neuerwerbung beständigen Erschütterungen ausgesetzt 
ist. Im Traum und in der Neurose pocht dieses Aus- 
geschlossene um Einlaß an den von Widerständen be- 
wachten Pforten, und in wacher Gesundheit bedienen 
wir uns besonderer Kunstgriffe, um das Verdrängte 
mit Umgehung der Widerstände und unter Lustgewinn 
zeitweilig in unser Ich aufzunehmen. Witz und Humor, 
zum Teil auch das Komische überhaupt, dürfen in 
diesem Licht betrachtet werden. Jedem Kenner der 
Neurosenpsycholögie werden ähnliche Beispiele von ge- 
ringerer Tragweite einfallen, aber ich eile zu der be- 
absichtigten Anwendung. 

7* 



100 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Es wäre gut denkbar, daß auch die Scheidung des 
Ichideals vom Ich nicht dauernd vertragen wird und 
sich zeitweilig zurückbilden muß. Bei allen Verzichten 
und Einschränkungen, die dem Ich auferlegt werden, 
ist der periodische Durchbruch der Verbote Regel, wie 
ja die Institution der Feste zeigt, die ursprünglich 
nichts anderes sind als vom Gesetz gebotene Exzesse 
und dieser Befreiung auch ihren heiteren Charaliter 
verdanken.' Die Saturnalien der Römer und unser 
heutiger Karneval treffen in diesem wesentlichen Zug 
mit den Festen der Primitiven zusammen, die in Aus- 
schweifungen jeder Art mit Übertretung der sonst 
heiligsten Gebote auszugehen pflegen. Das Ichideal 
umfaßt aber die Summe aller Einschränkungen, denen 
das Ich sich fügen soll, und darum müßte die Ein- 
ziehung des Ideals ein großartiges Fest für das Ich 
sein, das dann wieder einmal mit sich selbst zufrieden 
sein dürfte." 

Es kommt immer zu einer Empfindung von Triumph, 
wenn etwas im Ich mit dem Ichideal zusammenfällt. 
Als Ausdruck der Spannung zwischen Ich und Ideal 
kann auch das Schuldgefühl (und Minderwertigkeits- 
gefühl) verstanden werden. 



i) Totem und Tabu. 

2) Trotter läßt die Verdrängung vom Herdentrieb ausgehen. 
Es ist eher eine Übersetzung in eine andere Ausdrucksweise als 
ein Widerspruch, wenn ich in der „Einführung des Narzißmus" 
gesagt habe: die Idealbitdung wäre von selten des Ichs die Be- 
dingung der Verdrängung. 



*^. 



1' ' 



XL Eine Stufe im Ich lOi 



Es gibt bekanntlich Menschen, bei denen das All- 
gemeingefühl der Stimmung in periodischer Weise 
schwankt, von einer übermäßigen Gedrücktheit durch 
einen gewissen Mittelzustand zu einem erhöhten Wohl- 
befinden, und zwar treten diese Schwankungen in sehr 
verschieden großen Amplituden auf, vom eben Merk- 
lichen bis zu jenen Extremen, die als Melancholie und 
Manie höchst qualvoll oder störend in das Leben 
der Betroffenen eingreifen. In t>'pischen Fällen dieser 
zyklischen Verstimmung scheinen äußere Veranlassungen 
keine entscheidende Rolle zu spielen; von inneren 
Motiven findet man bei diesen Kranken nicht mehr 
oder nichts anderes als bei allen anderen. Man hat sich 
deshalb gewöhnt, diese Fälle als nicht psychogene zu 
beurteilen. Von anderen, ganz ähnlichen Fällen zykli- 
scher Verstimmung, die sich aber leicht auf seelische 
Traumen zurückführen, soll später die Rede sein. 

Die Begründung dieser spontanen Stimmungs- 
schwankungen ist also unbekannt; in den Mechanismus 
der Ablösung einer Melancholie durch eine Manie fehlt 
uns die Einsicht. Somit waren dies die Kranken, für 
■welche unsere Vermutung Geltung haben könnte, daß 
ihr Ichideal zeitweilig ins Ich aufgelöst wird, nachdem 
es vorher besonders strenge regiert hat. 

Halten wir zur Vermeidung von Unklarheiten fest: l! 

Auf dem Boden unserer Ichanalyse ist es nicht zweifei- ; ■ 

haft, daß beim Manischen Ich und Ichideal zusammen- - }; 

geflossen sind, so daß die Person sich in einer durch , \ 



- 1 



■"- 1 fl"!" L . - l -jjg. ' 



I02 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



keine Selbstkritik gestörten Stimmung von Triumph und 
Selbstbeglücktheit des Wegfalls von Hemmungen, Rück- 
sichten und Selbstvorwürfen erfreuen kann. Es ist minder 
evident, aber doch recht wahrscheinlich, daß das Elend f\ 

des Melancholikers der Ausdruck eines scharfen Zwie- ' \ 

Spalts zwischen beiden Instanzen des Ichs ist, in dem ' * 

das übermäßig empfindliche Ideal seine Verurteilung 
des Ichs im Kleinheitswahn und in der Selbsterniedrigung 
schonungslos zum Vorschein bringt. In Frage steht nur, 
ob man die Ursache dieser veränderten Beziehungen 
zwischen Ich und Ichideal in den oben postuHerten 
periodischen Auflehnungen gegen die neue Institution 
suchen, oder andere Verhältnisse dafür verantwortlich ., 

machen soll. 

Der Umschlag in Manie ist kein notwendiger Zug 
im Krankheitsbild der melancholischen Depression. Es 
gibt einfache, einmalige und auch periodisch wieder- 
holte Melancholien, welche niemals dieses Schicksal 
haben. Anderseits gibt es Melancholien, bei denen die 
Veranlassung offenbar eine ätiologische Rolle . spielt. 
Es sind die nach dem Verlust eines geliebten Objekts, 
sei es durch den Tod desselben oder infolge von Um- 
ständen, die zum Rückzug der Libido vom Objekt 
genötigt haben. Eine solche psychogene Melancholie i 

kann ebensowohl in Manie ausgehen und dieser Zyklus 
mehrmals wiederhoh werden wie bei einer anscheinend 
spontanen. Die Verhältnisse sind also ziemlich undurch- 
sichtig, zumal da bisher. nur wenige Formen und Fälle 



r 



XL Eine Stufe im Ich 103 



von Melancholie der psychoanalytischen Untersuchung 
unterzogen worden sind.' Wir verstehen bis jetzt nur 
jene Fälle, in denen Jas^ßbiekt, aufgegeben ^w^^^^ 
weil es sich der^Uebe unwürdig_g^^^^ 
w^rd. daim durch IdenSzierung im Ich 'wied^^_,^;j{;^ 
gerichtet und vom Ichideal streng gerichtet. Die Vor- 
wurfe und "Ägressiönäi " gepn"liäs t^^ als 
melancholische Selbstvorwürfe zum Vorschein." 

Auch an eine solche Melancholie kann sich der Um- 
schlag in Manie anschließen, so daß diese Möglichkeit 
einen von den übrigen Charakteren des Krankheitsbildes 
unabhängigen Zug darstellt. 

Ich sehe indes keine Schwierigkeit, das Moment der 
periodischen Auflehnung des Ichs gegen das Ichideal für 
beide Arten der Melancholien, die psychogenen wie die 
spontanen, in Betracht kommen zu lassen. Bei den spon- 
tanen kann man annehmen, daß das Ichideal zur Entfal- 
tung einer besonderen Strenge neigt, die dann automa- 
tisch seine zeitweilige Aufhebung zur Folge hat. Bei den 
psychogenen würde das Ich zur Auflehnung gereizt durch 
die Mißhandlung von selten seines Ideals, die es im Fall 
der Identifizierung mit einem verw'orfenen Objekt erfährt. 

i) Vgl. Abraham, Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung 
und Behandlung des manisch-depressiven Irreseins etc., 1912, in 
„Klinische Beiträge zur Psychoanalyse" 1921. 

2) Genauer gesagt: sie v_erbergen sich hinte^^^ 
_^gen'' dal'' eigene" ich, verleihet ihnen die Festigkeit, Z'^igkeit 
und"Unabw^isbaÄ;;;d^^ 
Melancholiker auszeichnen. 



XII 
NACHTRÄGE 

Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem 
vorläufigen Abschluß gekommen ist, haben sich uns 
verschiedene Nebenwege eröffnet, die wir zuerst ver- 
mieden haben, auf denen uns aber manche nahe Ein- 
sicht winkte. Einiges von dem so Zurückgestellten wollen 
wir nun nachholen. 

A. Die Unterscheidung von Ichidentifizierung und 
Ichidealersetzung durch das Objekt findet eine inter- 
essante Erläuterung an den zwei großen künstlichen 
Massen, die wir eingangs studiert haben, dem Heer 
und der christlichen Kirche. 

Es ist evident, daß der Soldat seinen Vorgesetzten, 
also eigentlich den Armeeführer, zum Ideal nimmt, 
während er sich mit seinesgleichen identifiziert und 
aus dieser Ichgemeinsamkeit die Verpflichtungen der 
Kameradschaft zur gegenseitigen Hilfeleistung und Güter- 
teilung ableitet. Aber er wird lächerlich, wenn er sich 
mit dem Fcldherrn identifizieren will. Der Jäger in 
Wallensteins Lager verspottet darob den Wachtmeister: 
Wie er räuspert und wie er spuckt, 
Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt! . . . 



XII. Nachträge 105 



Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ 
liebt Christus als sein Ideal und fühlt sich den anderen 
Christen durch Identifizierung verbunden. Aber die 
Kirche fordert von ihm mehr. Er soll überdies sich mit 
Christus identifizieren und die anderen Christen lieben, 
wie Christus sie geliebt hat. Die Kirche fordert also 
an beiden Stellen die Ergänzung der durch die Massen- 
bildung gegebenen Libidoposition. Die Identifizierung 
soll dort hinzukommen, wo die Objektwahl stattgefunden 
hat, und die Objektliebe dort, wo die Identifizierung 
besteht. Dieses Mehr geht offenbar über die Konsti- 
tution der Masse hinaus. Man kann ein guter Christ 
sein und doch könnte einem die Idee, sich an Christi 
Stelle zu setzen, wie er alle Menschen liebend zu um- 
fassen ferne liegen. Man braucht sich ja nicht als 
schwacher Mensch die Seelengröße und Liebesstärke 
des Heilands zuzutrauen. Aber diese Weiterentwicklung 
der Libidoverteilung in der Masse ist wahrscheinlich 
das Moment, auf welches das Christentum den An- 
spruch gründet, eine höhere Sittlichkeit gewormen zu 

haben. 

B. Wir sagten, es wäre möghch, die Stelle in der 
seelischen Entwicklung der Menschheit anzugeben, an 
der sich auch für den Einzelnen der Fortschritt von 
der Massen- zur Individualpsychologie vollzog.' 

i) Das hier folgende steht unter dem Einflüsse eines Gedanken- 
austausches mit Otto Rank. (Siehe „Die Don Juan-Gestalt", Imago, 

vin. 2. 1922). 



ro6 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaft- 
lichen Mythus vom Vater der Urhorde zurückgreifen. 
Er wurde später zum Weltschöpfcr erhöht, mit Recht, 
denn er hatte alle die Söhne erzeugt, welche die erste 
Masse zusammensetzten. Er war das Ideal jedes ein- 
zelnen von ihnen, gleichzeitig gefürchtet und verehrt, 
was für später den Begriff des Tabu ergab. Diese 
Mehrheit faßte sich einmal zusammen, tötete und zer- 
stückelte ihn. Keiner der Massensieger konnte sich an 
seine Stelle setzen, oder wenn es einer tat, erneuerten 
sich die Kämpfe, bis sie einsahen, daß sie alle auf die 
Erbschaft des Vaters verzichten mußten. Sie bildeten 
dann die totemistische Brüdergemeinschaft, alie mit 
gleichem Rechte und durch die Totemverbote gebunden, 
die das Andenken der Mordtat erhalten und sühnen 
sollten. Aber die Unzufriedenheit mit dem Erreichten 
blieb und wurde die Quelle neuer Entwicklungen. All- 
mählich näherten sich die zur Brudermasse Verbundenen 
einer Herstellung des alten Zustandes auf neuem Niveau, 
der Mann wurde wiederum Oberhaupt einer Familie und 
brach die Vorrechte der Frauenherrschaft, die sich in 
der vaterlosen Zeit festgesetzt hatte. Zur Entschädigung 
mag er damals die Muttergottheiten anerkannt haben, 
deren Priester kastriert wurden zur Sicherung der Mutter 
nach dem Beispiel, das der Vater der Urhorde gegeben 
hatte; doch war die neue Familie nur ein Schatten 
der alten, der Väter waren viele und jeder durch die 
Rechte des anderen beschränkt. 



XII. Nachträge 107 

Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen 
Einzelnen bewogen haben, sich von der Masse loszulösen 
und sich in die Rolle des Vaters zu versetzen. Wer 
dies tat, war der erste epische Dichter, der Fortschritt 
wurde in seiner Phantasie vollzogen. Dieser Dichter log 
die Wirklichkeit um im Sinne seiner Sehnsucht. Er 
erfand den heroischen Mythus. Heros war, wer allein 
den Vater erschlagen hatte, der im Mythus noch als 
totemistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das 
erste Ideal des Knaben gewesen war, so schuf jetzt 
der Dichter im Heros, der den Vater ersetzen will, 
das erste Ichideal. Die Anknüpfung an den Heros bot 
wahrscheinlich der jüngste Sohn, der Liebling der Mutter, 
den sie vor der väterlichen Eifersucht beschützt hatte, 
und der in Urhordenzeiten der Nachfolger des Vaters 
geworden war. In der lügenhaften Umdichtung der 
Urzeit wurde das Weib, das der Kampfpreis und die 
Verlockung des Mordes gewesen war, wahrscheinlich 
zur Verführerin und Anstifterin der Untat. 

Der Heros will die Tat allein vollbracht haben, 
deren sich gewiß nur die Horde als Ganzes getraut 
hatte. Doch hat nach einer Bemerkung von Rank das 
Märchen deutliche Spuren des verleugneten Sachverhalts 
bewahrt. Denn dort kommt es häufig vor, daß der Held, 
der eine schwierige Aufgabe zu lösen hat — meist ein 
jüngster Sohn, nicht selten einer, der sich vor dem 
Vatersurrogat dumm, d. h. ungefährlich gestellt hat — 
diese Aufgabe doch nur mit Hilfe einer Schar von 



iq8 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



kleinen Tieren (Bienen, Ameisen) lösen kann. Dies 
wären die Brüder der Urhorde, wie ja auch in der 
Traumsymbolik Insekten, Ungeziefer die Geschwister 
(verächtlich: als kleine Kinder) bedeuten, jede der Auf- 
gaben in Mythus und Märchen ist überdies leicht als 
Ersatz der heroischen Tat zu erkennen. 

Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Ein- 
zelne aus der Massenpsychologie austritt. Der erste 
Mythus war sicherlich der psychologische, der Heroen- 
mythus; der erklärende Naturmythus muß weit später 
aufgekommen sein. Der Dichter, der diesen Schritt 
getan und sich so in der Phantasie von der Masse 
gelöst hatte, weiß nach einer weiteren Bemerkung von 
Rank doch in der Wirklichkeit die Rückkehr zu ihr 
zu finden. Denn er geht hin und erzählt dieser Masse 
die Taten seines Helden, die er erfunden. Dieser Held 
ist im Grunde kein anderer als er selbst. Er senkt sich 
somit zur Realität herab imd hebt seine Hörer zur 
Phantasie empor. Die Hörer aber verstehen den Dichter, 
sie können sich auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen 
Beziehung zum Urvater mit dem Heros identifizieren. ' 

Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt in der Ver- 
gottung des Heros. Vielleicht war der vergottete Heros 
früher als der Vatergott, der Vorläufer der V^ieder- 
kehr des Urvaters als Gottheit. Die Götterreihe liefe 



i) Vgl. Hanns Sachs, Gemeinsame Tag-träume, Autoreferat ■! 

eines Vortrags auf dem VI. psychoanalytischen Kongreß im Haag, j 

1920. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI, 1920. ' 



XI L Nachträge 109 



, s. 



■c 



dann chronologisch so: Muttergöttin— Heros— Vatergott. 
Aber erst mit der Erhöhung des nie vergessenen Ur- 
vaters erhielt die Gottheit die Züge, die wir noch heute 

an ihr kennen.' 

C. Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten 
i. und von zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und 

I dürfen hoffen, daß diese Unterscheidung nicht auf großen 

Widerstand stoßen wird. Doch wird eine eingehende 
Erörterung darüber nicht unwillkommen sein, selbst 
wenn sie nur wiederholt, was zum großen Teil bereits 
an früheren Stellen gesagt worden ist. 

Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter 
Sexualtriebe hat uns die Libidoentwicklung des Kindes 
kennen gelehrt. Alle die Gefühle, welche das Kind für 
seine Eltern und Pflegepersonen empfindet, setzen sich 
ohne Schranke in die Wünsche fort, welche dem Sexual- 
streben des Kindes Ausdruck geben. Das Kind ver- 
langt von diesen geliebten Personen alle Zärtlichkeiten, 
die ihm bekannt sind, will sie küssen, berühren, be- 
schauen, ist neugierig, ihre Genitalien zu sehen und bei 
ihren intimen Exkretionsverrichtungen anwesend zu sein, 
es verspricht, die Mutter oder Pflegerin zu heiraten, 
was immer es sich darunter vorstellen mag, setzt sich 
vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw. Direkte 
Beobachtung sowie die nachträgliche analytische Durch- 

i)In dieser abgekürzten Darstellung ist auf alles Material 
aus Sage, Mythus, Märchen, Sittengeschichte usw. zur Stütze der 
Konstruktion verzichtet worden. 






iio Massenpsychologie und Ich-Analyse 

leuchtung der Kindheitsreste lassen über das unmittel- 
bare Zusammenfließen zärtHcher und eifersüchtiger Ge- 
fühle und sexueller Absichten keinen Zweifel und legen 
uns dar, in wie gründlicher Weise das Kind die geliebte 
Person zum Objekt aller seiner noch nicht richtig zen- 
trierten Sexualbestrebungen macht. (Vgl. Sexualtheorie.) 
Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch 
dem Ödipuskomplex zugeordnet ist, erliegt dann, wie 
bekannt, vom Beginn der Latenzzeit an einem Ver- 
drängungsschub. Was von ihr erübrigt, zeigt sich uns 
als rein zärtliche Gefühlsbindung, die denselben Personen 
gilt, aber nicht mehr als „sexuell" bezeichnet werden 
soll. Die Psychoanalyse, welche die Tiefen des Seelen- 
iebens durchleuchtet, hat es nicht schwer aufzuweisen, 
daß auch die sexuellen Bindungen der ersten Kinder- 
jahre noch fortbestehen, aber verdrängt und unbewußt. 
Sie gibt uns den Mut zu behaupten, daß überall, wo 
wir ein zärtliches Gefühl begegnen, dies der Nachfolger 
einer voll,,sinnlichen*' Objektbindung an die betreffende 
Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann uns 
freilich nicht ohne besondere Untersuchung verraten, 
ob diese vorgängige sexuelle Vollströmung in einem 
gegebenen Fall noch als verdrängt besteht oder ob 
sie bereits aufgezehrt ist. Um es noch schärfer zu 
fassen: es steht fest, daß sie als Form und Möglichkeit 
noch vorhanden ist und jederzeit wieder durch Regressoin 
besetzt, aktiviert werden kann; es fragt sich nur und 
ist nicht immer zu entscheiden, welche Besetzung und 



-1 



XII. Nachträge 1 1 1 



Wirksamkeit sie gegenwärtig noch hat. Man muß sich 
hierbei gleichmäßig vor zwei Fehlerquellen in Acht 
nehmen, vor der Scylla der Unterschätzung des ver- 
drängten Unbewußten, wie vor der Charybdis der 
Neigung, das Normale durchaus mit dem Maß des 
Pathologischen zu messen. 

Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrängten 
nicht durchdringen will oder kann, stellen sich die 
zärtlichen Gefühlsbindungen jedenfalls als Ausdruck von 
Strebuncen dar, die nicht nach dem Sexuellen zielen, 
wenngleich sie aus solchen, die danach gestrebt haben, 
hervorgegangen sind.* 

Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen \ 

sexuellen Zielen abgelenkt worden, wenngleich es seine li 

Schwierigkeiten hat, in der Darstellung einer solchen \ 

Zielablenkung den Anforderungen der Metapsychologie 
zu entsprechen. Übrigens halten diese zielgehemmten 
Triebe immer noch einige der ursprünglichen Sexualziele . 
festj auch der zärtlich Anhängliche, auch der Freund, 
der Verehrer sucht die körperliche Nähe und den Anblick 
der nur mehr im „paulinischen" Sinne geliebten Person. 
Wenn wir es wollen, können wir in dieser Zielablenkung 
einen Beginn von Sublimierung der Sexualtriebe an- 
erkennen oder aber die Grenze für letztere noch ferner 
stecken. Die zielgehemmten Sexualtriebe haben vor den 



i) Die feindseligen Gefühle sind gewiß um ein Stück kompli- 
zierter aufgebaut 



TP 



1 1 2 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

ungehemmten einen großen funktionellen Vorteil. Da sie 
einer eigentlich vollen Befriedigung nicht fähig sind, 
eignen sie sich besonders dazu, dauernde Bindungen zu 
schaffen, während die direkt sexuellen jedesmal durch 
die Befriedigung ihrer Energie verlustig werden und 
auf Erneuerang durch Wicderanliäufung der sexuellen 
Libido warten müssen, wobei inzwischen das Objekt 
gewechselt werden kann. Die gehemmten Triebe sind 
jedes Maßes von Vermengung mit den ungehemmten 
fähig, können sich in sie rückverwandeln, wie sie aus 
ihnen hervorgegangen sind. Es ist bekannt, wie leicht 
sich aus Gefühlsbeziehungen freundschaftlicher Art, auf 
Anerkennung und Bewunderung gegründet, erotische 
Wünsche entwickeln (das Moliere'sche: Embrassez-moi 
pour l'amour du Grec), zwischen Meister und Schülerin, 
Künstler und entzückter Zuhörerin, zumal bei Frauen, 
ja die Entstehung solcher zuerst absichtsloser Gefühls- 
bindungen gibt direkt einen viel begangenen Weg zur 
sexuellen Objektwahl. In der „Frömmigkeit des Grafen 
von Zinzendorf*' hat Pfister ein überdeuüiches, gewiß 
nicht vereinzeltes Beispiel dafür aufgezeigt, wie nahe 
es liegt, daß auch intensive religiöse Bindung in brünstige 
sexuelle Erregung zurückschlägt. Anderseits ist auch 
die Umwandlung direkter, an sich kurzlebiger, sexueller 
Strebungen in dauernde, bloß zärtliche Bindung etwas 
sehr gewöhnliches und die Konsolidierung einer aus 
verliebter Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu 
einem großen Teil auf diesem Vorgang. 



XII. Nachträge 1 1 3 



Es wird uns natürlich nicht verwundern zu hören, 
daß die zielgehemmten Sexualstrebungen sich aus den 
direkt sexuellen dann ergeben, wenn sich der Erreichung 
der Sexualziele innere oder äußere Hindernisse entgegen- 
stellen. Die Verdrängung der Latenzzeit ist ein solches 
inneres — oder besser: innerlich gewordenes — Hindernis. 
Vom Vater der Urhorde haben wir angenommen, daß 
er durch seine sexuelle Intoleranz alle Söhne zur Ab- 
stinenz nötigt und sie so in zielgehemmte Bindungen 
drängt, während er selbst sich freien Sexualgenuß vor- 
behält und somit ungebunden bleibt. Alle Bindungen, 
auf denen die Masse beruht, sind von der Art der 
■ zielgehemmten Triebe. Damit aber haben wir uns der 
Erörterung eines neuen Themas genähert, welches die 
. Beziehung der direkten Sexualtriebe zur Massenbildung 
behandelt. 

D. Wir sind bereits durch die beiden letzten Be- 
merkungen darauf vorbereitet zu finden, daß die direkten 
Sexualstrebungen der Massenbildung ungünstig sind. Es 
hat zwar auch in der Entwicklungsgeschichte der Familie 
Massenbeziehungen der sexuellen Liebe gegeben (die 
Gruppenehe), aber je bedeutungsvoller die Geschlechts- 
liebe für das Ich wurde, je mehr Verliebtheit sie ent- 
wickelte, desto eindringlicher forderte sie die Einschrän- 
kung auf zwei Personen — una cum uno — die durch 
die Natur des Genitalziels vorgezeichnet ist. Die poly- 
f gamen Neigungen wurden darauf angewiesen, sich im 

Nacheinander des Objekt wechseis zu befriedigen. 

Freud: Maasenpsychologie und Ich-Analyse 8 



I. 



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f- 






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f. 



114 Massenpsychologie und Ich-A?ialyse .. 

«1 ■ 
Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung auf- 'ii 

einander angewiesenen Personen demonstrieren gegen 
den Herdentrieb, das Massengefühl» indem sie die Ein- 
samkeit aufsuchen. Je verliebter sie sind,- desto voll- 
kommener genügen sie einander. Die Ablehnung des 
Einflusses der Masse äußert sich als vSchamgefühl. Die 
äußerst heftigen Gefühlsregungen der Eifersucht werden 
aufgeboten, um die sexuelle Objektwahl gegen die Be- 
einträchtigung durch eine Massenbindung zu schützen. 
Nur wenn der zärtliche, also persönliche Faktor der 
Liebesbeziehung völlig hinter den sinnlichen zurücktritt, 
wird der Liebesverkehr eines Paares in Gegenwart 
anderer oder gleichzeitige Sexuälakte innerhalb einer 
Gruppe wie bei der Orgie möglich. Damit ist aber eine 
Regression zu einem frühen Zustand der Geschlechts- 
beziehungen gegeben, in dem die Verliebtheit noch 
keine Rolle spielte, die Sexualobjekte einander gleich- 
wertig erachtet wurden, etwa im Sinne von dem bösen 
Wort Bernard Shaw's: Verliebtsein heiße, den Unter- 
schied zwischen einem Weib und einem anderen un- 
gebührlich überschätzen. 

Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden, daß 
die Verliebtheit erst spät in die Sexualbeziehungen 
zwischen Mann und Weib Eingang fand, so daß auch 
die Gegnerschaft zwischen Geschlechtsliebc und Massen- 
bindung eine spät entwickelte ist. Nun kann es den 
Anschein haben, als ob diese Annahme unverträglich 
mit unserem Mythus von der Urfamilie wäre. Die Brüder- 






XII. Nachträge 1 1 5 



;" schar soll doch durch die Liebe zu den Müttern und 

Schwestern zum Vatermord getrieben worden sein, und 
es ist schwer, sich diese Liebe anders denn als eine 
ungebrochene, primitive, d. h. als innige Vereinigung 
!' ■ von zärtlicher und sinnhcher vorzustellen. Allein bei 

', weiterer Überlegung löst sich dieser Einwand in eine 

' Bestätigung auf. Eine der Reaktionen auf den Vater- 

mord war doch die Einrichtung der totemistischen 
Exogamie, das Verbot jeder sexuellen Beziehung mit 
den von der Kindheit an zärtlich geliebten Frauen der 
;■ Familie. Damit war der Keil zwischen die zärtlichen 

und sinnlichen Regungen des Mannes eingetrieben, der 
heute noch in seinem Liebesleben festsitzt." Infolge dieser 
■ Exogamie mußten sich die sinnlichen Bedürfnisse der 
' ■ Männer mit fremden und ungeliebten Frauen begnügen. 

■ In den großen künstlichen Massen, Kirche und Heer, 
' ist für das Weib als Sexualobjekt kein Platz. Die Liebes- 
beziehung zwischen Mann und Weib bleibt außerhalb 
dieser Organisationen. Auch wo sich Massen bilden, 

■ die aus Männern und Weibern gemischt sind, spielt 
der Geschlechtsunterschied keine Rolle, Es hat kaum 
einen Sinn zu fragen, ob die Libido, welche die Massen 

■ ■ zusammenhält, homosexueller oder heterosexueller Natur 
! . • ist, denn sie ist nicht nach den Geschlechtern differenziert 
'■ und sieht insbesondere von den Zielen der Genital- 
organisation der Libido völlig ab. 

: i) S. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, 

1912, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge. 

8* 



Iiö Massenpsychologie und Ich- Analyse 

Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch für 
das sonst in der Masse aufgehende Einzelwesen ein 
Stück individueller Betätigung. Wo sie überstark werden, 
zersetzen sie jede Massenbildung. Die katholische Kirche 
hatte die besten Motive, ihren Gläubigen die Ehelosigkeit 
zu empfehlen und ihren Priestern das Zölibat aufzu- 
erlegen, aber die Verliebtheit hat oft auch Geistliche 
zum Austritt aus der Kirche getrieben. In gleicher 
Weise durchbricht die Liebe zum Weibe die Massen- 
bindungen der Rasse, der nationalen Absonderung und 
der sozialen Klassenordnung und vollbringt damit kulturell 
wichtige Leistungen. Es scheint gesichert, daß sich die 
homosexuelle Liebe mit den Massenbindungen weit 
besser verträgt, auch wo sie als ungehemmte Sexual- 
strebung auftritt; eine merkwürdige Tatsache, deren 
Aufldärung weit führen dürfte. 

Die psychoanalytische Untersuchung der Psycho- 
neurosen hat uns gelehrt, daß deren Symptome von 
verdrängten, aber aktiv gebliebenen direkten Sexual- 
strebungen abzuleiten sind. Man kann diese Formel 
vervollständigen, wenn man hinzufügt : oder von solchen 
ziel gehemmten, bei denen die Hemmung nicht durch- 
gehends gelungen ist oder einer Rückkehr zum ver- 
drängten Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem 
Verhältnis entspricht, daß die Neurose asozial macht, 
den von ihr Betroffenen aus den habituellen Massen- 
bildungen heraushebt. Man kann sagen, die Neurose 
wirkt in ähnlicher Weise zersetzend auf die Masse wie 



XIL Nachträge 117 



die Verliebtheit. Dafür kann man sehen, daß dort, wo 
ein kräftiger Anstoß zur Massenbildung erfolgt ist, die 
Neurosen zurücktreten und wenigstens für eine Zeit- 
lang schwinden 'können. Man hat auch mit Recht ver- 
sucht, diesen Widerstreit von Neurose und Massen- 
bildung therapeutisch zu verwerten. Auch wer das 
Schwinden der religiösen Illusionen in der heutigen 
Kulturwelt nicht bedauert, wird zugestehen, daß sie 
den durch sie Gebundenen den stärksten Schutz gegen 
die Gefahr der Neurose boten, so lange sie selbst 
noch in Kraft waren. Es ist auch nicht schwer, in all 
den Bindungen an mystisch-religiöse oder philosophisch- 
mystische Sekten und Gemeinschaften den Ausdruck 
von Schief h eil ungen mannigfaltiger Neurosen zu er- 
kennen. Das alles hängt mit dem Gegensatz der 
direkten und zielgehemmten Sexualstrebungen zu- 
sammen. 

Sich selbst überlassen ist der Neurotiker genötigt, 
sich die großen Massenbildungen, von denen er aus- 
geschlossen ist, durch seine Symptombildungen zu er- 
setzen. Er schafft sich seine eigene Phantasiewelt, 
seine Religion, sein Wahnsystem und wiederholt so 
die Institutionen der Menschheit in einer Verzerrung, 
welche deutlich den übermächtigen Beitrag der direkten 
Sexualstrebungen bezeugt.' 



i) S. Totem und Tabu, zu Ende des Abschnitts II: Das 
Tabu und die Ambivalenz. 



1 1 8 Massenpsychologie und Jch-Analyse 

E. Fügen wir zum Schluß eine vergleichende 
Würdigung der Zustände, die uns beschäftigt haben, 
vom Standpunkt der Libidothcorie an, der Verliebt- 
heit, Hypnose, Massenbildung und der' Neurose. 

Die Verliebtheit beruht auf dem gleichzeitigen 
Vorhandensein von direkten und von zielgehemmten 
Sexualstrebungen, wobei das Objekt einen Teil der 
narzißtischen Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum 
für das Ich und das Objekt. 

Die Hypnose teilt mit der Verliebtheit die Ein- 
schränkung auf diese beiden Personen, aber sie be- 
ruht durchaus auf zielgehemmten Sexualstrebungen 
und setzt das Objekt an die Stelle des Ichideals. 

Die Masse vervielfältigt diesen Vorgang, sie stimmt 
mit der Hypnose in der Natur der sie zusammen- 
haltenden Triebe und in der Ersetzung des Ichideals 
durch das Objekt überein, aber sie fügt die Identi- 
fizierung mit anderen Individuen hinzu, die vielleicht 
ursprünglich durch die gleiche Beziehung zum Objekt 
ermöglicht wurde. 

Beide Zustände, Hypnose wie Massenbildung, sind 
Erb niederschlage aus der Phylogenese der mensch- 
lichen Libido, die Hypnose als Disposition, die Masse 
überdies als direktes Überbleibsel. Die Ersetzung der 
direkten Sexualstrebungen durch die zielgehemmten 
befördert bei beiden die Sonderung von Ich und Ich- 
ideal, zu der bei der Verliebtheit schon ein Anfang 
gemacht ist. 









Xll. Nachträge 1 1 9 



j" 



Die Neurose tritt aus dieser Reihe heraus. Auch 
sie beruht auf einer Eigentümlichkeit der menschlichen 
Libidoentwicklung, auf dem durch die Latenzzeit unter- 
brochenen, doppelten Ansatz der direkten Sexual- 
funktion. (S. Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, S. 96.) 
Insoferne teilt sie mit Hypnose und Massenbildung den 
Charakter einer Regression, welcher der Verliebtheit 
abgeht. Sie tritt überall dort auf, wo der Fortschritt 
von direkten zu zielgehemmten Sexualtrieben nicht 
voll geglückt ist, und entspricht einem Konflikt 
zwischen den ins Ich aufgenommenen Trieben, welche 
eine solche Entwicklung durchgemacht haben, und den 
Anteilen derselben Triebe, welche vom verdrängten 
Unbewußten her — ebenso wie andere völlig ver- 
drängte Triebregungen — nach ihrer direkten Befrie- 
digung streben. Sie ist inhaltlich ungemein reichhaltig, 
da sie alle möglichen Beziehungen zwischen Ich und 
Objekt umfaßt, sowohl die, in denen das Objekt bei- 
behalten als auch andere, in denen es aufgegeben 
oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso die 
Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem 
Ichideal. 



^. 



1 



INHALTSVERZEICHNIS: 

Seite 

I. Einleitung ^ 

n. Le Bon's Schilderung der Massenseele S 

III. Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens . . 22 

IV. Suggestion und Libido 3^ 

V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 40 

VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsrich tunken 51 

VII. Die Identifizierung 5^ 

VIU. Verliebtheit und Hypnose .68 

IX. Der Herdentrieb 77 

X. Die Masse und die Urhorde 8ö 

XI. Eine Stufe im Ich 9Ö 

Xn. Nachträge ^°^ 



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SIGM. FREUD 
Das Ich und das Es 



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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



":^ 



Das Ich und das Es 



von 



Sigm. Freud 



1. — 8. Tausend 




1925 
Intern^ationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig Wien . Zürich 



Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in alle Spracben, 

vorbehalten 

Copyright 1923 
by »Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien« 



Gedruckt bei K. Liebel, Wiap 






I 



INHALTSVERZEICHNIS 



f. Seite 

, Einleitung , 7 

*. " I, Bewußtsein und Unbewußtes 9 

>'. II. Das Ich und das Es 18 

t. ■ 

V 

^ III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 31 

IV. Die beiden Triebarten 48 

V. Die Abhängigkeiten des Ichs 60 






v. 



Nachstehende Erörterungen setzen Gedankengänge 
fort, die in meiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips 
1920 begonnen wurden, denen ich persönlich, wie dort 
erwähnt ist, mit einer gewissen wohlwollenden Neu- 
gierde gegenüber stand. Sie nehmen diese Gedanken 
auf, verknüpfen sie mit verschiedenen Tatsachen der 
analytischen Beobachtung, suchen aus dieser Vereinigung 
neue Schlüsse abzuleiten, machen aber keine neuen An- 
leihen bei der Biologie und stehen darum der Psycho- 
analyse näher als das „Jenseits'*. Sie tragen eher den 
Charakter einer Synthese als einer Spekulation und 
scheinen sich ein hohes Ziel gesetzt zu haben. Ich 
weiß aber, daß sie beim Gröbsten Halt machen, und 
bin mit dieser Beschränkung recht einverstanden. 

Dabei rühren sie an Dinge, die bisher noch nicht 
Gegenstand der psychoanalytischen Bearbeitung gewesen 
sind, und können es nicht vermeiden, manche Theorien 
zu streifen, die von Nicht-Analytikern oder ehemaligen 
Analytikern auf ihrem Rückzug von der Analyse auf- 
gestellt wurden. Ich bin sonst immer bereit gewesen, 
meine Verbindlichkeiten gegen andere Arbeiter anzu- 
erkennen, fühle mich aber in diesem Falle durch keine 



8 Das Ich und das Es 

solche Dankesschuld belastet. Wenn die Psychoanalyse 
gewisse Dinge bisher nicht gewürdigt hat, so geschah 
es nie darum, weil sie deren Leistung übersehen hatte 
oder deren Bedeutung verleugnen wollte, sondern weil 
sie einen bestimmten Weg verfolgt, der noch nicht so 
weit geführt hatte. Und endlich, wenn sie dahin ge- 
kommen ist, erscheinen ihr auch die Dinge anders als 
den anderen. 



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I 

BEWUSSTSEIN UND UNBEWUSSTES • 

In diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues 
zu sagen und die Wiederholung von früher oft Gesagtem 
nicht zu vermeiden. 

Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes 
und Unbewußtes ist die Grundvoraussetzung der Psycho- 
analyse und gibt ihr allein die Möglichkeit, die ebenso 
häufigen als wichtigen pathologischen Vorgänge im 
Seelenleben zu verstehen, der Wissenschaft einzuordnen. 
Nochmals und anders gesagt: die Psychoanal3'se kann 
das Wesen des Psychischen nicht ins Bewußtsein ver- 
legen, sondern muß das Bewußtsein als eine Qualität 
des Psychischen ansehen, die zu anderen Qualitäten 
hinzukommen oder wegbleiben mag. 

Wenn ich mir vorstellen könnte, daß alle an der 
Psychologie Interessierten diese Schrift lesen werden, 
so wäre ich auch daraut vorbereitet, daß schon an 
dieser Stelle ein Teil der Leser Halt macht und nicht 
weiter mitgeht, denn hier ist das erste Schibboleth 
der Psychoanalyse. Den meisten philosophisch Gebil- 






10 Das Ich und das Es 

deten ist die Idee eines Psychischen, das nicht auch 
bewußt ist, so unfaßbar, daß sie ihnen absurd und durch 
bloße Logik abweisbar erscheint. Ich glaube, dies kommt 
nur daher, daß sie die betreffenden Phänomene der 
Hypnose und des Traumes, welche — vom Patlio- 
logischen ganz abgesehen — zu solcher Auffassung 
zwingen, nie studiert haben. Ihre Bewußtseinspsycho- 
logie ist aber auch unfähig, die Probleme des Traumes 
und der Hypnose zu lösen, 

Bewußt sein ist zunächst ein rein deskriptiver Ter- 
minus, der sich auf die unmittelbarste und sicherste 
Wahrnehmung beruft. Die Erfahrung zeigt uns dann, 
daß ein psychisches Element, z. B. eine Vorstellung 
gewöhnlich nicht dauernd bewußt ist. Es ist vielmehr 
charakteristisch, daß der Zustand des Bewußtseins rasch 
vorübergeht; die jetzt bewußte Vorstellung ist es im 
nächsten Moment nicht mehr, allein sie kann es unter 
gewissen leicht hergestellten Bedingungen wieder werden. 
Inzwischen war sie, wir wissen nicht was; wir können 
sagen, sie sei latent gewesen, und meinen dabei, daß 
sie jederzeit bewußtseinsfähig war. Auch weim wir 
sagen, sie sei unbewußt gewesen, haben wir eine 
korrekte Beschreibung gegeben. Dieses Unbewußt fällt 
dann mit latent-bewußtseinsfähig zusammen. Die Philo- 
sophen würden uns zwar einwerfen: Nein, der Terminus 
unbewußt hat hier keine Anwendung, solange die Vor- 
stellung im Zustand der Latenz war, war sie überhaupt 
nichts Psychisches. Würden wir ihnen schon an dieser 



5. 

% 
t- 

* 



/. Bewußtsein und Unbetvußtes \ i 

Stelle widersprechen, so gerieten wir in einen Wort- 
streit, aus dem sich nichts gewinnen ließe. 

Wir sind aber zum Terminus oder Begriff des Un- 
bewußten auf einem anderen Weg gekommen, durch 
Verarbeitung von Erfahrungen, in denen die seelische 
Dynamik eine Rolle spielt. Wir haben erfahren, d. h. 
annehmen müssen, daß es sehr starke seelische Vor- 
gänge oder Vorstellungen gibt, — hier kommt zuerst ein 
quantitatives, also ökonomisches Moment in Betracht — 
die alle Folgen für das Seelenleben haben können wie 
sonstige Vorstellungen, auch solche Folgen, die wiederum 
als Vorstellungen, bewußt werden können, nur werden 
sie selbst nicht bewußt. Es ist nicht nötig, hier aus- 
führlich zu wiederholen, was schon so oft dargestellt 
worden ist. Genug, an dieser Stelle setzt die psycho- 
an^ytische Theorie ein und behauptet, daß solche Vor- 
stellungen nicht bewußt sein können, weil eine gewisse 
Kraft sich dem widersetzt, daß sie sonst bewußt werden 
könnten und daß man dann sehen würde, wie wenig sie sich 
von anderen anerkannten psychischen Elementen unter- 
scheiden. Diese Theorie wird dadurch unwiderleglich, 
daß sich in der psychoanalytischen Technik JVIittel ge- 
funden haben, mit deren Hilfe man die widerstrebende 
Kraft aufheben und die betreffenden Vorstellungen be- 
wußt machen kann. Den Zustand, in dem diese sich 
vor der Bewußtmachung befanden, heißen wir Ver- 
drängung, und die Kraft, welche die Verdrängung 
herbeigeführt und aufrecht gehalten hat, behaupten 



.1 



12 Das Ich und das Es 

wir während der analytischen Arbeit als Widerstand 
zu verspüren. 

Unseren Begriff des Unbewußten gewinnen wir also 
aus der Lehre von der Verdrängung. Das Verdrängte 
ist uns das Vorbild des Unbewußten. Wir sehen aber, 
daß wir zweierlei Unbewußtes haben, das latente, doch 
bewußtseins fähige und das Verdrängte, an sich und ohne 
weiteres nicht bewußtseinsfähige. Unser Einblick in 
die psychische Dynamik kann nicht ohne Einfluß auf 
Nomenklatur und Beschreibung bleiben. Wir heißen 
das Latente, das nur deskriptiv unbewußt ist, nicht im 
dynamischen Sinne, vorbewußt; den Namen un- 
bewußt beschränken wir auf das dynamisch unbewußte 
Verdrängte, so daß wir jetzt drei Termini haben, be- 
wußt {bw)^ vorbewußt [vbw) und unbewußt {ubw)^ 
deren Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Vöw^ 
nehmen wir an, steht dem Bw viel näher als das Ubzv 
und da wir das Ubw psychisch geheißen haben, werden 
wir es beim latenten Vbw umso unbedenklicher tun. 
Warum wollen wir aber nicht lieber im Einvernehmen 
mit den Philosophen bleiben und das Vbw wie das 
Ubw konsequenter Weise vom bewußten Psychischen 
trennen? Die Philosophen würden uns dann vorschlagen, 
das Vbw wie das Ubw als zwei Arten oder Stufen 
des Psychoiden zu beschreiben, und die Einigkeit 
wäre hergestellt. Aber unendliche Schwierigkeiten in 
der Darstellung wären die Folge davon und die einzig 
wichtige Tatsache, daß diese Psychoide fast in allen 



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I. Bewußtsein und Unbewußtes 1 3 

anderen Punkten mit dem anerkannt Psychischen über- 
einstimmen, wäre zu Gunsten eines Vorurteils in den 
I Hintergrund gedrängt, eines Vorurteils, das aus der Zeit 

stammt, da man diese Psychoide oder das Bedeut- 
samste von ihnen noch nicht kannte. 
^ Nun können wir mit unseren drei Terminis, bw^ 

'•: vbw und ubw^ bequem wirtschaften, wenn wir nur nicht 

'V vergessen, daß es im deskriptiven Sinne zweierlei 

r Unbewußtes gibt, im dynamischen aber nur eines. Für 

manche Zwecke der Darstellung kann man diese Unter- 
I Scheidung vernachlässigen, für andere ist sie natürlich 

unentbehrlich. Wir haben uns immerhin an diese Zwei- 
deutigkeit des Unbewußten ziemlich gewöhnt und sind 
gut mit ihr ausgekommen. Vermeiden läßt sie sich, 
soweit ich sehen kann, nicht; die Unterscheidung zwischen 
Bewußtem und Unbewußtem ist schließHch eine Frage 
\ der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein zu beantworten 

* ist, und der Akt der Wahrnehmung selbst gibt keine 

*" Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas wahr- 

genommen wird oder nicht wahrgenommen wird. Man 
darf sich nicht darüber beklagen, daß das Dynamische in 
' derErscheinungnur einen zweideutigen Ausdruck findet." 

1} Soweit vgl.: Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten. 
Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4- Folge. — 
^. Eine neuerliche Wendung in der Kritik des Unbewußten verdient 

^. an dieser Stelle gewürdigt zu werden. Manche Forscher, die sich 

\ der Anerkennung der psychoanalytischen Tatsachen nicht ver- 

'■j schließen, das Unbewußte aber nicht annehmen wollen, schaffen 

^ sich eine Auskunft mit Hilfe der unbestrittenen Tatsache, daß auch 



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I 



- W--^'- I .HUk.. 



14 



Das Ich und das Es 



Im weiteren Verlauf der psychoanalytischen Arbeit 
stellt sich aber heraus, daß auch diese Unterscheidungen 
unzulänglich, praktisch insuffizient sind. Unter den Situa- 
tionen, die das zeigen, sei folgende als die entscheidende 
hervorgehoben. Wir haben uns die Vorstellung von 
einer zusammenhängenden Organisation der seelischen 
Vorgänge in einer Person gebildet und heißen diese 
das Ich derselben. An diesem Ich hängt das Bewußt- 
sein, es beherrscht die Zugänge zur Motilität, d. i. : 
zur Abfuhr der Erregungen in die Außenwelt; es ist 
diejenige seelische Instanz, welche eine Kontrolle über 

das Bewußtsein — als Phänomen — eine große Reihe von Ab- 
stufungen der Intensität oder Deutlichkeit erkennen laßt So wie 
es Vorgänge gibt, die sehr lebhaft, grell, greifbar bewußt sind, so 
erleben wir auch andere, die nur schwach, kaum eben merklich 
bewußt sind, und die am schwächsten bewußten seien eben die, 
für welche die Psychoanalyse das unpassende Wort unbewußt ge- 
brauchen wolle. Sie seien aber doch auch bewußt oder „im Bewußt- 
sein" und lassen sich voll und stark bewußt machen, wenn man 
ihnen genug Aufmerksamkeit schenkte. 

Soweit die Entscheidung in einer solchen entweder von der 
Konvention oder von Gefühlsmomenten abhängigen Frage durch 
-Argumente beeinflußt werden kann, läßt sich hiezu folgendes be- 
merken: Der Hinweis auf eine Deutlichkeitsskala der Bewußtheit 
hat nichts Verbindliches und nicht mehr Beweiskraft als etwa die 
analogen Sätze: es gibt so viel Abstufungen der Beleuchtung 
vom grellsten, blendenden Licht bis zum matten Lichtschimmer, 
folglich gibt es überhaupt keine Dunkelheit. Oder: es gibt ver- 
schiedene Grade von Vitalität, folglich gibt es keinen Tod. Diese 
Sätze mögen ja in einer gewissen Weise sinnreich sein, aber sie 
sind praktisch verwerflich, wie sich herausstellt, wenn man be- 
stimmte Folgerungen von ihnen ableiten will, z. B.: also braucht 



/. Bezvußtsein und Unbewußtes 15 



all ihre Partialvorgänge ausübt, welche zur Nachtzeit 
schlafen geht und dann immer noch die Traumzensur 
handhabt. Von diesem Ich gehen auch die Verdrän- 
gungen aus, durch welche gewisse seelische Strebungen 
nicht nur vom Bewußtsein, sondern auch von den anderen 
Arten der Geltung und Betätigung ausgeschlossen werden 
sollen. Dies durch die Verdrängung Beseitigte stellt sich 
in der Analyse dem Ich gegenüber, und es wird der 
Analyse die Aufgabe gestellt, die Widerstände aufzu- 
heben, die das Ich gegen die Beschäftigung mit dem 
Verdrängten äußert. Nun machen wir während der 
Analyse die Beobachtung, daß der Kranke in Schwierig- 



man kein Licht anzustecken, oder; also sind alle Organismen un- 
sterblich. Ferner erreicht man durch die Subsumierung des Un- 
merklichen unter das Bewußte nichts anderes, als daß man sich 
die einzige unmittelbare Sicherheit verdirbt, die es im Psychischen 
überhaupt gibt. Ein Bewußtsein, von dem man nichts weiß, scheint 
mir doch um vieles absurder als ein unbewußtes Seelisches. Endlich 
ist solche Angleichung des Unbemerkten an das Unbewußte offen- 
bar ohne Rücksicht auf die dynamischen Verhältnisse versucht 
worden, welche für die psychoanalytische Auffassung maßgebend 
waren. Denn zwei Tatsachen werden dabei vernachlässigt; erstens, 
daß es sehr schwierig ist, großer Anstrengung bedarf, um einem 
solchen Unbemerkten genug Aufmerksamkeit zuzuführen, und 
zweitens, daß, wenn dies gelungen ist, das vordem Unbemerkte 
jetzt nicht vom Bewußtsein erkannt wird, sondern oft genug ihm 
völlig fremd, gegensätzlich erscheint und von ihm schroff abgelehnt 
wird. Der Rekurs vom Unbewußten auf das wenig Bemerkte und 
nicht Bemerkte ist also doch nur ein Abkömmling des Vorurteils, 
dem die Identität des Psychischen mit dem Bewußten ein für alle 
Mal feststeht. 



-ä 



i6 Das Ich und das Es 

keiten gerät, wenn wir ihm gewisse Aufgaben stellen; 
seine Assoziationen versagen, wenn sie sich dem Ver- 
drängten annähern sollen. Wir sagen ihm dann, er 
stehe unter der Herrschaft eines Widerstandes, aber 
er weiß nichts davon und selbst, wenn er aus seinen 
Unhistgefühlen erraten sollte, daß jetzt ein Widerstand 
in ihm wirkt, so weiß er ihn nicht zu benennen und 
anzugeben. Da aber dieser Widerstand sicherlich von 
seinem Ich ausgeht und diesem angehört, so stehen 
wir vor einer unvorhergesehenen Situation. Wir haben 
im Ich selbst etwas gefunden, was auch unbewußt ist, 
sich gerade so benimmt wie das Verdrängte, d. h. starke 
Wirkungen äußert, ohne selbst bewußt zu werden, und 
zu dessen Bewußtmachung es einer besonderen Arbeit 
bedarf. Die Folge dieser Erfahrung für die analytische 
Praxis ist, daß wir in unendlich viele Undeutlichkeiten 
und Schwierigkeiten geraten, wenn wir an unserer ge- 
wohnten Ausdrucks weise festhalten und z. B. die Neurose 
auf einen Konflikt zwischen dem Bewußten und dem 
Unbewußten zurückführen wollen. Wir müssen für 
diesen Gegensatz aus unserer Einsicht in die struk- 
turellen Verhältnisse des Seelenlebens einen anderen 
einsetzen, den zwischen dem zusammenhängenden Ich 
und dem von ihm abgespaltenen Verdrängten.' 

Die Folgen für unsere Auffassung des Unbewußten 
sind aber noch bedeutsamer. Die dynamische Betrachtung 
hatte uns die erste Korrektur gebracht, die strukturelle 

Vgl. Jenseits des Lustprinzips. 



i 



/. Bewußtsein und Unbewußtes \y 

Einsicht bringt uns die zweite. Wir erkennen, daß das 
Ubw nicht mit dem Verdrängten zusammenfällt; es bleibt 
richtig, daß alles Verdrängte ubw ist, aber nicht alles 
Ubw ist auch verdrängt. Auch ein Teil des Ichs, ein 
Gott weiß wie wichtiger Teil des Ichs kann ubw sein, 
ist sicherlich ubw. Und dies Ubw des Ichs ist nicht 
latent im Sinne des Vbw^ sonst dürfte es nicht aktiviert 
werden, ohne bw zu werden, und seine Bewußtmachung 
dürfte nicht so große Schwierigkeiten bereiten. Wenn 
wir uns so vor der Nötigung sehen, ein drittes, nicht 
verdrängtes Ubw aufzustellen, so müssen wir zugestehen, 
daß der Charakter des Unbewußtseins für uns an Be- 
deutung verliert. Er wird zu einer vieldeutigen Qualität, 
die nicht die weitgehenden und ausschließenden Fol- 
gerungen gestattet, für welche wir ihn gerne verwertet 
hätten. Doch müssen wir uns hüten, ihn zu vernach- 
lässigen, denn schließlich ist die Eigenschaft bewußt 
oder nicht die einzige Leuchte im Dunkel der Tiefen- 
psychologie. 



Freud: Das Ich und dag Es 



ä 



II 



DAS ICH UND DAS ES 



Die pathologische Forschung hat unser Interesse 
allzu ausschließlich auf das Verdrängte gerichtet. Wir 
möchten mehr vom Ich erfahren, seitdem wir wissen, 
daß auch das Ich unbewußt im eigentlichen Sinne sein 
kann. Unser einziger Anhalt während unserer Unter- 
suchungen war bisher das Kennzeichen des Bewußt- 
oder Unbewußtsems; zuletzt haben wir gesehen,, wie 
vieldeutig es sein kann. 

Nun ist all unser Wissen immer an das Bewußtsein 
gebunden. Auch das Ubw können wir nur dadurch 
kennen lernen, daß wir es bewußt machen. Aber halt, 
wie ist das möglich? Was heißt: etwas bewußt machen? 
Wie kann das vor sich gehen? 

Wir wissen schon, wo wir hiefür anzuknüpfen haben. 
Wir haben gesagt, das Bewußtsein ist die Oberfläche 
des seelischen Apparats, d. h. wir haben es einem 
System als Funktion zugeschrieben, welches räumlich 
das erste von der Außenwelt her ist. Räumlich übrigens 
nicht nur im Sinne der Funktion, sondern diesmal auch 




//. Das Ich und das Es 19 

im Sinne der anatomischen Zergliederung.' Auch unser 
Forschen muß diese wahrnehmende Oberfläche zum 
Ausgang nehmen. 

Von vornherein bw sind alle Wahrnehmungen, die 
von außen herankommen (Sinneswahrnehmungen), und 
von innen her, was wir Empfindungen und Gefühle 
heißen. Wie aber ist es mit jenen inneren Vorgangen, 
die wir etwa — roh und ungenau — als Denkvorgänge 
zusammenfassen können? Kommen sie, die sich irgendwo 
im Innern des Apparats als Verschiebungen seelischer 
Energie auf dem Wege zur Handlung vollziehen, an 
die Oberfläche, die das Bewußtsein entstehen läßt, 
heran? Oder kommt das Bewußtsein zu ihnen? Wir 
merken, das ist eine von den Schwierigkeiten, die sich 
ergeben, wenn man mit der räumlichen, topischen, Vor- 
stellung des seelischen Geschehens Ernst machen will. 
Beide Möglichkeiten sind gleich unausdenkbar, es müßte 
etwas drittes der Fall sein. 

An einer anderen Stelle'' habe ich schon die An- 
nahme gemacht, daß der wirkliche Unterschied einer 
ubw von einer vbw Vorstellung (einem Gedanken) darin 
besteht, daß die erstere sich an irgendwelchem Mate- 
rial, das unerkannt bleibt, vollzieht, während bei der 
letzteren (der vbtv) die Verbindung mit Wortvorstel- 



i) S. Jenseits des Lustprinzips. 

2) Das Unbewußte, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 
III. 1915 {auch: Sammlung kleiner Schrilten zur Neurosen lehre, 
4. Folge. 1918.) 



20 



Das Ick und das Es 




lungen hinzukommt. Hier ist zuerst der Versuch 
gemacht, für die beiden Systeme Vbw und Ubw Kenn- 
zeichen anzugeben, die anders sind als die Beziehung 
zum Bewußtsein. Die Frage : Wie wird etwas bewußt ? 
lautet also zweckmäßiger: Wie wird etwas vorbewußt? 
Und die Antwort wäre: durch Verbindung mit den 
entsprechenden Wortvorstellungen. 

Diese Wortvorstellungen sind Erinnerungsreste, sie 
waren einmal Wahrnehmungen und können wie alle 
Erinnerungsreste wieder bewußt werden. Ehe wir noch 
weiter von ihrer Natur handeln, dämmert uns wie eine 
neue Einsicht auf: bewußt werden kann nur das, was 
schon einmal bw Wahrnehmung war, und was außer 
Gefühlen von innen her bewußt werden will, muß 
versuchen sich in äußere Wahrnehmungen umzusetzen. 
Dies wird mittels der Erinnerungsspuren möglich. 

Die Erinnerungsreste denken wir uns in Systemen 
enthalten, welche unmittelbar an das System W-Bm 
anstoßen, so daß ihre Besetzungen sich leicht auf die 
Elemente dieses Systems von innen her fortsetzen können. 
Man denkt hier sofort an die Halluzination und an die 
Tatsache, daß die lebhafteste Erinnerung immer noch 
von der Halluzination wie von der äußeren Wahrnehmung 
unterschieden wird, allein ebenso rasch stellt sich die Aus- 
kunft ein, daß bei der Wiederbelebung einer Erinnenmg 
die Besetzung im Erinnerungssystem erhalten bleibt, 
während die von der Walirnehmung nicht unterscheid- 
bare Halluzination entstehen mag, wenn die Besetzung 



1 



//. Das Ich und das Es 2\ 

nicht nur von der Erinnerungsspur auf das /^-Element 
übergreift, sondern völlig auf dasselbe übergeht. 

Die Wortreste stammen wesentlich von akustischen 
Wahrnehmungen ab, so daß hiedurch gleichsam ein 
besonderer Sinnesursprung für das System Vbw gegeben 
ist. Die visuellen Bestandteile der Wortvorstellung kann 
man als sekundär, durch Lesen erworben, zunächst 
vernachlässigen und ebenso die Bewegungsbilder des 
Wortes, die außer bei Taubstummen die Rolle von 
unterstützenden Zeichen spielen. Das Wort ist doch 
eigentlich der Erinnerungsrest des gehörten Wortes. 

Es darf uns nicht beifallen, etwa der Vereinfachung 
zuliebe, die Bedeutung der optischen Erinnerungs- 
reste — von den Dingen — zu vergessen, oder zu ver- 
leugnen, daß ein Bewußtwerden der Denkvorgänge 
durch Rückkehr zu den visuellen Resten möglich ist 
und bei vielen Personen bevorzugt scheint. Von der 
Eigenart dieses visuellen Denkens kann uns das Studium 
der Träume und der vorbewußten Phantasien nach den 
Beobachtungen]. Varendoncks eine Vorstellung geben. 
Man erfährt, daß dabei meist nur das konkrete Material 
des Gedankens bewußt wird, für die Relationen aber, die 
den Gedanken besonders kennzeichnen, ein visueller Aus- 
druck nicht gegeben werden kann. Das Denken in Bildern 
ist also ein nur sehr unvollkommenes Bewußtwerden. 

Es steht auch irgendwie den unbewußten Vorgängen 
näher als das Denken in Worten und ist unzweifelhaft 
onto- wie phylogenetisch älter als dieses. 



22 



Das Ich und das Es 



Wenn also, um zu unserem Argument zurückzukehren, 
dies der Weg ist, wie etwas an sich Unbewußtes vor- 
bewußt wird, so ist die Frage, wie machen wir etwas 
Verdrängtes (vor)bewußt, zu beantworten: indem wir 
solche vbw Mittelglieder durch die analytische Arbeit 
herstellen. Das Bewußtsein verbleibt also an seiner 
Stelle, aber auch das Ubw ist nicht etwa zum Biv auf- 
gestiegen. 

Während die Beziehung der äußeren Wahrnehmung 
zum Ich ganz offenkundig ist, fordert die der inneren 
Wahrnehmung zum Ich eine besondere Untersuchung 
heraus. Sie läßt noch einmal den Zweifel auftauchen, 
ob man wirklich Recht daran tut, alles Bewußtsein 
auf das eine oberflächliche System W-Bw zu beziehen. 

Die innere Wahrnehmung ergibt Empfindungen von 
Vorgängen aus den verschiedensten, gewiß auch tiefsten 
Schichten des seelischen Apparats. Sie sind schlecht 
gekannt, als ihr bestes Muster können noch die der 
Lust -Unlustreihe gelten. Sie sind ursprünglicher, 
elementarer, als die von außen stammenden, können 
noch in Zuständen getrübten Bewußtseins zu Stande 
kommen. Über ihre größere ökonomische Bedeutung 
und deren metapsychologische Begründung habe ich 
mich an anderer Stelle geäußert. Diese Empfindungen 
sind multilokular wie die äußeren Wahrnehmungen, 
können gleichzeitig von verschiedenen Stellen kommen 
und dabei verschiedene, auch entgegengesetzte Quali- 
täten haben. 



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//. Das Ich und das Es 23 



Die Empfindungen mit Lustcharakter haben nichts 
Drängendes an sich, dagegen im höchsten Grad die 
Unlustempfmdungen. Diese drängen auf Veränderung, 
auf Abfuhr und darum deuten wir die Unlust auf eine 
Erhöhung, die Lust auf eine Erniedrigung der Energie- 
besetzung. Nennen wir das, was als Lust und Unlust 
bewußt wird, ein quantitativ-qualitativ Anderes im 
seeHschen Ablauf, so ist die Frage, ob ein solches 
Anderes an Ort und Stelle bewußt werden kann, oder 
bis zum System W fortgeleitet werden muß. 

Die klinische Erfahrung entscheidet für das Letztere. 
Sie zeigt, daß dies Andere sich verhält wie eine ver- 
drängte Regung. Es kann treibende Kräfte entfalten, 
ohne daß das Ich den Zwang bemerkt. Erst Wider- 
stand gegen den Zwang, Aufhalten der Abfuhrreaktion 
macht dieses Andere sofort als Unlust bewußt. Eben- 
so wie Bedürfnisspannungen kann auch der Schmerz 
unbewußt bleiben, dies Mittelding zwischen äußerer 
und innerer Wahrnehmung, der sich wie eine innere 
Wahrnehmung verhält, auch wo er aus der Außenwelt 
stammt. Es bleibt also richtig, daß auch Empfindungen 
und Gefühle nur durch Anlangen an das System IV 
bewußt werden; ist die Fortleitung gesperrt, so kommen 
sie nicht als Empfindungen zu Stande, obwohl das ihnen 
entsprechende Andere im Erregungsablauf dasselbe ist. 
Abgekürzter, nicht ganz korrekter Weise sprechen wir 
dann von unbewußten Empfindungen, halten die 
Analogie mit unbewußten Vorstellungen fest, die nicht 




24 Das Ick und das Es 



ganz gerechtfertigt ist. Der Unterschied ist nämlich, 
daß für die ubw Vorstellung erst Verbindungsglieder 
geschaffen werden müssen, um sie zum Bw zu bringen, 
während dies für die Empfindungen, die sich direkt 
fortleiten, entfällt. Mit anderen Worten: die Unter- 
scheidung von Btü und Vbw hat für die Empfindungen 
keinen Sinn, das Vbw fällt hier aus, Empfindungen sind 
entweder bewußt oder unbewußt. Auch wenn sie an 
Wortvorstellungen gebunden werden, danken sie nicht 
diesen ihr Bewußtwerden, sondern sie werden es direkt. 

Die Rolle der Wortvorstellungen wird nun vollends 
klar. Durch ihre Vermittlung werden die inneren Denk- 
vorgänge zu Wahrnehmungen gemacht. Es ist, als sollte 
der Satz erwiesen werden: alles Wissen stammt aus 
der äußeren Wahrnehmung. Bei einer Überbesetzung 
des Denkens werden die Gedanken wirklich — wie von 
außen — wahrgenommen und darum für wahr gehalten. 

Nach dieser Klärung der Beziehungen zwischen 
äußerer und innerer Wahrnehmung und dem Ober- 
flächensystem IV-Bw können wir daran gehen, unsere 
Vorstellung vom Ich auszubauen. Wir sehen es vom 
System W als seinem Kern ausgehen und zunächst 
das Vbw, das sich an die Erinnerungsreste anlehnt, 
umfassen. Das Ich ist aber auch, wie wir erfahren 
haben, unbewußt. 

Nun meine ich, wir werden großen Vorteil davon 
haben, wenn wir der Anregung eines Autors folgen, 
der vergebens aus persönlichen Motiven beteuert, er 



• 



//. Das Ich und das Es 25 



I 



habe mit der gestrengen, hohen Wissenschaft nichts 
zu tun. Ich meine G. Groddeck, der immer wieder 
betont, daß das, was wir unser Ich heißen, sich im 
Leben wesentlich passiv verhält, daß wir nach seinem 
Ausdruck „gelebt" werden von unbekannten unbe- 
herrschbaren Mächten.' Wir haben alle dieselben Ein- 
drücke empfangen, wenngleich sie uns nicht bis zum 
Ausschluß aller anderen überwältigt haben, und ver- 
zagen nicht daran, der Einsicht Groddecks ihre Stelle 
in dem Gefüge der Wissenschaft anzuweisen. Ich schlage 
vor ihr Rechnung zu tragen, indem wir das vom 
System W ausgehende Wesen, das zunächst vbw ist, 
das Ich heißen, das andere Psychische aber, in welches 
es sich fortsetzt, und das sich wie ubw verhält, nach 
Groddecks Gebrauch das Es." 

Wir werden bald sehen, ob wir aus dieser Auf- 
fassung Nutzen für Beschreibung und Verständnis ziehen 
können. Ein Individuum ist nun für uns ein psychisches 
Es, unerkannt und unbewußt, diesem sitzt das Ich ober- \ 

flächlich auf, aus dem ^-System als Kern entwickelt. 
Streben wir nach graphischer Darstellung, so werden 
wir hinzufügen, das Ich umhüllt das Es nicht ganz. 



\ l) G. Groddeck, Das Buch vom Es. Internationaler Psycho- 

* analytischer Verlag- 1923. 

< 2) Groddeck selbst ist wohl dem Beispiel Nietzsches ge- 

fol^, bei dem dieser grammatikalische Ausdruck für das Un- 
\ persönliche und sozusagen Natornotwendige in unserem Wesen 

durchaus gebräuchlich ist 






26 



Das Ich lind das Es 



sondern nur insoweit das System W dessen Ober- 
fläche bildet, also etwa so wie die Keimscheibe dem 
Ei aufsitzt. Das Ich ist vom Es nicht scharf getrennt, 
es fließt nach unten hin mit ihm zusammen. 

Aber auch das Verdrängte fließt mit dem Es zu- 
sammen, ist nur ein Teil von ihm. Das Verdrängte ist 
nur vom Ich durch die Verdrängungswiderstände scharf 
geschieden, durch das Es kann es mit ihm kommuni- 
zieren. Wir erkennen sofort, fast alle Sonderungen, die 
wir auf die Anregung der Pathologie hin beschrieben 
haben, beziehen sich nur auf die — uns allein be- 
kannten — oberflächlichen Schichten des seelischen 
Apparats. Wir könnten von diesen Verhältnissen eine 



W-Bm 




Zeichnung entwerfen, deren Konturen allerdings nur 
der Darstellung dienen, keine besondere Deutung 



I 



m 



//. Das Ich und das Es 27 

beanspruchen sollen. Etwa fügen wir hinzu, daß das Ich 
eine „Hörkappe" trägt, nach dem Zeugnis der Gehirn- 
anatomie nur auf einer Seite. Sie sitzt ilim sozusagen 
schief auf. 

Es ist leicht einzusehen, das Ich ist der durch den 
direkten Einfluß der Außenwelt unter Vermittlung von 
W-Bw veränderte Teil des Es, gewissermaßen eine 
Fortsetzung der Oberflächendifferenzierung. Es bemüht 
sich auch, den Einfluß der Außenwelt auf das Es und 
seine Absichten zur Geltung zu bringen, ist bestrebt, 
das Realitätsprinzip an die Stelle des Lustprinzips zu 
setzen, welches im Es uneingeschränkt regiert. Die 
Wahrnehmung spielt für das Ich die Rolle, welche im 
Es dem Trieb zufällt. Das Ich repräsentiert, was man 
Vernunft und Besonnenheit nennen kann, im Gegen- 
satz zum Es, welches die Leidenschaften enthält. Dies 
alles deckt sich mit allbekannten populären Unter- 
scheidungen, ist aber auch nur als durchschnittlich oder 
ideell richtig zu verstehen. 

Die funktionelle Wichtigkeit des Ichs kommt darin 
zum Ausdruck, daß ihm normaler Weise die Herrschaft 
über die Zugänge zur Motilität eingeräumt ist. Es gleicht 
so im Verhältnis zum Es dem Reiter, der die über- 
legene Kraft des Pferdes zügeln soll, mit dem Unter- 
schied, daß der Reiter dies mit eigenen Kräften ver- 
sucht, das Ich mit geborgten. Dieses Gleichnis trägt 
ein Stück weiter. Wie dem Reiter, will er sich nicht 
vom Pferd trennen, oft nichts anderes übrig bleibt, 



28 Das Ich und das Es . 



als es dahin zu führen, wohin es gehen will, so pflegt 
auch das Ich den Willen des Es in Handlung umzu- 
setzen, als ob es der eigene wäre. 

Auf die Entstehung des Ichs und seine Ab- 
sonderung vom Es scheint noch ein anderes Moment 
als der Einfluß des Systems W hingewirkt zu haben. 
Der eigene Körper und vor allem die Oberfläche des- 
selben ist ein Ort, von dem gleichzeitig äußere und 
innere Wahrnehmungen ausgehen können. Er wird 
wie ein anderes Objekt gesehen, ergibt aber dem 
Getast zweierlei Empfindungen, von denen die eine 
einer inneren Wahrnehmung gleichkommen kann. Es 
ist in der Psychophysiologie hinreichend erörtert 
worden, auf welche Weise sich der eigene Körper 
aus der Wahrnehmungswelt heraushebt. Auch der 
Schmerz scheint dabei eine Rolle zu spielen und die 
Art, wie man bei schmerzhaften Erkrankungen eine 
neue Kenntnis seiner Organe ei-wirbt, ist vielleicht vor- 
bildlich für die Art, wie man überhaupt zur Vor- 
stellung seines eigenen Körpers kommt. 

Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht 
nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projek- 
tion einer Oberfläche. Wenn man eine anatomische 
Analogie für dasselbe sucht, kann man es am ehesten 
mit dem „Gehirnmännchen" der Anatomen identi- 
fizieren, das in der Hirnrinde auf dem Kopf steht, 
die Fersen nach oben streckt, nach hinten schaut und 
wie bekannt, links die Sprachzone trägt. 



//. Das Ich und das Es 29 



Das Verhältnis des Ichs zum Bewußtsein ist wieder- 
holt gewürdigt worden, doch sind hier einige wichtige 
Tatsachen neu zu beschreiben. Gewöhnt, den Gesichts- 
punkt einer sozialen oder ethischen Wertung überall- 
hin mitzunehmen, sind wir nicht überrascht zu hören, 
i daß das Treiben der niedrigen Leidenschaften im Un- 

bewußten vor sich geht, erwarten aber, daß die see- 
lischen Funktionen umso leichter sicheren Zugang 
zum Bewußtsein finden, je höher sie in dieser Wertung 
angesetzt sind. Hier enttäuscht uns aber die psycho- 
analytische Erfahrung. Wir haben einerseits Belege 
dafür, daß selbst feine und schwierige intellektuelle 
t ' Arbeit, die sonst angestrengtes Nachdenken erfordert, 
^ auch vorbewußt geleistet werden kann, ohne zum Be- 

\ wußtsein zu kommen. Diese Fälle sind ganz unzweifel- 

\ haft, sie ereignen sich z. B. im Schlafzustand und 

j- äußern sich darin, daß eine Person unmittelbar nach 

: dem Erwachen die Lösung eines schwierigen mathe- 

; matischen oder anderen Problems weiß, um das sie 

i sich am Tage vorher vergeblich bemüht hatte.' 

[ Weit befremdender ist aber eine andere Erfahrung. 

[ Wir lernen in unseren Analysen, daß es Personen 

[■ gibt, bei denen die Selbstkritik und das Gewissen, also 

'■ überaus hochgewertete seelische Leistungen, unbewußt 

sind und als unbewußt die wichtigsten Wii'kungen 

i i) Ein solcher Fall ist mir erst kürzlich und zwar als Ein- 

; wand gegen meine Beschreibung der „Traumarbeit" mitgeteilt 

■ worden. 



äußern; das Unbewußtbleiben des Widerstandes in der | 
Analyse ist also keineswegs die einzige Situation dieser 
Art. Die neue Erfahrung aber, die uns nötigt, trotz 
unserer besseren kritischen Einsicht, von einem unbe- 
wußten Schuldgefühl zu reden, verwirrt uns weit 
mehr und gibt uns neue Rätsel auf, besonders wenn 
wir allmählich erraten, daß ein solches unbewußtes 
Schuldgefühl bei einer großen Anzahl von Neurosen 
eine ökonomisch entscheidende Rolle spielt und der 
Heilung die stärksten Hindernisse in den Weg legt,;? 
Wollen wir zu unserer Wertskala zurückkehren, so 
müssen wir sagen; Nicht nur das Tiefste, auch das 
Höchste am Ich kann unbewußt sein. Es ist, als würde 
uns auf diese Weise demonstriert, was wir vorhin vom 
bewußten Ich ausgesagt haben, es sei vor allem ein 
Körper-Ich. 



^ 



in 

DAS ICH UND DAS ÜBER-ICH (ICH-IDEAL) 

Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des 
Wahrnehmungssystems modifizierte Anteil des Es, der 
Vertreter der realen Außenwelt im Seelischen, so hätten 
wir es mit einem einfachen Sachverhalt zu tun. Allein 
es kommt etwas anderes hinzu. 

Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe 
im Ich anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des 
Ichs, die Ich-Ideal oder Über-Ich zu nennen ist, 
sind an anderen Orten auseinandergesetzt worden." Sie 
bestehen zu Recht.' Daß dieses Stück des Ichs eine 
weniger feste Beziehung zum Bewußtsein hat, ist die 
Neuheit, die nach Erklärung verlangt. 

i) Zur Einführung des Narzißmus, Massenpsychologie und Ich- 
Analyse. 

2) Nur daß ich die Funktion der Realitätsprüfung diesem 
Über-Ich zugewiesen habe, erscheint irrig und der Korrektur be- 
dürftig. Es würde durchaus den Beziehungen des Ichs zur Wahr- 
nehmungswelt entsprechen, wenn die Realitätsprüfung seine eigene 
Aufgabe bliebe. — Auch frühere, ziemlich unbestimmt gehaltene 
Äußerungen über einen Kern des Ichs sollen jetzt dahin richtig 
gestellt werden, daß nur das System W-Bw als Kern des Ichs 
anzuerkennen ist 



"1 



32 Das Ich und das Es 



Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war 
uns gelungen, das schmerzhafte Leiden der Melancholie 
durch die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes 
Objekt im Ich wieder aufgerichtet, also eine Objekt-, 
besetzung durch eine Identifizierung abgelöst wird.' 
Damals erkannten wir aber noch nicht die ganze Be- 
deutung dieses Vorgangs und wußten nicht, wie häufig 
und typisch er ist. Wir haben seither verstanden, daß 
solche Ersetzung einen großen Anteil an der Gestaltung 
des Ichs hat und wesentlich dazu beiträgt, das her- 
zustellen, was man seinen Charakter heißt. 

Uranfänglich in der primitiven oralen Phase des Indivi- 
duums sindObjektbesetzung und Identifizierung wohl nicht 
von einander zu unterscheiden. Späterhin kann man nur 
annehmen, daß die Objektbesetzungen vom Es ausgehen, 
welches die erotischen Strebungen als Bedürfnisse em- 
pfindet. Das anfangs noch schwächliche Ich erhält von den 
Objektbesetzungen Kenntnis, läßt sie sich gefallen oder 
sucht sie durch den Prozeß der Verdrängung abzuwehren." 

i) Trauer und Melancholie. 

2) Eine interessante Parallele zur Ersetzung der Objektwahl 
durch Identifizierung enthält der Glaube der Primitiven, daß die 
Eigenschaften des als Nahrung einverleibten Tieres dem, der es 
ißt, als Charakter verbleiben werden, und die darauf gegründeten 
Verbote. Dieser Glaube geht bekanntlich auch in die Begründung 
des Kannibalismus ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche 
der Totemmahlzeit bis zur heiligen Kommunion fort. Die Folgen, 
die hier der oralen Objektbemächtigung zugeschrieben werden^ 
treffen für die spätere sexuelle Objektwahl wirklich zu. 



///. Das Ich lind das Über-Ich (Ich-Ideal) 33 

, Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben 
werden, so tritt dafür nicht selten die Ichveränderung 
auf, die man als Aufrichtung des Objekts im Ich wie 
bei der Melancholie beschreiben muß; die näheren Ver- 
hältnisse dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt. 
Vielleicht erleichtert oder ermöglicht das Ich durch 
diese Introjektion, die eine Art von Regression zum ' 
Mechanismus der oralen Phase ist, das Aufgeben des 
Objekts. Vielleicht ist diese Identifizierung überhaupt 
die Bedingung, unter der das Es seine Objekte auf- 
gibt. Jedenfalls ist der Vorgang zumal in frühen Ent- 
wicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die Auf- 
fassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein ^; 
Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, ?^ 
die Geschichte dieser Objekbvahlen enthält. Es ist natür- ^ 
lieh von vorne herein eine Skala der Resistenzfähig- 
keit zuzugeben, inwieweit der Charakter einer Person 
diese Einflüsse aus der Geschichte der erotischen Ob- 
jektwahlen abwehrt oder annimmt. Bei Frauen, die viel 
Liebeserfahrungen gehabt haben, glaubt man, die Rück- 
stände ihrer Objektbesetzungen in ihren Charakter- 
zügen leicht nachweisen zu können. Auch eine Gleich- 
zeitigkeit von Objektbesetzung und Identifizierung, 
also eine Charakterveränderung, ehe das Objekt auf- 
gegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem 
Fall könnte die Charakterveränderung die Objekt- 
beziehung überleben und sie in gewissem Sinne kon- 
servieren. ; 

Fieud: Das Ich nod das Es 3 



^ 



^A Das Ick und das Es 



Ein anderer Gesichtspunkt besagt, daß diese Um- 
setzung einer erotischen Objektwahl in eine Ichver- 
änderung auch ein Weg ist, wie das Ich das Es be- 
meistern und seine Beziehungen zu ihm vertiefen kann, 
allerdings auf Kosten einer weitgehenden Gefügigkeit 
gegen dessen Erlebnisse. Wenn das Ich die Züge des 
Objekts annimmt, drängt es sich sozusagen selbst dem 
Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen Verlust zu 
ersetzen, indem es sagt; ,,Sieh', du kannst auch mich 
lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich." 

Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische 
Libido, die hier vor sich geht, bringt offenbar ein Auf- 
geben der Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich, 
. also eine Art von Sublimierung. Ja, es entsteht die 
eingehender Behandlung würdige Frage, ob dies nicht 
der allgemeine Weg zur Sublimierung ist, ob nicht 
alle Sublimierung durch die Vermittlung des Ichs vor 
sich geht, welches zunächst die sexuelle Objektlibido in 
narzißtische verwandelt, um ihr dann vielleicht ein anderes 
Ziel zu setzen.' Ob diese Verwandlung nicht auch andere 
Trieb Schicksale zur Folge haben kann, z. B. eine Ent- 
mischung der verschiedenen miteinander verschmolzenen 
Triebe herbeizuführen, wird uns noch später beschäftigen. 

i) Als das große Reser\'oir der Libido, im Sinne der Ein- 
führung- des Narzißmus, müssen wir jetzt nach der Scheidung von 
Ich und Es das Es anerkennen. Die Libido, welche dem Ich durch 
die beschriebenen Identifizierungen zufließt, stellt dessen „sekun- 
dären Narzißmus" her. 



i 



///. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 35 

Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und 
1 doch nicht zu vermeiden, daß wir unsere Aufmerksam- 

f keit für einen Moment bei den Objektidentifizierungen 

': des Ichs verweilen lassen. Nehmen diese überhand, 

l werden allzu zahkeich, und überstark und miteinander 

I unverträglich, so liegt ein pathologisches Ergebnis nahe, 

f Es kann zu einer Aufsplitterung des Ichs kommen, 

\ indem sich die einzelnen Identifizierungen durch Wider- 

stände gegeneinander abschließen, und vielleicht ist es 
\ das Geheimnis der Falle von sogenannter multipler 

Persönlichkeit, daß die einzelnen Identifizierungen 
alternierend das Bewußtsein an sich reißen. Auch wenn 
es nicht so weit kommt, ergibt sich das Thema der 
Konflikte zwischen den verschiedenen Identifizierungen, 
in die das Ich auseinanderfährt, Konflikte, die endlich 
nicht durchwegs als pathologische bezeichnet werden 
können. 
\ Wie immer sich aber die spätere Resistenz des 

Charakters gegen die Einflüsse aufgegebener Objekt- 
besetzungen gestalten mag, die Wirkungen der ersten, 
,[ im frühesten Alter erfolgten Identifizierungen werden 

j allgemeine und nachhaltige sein. Dies führt uns zur 

) Entstehung des Ichideals zurück, denn hinter ihm ver- 

), birgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung 

] des Individuums, die mit dem Vater der persönlichen 

' Vorzeit,' Diese scheint zunächst nicht Erfolg oder 

] i) Vielleicht wäre es vorsichtiger zu sagen, mit den Eltern, 

t denn Vater und Mutter werden vor der sicheren Kenntnis des 

\ . 3* 



r 



i 



3 6 Das I ch und das Es 

Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, sie ist eine 
direkte und unmittelbare und frühzeitiger als jede 
Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der ersten 
Sexualperiode angehören und Vater und Mutter be- 
treffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang 
in solche Identifizierung zu nehmen und somit die 
primäre Identifizierung zu verstärken. 

Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert, 
daß es notwendig wird, sie eingehender zu beschreiben. 
Es sind zwei Momente, welche diese Komplikation 
verschulden, die dreieckige Anlage des Ödipusverhalt- 
nisses und die konstitutionelle Bisexualität des Indi- 
viduums. 

Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männ- 
liche Kind in folgender Weise: Ganz frühzeitig ent- 
wickelt es für die Mutter eine Objektbesetzung, die 
von der Mutterbrust ihren Ausgang nimmt und das 
vorbildliche Beispiel einer Objektwahl nach dem An- 
lehnungstypus zeigt \ des Vaters bemächtigt sich der 
Knabe durch Identifizierung. Die beiden Beziehungen 
gehen eine Weile nebeneinander her, bis durch die 

Geschlechtsunterschiedes, des Penisman^eis, nicht verschieden ge- 
wartet In der Geschichte einer jungen Frau hatte ich kürzlich 
Gelegenheit zu erfahren, daß sie, seitdem sie ihren eigenen Penis- 
mangel bemerkt, den Besitz dieses Organs nicht allen Frauen, 
sondern bloß den für minderwertig gehaltenen aberkannt hatte. 
Die Mutter hatte ihn in ihrer Meinung behalten. Der einfacheren 
Darstellung wegen werde ich nur die Identifizierung mit dem 
Vater behandeln. 



( 



///. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 37 

Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter 
und die Wahrnehmung, daß der Vater diesen Wünschen 
ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex entsteht.' Die 
Vateridentifizierung nimmt nun eine feindselige Tönung 
an, sie wendet sich zum Wunsch, den Vater zu be- 
seitigen, um ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da 
an ist das Verhältnis zum Vater ambivalent ; es scheint, 
als ob die in der Identifizierung von Anfang an ent- 
haltene Ambivalenz manifest geworden wäre. Die ambi- 
valente Einstellung zum Vater und die nur zärtliche 
Objektstrebung nach der Mutter beschreiben für den 
Knaben den Inhalt des einfachen, positiven Odipus- 
, komplexes. 

Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß 
die Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden. 
An ihre Stelle kann zweierlei treten, entweder eine 
Identifizierung mit der Mutter oder eine Verstärkung 
der Vateridentifizierung. Den letzteren Ausgang pflegen 
wir als den normaleren anzusehen, er gestattet es, die 
zärtliche Beziehung zur Mutter in gewissem Maße fest- 
zuhalten. Durch den Untergang des Ödipuskomplexes 
hätte so die Männlichkeit im Charakter des Knaben 
eine Festigung erfahren. In ganz analoger Weise kann 
die Odipuseinstellung des kleinen Mädchens in eine 
Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung (oder in die 
Herstellung einer solchen) auslaufen, die den weib- 
lichen Charakter des Kindes festlegt. 

i) Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse. VII. 









38 Das Ich und das Es 

Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer 
Erwartung, denn sie führen nicht das aufgegebene Ob- 
jekt ins Ich ein, aber auch dieser Ausgang kommt 
vor und ist bei Mädchen leichter zu beobachten als '{ 

bei Knaben. Man erfährt sehr häufig aus der Analyse, | 

daß das kleine Mädchen, nachdem es auf den Vater 1 

als Liebesobjekt verzichten mußte, nun seine Männlich- ; 

keit hervorholt und sich anstatt mit der Mutter, mit | 

dem Vater, also mit dem verlorenen Objekt, identi- 
fiziert. Es kommt dabei offenbar darauf an, ob ihre 
männlichen Anlagen stark genug sind, — worin immer 
diese bestehen mögen. 

Der Ausgang der Odipussituation in Vater- oder 
in Mutteridentifizierung scheint also bei beiden Ge- 
schlechtern von der relativen Stärke der beiden Ge- 
schlechtsanlagen abzuhängen. Dies ist die eine Art, 
wie sich die Bisexualität in die Schicksale des Ödipus- 
komplexes einmengt. Die andere ist noch bedeut- 
samer. Man gewinnt nämlich den Eindruck, daß der 
einfache Ödipuskomplex überhaupt nicht das häufigste 
ist, sondern einer Vereinfachung oder Schematisierung 
entspricht, die allerdings oft genug praktisch gerecht- 
fertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt zu- 
meist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der 
ein zweifacher ist, ein positiver und negativer, ab- 
hängig von der ursprünglichen Bisexualität des Kindes, 
d. h. der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Ein- 
stellung zum Vater und eine zärtliche Objektwahl für 



^•■Vi 



i 



III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 39 

die Mutter, sondern er benimmt sich auch gleichzeitig 
wie ein Mädchen, er zeigt die zärtliche feminine Ein- 
stellung zum Vater und die ihr entsprechende eifer- 
süchtig-feindselige gegen die Mutter. Dieses Eingreifen 
der Bisexualität macht es so schwer, die Verhält- 
nisse der primitiven Objektwahlen und Identifizierungen 
zu durchschauen und noch schwieriger, sie faßlich zu 
beschreiben. Es könnte auch sein, daß die im Eltern- 
verhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus auf die 
Bisexualität zu beziehen wäre und nicht, wie ich es 
vorhin dargestellt, durch die Rivalitätseinstellung aus 
der Identifizierung entwickelt würde. 

Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen 
und ganz besonders bei Neurotikern die Existenz des 
vollständigen Ödipuskomplexes anzunehmen. Die ana- 
lytische Erfahrung zeigt dann, daß bei einer Anzahl 
von Fällen der eine oder der andere Bestandteil des- 
selben bis auf kaum merkliche Spuren schwindet, so 
daß sich eine Reihe ergibt, an deren einem Ende der 
normale, positive, an deren anderem Ende der um- 
gekehrte, negative Ödipuskomplex steht, während die 
Mittelglieder die vollständige Form mit imgleicher Be- 
teiligung der beiden Komponenten aufzeigen. Beim 
Untergang des Ödipuskomplexes werden die vier in 
ihm enthaltenen Strebungen sich derart zusammen- 
legen, daß aus ihnen eine Vater- und eine Mutter- 
identifizierung hervorgeht, die Vateridenti6zierung wird 
das Mutterobjekt des positiven Komplexes festhalten 



40 Das Ich und das Es 



und gleichzeitig das Vaterobjekt des umgekehrten Kom- 
plexes ersetzen ; analoges wird für die Mutteridenti- 
fizierung gelten. In der verschieden starken Ausprä- 
gung der beiden Identifizierungen wird sich die Un- 
gleichheit der beiden geschlechtlichen Anlagen spiegeln.- 

So kann man als allgemeinstes Ergebnis der 
vom Ödipuskomplex beherrschten Sexualphase 
einen Niederschlag im Ich annehmen, welcher 
in der Herstellung dieser beiden, irgendwie mit- 
einander vereinbarten Identifizierungen besteht. 
Diese Ich Veränderung behält ihre Sonderstel- 
lung, sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als 
Ichideal oder Über-Ich entgegen. 

Das Über-Ich ist aber nicht einfach ein Residuum 
der ersten Objektwahlen des Es, sondern es hat auch 
die Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen 
dieselben. Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht 
in der Mahnung: So (wie der Vater) sollst du sein, 
sie umfaßt auch das Verbot: So (wie der Vater) 
darfst du nicht sein d. h. nicht alles tun, was er 
tut; manches bleibt ihm vorbehalten. Dies Doppel- 
angesicht des Ichideals leitet sich aus der Tatsache 
ab, daß das Ichideal zur Verdrängung des Ödipus- 
komplexes bemüht wurde, ja diesem Umschwung erst 
seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des Ödipus- 
komplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen. 
Da die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis 
gegen die Verwirklichung der Odipuswünsche erkannt 



I 



/// Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 41 

werden, stärkte sich das infantile Ich für diese Ver- 
drängungsleistung, indem es dies selbe Hindernis in sich 
aufrichtete. Es lieh sich gewissermaßen die Kraft dazu 
vom Vater aus und diese Anleihe ist ein außerordent- 
lich folgenschwerer Akt. Das Über-Ich wird den Charak- 
ter des Vaters bewahren und je stärker der Ödipus- 
komplex war, je beschleunigter (unter dem Einfluß 
von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre) seine 
Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das 
f Über-Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuld- 

gefühl über das Ich herrschen. — Woher es die Kraft zu 
\ dieser Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter, 

: , der sich als kategorischer Imperativ äußert, darüber 
werde ich später eine Vermutung vorbringen. 

Fassen wir die beschriebene Entstehung des Über- 
Ichs nochmals ins Auge, so erkennen wir es als das 
Ergebnis zweier höchst bedeutsamer biologischer Fak- 
toren, der langen kindlichen Hilflosigkeit und Abhängig- 
1, keit des Menschen und der Tatsache seines Ödipus- 

' komplexes, den wir ja auf die Unterbrechung der 

Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit auf den 
zweizeitigen Ansatz seines Sexuallebens zxurück- 
geführt haben. Letztere, wie es scheint, spezifisch 
menschliche Eigentümlichkeit hat eine psychoanalytische 
( Hypothese als Erbteil der durch die Eiszeit erzwun- 

. genen Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit ist 

die Sonderung des Über-Ichs vom Ich nichts Zufälliges, 
sie vertritt die bedeutsamsten Züge der individuellen 



XJ 



42 Das Ich und das Es 



und der Artentwicklung, ja indem sie dem Elternein- 
fluß einen dauernden Ausdruck schafft, verewigt sie die 
Existenz der Momente, denen sie ihren Ursprung 
verdankt. 

Es ist der Psychoanalyse unzählige Male zum Vorwurf 
gemacht worden, daß sie sich um das Höhere, Mora- 
lische, Überpersönliche im Menschen nicht kümmere. 
Der Vorwurf war doppelt ungerecht, historisch wie 
methodisch. Ersteres, da von Anbeginn an den mora- 
lischen und ästhetischen Tendenzen im Ich der An- 
trieb zur Verdrängung zugeteilt wurde, letzteres, da 
man nicht einsehen wollte, daß die psychoanalytische 
Forschung nicht wie ein philosophisches System mit 
einem vollständigen und fertigen Lehrgebäude auf- 
treten konnte, sondern sich den Weg zum Verständ- 
nis der seelischen Komplikationen schrittweise durch 
die analytische Zergliederung normaler wie abnormer 
Phänomene bahnen mußte. Wir brauchten die zitternde 
Besorgnis um den Verbleib des Höheren im Menschen 
nicht zu teilen, solange wir uns mit dem Studium des 
Verdrängten im Seelenleben zu beschäftigen hatten. 
Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs heranwagen, 
können wir all denen, welche, in ihrem sittlichen Be- 
wußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch 
ein höheres Wesen im Menschen geben, antworten: 
Gewiß, und dies ist das höhere Wesen, das Ichideal 
oder Über-Ich, die Repräsentanz unserer Elternbe- 
ziehung. Als kleine Kinder haben wir diese höheren |^ 




///. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 43 

Wesen gekannt, bewundert, gefürchtet, später sie in 
uns selbst aufgenommen. 

Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskom- 
plexes und somit Ausdruck der mächtigsten Regungen 
und wichtigsten Libidoschicksale des Es. Durch seine 
Aufrichtung hat sich das Ich des Ödipuskomplexes 
bemächtigt und gleichzeitig sich selbst dem Es unter- 
worfen. Während das Ich wesentlich Repräsentant der 
Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das Über-Ich 
als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber. Kon- 
flikte zwischen Ich und Ideal werden, darauf sind wir 
nun vorbereitet, in letzter Linie den Gegensatz von 
Real und Psychisch, Außenwelt und Innenwelt, wieder- 
spiegeln. 

Was die Biologie und die Schicksale der Menschen- 
art im Es geschaffen und hinterlassen haben, das wird 
durch die Idealbildung vom Ich übernommen und an 
ihm individuell wieder erlebt. Das Ichideal hat infolge 
seiner Bildungsgeschichte die ausgiebigste Verknüpfung 
mit dem phylogenetischen Erwerb, der archäischen 
Erbschaft, des Einzelnen. Was im einzelnen Seelen- 
leben dem Tiefsten angehört hat, wird durch die Ideal- 
bildung zum Höchsten der Menschenseele im Sinne 
unserer Wertungen. Es wäre aber ein vergebliches 
Bemühen, das Ichideal auch nur in ähnlicher Weise 
wie das Ich zu lokalisieren oder es in eines der Gleich- 
nisse einzupassen, durch welche wir die Beziehung von 
Ich und Es nachzubilden versuchten. 



.1 
I 



•\ 



44 Dds Ich und das Es 

Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen An- 
sprüchen genügt, die an das höhere Wesen im Menschen 
gestellt werden. Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht 
enthält es den Keim, aus dem sich alle Religionen ge- 
bildet haben. Das Urteil der eigenen Unzulänglichkeit 
im Vergleich des Ichs mit seinem Ideal ergibt das 
demütige religiöse Empfänden, auf das sich der sehn- 
süchtig Gläubige beruft. Im weiteren Verlauf der Ent- 
wicklung haben Lehrer und Autoritäten die Vaterrolle 
fortgeführt; deren Gebote und Verbote sind im Ideal- 
Ich mächtig geblieben und üben jetzt als Gewissen 
die moralische Zensur aus. Die Spannung zwischen 
den Ansprüchen des Gewissens und den Leistungen 
des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die soz'ialen 
Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen auf 
Grund des gleichen Ichideals. 

Religion, Moral und soziales Empfinden — diese 
Hauptinhalte des Höheren im Menschen' — sind ur- 
sprünglich eins gewesen. Nach der Hypothese von 
,, Totem und Tabu" wurden sie phylogenetisch am 
Vaterkomplex erworben, Religion und sittiiche Be- 
schränkung durch die Bewältigung des eigentlichen 
Ödipuskomplexes, die sozialen Gefühle durch die 
Nötigung zur Überwindung der erübrigenden Rivalität 
unter den Mitgliedern der jungen Generation. In all 
diesen sittlichen Erwerbungen scheint das Geschlecht 



i) Wissenschaft und Kunst sind hier bei Seite gelassen. 




///. Das Ich 7ind das Über-Ich (Ich-Ideal) 45 

der Männer vorangegangen zu sein, gekreuzte Ver- 
erbung hat den Besitz auch den Frauen zugeführt. 
Die sozialen Gefühle entstehen noch heute beim Ein- 
zelnen als Überbau über die eifersüchtigen Rivalitäts- 
regungen gegen die Geschwister. Da die Feindselig- 
keit nicht zu befriedigen ist, stellt sich eine Identi- 
fizierung mit dem anfänglichen Rivalen her. Beobach- 
tungen an milden Homosexuellen stützen die Ver- 
mutung, daß auch diese Identifizierung Ersatz einer 
zärtlichen Objektwahl ist, welche die aggressiv-feind- 
selige Einstellung abgelöst hat.' 

Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber 
neue Probleme auf, vor deren Beantwortung man zag- 
haft zurückweichen möchte. Aber es hilft wohl nichts, 
man muß den Versuch wagen, auch wenn man fürchtet, 
daß er die Unzulänglichkeit unserer ganzen Bemühung 
bloßstellen wird. Die Frage lautet: Wer hat seiner- 
zeit Religion und Sittlichkeit am Vaterkomplex er- 
worben, das Ich des Primitiven oder sein Es? Wenn 
es das Ich war, warum sprechen wir nicht einfach 
von einer Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt 
das zum Charakter des Es? Oder darf man die Differen- 
zierung im Ich, Über-Ich und Es nicht in so frühe 
Zeiten tragen? Oder soll man nicht ehrlich eingestehen, 
daß die ganze Auffassung der Ichvorgänge nichts fürs 



l) Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse. — Über einige 
neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homo- 
sexualität. 



46 Das Ich und das Es 

Verständnis der Phylogenese leistet und auf sie nicht 
anwendbar ist? 

Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten 
beantworten läßt. Die Differenzierung von Ich und Es 
müssen wir nicht nur den primitiven Menschen, sondern 
noch viel einfacheren Lebewesen zuerkennen, da sie 
der notwendige Ausdruck des Einflusses der Außen- 
welt ist. Das Über-Ich ließen wir gerade aus jenen 
Erlebnissen, die zum Totemismus führten, entstehen. 
Die Frage, ob das Ich oder das Es jene Erfahrungen 
und Erwerbungen gemacht haben, fällt bald in sich 
zusammen. Die nächste Erwägung sagt uns, daß das 
Es kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren kann 
außer durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm 
vertritt. Von einer direkten Vererbung im Ich kann 
man aber doch nicht reden. Hier tut sich die Kluft 
auf zwischen dem realen Individuum und dem Begriff 
der Art. Auch darf man den Unterschied von Ich 
und Es nicht zu starr nehmen, nicht vergessen, daß 
das Ich ein besonders differenzierter Anteil des Es 
ist. Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die 
Erbschaft verloren zu gehen, wenn sie aber sich häufig 
und stark genug bei vielen generationsweise aufeinander- 
folgenden Individuen wiederholen, setzen sie sich so- 
zusagen in Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke 
durch Vererbung festgehalten werden. Somit beherbergt 
das erbliche Es in sich die Reste ungezäWt vieler 
Ich-Existenzen, und wenn das Ich sein Über-Ich aus , 



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///. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 47 

dem Es schöpft, bringt es vielleicht nur ältere Ich- 
gestaltungen wieder zum Vorschein, schafft ihnen eine 
Auferstehung. 

Die Entstehungsgeschichte des Über-Ichs macht 
es verständlich, daß frühe Konflikte des Ichs mit den 
Objektbesetzungen des Es sich in Konflikte mit deren 
Erben, dem Über-Ich, fortsetzen können. Wenn dem 
Ich die Bewältigung des Ödipuskomplexes schlecht ge- 
lungen ist, wird dessen dem Es entstammende Energie- 
besetzung in der Reaktionsbildung des Ichideals wieder 
zur Wirkung kommen. Die ausgiebige Kommunikation 
dieses Ideals mit diesen ubw Triebregungen wird das 
Rätsel lösen, daß das Ideal selbst zum großen Teil 
unbewußt, dem Ich unzugänglich bleiben kann. Der 
Kampf, der in tieferen Schichten getobt hatte, durch 
rasche Sublimierung und Identifizierung nicht zum Ab- 
schluß gekommen war, setzt sich nun wJe auf dem >^.^ 
Kaulbachschen Gemälde der Hunnenschlacht in einer -^ 
höheren Region fort. 



IV 
DIE BEIDEN TRIEBARTEN 

Wir sagten bereits, wenn unsere Gliederung des 
seelischen Wesens in ein Es, ein Ich und ein Über- 
leb einen Fortschritt in unserer Einsicht bedeutet, so 
muß sie sich auch als Mittel zum tieferen Verständnis 
und zur besseren Beschreibung der dynamischen Be- 
ziehungen im Seelenleben erweisen. Wir haben uns 
auch bereits klar gemacht, daß das Ich unter dem 
besonderen Einfluß der Walirnehmung steht und daß 
man im Rohen sagen kann, die Wahrnehmungen haben 
für das Ich dieselbe Bedeutung wie die Triebe für 
das Es. Dabei unterliegt aber auch das Ich der Ein- 
wirkung der Triebe wie das Es, von dem es ja nur 
ein besonders modifizierter Anteil ist. 

, Über die Triebe habe ich kürzlich (Jenseits des 
Lustprinzips) eine Anschauung entwickelt, die ich hier 
festhalten und den weiteren Erörterungen zu Grunde 
legen werde. Daß man zwei Triebarten zu unterscheiden 
hat, von denen die eine, Sexualtriebe oder Eros, 



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IV. Die beiden Triebarten 4g 

die bei weitem auffälligere und der Kenntnis zugäng- 
lichere ist. Sie umfaßt nicht nur den eigentlichen un- 
gehemmten Sexualtrieb und die von ihm abgeleiteten 
zielgehemmten und sublimierten Triebregungen, sondern 
auch den Selbsterhaltungstrieb, den wir dem Ich zu- 
schreiben müssen und den wir zu Anfang der analy- 
tischen Arbeit mit guten Gründen den sexuellen 
Objekttrieben gegenübergestellt hatten. Die zweite 
Triebart aufzuzeigen, bereitete uns Schwierigkeiten; 
endlich kamen wir darauf, den Sadismus als Repräsen- 
tanten derselben anzusehen. Auf Grund theoretischer, 
durch die Biologie gestützter Überlegungen supponierten 
wir einen Todestrieb, dem die Aufgabe gestellt ist, das 
organische Lebende in den leblosen Zustand zurück- 
zuführen, während der Eros das Ziel verfolgt, das 
Leben durch immer weitergreifende Zusammenfassung 
der in Partikel zersprengten lebenden Substanz zu 
komplizieren, natürlich es dabei zu erhalten. Beide 
Triebe benehmen sich dabei im strengsten Sinne konser- 
vativ, indem sie die Wiederherstellung eines durch die 
Entstehung des Lebens gestörten Zustandes anstreben. 
Die Entstehung des Lebens wäre also die Ursache des 
Weiterlebens und gleichzeitig auch des Strebens nach 
dem Tode, das Leben selbst ein Kampf und Kom- 
promiß zwischen diesen beiden Strebungen. Die Frage 
nach der Herkunft des Lebens bliebe eine kosmo- 
logische, die nach Zweck und Absicht des Lebens 
wäre dualistisch beantwortet. 

Freud: Das Ich und dns Es 4 



/ 



50 Das Ich und das Es 



Jeder dieser beiden Triebarten wäre ein besonderer 
physiologisclier Prozeß (Aufbau und Zerfall) zugeordnet, 
in jedem Stück lebender Substanz wären beiderlei 
Triebe tätig, aber doch in ungleicher Mischung, so 
daß eine Substanz die Hauptvertretung des Eros über- 
nehmen könnte. 

In welcher Weise sich Triebe der beiden Arten 
miteinander verbinden, vermischen, legieren, wäre noch 
ganz unvorstellbar; daß dies aber regelmäßig und in 
großem Ausmaß geschieht, ist eine in unserem Zu- 
sammenhang unabweisbare Annahme. Infolge der Ver- 
bindung der einzelJigen Elementarorganismen zu mehr- 
zelligen Lebewesen wäre es gelungen, den Todestrieb 
der Einzelzelle zu neutralisieren und die destruktiven 
Regungen durch Vermittlung eines besonderen Organs 
auf die Außenwelt abzuleiten. Dies Organ wäre die 
Muskulatur und der Todestrieb würde sich nun — 
wahrscheinlich doch nur teilweise — als Destruktions- 
trieb gegen die Außenwelt und andere Lebewesen 
äußern. 

Haben wir einmal die Vorstellung von einer Mischung 
der beiden Triebarten angenommen, so drängt sich 
uns auch die Möglichkeit einer — mehr oder minder 
vollständigen — Entmischung derselben auf. In der 
sadistischen Komponente des Sexualtriebs hätten wir 
ein klassisches Beispiel einer zweckdienlichen Trieb- 
mischung vor uns, im selbständig gewordenen Sadis- 
mus als Perversion das Vorbild einer, allerdings nicht 



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IV. Die beiden Triebarten 5 i 

bis zum äußersten getriebenen Entmischung. Es eröffnet 
sich uns dann ein Einblick in ein großes Gebiet von 
i Tatsachen, welches noch nicht in 'diesem Licht be- 

I trachtet worden ist. Wir erkennen, daß der Destruk- 

1 tionstrieb regelmäßig zu Zwecken der Abfuhr in den 

Dienst des Eros gestellt ist, ahnen, daß der epilep- 
i tische Anfall Produkt und Anzeichen einer Triebent- 

j mischung ist, und lernen verstehen, daß unter den 

■i Erfolgen mancher schweren Neurosen, z. B, der Zwangs- 

neurosen, die Triebentmischung und das Hervortreten 
! des Todestriebes eine besondere Würdigung verdient. 

y In rascher Verallgemeinerung möchten wir vermuten, 

daß das Wesen einer Libidoregression, z. B. von der 
genitalen zur sadistisch-analen Phase, auf einer Trieb- 
entmischung beruht, wie umgekehrt der Fortschritt 
von der früheren zur definitiven Genitalphase einen 
Zuschuß von erotischen Komponenten zur Bedingung 
hat. Es erhebt sich auch die Frage, ob nicht die regu- 
läre Ambivalenz, die wir in der konstitutionellen An- 
lage zur Neurose so oft verstärkt finden, als Ergebnis 
einer Entmischung aufgefaßt werden darf; allein diese 
ist so ursprünglich, daß sie vielmehr als nicht voll- 
zogene Triebmischung gelten muß. 

Unser Interesse wird sich natürlich den Fragen 
zuwenden, ob sich nicht aufschlußreiche Beziehungen 
zwischen den angenommenen Bildungen des Ichs, Über- 
Ichs und des Es einerseits, den beiden Triebai'ten 
anderseits auffinden lassen, ferner, ob wir dem die 



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52 Das Ich und das Es 

seelischen Vorgänge beherrschenden Lustprinzip eine 
feste Stellung zu den beiden Triebarten und den see- 
lischen Differenzierungen zuweisen können. Ehe wir 
aber in diese Diskussion eintreten, haben wir einen 
■. Zweifel zu erledigen, der sich gegen die Problemstellung 

[ selbst richtet. Am Lustprinzip ist zwar kein Zweifel, die 

Gliederung des Ichs ruht auf klinischer Rechtfertigung, 
aber die Unterscheidung der beiden Triebarten scheint 
ll nicht genug gesichert und möglicher Weise heben Tat- 

1^ Sachen der klinischen Analyse ihren Anspruch auf. 

\. Eine solche Tatsache scheint es zu geben. Für 

i den Gegensatz der beiden Triebarten dürfen wir die 

\ Polarität von Liebe und Haß einsetzen. Um eine 

' Repräsentanz des Eros sind wir ja nicht verlegen, 

dagegen sehr zufrieden, daß wir für den schwer zu 
' , , fassenden Todestrieb im Destruktionstrieb , dem der 

, ,. : Haß den Weg zeigt, einen Vertreter aufzeigen können. 

p Nun lehrt uns die klinische Beobachtung, daß der Haß 

' nicht nur der unerwartet regelmäßige Begleiter der 

i Liebe ist (Ambivalenz), nicht nur häufig ihr Vorläufer 

i in menschlichen Beziehungen, sondern auch, daß Haß 

sich unter mancherlei Verhältnissen in Liebe, und 
Liebe in Haß verwandelt. Wenn diese Verwandlung 
mehr ist als bloß zeitliche Sukzession, also Ablösung, 
dann ist offenbar einer so grundlegenden Unterscheidung 
wie zwischen erotischen und Todestrieben, die ent- 
gegengesetzt laufende physiologische Vorgänge vor- 
aussetzt, der Boden entzogen. 



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i IV. Die beiden Triebarten c 5 

J Nun der Fall, daß man dieselbe Person zuerst 

liebt und dann haßt, oder umgekehrt, wenn sie einem 

[■ die Anlässe dazu gegeben hat, gehört offenbar nicht 

zu unserem Problem. Auch nicht der andere, daß 
eine noch nicht manifeste Verliebtheit sich zuerst durch 
Feindseligkeit und Aggressionsneigung äußert, denn die 
destruktive Komponente könnte da bei der Objektbe- 
setzung vorangeeilt sein, bis die erotische sich zu ihr 
gesellt. Aber wir kennen mehrere Fälle aus der Psycho- 
logie der Neurosen, in denen die Annahme einer Ver- 
wandlung näher liegt. Bei der Paranoia persecutoria er- 
wehrt sich der Kranke einer überstarken homosexuellen 
Bindung an eine bestimmte Person auf eine gewisse 
Weise, und das Ergebnis ist, daß diese geliebteste Person 
zum Verfolger wird, gegen den sich die oft gefährliche 
Aggression des Kranken richtet. Wir haben das Recht 
einzuschalten, daß eine Phase vorher die Liebe in Haß 
umgewandelthatte. Bei der Entstehung der Homosexuali- 
tät, aber auch der desexualisierten sozialen Gefühle, 
lehrte uns die analytische Untersuchung erst neuerdings 
die Existenz von heftigen, zu Aggressionsneigung führen- 
den Gefühlen der Rivalität kennen, nach deren Über- 
windung erst das früher gehaßte Objekt zum geliebten 
oder zum Gegenstand einer Identifizierung wird. Die 
Frage erhebt sich, ob für diese Fälle eine direkte Um- 
setzung von Haß in Liebe anzunehmen ist. Hier handelt 
es sich ja um rein innerliche Änderungen, an denen ein 
geändertes Benehmen des Objekts keinen Anteil hat. 



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54 Das Ich U7id das Es 

Die analytische Untersuchung des Vorganges bei 
der paranoischen Umwandlung macht uns aber mit der 
Möglichkeit eines anderen Mechanismus vertraut. Es 
ist von Anfang an eine ambivalente Einstellung vor- 
handen und die Verwandlung geschieht durch eine 
reaktive Besetzungsverschiebung, indem der erotischen 
Regung Energie entzogen und der feindseligen Energie 
zugeführt wird. 

Nicht das nämliche, aber ähnliches geschieht bei 
der Überwindung der feindseligen Rivalität, die zur 
Homosexualität führt. Die feindselige Einstellung hat 
keine Aussicht auf Befriedigung, daher — aus öko- 
nomischen Motiven also — wird sie von der Liebes- 
einstellung abgelöst, welche mehr Aussicht auf Befrie- 
digung d. i. Abfuhrmöglichkeit bietet. Somit brauchen 
wir für keinen dieser Fälle eine direkte Verwandlung 
von Haß in LiebCj die mit der qualitativen Verschieden- 
heit der beiden Triebarten unverträglich wäre, anzu- 
nehmen. 

Wir bemerken aber, daß wir bei der Inanspruch- 
nahme dieses anderen Mechanismus der Umwandlung 
von Liebe in Haß stillschweigend eine andere An- 
nahme gemacht haben, die laut zu werden verdient. 
Wir haben so geschaltet, als gebe es im Seelenleben 
— unentschieden, ob im Ich oder im Es — eine ver- 
schiebbare Energie, die an sich indifferent, zu einer 
qualitativ differenzierten erotischen oder destruktiven 
Regung hinzutreten und deren Gesamtbesetzung erhöhen 



IV. Die beiden Triebarten 55 



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kann. Ohne die Annahme einer solchen verschiebbaren 
Energie kommen wir überhaupt nicht aus. Es fragt sich 
nur, woher sie stammt, wem sie zugehört und was sie 

bedeutet. 

Das Problem der Qualität der Triebregungen und 
deren Erhaltung bei den verschiedenen Triebschick- 
salen ist noch sehr dunkel und derzeit kaum in An- 
griff genommen. An den sexuellen Partialtrieben, die 
der Beobachtung besonders gut zugänglich sind, kann 
man einige Vorgänge, die in denselben Rahmen ge- 
hören, feststellen, z. B. daß die Partialtriebe gewisser- 
maßen miteinander kommunizieren, daß ein Trieb aus 
einer besonderen erogenen Quelle seine Intensität zur 
Verstärkung eines Partial trieb es aus anderer Quelle 
abgeben kann, daß die Befriedigung des einen Triebes 
einem anderen die Befriedigung ersetzt u. dgl. mehr, 
was einem Mut machen muß, Annahmen gewisser Art 

zu wagen. 

Ich habe auch in der vorliegenden Diskussion nur 
eine Annahme, nicht einen Beweis zu bieten. Es er- 
scheint plausibel, daß diese wohl im Ich und im Es 
tätige, verschiebbare und indifferente Energie dem 
narzißtischen Libidovorrat entstammt, also desexuaÜ- 
sierter Eros ist. Die erotischen Triebe erscheinen uns 
ja überhaupt plastischer, ablenkbarer und verschieb- 
barer als die Destruktionstriebe. Dann kann man oline 
Zwang fortsetzen, daß diese verschiebbare Libido im 
Dienst des Lustprinzips arbeitet, um Stauungen zu 



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56 Das Ich und das Es 

vermeiden und Abfuhren zu erleichtern. Dabei ist eine 
gewisse Gleichgiltigkeit, auf welchem Wege die Ab- 
fuhr geschieht, wenn sie nur überhaupt geschieht, un- 
verkennbar. Wir kennen diesen Zug als charakteristisch 
für die Besetzungsvorgänge im Es. Er findet sich bei 
den erotischen Besetzungen, wobei eine besondere 
Gleichgiltigkeit in Bezug auf das Objekt entwickelt 
wird, ganz besonders bei den Übertragungen in der 
Analyse, die vollzogen werden müssen, gleichgiltig auf 
welche Personen. Rank hat kürzlich schöne Beispiele 
dafür gebracht, daß neurotische Racheaktionen gegen 
die unrichtigen Personen gerichtet werden. Man muß 
bei diesem Verhalten des Unbewußten an die komisch 
verwertete Anekdote denken, daß einer der drei Dorf- 
schneider gehängt werden soll, weil der einzige Dorf- 
schmied ein todwürdiges Verbrechen begangen hat. 
Strafe muß eben sein, auch wenn sie nicht den Schul- 
digen trifft. Die nämliche Lockerheit haben wir zuerst 
an den Verschiebungen des Primärvorganges in der 
Traumarbeit bemerkt. Wie hier die Objekte, so wären 
es in dem uns beschäftigenden Falle die Wege der 
Abfuhraktion, die erst in zweiter Linie in Betracht 
kommen. Dem Ich würde es ähnlich sehen, auf größerer 
Exaktheit in der Auswahl des Objekts, wie des Weges 
der Abfuhr zu bestehen. 

Wenn diese Verschiebungsenergie desexualisierte 
Libido ist, so darf sie auch sublimiert heißen, denn 
sie würde noch immer an der Hauptabsicht des Eros, 



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IV. Die beiden Triebarten 57 

zu vereinigen und zu binden, festhalten, indem sie zur 
Herstellung jener Einheitlichkeit dient, durch die — 
oder durch das Streben nach welcher — das Ich 
sich auszeichnet. Schließen wir die Denkvorgänge im 
weiteren Sinne unter diese Verschiebungen ein, so 
wird eben auch die Denkarbeit durch Sublimierung 
erotischer Triebkraft bestritten. 

Hier stehen wir wieder vor der früher berührten 
Möglichkeit, daß die Sublimierung regelmäßig durch 
die Vermittlung des Ichs vor sich geht. Wir erinnern 
den anderen Fall, daß dies Ich die ersten und gewiß 
auch spätere Objektbesetzungen des Es dadurch er- 
ledigt, daß es deren Libido ins Ich aufnimmt und an 
die durch Identifizierung hergestellte Ichverändernng 
bindet. Mit dieser Umsetzung in Ichlibido ist natürlich _ 

ein Aufgeben der Sexualziele, eine Desexualisierung, f<^| 

verbunden. Jedenfalls erhalten wir so Einsicht in eine '':^ 

wichtige Leistung des Ichs in seinem Verhältnis zum | 

Eros. Indem es sich in solcher Weise der Libido der 
Objektbesetzungen bemächtigt, sich zum alleinigen 
Liebesobjekt aufwirft, die Libido des Es desexuali- 
siert oder sublimiert, arbeitet es den Absichten des 
Eros entgegen, stellt sich in den Dienst der gegne- 
rischen Triebregungen. Einen anderen Anteil der Es- 
Objektbcsetzungen muß es sich gefallen lassen, so- 
zusagen mitmachen. Auf eine andere mögliche Folge . 
dieser Ichtätigkeit werden wir später zu sprechen 
kommen. 



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5 8 Das Ich 7ind das Es 

An der Lehre vom Narzißmus wäre nun eine wich- 
tige Ausgestaltung vorzunehmen. Zu Uranfang ist alle 
Libido im Es angehäuft, während das Ich noch in der 
Bildung begriffen oder schwächlich ist. Das Es sendet 
einen Teil dieser Libido auf erotische Objektbesetzungen 
aus, worauf das erstarkte Ich sich dieser Objektlibido 
zu bemächtigen und sich dem Es als Liebesobjekt 
aufzudrängen sucht. Der Narzißmus des Ichs ist so 
ein sekundärer, den Objekten entzogener. 

Immer wieder machen wir die Erfahrung, daß die 
Triebregungen, die wir verfolgen können, sich als Ab- 
kömmlinge des Eros enthüllen. Wären nicht die im 
,, Jenseits des Lustprinzips*' angestellten Erwägungen 
und endlich die sadistischen Beiträge zum Eros, so 
hätten wir es schwer, an der dualistischen Grund- 
anschauung festzuhalten. Da wir aber dazu genötigt 
sind, müssen wir den Eindruck gewinnen, daß die 
Todestriebe im wesentlichen stumm sind und der Lärm 
des Lebens meist vom Eros ausgeht.' 

Und vom Kampf gegen den Eros! Es ist die An- 
schauung nicht abzuweisen, daß das Lustprinzip dem 
Es als ein Kompaß im Kampf gegen die Libido dient, 
die Störungen in den Lebensablauf einführt. Wenn 
das Konstanz-Prinzip im Sinne Fechners das Leben 
beherrscht, welches also dann ein Gleiten in den Tod 

l) Nach unserer Auffassung sind ja die nach außen gerichteten 
Destruktionstriebe durch Vermittlung des Eros vom eigenen Selbst 
abgelenkt worden. > 



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IV. Die beiden Triebarien 59 

sein sollte, so sind es die Ansprüche des Eros, der 
Sexualtriebe, welche als Triebbedürfnisse das Herab- 
sinken des Niveaus auihalten und neue Spannungen 
einführen. Das Es erwehrt sich ihrer, vom Lustprinzip 
d. h. der Unlustwahrnehmung geleitet, auf verschiedenen 
Wegen. Zunächst durch möglichst beschleunigte Nach- 
giebigkeit gegen die Forderungen der nicht desexuali- 
sierten Libido, also durch Ringen nach Befriedigung 
der direkt sexuellen Strebungen. In weit ausgiebigerer 
Weise, indem es sich bei einer dieser Befriedigungen, 
in der alle Teilansprüche zusammentreffen, der sexu- 
ellen Substanzen entledigt, welche sozusagen gesättigte 
Träger der erotischen Spannungen sind. Die Abstoßung 
der Sexualstoffe im Sexualakt entspricht gewissermaßen 
der Trennung von Soma und Keimplasma. Daher die 
Ähnlichkeit des Zustandes nach der vollen Sexual- 
befriedigung mit dem Sterben, bei niederen Tieren 
das Zusammenfallen des Todes mit dem Zeugungsakt. 
Diese Wesen sterben an der Fortpflanzung, insofeme 
nach der Ausschaltung des Eros durch die Befriedigung 
der Todestrieb freie Hand bekommt, seine Absichten 
durchzusetzen. Endlich erleichtert, wie wir gehört haben, 
das Ich dem Es die Bewältigungs arbeit, indem es An- 
teile der Libido für sich und seine Zwecke sublimiert. 



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V 
DIE ABHÄNGIGKEITEN DES ICHS 

Die Verschlungenheit des Stoffes mag entschuldigen, 
daß sich keine der Überschriften ganz mit dem In- 
halt der Kapitel deckt, und daß wir immer wieder auf 
bereits Erledigtes zurückgreifen, wenn wir neue Be- 
ziehungen studieren wollen. 

So haben wir wiederholt gesagt, daß das Ich sich 
zum guten Teil aus Identifizierungen bildet, welche 
aufgelassene Besetzungen des Es ablösen, daß die 
ersten dieser Identifizierungen sich regelmäßig als be- 
sondere Instanz im Ich gebärden, sich als Über-Ich 
dem Ich entgegensteilen, während das erstarkte Ich 
sich späterhin gegen solche Identifizierangseinflüsse 
resistenter verhalten mag. Das Über-Ich verdankt seine 
besondere Stellung im Ich oder zum Ich einem Moment, 
das von zwei Seiten her eingeschätzt werden soll, 
erstens, daß es die erste Identifizierung ist, die vor- 
fiel, solange das Ich noch schwach war, und zweitens, 
daß es der Erbe des Ödipuskomplexes ist, also die 
großartigsten Objekte ins Ich einführte. Es verhält 



*1 



V. Die Abhängigkeiten des Ichs 6i 

sich gewissermaßen zu den späteren Ichveränderungen 
wie die primäre Sexualphase der Kindheit zum späteren 
Sexualleben nach der Pubertät. Obwohl allen späteren 
Einflüssen zugänglich, behält es doch zeitlebens den 
Charakter, der ihm durch seinen Ursprung aus dem 
Vaterkomplex verliehen ist, nämlich die Fähigkeit, sich 
dem Ich entgegenzustellen und es zu meistern. Es 
ist das Denkmal der einstigen Schwäche und Ab- 
hängigkeit des Ichs und setzt seine Herrschaft auch 
über das reife Ich fort. Wie das Kind unter dem 
Zwange stand, seinen Eltern zu gehorchen, so unter- 
wirft sich das Ich dem kategorischen Imperativ seines 
Über-Ichs. 

Die Abkunft von den ersten Objektbesetzungen 
des Es, also vom Ödipuskomplex, bedeutet aber für 
das Über-Ich noch mehr. Sie bringt es, wie wir bereits 
ausgeführt haben, in Beziehung zu den phylogenetischen 
Erwerbungen des Es und macht es zur Reinkarnation 
früherer Ichbildungen, die ihre Niederschläge im Es 
hinterlassen haben. Somit steht das Über-Ich dem Es 
dauernd nahe und kann dem Ich gegenüber dessen 
Vertretung führen. Es taucht tief ins Es ein, ist dafür 
entfernter vom Bewußtsein als das Ich.' 

Diese Beziehungen würdigen wir am besten, wenn 
wir uns gewissen klinischen Tatsachen zuwenden, die 

i) Man kann sagen: Auch das psychoanalytische oder meta- 
psychologische Ich steht auf dem Kopf wie das anatomische, das 
Gehirnmännchen. 



\ 



62 Das Ich und das Es 



längst keine Neuheit sind, aber ihrer theoretischen 
Verarbeitung noch warten. 

Es gibt Personen, die sich in der analytischen 
Arbeit ganz sonderbar benehmen. Wenn man ihnen 
Hoffnung gibt und ihnen Zufriedenheit mit dem Stand 
der Behandlung zeigt, scheinen sie unbefriedigt und 
verschlechtem regelmäßig ihr Befinden. Man hält das 
anfangs für Trotz und Bemühen, dem Arzt ihre Über- 
legenheit zu bezeugen. Später kommt man zu einer 
tieferen und gerechteren Auffassung. Man überzeugt 
sich nicht nur, daß diese Personen kein Lob und keine 
Anerkennung vertragen, sondern, daß sie auf die 
Fortschritte der Kur in verkehrter Weise reagieren. 
Jede Partiallösung, die eine Besserung oder zeitweiliges 
Aussetzen der Symptome zur Folge haben sollte und 
bei anderen auch hat, ruft bei ihnen eine momentane 
Verstärkung ihres Leidens hervor, sie verschlimmern 
sich während der Behandlung anstatt sich zu bessern. 
Sie zeigen die sogenannte negative therapeutische 
Reaktion. 

Kein Zweifel, daß sich bei ihnen etwas der Genesung 
widersetzt, daß deren Annäherung wie eine Gefahr 
gefürchtet wird. Man sagt, bei diesen Personen hat 
nicht der Genesungswille, sondern das Krankheits- 
bedürfnis die Oberhand. Analysiert man diesen Wider- 
stand in gewohnter Weise, zieht die Trotzeinstellung 
gegen den Arzt, die Fixierung an die Formen des 
Krankheitsgewinnes von ihm ab, so bleibt doch das 



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V. Die Abhängigkeiten des Ichs 



63 



meiste noch bestehen und dies erweist sich als das 
stärkste Hindernis der Wiederherstellung, stärker als 
die uns bereits bekannten der narzißtischen Unzugäng- 
lichkeit, der negativen Einstellung gegen den Arzt und 
des Haftens am Krankheitsgewinne. 

Man kommt endlich zur Einsicht, daß es sich um 
einen sozusagen , , moralischen' ' Faktor handelt, um 
ein Schuldgefühl, welches im Kranksein seine Be- 
friedigung findet und auf die Strafe des Leidens nicht 
verzichten will. An dieser wenig tröstlichen Aufklärung 
darf man endgiltig festhalten. Aber dies Schuldgefühl 
ist für den Kranken stumm, es sagt ihm nicht, daß 
er schuldig ist, er fühlt sich nicht schuldig, sondern 
krank. Dies Schuldgefühl äußert sich nur als schwer 
reduzierbarer Widerstand gegen die Herstellung. Es 
ist auch besonders schwierig, den Kranken von diesem 
Motiv seines Krankbleibens zu überzeugen, er wird sich 
an die näher liegende Erklärung halten, daß die ana- 
lytische Kur nicht das richtige Mittel ist, ihm zu helfen.' 



1) Der Kampf gegen das Hindernis des unbewußten Schuld- 
gefühls wird dem Analytiker nicht leicht gemacht. Man kann 
direkt nichts dagegen tun, indirekt nichts anderes, als daß man 
langsam seine unbewußt verdrängten Begründungen aufdeckt, wo- 
bei es sich allmählich in bewußtes Schuldgefühl verwandelt Eine 
besondere Chance der Beeinflussung gewinnt man, wenn dies 
uhü Schuldgefühl ein entlehntes ist, d. h. das Ergebnis der 
Identifizierung mit einer anderen Person, die einmal Objekt einer 
erotischen Besetzung war. Eine solche Übernahme des Schuld- 
gefühls ist oft der einzige, schwer kenntliche Rest der aufgegebenen 



^ 



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64 Das Ich und das Es 



Was hier beschrieben wurde, entspricht den ex- 
tremsten Vorkommnissen, dürfte aber in geringerem 
Ausmaß für sehr viele, vielleicht für alle schwereren 
Fälle von Neurose in Betracht kommen. Ja noch mehr, 
vielleicht ist es gerade dieser Faktor, das Verhalten 
des Ichideals, der die Schwere einer neurotischen Er- 
krankung maßgebend bestimmt. Wir wollen darum 
einigen weiteren Bemerkungen über die Äußerung des 
Schuldgefühls unter verschiedenen Bedingungen nicht 
aus dem Wege gehen. 

Das normale, bewußte Schuldgefühl (Gewissen) bietet 
der Deutung keine Schwierigkeiten, es beruht auf der 
Spannung zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der 
Ausdruck einer Verurteilung des Ichs durch seine 

Liebesbeziehung. Die Ähnlichkeit mit dem Vorgang bei Melan- 
cholie ist dabei unverkennbar. Kann man diese einstige Objekt- 
besetzung hinter dem uhs) Schuldgefühl aufdecken, so ist die 
therapeutische Aufgabe oft glänzend gelöst, sonst ist der Ausgang 
der therapeutischen Bemühung keineswegs gesichert. Er hängt in 
erster I^inie von der Intensität des Schuldgefühls ab, welcher die 
Therapie oft keine Gegenkraft von gleicher Größenordnung ent- 
gegenstellen kann. Vielleicht auch davon, ob die Person des Analy- 
tikers es zuläßt, daß sie vom Kranken an die Stelle seines Ichideals 
gesetzt werde, womit die Versuchung verbunden ist, gegen den 
Kranken die Rolle des Propheten, Seelenretters, Heilands zu spielen. 
Da die Regeln der Analyse einer solchen Verwendung der ärzt- 
lichen Persönlichkeit entschieden widerstreben, ist ehrlich zuzu- 
geben, daß hier eine neue Schranke für die Wirkung der Analyse 
gegeben ist, die ja die krankhaften Reaktionen nicht unmöglich 
machen, sondern dem Ich des Kranken die Freiheit schaffen soll, 
sich so oder anders zu entscheiden. 



^ - ^ ^ 



•*»» 



Die Abhängigkeiten des Ichs 65 



kritische Instanz. Die bekannten Minderwertigkeits- 
gefühle der Neurotiker dürften nicht weit davon ab- 
liegen. In zwei uns wohl vertrauten Affektionen ist das 
Schuldgefühl überstark bewußt; das Ichideal zeigt dann 
eine besondere Strenge und wütet gegen das Ich oft 
in grausamer Weise. Neben dieser Übereinstimmung 
ergeben sich bei den beiden Zuständen, Zwangsneu- 
rose und Melancholie, Verschiedenheiten im Verhalten 
des Ichideals, die nicht minder bedeutungsvoll sind. 

Bei der Zwangsneurose (gewissen Formen der- 
selben) ist das Schuldgefühl überlaut, kann sich aber , -<c^ 
vor dem Ich nicht rechtfertigen. Das Ich des Kranken ' '''% 
sträubt sich daher gegen die Zumutung, schuldig zu 
sein, und verlangt vom Arzt, in seiner Ablehnung dieser 
Schuldgefühle bestärkt zu werden. Es wäre töricht, 
ihm nachzugeben, denn es bliebe erfolglos. Die Analyse 
zeigt dann, daß das Über-Ich durch Vorgänge beein- 
flußt wird, welche dem Ich unbekannt geblieben sind. 
Es lassen sich wirklich die verdrängten Impulse auf- 
finden, welche das Schuldgefühl begründen. Das Über- 
ich hat hier mehr vom unbewußten Es gewußt als 
das Ich. 

Noch stärker ist der Eindruck, daß das Über-Ich 
das Bewußtsein an sich gerissen hat, bei der Melan- 
cholie. Aber hier wagt das Ich keinen Einspruch, es 
bekennt sich schuldig und unterwirft sich den Strafen. 
Wir verstehen diesen Unterschied. Bei der Zwangs- 
neurose handelte es sich um anstößige Regungen, die 

Freud: Da« Ich nad dus £s j ' ^ 










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66 Das Ich und das Es 



außerhalb des Ichs geblieben sind; bei der Melan- 
cholie aber ist das Objekt, dem der Zorn des Über- 
Ichs gilt, durch Identifizierung ins Ich aufgenommen 
worden. 

Es ist gewiß nicht selbstverständlich, daß bei diesen 
beiden neurotischen Affektionen das Schuldgefühl eine 
so außerordentliche Stärke erreicht, aber das Haupt- 
problem der Situation liegt doch an anderer Stelle. 
Wir schieben seine Erörterung auf, bis wir die anderen 
Fälle behandelt haben, in denen das Schuldgefühl un- 
bewußt bleibt. 

Dies ist doch wesentlich bei Hysterie und Zu- 
ständen vom hysterischen Typus zu finden. Der Mecha- 
nismus des Unbewußtbleibens ist hier leicht zu erraten. 
Das hysterische Ich erwehrt sich der peinlichen Wahr- 
nehmung, die ihm von Seiten der Kritik seines Uber- 
Ichs droht, in derselben Weise, wie es sich sonst einer 
unerträglichen Objektbesetzung zu erwehren pflegt, 
durch einen Akt der Verdrängung. Es liegt also am 
Ich, wenn das Schuldgefühl unbewußt bleibt. Wir 
wissen, daß sonst das Ich die Verdrängungen im Dienst 
und Auftrag seines Über-Ichs vornimmt; hier ist 
aber ein Fall, wo es sich derselben Waffe gegen 
seinen gestrengen Herrn bedient. Bei der Zwangs- 
neurose überwiegen bekanntlich die Phänomene der 
Reaktionsbildung; hier gelingt dem Ich nur die Fern- 
haltung des Materials, auf welches sich das Schuldgefühl ■ 
bezieht. 



V. Die Abhängigkeiten des Ichs 67 

Man kann weiter gehen und die Voraussetzung 
wagen, daß ein großes Stück des Schuldgefühls nor- 
maier Weise unbewußt sein müsse, weil die Ent- 
stehung des Gewissens innig an den Ödipuskomplex 
geknüpft ist, welcher dem Unbewußten angehört. Würde 
jemand den paradoxen Satz vertreten wollen, daß der 
normale Mensch nicht nur viel unmoralischer ist als 
er glaubt, sondern auch viel moralischer als er weiß, 
so hätt6 die Psychoanalyse, auf deren Befunden die 
erste Hälfte der Behauptung ruht, auch gegen die 
zweite Hälfte nichts einzuwenden/ 

Es war eine Überraschung, zu finden, daß eine 
Steigerung dieses uöw Schuldgefühls den Menschen 
zum Verbrecher machen kann. Aber es ist unzweifel- 
haft so. Es läßt sich bei vielen, besonders jugendlichen 
Verbrechern ein mächtiges Schuldgefühl nachweisen, 
welches vor der Tat bestand, also nicht deren Folge, 
sondern deren Motiv ist, als ob es als Erleichterung 
empfunden würde, dies unbewußte Schuldgefühl an 
etwas Reales und Aktuelles knüpfen zu können. 

In all diesen Verhältnissen erweist das Über-Ich 
seine Unabhängigkeit vom bewußten Ich und seine 
innigen Beziehungen zum unbewußten Es. Nun erhebt 
sich mit Rücksicht auf die Bedeutung, die wir den 



i) Dieser Satz ist nur scheinbar ein Paradoxon; er besagt 
einfach, daß die Natur des Menschen im Guten wie im Bösen 
weit über das hinausgeht, was er von sich glaubt, d. h. was seinem 
Ich durch Bewußtseinswahrnehmung bekannt ist, 

5* 



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68 JDas Ich und das Es 

vorbewußten Wortresten im Ich zugeschrieben haben, 
die Frage, ob das Über-Ich, wenn es ubw ist, nicht 
aus solchen Wortvorstellungen, oder aus was sonst 
es besteht. Die bescheidene Antwort wird lauten, daß 
das Über-Ich auch seine Herkunft aus Gehörtem un- 
möglich verleugnen kann, es ist ja ein Teil des Ichs 
und bleibt von diesen Wortvorstellungen (Begriffen, 
Abstraktionen) eher dem Bewußtsein zugänglich, aber 
die Besetzungsenergie wird diesen Inhalten des Über- 
Ichs nicht von der Hörwahrnehmung, dem Unterricht, 
der Lektüre, sondern von den Quellen im Es zu- 
geführt. 

Die Frage, deren Beantwortung wir zurückgestellt 
hatten, lautet: wie geht es zu, daß das Über-Ich sich 
wesentlich als Schuldgefühl (besser: als Kritik j Schuld- 
gefühl ist die dieser Kritik entsprechende Wahrneh- 
mung im Ich) äußert und dabei eine so außerordent- 
liche Härte und Strenge gegen das Ich entfaltet. Wenden 
wir uns zunächst zur Melancholie, so finden wir, daß 
das überstarke Über-Ich, welches das Bewußtsein an 
sich gerissen hat, gegen das Ich mit schonungsloser 
Heftigkeit wütet, als ob es sich des ganzen im Indi- 
viduum verfügbaren Sadismus bemächtigt hätte. Nach 
unserer Auffassung des Sadismus würden wir sagen, 
die destruktive Komponente habe sich im Über-Ich 
abgelagert und gegen das Ich gewendet. Was nun im 
Über-Ich herrscht, ist wie eine Reinkultur des Todes- 
triebes, und v^irklich gelingt es diesem oft genug, das 



V. Die Abhängigkeiten des Ichs 69 

Ich in den Tod zu treiben, wenn das Ich sich nicht 
vorher durch den Umschlag in Manie seines Tyrannen 
erwehrt. 

Ähnlich peinlich und quälerisch sind die Gewissens- 
vorwürfe bei bestimmten Formen der Zwangsneurose, 
aber die Situation ist hier weniger durchsichtig. Es 
ist im Gegensatz zur Melancholie bemerkenswert, 
daß der Zwangskranke eigentlich niemals den Schritt 
der Selbsttötung macht, er ist wie immun gegen 
die Selbstmordgefahr, weit besser dagegen geschützt 
als der Hysteriker. Wir verstehen, es ist die Erhal- 
tung des Objekts, die die Sicherheit des Ichs ver- 
bürgt. Bei der Zwangsneurose ist es durch eine 
Regression zur prägenitalen Organisation möglich ge- 
worden, daß die Liebesimpulse sich in Aggressions- 
impulse gegen das Objekt umsetzen. Wiederum ist 
der Destruktionstrieb frei geworden und will das Ob- 
jekt vernichten, oder es hat wenigstens den Anschein, 
als bestünde solche Absicht. Das Ich hat diese Ten- 
denzen nicht aufgenommen, es sträubt sich gegen sie 
mit Reaktionsbildungen und Vorsichtsmaßregeln, sie 
verbleiben im Es. Das Uber-Ich aber benimmt sich, 
als wäre das Ich für sie verantwortlich, und zeigt uns 
gleichzeitig durch den Ernst, mit dem es diese Ver- 
nichtungsabsichten verfolgt, daß es sich nicht um einen 
durch die Regression hervorgerufenen Anschein, sondern 
um wirklichen Ersatz von Liebe durch Haß handelt. 
Nach beiden Seiten hilflos, wehrt sich das Ich vergeblich 



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70 Das Ich und das Es 



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gegen die Zumutungen des mörderischen Es wie 
gegen die Vorwürfe des strafenden Gewissens. Es ge- 
lingt ihm, gerade die gröbsten Aktionen beider zu 
hemmen, das Ergebnis ist zunächst eine endlose Selbst- 
qual und in der weiteren Entwicklung eine systema- 
tische Quälerei des Objekts, wo dies zugänglich ist. 

Die gefährlichen Todestriebe werden im Individuum 
auf verschiedene Weise behandelt, teils durch Mischung 
mit erotischen Komponenten unschädlich gemacht, teils 
als Aggression nach außen abgelenkt, zum großen Teil 
setzen sie gewiß unbehindert ihre innere Arbeit fort. 
Wie kommt es nun, daß bei der Melancholie das Über- 
ich zu einer Art Sammelstätte der Todestriebe werden 
kann? 

Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der 
Moralität, kann man sagen: Das Es ist ganz amoralisch, 
das Ich ist bemüht moralisch zu sein, das Über-Ich 
kann hypermoralisch und dann so grausam werden wie 
nur das Es. Es ist merkwürdig, daß der Mensch, je 
mehr er seine Aggression nach außen einschränkt, desto 
strenger, also aggressiver in seinem Ichideal wird. Der 
gewöhnlichen Betrachtung erscheint dies umgekehrt, sie 
sieht in der Forderung des Ichideals das Motiv für die 
Unterdrückung der Aggression. Die Tatsache bleibt 
aber, wie wir sie ausgesprochen haben: Je mehr ein 
Mensch seine Agression meistert, desto mehr steigert 
sich die Aggressionsneigung seines Ideals gegen sein 
Ich. Es ist wie eine Verschiebung, eine Wendung gegen 



V. Die Abhängigkeiten des Ichs 71 



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das eigene Ich. Schon die gemeine, normale Moral 
hat den Charakter des hart Einschränkenden, grausam 
Verbietenden. Daher stammt ja die Konzeption des 
unerbittlich strafenden höheren Wesens. 
[ Ich kann nun diese Verhältnisse nicht weiter erläutern, 

ohne eine neue Annahme einzuführen. Das Über-lch 
ist ja durch eine Identifizierung mit dem Vatervorbild 
entstanden. Jede solche Identifizierung hat den Charakter 
einer Desexualisierung oder selbst Sublimierung. Es 
scheint nun, daß bei einer solchen Umsetzung auch 
eine Trieb entmischung stattfindet. Die erotische Kom- 
ponente hat nach der Sublimierung nicht mehr die Kraft, 
die ganze hinzugesetzte Destruktion zu binden, und diese 
wird als Aggressions- und Destruktionsneigung frei. Aus 
dieser Entmischung würde das Ideal überhaupt den 
harten, grausamen Zug des gebieterischen Sollens 

beziehen. 

Noch ein kurzes Verweilen bei der Zwangsneurose, 
Hier liegen die Verhältnisse anders. Die Entmischung der 
Liebe zur Aggression ist nicht durch eine Leistung des 
Ichs zu Stande gekommen, sondern die Folge einer 
Regression, die sich im Es vollzogen hat. Aber dieser 
Vorgang hat vom Es auf das Über-lch übergegriffen, 
welches nun seine Strenge gegen das unschuldige Ich 
verschärft. In beiden Fällen würde aber das Ich, welches 
die Libido durch Identifizierung bewältigt hat, dafür 
die Strafe durch die der Libido beigemengte Aggression 
vom Über-lch her erleiden. 



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72 Das Ich und das Es 

Unsere Vorstellungen vom Ich beginnen sich zu 
klären, seine verschiedenen Beziehungen an Deutlichkeit 
zu gewinnen. Wir sehen das Ich jetzt in seiner Stärke und 
' in seinen Schwächen. Es ist mit wichtigen Funktionen 
betraut, kraft seiner Beziehung zum Wahrnehmungs- 
system stellt es die zeitliche Anordnung der seelischen 
Vorgänge her und unterzieht dieselben der Realitäts- 
prüfung. Durch die Einschaltung der Denkvorgänge 
erzielt es einen Aufschub der motorischen Entladungen 
und beherrscht die Zugänge zur Motilität. Letztere 
Herrschaft ist allerdings mehr formal als faktisch, das 
Ich hat in der Beziehung zur Handlung etwa die Stellung 
eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen Sanktion 
nichts Gesetz werden kann, der es sich aber sehr über- 
legt, ehe er gegen einen Vorschlag des Parlaments 
sein Veto einlegt. Das Ich bereichert sich bei allen 
Lebenserfahrungen von außen; das Es aber ist seine 
andere Außenwelt, die es sich zu unterwerfen strebt. 
Es entzieht dem Es Libido, bildet die Objektbesetzungen 
des Es zu Ichgestaltungen um. Mit Hilfe des Über-Ichs 
schöpft es in einer für uns noch dunklen Weise aus 
den im Es angehäuften Erfahrungen der Vorzeit. 

Es gibt zwei Wege, auf denen der Inhalt des Es 
ins Ich eindringen kann. Der eine ist der direkte, der 
andere führt über das Ichideal, und es mag für manche 
seelische Tätigkeiten entscheidend sein, auf welchem der 
beiden Wege sie erfolgen. Das Ich entwickelt sich von 
der Trieb Wahrnehmung zur Triebbeherrschung, vom 



""-N 



V. Die Abhängigkeiten des Ichs 



71 



Triebgehorsam zur Triebhemmung. An dieser Leistung 
hat das Ichideal, das ja zum Teil eine Reaktionsbildung 
gegen die Triebvorgänge des Es ist, seinen starken 
Anteil. Die Psychoanalyse ist ein Werlczeug, welches 
dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es ermög- 
lichen soll. 

Aber anderseits sehen wir dasselbe Ich als armes 
* Ding, welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und 
demzufolge unter den Drohungen von dreierlei Ge- 
fahren leidet, von der Außenwelt her, von der Libido 
des Es und von der Strenge des Über-lchs. Dreierlei 
Arten von Angst entsprechen diesen drei Gefaliren, 
denn Angst ist der Ausdruck eines Rückzugs vor der 
Gefahr. Als Grenzwesen will das Ich zwischen der Welt 
und dem Es vermitteln, das Es der Welt gefügig 
machen und die Welt mittels seiner Muskelaktionen 
dem Es-Wunsch gerecht machen. Es benimmt sich 
eigentlich wie der Arzt in einer analjrtischen Kur, in- 
dem es sich selbst mit seiner Rücksichtnahme auf die 
reale Welt dem Es alsLibidoobjekt empfiehlt und dessen 
Libido auf sich lenken will. Es ist nicht nur der Helfer 
des Es, auch sein unten\'ürfiger Knecht, der um die 
Liebe seines Herrn wirbt. Es sucht, wo möglich, im 
Einvernehmen mit dem Es zubleiben, überzieht dessen 
ubw Gebote mit seinen vbw Rationalisierungen, spiegelt 
den Gehorsam des Es gegen die Mahnungen der Realität 
vor, auch wo das Es starr und unnachgiebig geblieben 
ist, vertuscht die Konflikte des Es mit der Realität und 



! 



74 Das Ick und das Es 

wo möglich auch die mit dem Über-Ich. In seiner 
Mittelstellung zwischen Es und Realität unterliegt es nur 
zu oft der Versuchung, liebedienerisch, opportunistisch 
und lügnerisch zu werden, etwa wie ein Staatsmann, 
der bei guter Einsicht sich doch in der Gunst der 
öffentlichen Meinung behaupten will. 

Zwischen beiden Triebarten hält es sich nicht un- 
parteiisch. Durch seine Identifizierungs- und Sublimie- 
rungsarbeit leistet es den Todestrieben im Es Beistand 
zur Bewältigung der Libido, gerät aber dabei in Gefahr, 
zum Objekt der Todestriebe zu werden und selbst um- 
zukommen. Es hat sich zu Zwecken der Hilfeleistung 
selbst mit Libido erfüllen müssen, wird dadurch selbst 
Vertreter des Eros und will nun leben und geliebt 
werden. 

Da aber seine Sublimierungsarbeit eine Triebent- 
mischung und Freiwerden der Aggressionstriebe im 
Über-Ich zur Folge hat, liefert es sich durch seinen 
^ Kampf gegen die Libido der Gefahr der Mißhandlung 

und des Todes aus. Wenn das Ich unter der Agres- 
sion des Über-Ichs leidet oder selbst erliegt, so ist 
sein Schicksal em Gegenstück zu dem der Protisten, 
die an den Zersetzungsprodukten zu Grunde gehen, 
die sie selbst geschaffen haben. Als solches Zersetzungs- 
produkt im ökonomischen Sinne erscheint uns die im 
Über-Ich wirkende Moral. 

Unter den Abhängigkeiten des Ichs ist wohl die 
vom Über-Ich die interessanteste. 



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V. Die Abhängigkeiten des Ichs 75 



Das Ich ist ja die eigentliche Angststätte. Von den 
dreierlei Gefahren bedroht, entwickelt das Ich den 
Fluchtreflex, indem es seine eigene Besetzung von der 
bedrohlichen Wahrnehmung oder dem ebenso eing^ 
schätzten Vorgang im Es zurückzieht und als Angst 
ausgibt. Diese primitive Reaktion wird später durch 
Aufführung von Schutzbesetzungen abgelöst (Mechanis- 
mus der Phobien). Was das Ich von der äußeren und 
von der Libidogefahr im Es befürchtet, läßt sich nicht 
angeben ; wir wissen, es ist Überwältigung oder Ver- 
nichtung, aber es ist analytisch nicht zu fassen. Das 
Ich folgt einfach der Warnung des Lustprinzips. Hin- 
gegen läßt sich sagen, was sich hinter der Angst des 
Ichs vor dem Über-Ich, der Gewissensangst, verbirgt. 
Vom höheren Wesen, welches zum Ichideal wurde, 
drohte einst die Kastration und diese Kastrationsangst 
ist wahrscheinlich der Kern, um den sich die spätere 
Gewissensangst ablagert, sie ist es, die sich als Ge^ 
wissensangst fortsetzt. 

Der volltönende Satz: jede Angst sei eigentlich ''f 

Todesangst, schließt kaum einen Sinn ein, ist jeden- 
falls nicht zu rechtfertigen. Es scheint mir vielmehr 
durchaus richtig, die Todesangst von der Objekt- 
(Real-)Angst und von der neurotischen Libidoangst zu 
sondern. Sie gibt der Psychoanalyse ein schweres 
Problem auf, denn Tod ist ein abstrakter Begriff von 
negativem Inhalt, für den eine unbewußte Entsprechung 
nicht zu finden ist. Der Mechanismus der Todesangst 



im 



76 Das Ich und das Es 

könnte nur sein, daß das Ich seine narzißtische Libido- 
besetzung in reichlichem Ausmaß entläßt, also sich 
selbst aufgibt, wie sonst im Angstfalle ein anderes 
Objekt. Ich meine, daß die Todesangst sich zwischen 
Ich und Über-Ich abspielt. 

Wir kennen das Auftreten von Todesangst unter 
zwei Bedingungen, die übrigens denen der sonstigen 
Angstentwicklung durchaus analog sind, als Reaktion 
auf eine äußere Gefahr und als inneren Vorgang, z. B. 
bei Melancholie. Der neurotische Fall mag uns wieder 
einmal zum Verständnis des realen verhelfen. 

Die Todesangst der Melancholie läßt nur die eine 
Erklärung zu, daß das Ich sich aufgibt, weil es sich 
vom Über-Ich gehaßt und verfolgt anstatt geliebt fühlt. 
Leben ist also für das Ich gleichbedeutend mit Ge- 
liebtwerden, vom Über-Ich geliebt werden, das auch 
■ hier als Vertreter des Es auftritt. Das Über-Ich ver- 

tritt dieselbe schützende und rettende Funktion wie 
-i. früher der Vater, später die Vorsehung oder das Schick- 

sal. Denselben Schluß muß das Ich aber auch ziehen, 
wenn es sich in einer übergroßen realen Gefahr be- 
findet, die es aus eigenen Kräften nicht glaubt über- 
winden zu können. Es sieht sich von allen schützenden 
Mächten verlassen und läßt sich sterben. Es ist übrigens 
immer noch dieselbe Situation, die dem ersten großen 
Angstzustand der Geburt und der infantilen Sehnsucht- 
Angst zu Grunde lag, die der Trennung von der 
schützenden Mutter. 



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V. Die Abhängigkeiten des Ichs yy 

Auf Grund dieser Darlegungen kann also die Todes- 
angst wie die Gewissensangst als Verarbeitung der 
Kastrationsangst aufgefaßt werden. Bei der großen Be- 
deutung des Schuldgefühls für die Neurosen ist es auch 
nicht von der Hand zu weisen, daß die gemeine neu- 
rotische Angst in schweren Fällen eine Verstäikung 
durch die Angstentwicklung zwischen Ich und Über-Ich 
(Kastrations-, Gewissens-, Todesangst) erfälirt. 

Das Es, zu dem wir am Ende zurückführen, hat 
keine Mittel, dem Ich Liebe oder Haß zu bezeugen. 
Es kann nicht sagen, was es will; es hat keinen ein- 
heitlichen Willen zu Stande gebracht. Eros und Todes-' 
trieb kämpfen in ihm ; wir haben gehört, mit welchen 
Mitteln sich die einen Triebe gegen die anderen zur 
Wehre setzen. Wir könnten es so darstellen, als ob 
das Es unter der Herrschaft der stummen, aber mäch- 
tigen Todestriebe stünde, die Ruhe haben und den 
Störenfried Eros nach den Winken des Lustprinzips zur 
Ruhe bringen wollen, aber wir besorgen, doch dabei 
die Rolle des Eros zu unterschätzen. 



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WERKE VON PROF. S I G M. FREUD 

Vorlesungen zur Einführung- in die Psychoanalyse. (Fehlleistungen, 
Traum, AUg-emeine Neurosenlehre.) Drei Teile in einem Band. 
Croßoktavaasgabe, 4. Auflage (5.-11. Tausend) 1922. 
Taschenausgabe. 2. Auflage (3.-7. Tausend) 1923. 

Die Traumdeutung. 7, Auflage, mit Beiträgen von Dr. Otto Rank. 1922. 

Ober den Traum. 3. Auflage. Mündien 1921. 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Ver- 
sprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. 9. Auflage. 1923. 

Totem und Tabu. Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der 
Wilden und der Neurotiker. 3. Auflage. 1922. 

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 3. Auflage. 
Leipzig und Wien 1921. 

Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20iähr. Gründungs- 
feier der Clark University in Worcester, Mass. 6. Auflage. 1922. 

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 5. Auflage. 1922. 

Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Erste Folge. 
4. Auflage. 1922. — Zweite Folge. 3. Auflage. 1921. — Dritte Folge. 
2. Auflage. 1921. — Vierte Folge. 2. Auflage. 1922. — Fünfte Folge. 1922. 
(Inhalt der 5 Bände s. umseitig.) 

Studien über Hysterie (mit Dr. Josef Breuer). 3. Auflage. 1922. 

Der Wahn und die Traume in W. Jensens „Gradiva". (Sdiriften 
zur angewandten Seelenkunde, 1. Heft.) 2. Auflage. 1912. 

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. (Sdiriften zur 
angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) 3. Auflage. 1923. 

Jenseits des Lustprtnzips. 3, Auflage (5. — 9. Tausend) 1923. 

Massenpsychologie und Ich-Analyse. 2. Aufl. (6.— 10. Tausend) 1923. 

Das Ich und das Es. 1923. 



Zu beziehen durch den INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VERLAG, Wien, VU. Andreasgasse 3 



^- -X 






SAMMLUNG KLEINER SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE 
Von Prof. SIGM. FREUD 

Erste Folje. 4. Auflage 1922. - Inhalt: Charcot. - Obor den psychii<Jion 
Mechaniaraua hysterUdier Phänoinone (mit Dr. J. Breuer). — Quelques conaidcrationB pour 

une etüdc comparative des paralyaiea motrices organiques et hysteriques. — Dip Aliwclir- 
Neuropsychosen, — Über die Bereclitieune, von der Neurasthcme einen bcalimmlen Symptonien- 
komplei als „Anjatneurose" abzutrennen, — Obscaaiona et pbobies. Leur mi'COniKmo paydiique 
cl leur Ätiologie. — Zur Kritik der .Angstneurose". — Weitere Bcmerltungen über die Abwehr- 
Neuropsythoacn. — L'herfdite et l'etiolog;ie dea nevroscs. — Zur Ätiologie der Hysterie. — Die 
SeiualitätinderÄtioloyiederNeuroaen. — OberPaydiotherupie. — DicFreudsdiepBychoanaiylisdie 
Methode. ~ Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. 

Zweite Folge. 3. Auflage 1921. - Inhalt: Bruchstüdc einer Hysterien naiyse. — 

Tatbestandadiognoslik undPsychoanalyae. — Zwangsliandlungen und Relieionsübung.— Chatalcter 
und AnaiCTotik. - Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Biseiualitat. — Über den 
hyatarisehen Anfall, - Zur aexuellen Aufklärung der Kind«. - Ober infantile Sexual theorien. 

— Die „kulturelle- Sexualmoral und die Nervosität. - Der Dichter und das Phantasieren. 

Dritte Folge 2. Auflage 1921. - Inhalt: Analyse der Phobie eines 5jährigen 
Knaben. — Ober einen Fall von Zwangsneurose. — Psydioanalytiadie Bemerkungen über einen 
autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia. — Formulierungen über die iwci Prinzipien 
Wea psydiisdien Geschehens. — Ober den Gegensinn der Urworle. — Die künFligon Chancen 
der psychoanalytischen Therapie.— Über. wildc-Psychoanulyae - Oberncurotisdie Erkrankungs- 
typen. Die psychogene Selisti>rung in psychoanalytischer Auffassung, 

Vierte Folge. 2. Auflage 1922. - Inhalt: Zur Geschichte der psycho analytiadien 
Bewegung. — Zur Einführung des Narzißmus. — Die Disposition lur ZwnngsiicuroBo. - Mit- 
teilung eines der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles von Paranoia. — Über 
Triebumaetzungen, insbesondere der Analcrotik. - Über faussi! rcconnaissance (dcjö raconte") 
während der psychoanalytischen Arbeit.- Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 
in der Psychoanalyse. - Märdienitoffe in Träumen. - Ein Traum ala BeweismiHcl, - Aus dem 
infantilen Seelenleben, - Zwei Kinderlügen. - Mythologisdic Parallele zu einer plastischen 
Zwangsvorstellung. - Eine Beziehung zwischen einem Symbol und einem Symptom. - Beiträge 
zur Psychologie des Liebcalcbcna (Üb.;r einen besonderen Typua der Objektwahl beim Manne. 

— Ober die allgemeine Erniedrigung des Liebeslebens. - Das Tabu der Virginität.) - Triebe 
und Triebichldcsale - Die Verdrängung - Das Unbewußte. - Metapsyehologische Ergänzung 
zur Traumlehre - Trauer und Melancholie. - Zur Technik der Psydionnulyse, (Die Hondhabung 
der Traumdeutung m der Psydioan.lysc. - Zur Dynamik der Übertragung. ~ Ratscliläge für 
den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung. - Zur Einleitung der Behandlung - Die Frage 
der ersten Mitteilungen. - Die Dynamik der Heilung. - Erinnern, Wiederholen und Durd.- 
arbeiten. - Bemerkungen über die Obertragungs liebe.) - Das Motiv der Kästdienwabl. - Zeit- 
gemäßes über Krieg undTod. - Einige Charaktertypen aus der psychonnalytisd.en Arbeit-Ein« 
SAwengkeit der Psychoanalyse. - Eine Kindheitserinnemng aus „Did.tung «nd Wahrheit " 

Fünfte Folge, 1922, — Inhalt: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. — 

Zur Vorgesdiichte der aaalytisdien Technik. - Wege der paydionnalytisdien Therapie, - Über 
die Psydiogenese eines Falles von weiblicher Homoaenualitäl — ,Ein Kind wird geschlagen " 

— Das Unheimliche. 



Zu beziehen durch den INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VERLAG, Wien, VII. Andreassaasc 3 



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Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 



Leipzig-, Hospitalstrasse 
Wien, VII. Andreasgasse 



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3 



Der 



Seelensucher 

Ein psychoanalytischer Roman 

von Georg Groddeck 



Cont 



ra: 



„Neue Freie Presse": . . . Unappetitliche Ma,« 

. . .die Psychoanalyse durdi Ordinäiheit zu dis- 

R r"'. .n... (Herbert Silberer) 
„Bucherei und Bildungspflege": . . .Wegen 

se.nes Übermaßes an Zynismus in erotischen und 
religiösen Dingen unbrauchbar. 



P 



ro: 



„Frankfurter Zeitung": ... ein ungewöhnlid, 

«.Streicher Kerl, der sehr amüsant zu reden weiß. 
Der Stil erinnert etwas an die Pickwickier, wenn 
auch der Inhalt durchaus nicht so harmlos ist 

. (Dr. Drill) 

„ImagO ': ... Der erziehlidie Wert hegt darin, daß 
Oroddeck wie einst Swift. Rabelais, Balzac, dem 
p.et.stisch-hypokritischen Zeitgeist die Maske vom 
tiesicht reißt. /rs- t7„.. -x 

n- \Y/ u ^^^' f^erenczi) 

„Die Wage": Das Buch ist von einer Imponieren- 
den Kucksichtslosigkeit. 

„Wiener Freimaurer-Zeitung": Ein Schalk 

der lustig, ausgelassen und frivol ist und doch zum' 
Denken reizt . . . Prüde Flachköpfe, Philister, laßt 
die Hände davon, aber Ihr, die Ihr lachen könnt, 
bis die Augen tränen, macht Euch in Eurer .stillen 
tcke über dieses Buch. 

„Bsrnner Tageblatt": ... Ein Buch von eigen- 
tumlidier spiritueller Schärfe, die ihre Zeichen ins 
Hirn des Lesers ätzt. Was sonst als erzählend« 
Prosa Humor übt, scheint Wasser nebef 
dieser Quintessenz. So was Freches, UngJ 
niertes, raffiniert Gescheit-Verriicktes ist von Er- 
zählern unserer Sprache noch nicht gewagt worden. 
Der Held Thomas, der als Don Quixote Sigmund 
hreudscher Weltanschauung streitbar durSi die 
deutschen Lande zieht, in die wunderlichsten Händel 
und skurrilsten Abenteuer gerät, ist ein urgemüt- 
liches Gespenst, das seine Hirnschale in Händen 
5- wT,. ^1"^ ''*"" '»""t^en Qualm, der ihr entsteigt, 
die Welt deutet . . Eine Figur, so voll der kolt- 
barsten Narrheit, ist noch durch keinen deutschen 
Koman gewandelt . . . Hier lehrt einer, zum Gau- 
dium des Lesers, die Welt über den psycho- 
analytischen Stock springen. Solche lustige 
Abenteuerfahrt des Gedankens hat noch kein 
deutscher Mann gewagt. (Alfred Polgar) 



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Über die psychoanalytischen Forschungen informieren unsere ^ 
beiden von Prof. Freud herausgegebenen Zeitschriften: f 

IMAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 

AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

und 

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 

FÜR PSYCHOANALYSE 



Im Jahre 1923 sollen in den beiden Zeitschriften u. a. folgende Beiträge erscheinen: 



Prof. Freud: Bemerkungen zur Theorie und Praxis der 
Traumdeutung:. 

— Eine Teufelsneurose im 17. Jahrhundert. 

— Zur infantilen Gcnitalorg-anisation. 

Dr. Karl Abraham (Berlin): Erganzunjfen zur Lehre vom 
Analcharalcter. 

— Neue Untcrsuchung^en zur Psychologie der manisch-depres- 
siven Zustände. 

Au$(ust A i c h h o r n (Wien) : Über die Er/ich unij in Besspnin^rs- 
anstaltcn. 

Dr. F. Alexander (Berlin): Ober den biologischen Sinn 
psychischer Vorgänge (Über Buddhas Versenkun^slehre). 

Alice Balint (Berlin): Die mexikanische Kricgshierog^lyphc 
atltlachinolli. 

G. Berber (Wageninjren): Zur Theorie der menschlichen 
Feindselig-keit. 

Dr. Siegfried Bcrnfeld (Wien): Ober eine typische Form 
männlicher Pubertät. 



Dr. Karen Horney (Berlin): Zur Genese des weiblichen 
Kastrationskomplexcs. 

Dr. Ernest Jones (London): Einige Probleme des juif end- 
lichen Alters. 

— Kälte, Krankheit und Geburt. 

— Psychoanalytische Studie über den Heilisren Geist. 

Dr. A. Kielholz (Köni^sfelden): Zur Genese und Dynamik 

des Erfinderwahnes. 

Melanie Klein (Berlin): Zur Frühanalyse (Über Entwicklung^ 
und Hemmung- von Begabungen). 

— Die Bedeiitunif der Schule für die Entwicklung des Kinde». 

Aurcl K o 1 II a 1 (Wien); Die gcistcs t Juchtiicnc DCütuiunij 
der Psychoanalyse. 

Rud. Löwenstein (Berlin): ZurP schwarzen 

Messen. 

Dr. F. Lowtzky (Berlin): Eine okkultistische Bestätigung: 
der Psychoanalyse. 

Dr. H. Nunberg (Wjtn;; Ober Depcrsonalisationszustände 
im Lichte der Libidotheorie. 



Dr. S.Pfeifer (Budapest): Königin Mab. 



Dr. S. Radü (Budapest): Eine Traumanalysr 'ur Psycho- 
logie des revolutionären Führers.) 



Dr. Felix B o e h m (Berlin) : Bemerkungen überTransvcstitismus. 

Doz.Dr. R. Brun (Zürich): Selektionstheorie und Lustprinzip. 

Dr. A. van der Chijs (Amsterdam): Versuch zur Anwendung vi -u -i i - -i. d i-i 

der objektiven Psychoanalyse auf die musikal. Komposition " Mus.kpsyd.ologische Probleme. 

— Infantilismus in der Malerei. 

Doz. Dr. Felix Deutsch (Wien): Ober die Bildung des Kon- 
versionssymptoms. 

— Experimentelle Studien zur Psychoanalyse. 
Dr. Paul Federn (Wien): Geschichte einer Melancholie. 
Dr. Otto Fenichel (Berlin): Psychoanalyse und Metaphysik. 
Dr. Clara Happel (Frankfurt): Onanicrersatzbildungen. 



Dr. Eugen Härnik (Berlin): Schicksale des Narzißmus bei 
Mann und Weib. 

Dr. H. v.Hattingbcrg (München): Zur Analyse der psycho- 
analytischen Situation. 

Dr. I. Hermann (Budapest) : Zur Psychologie der Schimpansen. 

— Die Randbevorzugung als Primärvorgang. 

— Organlibido und Begabung, 

— Wie die Evidenz wissenschaftlicher Thesen entsteht. 

Dr.Ed.Hitschmann (Wien): Telepathie und Psychoanalyse. 

Dr. St. Hollos (Budapest): Psychoanalytische Spuren in der 
vorfreudschen Psychiatrie. 

— Von den ..Pathoneurosen" zu der Pathologie der Neurosen. 



Dr. Elisabeth Rado-Revesz {f)i Der Globus hystericus. 

Egenolf Roder: Das Ding an sich. 

Dr. Otto Rank (Wien) : Zum Verständnis der Libidoc^nt- 
wicklung im Heilungsvorgang. 

Dr. Geza Rohe im (Budapest): Nach dem Tode des Urvaters. 

— Heiliges Geld in Melanesien. 

Dr. Hanns Sachs (Berlin): Zur Genese der Perversionen. 

Doz. Dr. Paul Schilder (Wien): Zur Lehre vom Persön- 
lichkeits bewufitsein. 

Dr. Emil Simonson (Berlin): Schieid» Psychophysik und 
Freuds Metapsychologie. 

Dr. Alice Sperber (Wien): Die seelischen Ursachen des 
Alterns und der Jugendlichkeit, 

Dr. Sabine Spiel rein (Genf): Ein Zuschauertypus. 

Die Zeit im unterschwelligen Seelenleben. 

Dr. Geza Szilägyi (Budapest): Der junge Spiritist. 

P. C. van der Wölk (Batavia): Der Tanz des Ciwa. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 



LEIPZIG, Hospitalstraße 10 



WIEN, VII. Andreasgasse 3 



DRUCK K. LIRBEL. V. 



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beiden von Prof. Freud herausgegebenen Zeitschriften: 



IMAGO 



ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE 

AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFFEN 

und 



INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 



FÜR PSYCHOANALYSE 

Im Jahre 1923 sollen in den beiden Zeitschriften u. a, folgende Beitrage erscheinen 



Prof. Freud: Bcmerkung^en zur Theorie und Praxis der 
Traumdeutung. 

— Eine Teufelsneurose im 17. Jahrhundert. 

— Zur infantilen Genitalorgfanisation. 

Dr. Karl Ahraham (Bertin): Ergänzungen zur Lehre vom 
Analcharakter. 

— Neue Untersuchungen zur Psycholotrie der manisch-dcprrs- 
siven Zustände. 

August A I c h h o rn (Wien) : Über die Erziehung in Besserun^rs- 
anstaltcn. 

Dr. F. Alexander (Berlin): Über den biologischen Sinn 
psychischer Vorgänge (Ober Buddhas Versenkungslehre). 

Alice Bälint (Berlin): Die mexikanische Kriegshieroglyphe 

atltlachinolli. 

G. Berger (Wageningen): Zur Theorie der menschlichen 
Feindseligkeit. 

Dr. Siegfried Bernfeld (Wien): Über eine typische Form 
männlicher Pubertät. 



Dr. Felix B o e h ra (Berlin) : Bemerkungen überTrangvestitismos. 
Doz. Dr. R.Brun (Zürich): Selcktionstheorie und Lustprinzip. 

Dr. A. van der C h i i fi (Amsterdam) : Versuch zur An wendunor i« -i i i • l n li 

der objektiven Psychoanalyse auf die musiVM Komposition ~ Musikpsychologische Probl 

— Infantiliamus in der Malerei. 

Doz. Dr. Felix Deutsch (Wien): Ober die Bildung des Kon- 
versionssymptoms. 

— Experimentelle Studien zur Psychoanalyse, 
Dr. Paul Federn (Wien): Geschichte einer MelandioHc. 
Dr. Otto Fenichel (Berlin): Psychoanalyse und Metaphysik. 
Dr. Clara Happel (Frankfurt): Onanierersatzbildungen. 



Dr. Karen Horney (Berlin): Zur Genese des weiblichen 
Kastrationskomplexes. 

Dr. Ernest Jones (London): Einige Probleme de» jugend- 
lichen Alters. 

— Kälte, Krankheit und Geburt. 

— Psychoanalytische Studie über den Heiligen Geist. 

Dr. A. Kielholz (Konigsfeldcn) : Zur Genese und Dynamik 
des Erfinderwahnes. 

Melanie Klein (Berlin): Zur Fruhanalyse (Über Entwicklung 
und Hemmung von Begabungen). 

— Die Bedeutung der Schule für die Entwidclung des Kindes. 

Aurel Kolnai (Wien): Die geistesgeschichtliche Bedeutung 
der Psychoanal> ^e. 

Rud.Löwen stein (Berlin): Zur Psychoanalyse der schwarzen 

Messen. 

Dr. F. Lowtzky (Berlin)t Eine okkultistische Bestätigung 
der Psychoanalyse. 

Dr. H. Nun berg (Wien) : Ober Depersonalisationszustände 
im Lichte der Libidotheorie. 



Dr. Eugen H ärn ik (Berlin): Sdiicksale des Narzißmus bei 
Mann und Weib. 

Dr. H. V, Hattingbcrg (München) : Zur Analyse der psycho- 
analytischen Situation. 

Dr.I.Herman n (Budapest) : Zur Psychologie der Schimpansen. 

— Die Randbevorzugung als Primärvorgang. 

— Organlibido und Begabung. 

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Dr.Ed.Hitsch mann (Wien) : Telepathie und Psydioanalyse. 

Dr. St. Hollos (Budapest): Psychoanalytische Spuren in der 
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Dr. S.Pfeifer (Budapest): Konigin Mab. 

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Freuds Metapsychologie. 

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Alterns und der Jugendlidikeit. 

Dr. Sabine Spiel rein (Genf): Ein Zuschauertypus. 

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SIGM. FREUD 

JENSEITS DES 
LUSTPRINZIPS 

MASiENPSYCHOLO ..IE 
UND ICH-ANALYSE 

DAS ICH UND DAS ES 



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Jenseits des Lustprinzips 

Dritte durchgesehene Auflage (5.-9. Tausend) 

Massenpsychologie 
und Ich-Analyse 

Zweite Auflage (6. - 1 0. Tausend) 



Das 



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(1.-8. Tausend) 



in einem H a 1 b 1 e i n e n b a n d 



Diese drei letzten 

Schriften Freuds sind geniale Märksteine auf dem 
kühnen Vormarsche der Psychoanalyse in geistiges 
Neuland. - ^Überaus weitgreifend, die ganze Sexual- 
problematik umspannend" (Zeitschrift für Sexual- 
wissenschaft). - ..Anregend, mehr noch raufregend'' 
(Vossische Zeitung). - ,,Von neuem verblüfft die 



unerhörte Kühnheit" (Börsencourier). 



..Tief 



wie ein schwarzes Gewässer" (Neue Freie Presse).